Aspekte in der Politik der Führung der KP Chinas

24.11.12
TheorieTheorie, News 

 

von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Die antisowjetischen Aspekte in der Politik der Führung der KP Chinas in den ersten Jahren des Bestehens der Volksrepublik China

»In jener Periode trat der Antisowjetismus eines Teils der Führung der KP Chinas eher wie eine unangenehme Ausnahme in der allgemeinen Atmosphäre der Freundschaft und Zusammenarbeit in Erscheinung; nichtsdestoweniger sind diese Erscheinungen nicht zufällig und müssen zur Vermittlung einer vollständigen Analyse der sowjetisch-chinesischen Beziehungen erwähnt werden. So zeigte die Führung der KP Chinas zum Beispiel beim Abschluss des Vertrages über Freundschaft, Beistand und gegenseitige Hilfe ein gewisses Misstrauen und bestimmten Argwohn gegenüber der UdSSR. Die chinesischen Führer äußerten ihre Unzufriedenheit darüber, dass die UdSSR der VR China einen Kredit von „nur“ 300 Millionen Dollar gewährte. Sie wollten nicht einsehen, dass die UdSSR damals selbst große Schwierigkeiten bei der Überwindung der Kriegsfolgen hatte.

Auch in den folgenden Jahren trachteten die chinesischen Führer stets danach, von der UdSSR Hilfe zu erhalten, ohne die realen Möglichkeiten zu berücksichtigen. Die Ansprüche der nationalistischen Elemente in der KP Chinas gingen so weit, dass sie in einzelnen Jahren forderten, China bis zu 80 Prozent der sowjetischen Jahresproduktion einiger Arten von Werkzeugmaschinen zu liefern.

Im Oktober 1951 erklärte Mao Tse-tung in einem Gespräch mit dem sowjetischen Botschafter: „Nicht alle im Land, nicht einmal alle Parteimitglieder sind mit unserer Politik der Freundschaft mit der Sowjetunion zufrieden.“ Es handelte sich jedoch nicht um die Stimmungen der Mitglieder der KP Chinas, sondern um die Positionen der chinesischen Führer.

Es gab zahlreiche Fälle, in denen die chinesischen Führer gegenüber nationalistischen Stimmungen von Funktionären Nachsicht übten und zunehmend das Niveau und den Umfang der Erziehungsarbeit der Parteimitglieder und der Bevölkerung im Geiste des Internationalismus und der chinesisch-sowjetischen Freundschaft einschränkten. Anfang 1952 hatte beispielsweise die Gesellschaft für Chinesisch-Sowjetische Freundschaft beschlossen, eine Woche der chinesisch-sowjetischen Freundschaft zum Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrages über Freundschaft, Beistand und gegenseitige Hilfe zwischen der VR China und der UdSSR durchzuführen. Entsprechende Direktiven ergingen, und im ganzen Land wurde die Woche der chinesisch-sowjetischen Freundschaft vorbereitet. Aber eine Woche vor Beginn wurde die Freundschaftswoche auf Anweisung des ZK der KP Chinas unter dem Vorwand abgesetzt, die Institutionen seien „mit anderen politischen Kampagnen beschäftigt“.

Damals schien es, als handele es sich nur um vorübergehende Abweichungen, aber angesichts der jüngsten Ereignisse in der VR China erscheinen derartige „Zufälligkeiten“ in einem völlig anderen Licht: Sie waren wohldurchdacht und sollten der Führung der KP Chinas den Weg zum offenen politischen Kampf gegen die KPdSU ebnen.

In den Jahren 1953/54 wurden Maßnahmen getroffen, um die Tätigkeit der Gesellschaft für Chinesisch-Sowjetische Freundschaft zur Verbreitung des Internationalismus und von Kenntnissen über die UdSSR völlig auszuschalten. Die II. Allchinesische Konferenz der Gesellschaft für Chinesisch-Sowjetische Freundschaft im Dezember 1954 hob das Prinzip der individuellen Aufnahme von Mitgliedern in die Gesellschaft auf und führte die kollektive Mitgliedschaft ein. Die Verbindung der zentralen Leitung der Gesellschaft zu den örtlichen Organisationen wurde auf ein Minimum reduziert. Die örtlichen Parteiorganisationen trugen in die Arbeit der Organisationen der Gesellschaft Elemente der „Durchführung von Kampagnen“ und des Formalismus hinein. Im Vordergrund stand nicht mehr die Verbreitung der Erfahrungen der UdSSR und der KPdSU insgesamt, sondern man ging offen hauptsächlich zur Verbreitung der ökonomischen, wissenschaftlichen und technischen Erfahrungen über. Damit stellte die Gesellschaft für Chinesisch-Sowjetische Freundschaft praktisch ihre Tätigkeit als aufklärende Organisation ein. Auf der II. Allchinesischen Konferenz wurden auch personelle Veränderungen in der Leitung der Gesellschaft vorgenommen; in die leitenden Organe kamen solche Mitglieder, die als aktive Verteidiger der besonderen Linie der Sowjetfeinde in der KP Chinas bekannt waren. Die Anzahl der Mitglieder der zentralen Leitung wurde von 197 im Jahr 1949 auf 60 im Jahr 1954 verringert.

