Entwicklung nationalistischer Tendenzen in der KP Chinas

22.11.12
TheorieTheorie, News 

 

von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

»Große Bedeutung in der Geschichte der KP Chinas und in ihren Beziehungen zur internationalen Bewegung hat die Zeit seit Anfang der 40er Jahre. Von 1941 bis 1945 wurde in Yanan – dem Zentrum des Befreiten Gebietes – eine Kampagne „für einen neuen Arbeitsstil“ ins Leben gerufen. Im Verlauf dieser Kampagne oder Bewegung, wie man sie nannte, wurde mit den langjährigen Parteikadern, vor allem denjenigen, die in der UdSSR ausgebildet worden waren, abgerechnet. Im Prinzip ist die „Kulturrevolution“ vergleichbar mit der Yananer Abrechnung mit den internationalistischen Kommunisten.

Während dieser Kampagne nahmen die antisowjetischen und nationalistischen Stimmungen in den Reihen der KP Chinas zu, der Kult um die Person Mao Tse-tungs trat immer stärker hervor, und „Theoretiker“ behaupteten, die Lehre Lenins sei auf die Bedingungen der chinesischen Revolution nicht anwendbar. Man begann, Mao Tse-tung den „chinesischen Lenin“ zu nennen.

In der propagandistischen Literatur der KP Chinas wurde bereits Anfang der 40er Jahre die These vertreten, dass die „Ideen“ Mao Tse-tungs angeblich ein geschlossenes System von Anschauungen darstellen, die „ein besonderer Beitrag zur Entwicklung des Marxismus-Leninismus „ [1/7] seien. Mao Tse-tung, so hieß es in dem Bericht von Liu Shao-qi auf dem VII. Parteitag der KP Chinas 1945, „ist ein schöpferischer und genialer Marxist, der die allgemeine Wahrheit des Marxismus – die höchste Ideologie der Menschheit – mit der konkreten Praxis der chinesischen Revolution vereint“ [2/8]. Und weiter: „Das, was Genosse Mao Tse-tung getan hat ... ist die Vereinigung der marxistisch-leninistischen Theorie mit der Praxis der chinesischen Revolution, wodurch der chinesische Kommunismus entstand – die Ideen Mao Tse-tungs.“ Mao Tse-tung, so wurde auf dem VII. Parteitag erklärt, hat den Marxismus aus seiner europäischen Form in die chinesische Form umgestaltet. [3/9]

Die chinesischen Theoretiker behaupteten immer hartnäckiger, dass sich die Bedeutung der Oktoberrevolution auf die imperialistischen, vor allem auf die europäischen Länder beschränke, während die chinesische Revolution das Vorbild für die Revolutionen der kolonialen und abhängigen Länder sei.

Der Parteiveteran Wang Ming, der jahrelang der Führung der KP Chinas angehörte, schreibt über die Kampagne der 40er Jahre in Yanan folgendermaßen: „Während ihrer Vorbereitung und bei ihrer Durchführung sprach Mao Tse-tung selbst mehrmals offen davon, dass er mit Hilfe dieser Kampagne drei Ziele erreichen wolle: 1. den Leninismus durch den Maoismus ersetzen; 2. die Geschichte der KP Chinas nur als die Geschichte Mao Tse-tungs zu schreiben; 3. die Person Mao Tse-tungs über das ZK und die gesamte Partei zu erheben. Wozu brauchte er das? Diese Frage beantwortete er selbst: Das hätte ihm zwei Möglichkeiten gegeben: erstens den wichtigsten Platz in der Parteiführung zu erringen und alle Macht in der Partei an sich zu reißen; zweitens, wenn er dies erst einmal erreicht habe, könne ihn niemand jemals absetzen.“ [4/10]

Die „Kampagne für einen neuen Arbeitsstil“ war in drei Etappen unterteilt. Die erste Etappe (Herbst 1941 bis Frühjahr 1942) bestand in dem „Studium der 22 Dokumente“, die hauptsächlich Reden von Mao Tse-tung und seinen Anhängern enthielten. Damit sollte bewiesen werden, dass Mao Tse-tung ein „großer Theoretiker“ und der „Begründer neuer Ideen“ ist.