Bereits in den ersten Jahren des Bestehens der Volksmacht kam es in einer Reihe von Fällen dazu, dass sowjetische Spezialisten falsch eingesetzt wurden: man hielt sie von der Produktion und der Arbeit der Ministerien und anderen Staatsorganen fern, so dass sie keine Möglichkeit mehr hatten, Empfehlungen unter Berücksichtigung der Lage un den entsprechenden Wirtschaftszweigen zu geben. In einigen Einrichtungen wurden die sowjetischen Spezialisten mit unwichtigen Aufträgen belastet, dadurch konnten sie keine Vorschläge und Empfehlungen zu wichtigen Fragen ausarbeiten. Es kam auch vor, dass die Empfehlungen der Spezialisten in der Praxis nicht realisiert wurden, obwohl sie von führenden Mitarbeitern der Ministerien und Staatsorgane bestätigt worden waren. Außerdem gab es Fälle, dass die Leiter von Institutionen und Betrieben den Vorschlägen der sowjetischen Spezialisten zwar zustimmten, jedoch ihnen entgegenhandelten. In den Jahren 1958/59 arteten diese Machenschaften zu einer wahren Kampagne des Kritisierens sowjetischer Erfahrungen aus.

Großmachtchauvinismus und Abenteurertum kamen auch in den internationalen Angelegenheiten in der ersten Zeit des Bestehens der VR China zum Ausdruck. So traten die Maoisten auf der Gewerkschaftskonferenz der Länder Asiens und Ozeaniens im Dezember 1949 in Peking beispielsweise mit Ansprüchen auf die führende Stellung in der revolutionären Bewegung Asiens auf. Sie behaupteten, dass die Lage in den Ländern Asiens und Ozeaniens in vieler Hinsicht der Lage in China vor 1949 gleiche und dass die Revolutionäre deshalb den chinesischen Erfahrungen folgen und unter der Führung Pekings handeln müßten. Die chinesischen Vertreter verkündeten: „Der vom chinesischen Volk gewählte Weg zum Sieg über den Imperialismus und seine Helfershelfer und zur Errichtung der Volksrepublik China ist der Weg, den die Völker vieler kolonialer und halbkolonialer Länder im Kampf um die Erringung ihrer nationalen Unabhängigkeit und der Volksdemokratie gehen müssen ... Dieser Weg ist der Weg des Genossen Mao Tse-tung.“ Die Delegierten vieler Länder traten gegen diese Konzeption auf, und die Maoisten mussten zurückweichen.

In den Jahren 1950/51 versuchten die Maoisten, den Kommunistischen Parteien Indiens und Indonesiens Programme aufzuzwingen, die die konkrete Lage in diesen Ländern ignorierten und eine mechanische Übertragung der Erfahrungen des Befreiungskampfes in China forderten (Bildung von Bauernarmeen und von Befreiten Gebieten). Gegen eine solche Linie trat J. W. Stalin entschieden auf.

Vorerst waren das Einzelfälle. Die VR China war noch ein ökonomisch rückständiges Land, es bedurfte großer Unterstützung durch die sozialistischen Staaten zur Festigung seiner Verteidigungsfähigkeit und zur Entwicklung seiner Wirtschaft. Die Maoisten entschlossen sich daher noch nicht, allzu offen aufzutreten.

Die nationalistischen und antisowjetischen Tendenzen, die für Mao Tse-tung und seine Umgebung auch in den frühen Etappen der chinesischen Revolution spezifisch waren, entwickelten sich nach dem Tode Stalins noch umfassender. Um den Platz eines Führers der kommunistischen Bewegung einzunehmen, arbeitete Mao Tse-tung eine bestimmte Strategie und Taktik aus, deren Sinn erst in einer späteren Periode bis zu Ende klar wurde: Die wirtschaftliche, militärische und andere Hilfe der UdSSR sollte nach Kräften ausgenutzt werden, um die materiellen Voraussetzungen für die Verwirklichung seines Kurses zu schaffen; gleichzeitig sollten die Autorität der UdSSR in der Welt mit allen Mitteln untergraben und die Realisierung der Pläne zum Aufbau des Kommunismus in der Sowjetunion erschwert werden. Ein Hindernis bei der Verwirklichung dieser Absichten war nicht nur die Sowjetunion, sondern auch das chinesische Volk, die chinesischen Kommunisten, die die Bedeutung der Sowjetunion für den Aufbau des Sozialismus in der VR China genau kannten.