Die zweite Etappe (Frühjahr 1942 bis Frühjahr 1943) war die „ideologische Überprüfung der Kader“, die im Grunde eine äußerst grausame Abrechnung mit Parteifunktionären darstellte, die Mao unbequem waren. Die dritte Etappe (März 1943 bis zum VII. Parteitag der KP Chinas 1945) stellte die „Kampagne zur Entlarvung von Spionen“ und die Säuberung der Partei dar.

Wie aus dem Inhalt und dem Charakter der ersten Etappe hervorgeht, bestand ihre Hauptaufgabe darin, die These von den „Ideen Mao Tse-tungs“ als der herrschenden Ideologie der Partei in das Bewusstsein der Mitglieder der KP Chinas hineinzutragen und die marxistisch-leninistische Lehre durch diese „Ideen“ zu ersetzen. In der zweiten und dritten Etappe dieser Kampagne (richtiger gesagt, der allgemeinen Säuberung) in der Partei und dem Befreiten Gebiet mit dem Zentrum Yanan wurde eine Situation des psychologischen Terrors und der Vernichtung (bis zur physischen) von Personen geschaffen, die mit Mao Tse-tung und seiner Gruppe nicht einverstanden waren.

Wang Ming schrieb in seinen Erinnerungen, dass Mao Tse-tung die Partei in zwei Gruppierungen einteilte: in die „dogmatische“ und die „empiristische“. Alle Kommunisten, die in der Sowjetunion gelernt hatten, und diejenigen, die sich mit ideologischer und politischer Arbeit befassten, sowie solche, die ihrer sozialen Herkunft nach zur Intelligenz gehörten, zählte er zu der sogenannten prosowjetischen und dogmatischen Gruppierung. [5/11]

Massenrepressalien gegen solche Kommunisten, die Mao Tse-tung nicht unterstützten, gab es in der „Kampagne zur Entlarvung von Spionen“, die im März 1943 begann. In Yanan wurde eine „Stoßarbeit zur Jagd auf Spione“ organisiert. In diesem Zusammenhang fanden überall Versammlungen statt, in denen gedroht und gefordert wurde, „parteifeindliche Tätigkeit“ einzugestehen und Reuebekenntnisse abzulegen.

Die Personen, die die Macht in der Partei erobert hatten, zwangen sowohl die führenden Funktionäre der KP Chinas als auch die einfachen Kommunisten, schriftliche Bekenntnisse ihrer „Sünden“ abzulegen. Die Organisatoren dieser „Bewegung“ forderten von den „Beschuldigten“ in erster Linie verschiedene verleumderische Aussagen über die KPdSU und die Sowjetunion. -

Ein zweiter unabdingbarer Teil der „Reuebekenntnisse“ war eine uferlose Lobpreisung Mao Tse-tungs und die Selbstgeißelung wegen Unterstützung der Anschauungen und Standpunkte der Komintern. -

Derartige „Erziehungsmethoden“ sollten bei den chinesischen Kommunisten den Glauben an den wahren Marxismus und den proletarischen Internationalismus zerstören. Den Kommunisten wurde eingeredet, die Komintern habe schädliche Anweisungen für die chinesische Revolution gegeben, mit Unterstützung der Komintern seien Chinesen, die sich zur Ausbildung in der UdSSR befanden, gegen die KP Chinas aufgehetzt worden, man habe sie zu „ausländischen Lakaien von der Art der Kompradoren“ erzogen, die „die Führung in der KP Chinas an sich reißen“ sollten usw. Ähnlich waren auch die Auftritte der „Bereuenden“ auf dem VII. Parteitag der KP Chinas (1945). So wurde bereits damals den Menschen eingeredet, dass man vor der Sowjetunion auf der Hut sein müsse, und ein Verhalten gefördert, das oft bis zu offenen Feindseligkeiten ging.

Auf diese Weise entstanden bereits Anfang der 1940er Jahre in der KP Chinas die ideologischen und organisatorischen Voraussetzungen dafür, den Marxismus-Leninismus durch einen „chinesischen Marxismus“ zu ersetzen. Der Weg, die „Ideen Maos“ zur herrschenden Ideologie in der Kommunistischen Partei Chinas zu machen, war gebahnt.

Je stärker die Positionen der Maoisten in der Führung der KP Chinas wurden, desto offensichtlicher wurde ihr Nationalismus. Dabei missachteten die Maoisten in gröbster Weise ihre internationalen Verpflichtungen.

In der schwierigen Anfangsperiode des Großen Vaterländischen Krieges wandten sich die Komintern und die Sowjetunion an die Führung der KP Chinas, um im Falle eines japanischen Angriffes auf die Sowjetunion die Aktionen zu koordinieren und einen Überfall auf die Sowjetunion zu verhindern. Die chinesischen Führer erklärten jedoch, sie hätten bereits eine Reihe von Maßnahmen getroffen, und im Falle eines japanischen Angriffs auf die UdSSR werde die Achte Volksarmee der Sowjetunion ausreichende Hilfe erweisen. Am 3. Juli 1941 bestätigte die Führung der KP Chinas diese Erklärung. [6/12]

Entgegen diesen Erklärungen wurden jedoch keinerlei Maßnahmen getroffen. Als im Juli 1941 die Japaner mobilisierte Truppen auf das Festland übersetzten, bat die Sowjetunion darum, wirksame Maßnahmen zu treffen, um die Konzentrierung dieser Truppen in den Richtungen Peking–Zhangjiakou (Kalgan) und Baotou, das heißt gegen die UdSSR zu verhindern und den normalen Eisenbahnverkehr zu sichern. Dieser Bitte, wie auch anderen, wurde von der Führung der KP Chinas jedoch nicht entsprochen.

Zeugen dieser Ereignisse erinnerten sich, dass Mao Tse-tung am 3. September 1941 erneut um Aktionen der KP Chinas gebeten wurde, falls Japan den Krieg gegen die UdSSR beginnt. Ausweichende Erklärungen, mit endlosen Vorbehalten versehen, und bewusst in dieser Lage unerfüllbare Forderungen an die Sowjetunion waren die Antwort. Als daraufhin Mao Tse-tung ohne Umschweife gefragt wurde, was die KP Chinas im Falle eines japanischen Angriffs auf die Sowjetunion zu tun gedenke, brach Mao das Gespräch über diese so wichtige Frage ab und beschuldigte den sowjetischen Vertreter, es gebräche ihm an dialektischem Denken. Auch später wurden alle Versuche blockiert, die Aktionen zu koordinieren.

Große Bedeutung für den Kampf gegen die japanischen Militaristen und um die erfolgreiche Entwicklung der chinesischen Revolution hatten die Richtlinien der Komintern zur Durchsetzung der Taktik der Einheitsfront der KP Chinas mit der Guomindang. Diese Richtlinien entsprachen der allgemeinen Politik der Komintern, die darauf gerichtet war, im Rahmen einer internationalen Einheitsfront Massenbewegungen der Völker zum Schutz Chinas und der vom deutschen Faschismus versklavten Völker sowie zur Verteidigung der UdSSR ins Leben zu rufen. Sie orientierten darauf, unverzüglich die Einheitsfront in China herzustellen, wozu Kontakt zu den Kräften aufgenommen werden musste, die gegen den Faschismus auftraten.

Die Komintern und die KPdSU riefen das ZK der KP Chinas auf, die Aktionen der Chinesischen Roten Armee gegen die japanischen Eroberer zu aktivieren und die Einheitsfront des chinesischen Volkes zu festigen. Das hätte zu einer schnellen Zerschlagung des japanischen Imperialismus beigetragen. Die Maoisten beteuerten zwar weiterhin die Treue gegenüber ihren internationalen Verpflichtungen, in Wirklichkeit verschleppten sie jedoch alle Maßnahmen und wichen den Ratschlägen und Bitten der Komintern aus.

In der Frage der Einheitsfront gab es in der Führung der KP Chinas große Meinungsverschiedenheiten. Der Gruppe der Internationalisten standen die Nationalisten gegenüber, die die Notwendigkeit der Einheitsfront und gemeinsamer Aktionen mit der Guomindang zur Organisierung des Volkskampfes gegen die japanische Aggression bestritten. Erst als die Notwendigkeit, eine solche Front zu schaffen, immer dringlicher wurde, begann Mao Tse-tung den Anschein zu erwecken, als sei er ein aktiver Anhänger dieses Kurses. Heute versuchen die Geschichtsschreiber um Mao Tse-tung zu beweisen, dass die Taktik der Einheitsfront ein großer Beitrag Mao Tse-tungs zum Marxismus-Leninismus sei.

Der beschränkt nationalistische Kurs eines Teils der Führung der KP Chinas führte dazu, dass seit 1941/42 die Aktivität der Truppen der KP Chinas im Kampf gegen Japan ständig nachließ. Diese Taktik begründete Mao Tse-tung folgendermaßen: „... es ist besser, wenn wir unsere Kräfte erhalten, die Guomindang zerschlagen, die Macht in China erobern und dann mit Hilfe der UdSSR, Englands und Amerikas China von den japanischen Okkupanten befreien.“

Die Passivität des nationalistischen Flügels in der KP Chinas in der Frage des Krieges gegen das militaristische Japan in einer Zeit, in der die Interessen des internationalen Proletariats und des gemeinsamen Kampfes gegen den Faschismus eine Aktivierung der Aktionen gegen Japan erforderten, ist ein weiteres Beispiel für das Abweichen vom Internationalismus.

Mao Tse-tung stellte die Direktive auf: „Zehn Prozent der Kräfte für den Kampf gegen Japan, zwanzig Prozent für den Kampf gegen die Guomindang und siebzig Prozent für die Zunahme der eigenen Kräfte.“ Dementsprechend unternahmen die Achte und die Vierte Revolutionäre Volksarmee einige Jahre lang keine Kampfhandlungen gegen die Japaner. Dazu wurden folgende Erklärungen verbreitet: Wozu die Japaner reizen und sich Unannehmlichkeiten zuziehen; es ist besser, mit dem Gegner in gutnachbarlichen Beziehungen zu leben; wir werden sie nicht stören, und sie werden uns nicht stören. -

Ein sowjetischer Militärkorrespondent in Yanan teilte im Januar 1943 mit: „Alle Einheiten haben den Befehl erhalten, keine Kampfhandlungen gegen die japanischen Truppen zu unternehmen und sich bei japanischen Angriffsoperationen rechtzeitig zurückzuziehen. Wenn irgendwo die Möglichkeit besteht, ist mit ihnen ein zeitweiliger Waffenstillstand abzuschließen ... Alle Gebiete und jede Einheit der KP Chinas (gemeint sind die Truppenteile, die unter der Führung der KP Chinas standen) treiben mit der japanischen Etappe Handel; in den Stäben werden in der Regel keine Gespräche über Kampfhandlungen geführt, sondern es wird mehr über Handelsgeschäfte gesprochen.“ [7/13]

So fühlten sich die Maoisten in den 1940er Jahren von ihren internationalen Verpflichtungen im allgemeinen und denen gegenüber der Sowjetunion im besonderen ebensowenig beunruhigt, wie heute von der internationalen Pflicht Chinas gegenüber den Völkern der sozialistischen Länder, besonders gegenüber dem heldenhaften Volk Vietnams.«
[Teil 3]

Anmerkungen

1/7 Zhang Ru-xing, Die Gedanken Mao Tse-tungs – der chinesische Marxismus, Yanan 1944.
2/8 Liu Shao-qi, Über die Partei, Peking 1951 (engl.).
3/9 Vgl. a. a. O.
4/10 Wang Ming, Über die Ereignisse in China, Moskau 1969, S. 37 f. (russ.). 5/11 Vgl. a. a. O., S. 39.
6/12 Vgl. O. Wladimirow / W. Rjasanzew, Seiten der politischen Biographie Mao Tse-tungs, a. a. O., S. 53 f.
7/13 a. a. O., S. 55 f.

Quelle: Sowjetisch-chinesische Beziehungen 1945-1970. Autoren: Oleg Borissowitsch Borissow, Boris Trofimowitsch Koloskow. Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik – Berlin 1973. Vgl.: Einige Tatsachen aus der Geschichte der Entwicklung nationalistischer Tendenzen in der KP Chinas Anfang der


VON: REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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