Die Nationalisten in der Führung der KP Chinas bemühten sich, den Kontakt der chinesischen Werktätigen zu den zur Hilfe beim sozialistischen Aufbau in China weilenden Sowjetmenschen zu stören. Im Mai 1954 wurde ein vom Staatsrat gefasster Beschluss versandt, der allen Chinesen außer den Mitarbeitern der Auslandsabteilungen der entsprechenden Verwaltungsorgane kategorisch verbot, sich in außerdienstlichen Angelegenheiten mit Sowjetbürgern zu treffen.

Die periphere chinesische Presse begann, Veröffentlichungen über die Sowjetunion rigoros einzuschränken. Angesichts der geringen Auflage der hauptstädtischen Zeitungen sowie der unbedeutenden Entwicklung des Rundfunkwesens in China wurde die Mehrheit der Bevölkerung ungenügend und unregelmäßig über die Errungenschaften der [historischen] Sowjetunion und das Leben des Sowjetvolkes informiert.

Ab 1953 entfernte Mao Tse-tung allmählich alle diejenigen aus der Führung der KP Chinas, die mit seiner nationalistischen und antisowjetischen Linie nicht einverstanden waren. Wie auch heute [- 1972 -] die Angriffe Mao Tse-tungs auf Wang-Ming, Gao Gang, Peng De-huai und andere bemäntelt werden mögen, seine Abrechnung mit vielen führenden Kadern der KP Chinas hatte ein Ziel – alle Hindernisse bei der Verwirklichung des kleinbürgerlichen und chauvinistischen Kurses zu beseitigen. Die Materialien der „Kulturrevolution“ zeugen davon, dass eines der hauptsächlichen „Verbrechen“ dieser Funktionäre der KP Chinas ihre Freundschaft zur UdSSR und den anderen [historischen] sozialistischen Ländern war.

Wie später bekannt wurde, hatte sich in der chinesischen Führung Anfang der 1950er Jahre der Kampf zwischen den Marxisten-Leninisten und Internationalisten und den Maoisten, den Großmachtchauvinisten und Nationalisten immer mehr verschärft. Alarmierend waren die Verhaftung des Politbüromitgliedes und stellvertretenden Vorsitzenden der VR China, Gao Gang, und sein Tod im Gefängnis im Jahr 1955. Gegen ihn waren verschiedene, völlig unbegründete Beschuldigungen erhoben worden. Von seiner hauptsächlichen „Schuld“ wurde nicht gesprochen. Er war ein treuer Freund der UdSSR gewesen und hatte beharrlich gegen die nationalistischen Abweichungen und für eine internationalistische Linie der Partei gekämpft.

Mao Tse-tung vertrat damals die Meinung, dass er von den sozialistischen Ländern noch vieles erhalten könnte, um die VR China zu festigen, die den Schutz der sozialistischen Gemeinschaft brauchte. Außerdem waren die Stimmungen im ZK der KP Chinas und in der Partei, die für die Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zur UdSSR und für eine elastische und vernünftige Politik sprachen, noch so stark, dass Mao und seine Anhänger sie berücksichtigen mussten. Dies galt um so mehr, als die KP Chinas nach der Machtübernahme mit der Lösung der Hauptaufgaben der sozialistischen Revolution an der politischen und der ökonomischen Front begonnen hatte.

China musste äußerst komplizierte Aufgaben bei der Wiederherstellung der Volkswirtschaft und der Ingangsetzung des Staatsapparates lösen. Die Schwierigkeiten bestanden hauptsächlich darin, dass es an administrativen, technischen, militärischen und anderen spezialisierten Kadern mangelte. Das Land benötigte dringend politische und ökonomische Hilfe von außen.

Es muss betont werden, dass die Führer der KP Chinas in ihren nationalistischen Verirrungen hofften, durch die Verständigung mit den USA einen Ausweg zu finden. Es gibt Beweise dafür, dass sie in den 1940er Jahren eine Reihe Versuche unternahmen, eine Verständigung mit den USA zu erreichen, aber diese Versuche konnten damals keinen Erfolg haben. In Washington verband man die Hoffnung auf eine Behauptung des amerikanischen Einflusses in China noch immer mit der Tschiang-Kai-schek-Clique. Deshalb stand man den Annäherungsversuchen der Führer der KP Chinas misstrauisch gegenüber. Die Mao nahestehenden chinesischen Funktionäre bemühten sich, selbst die kleinsten Aktionen zu verhindern, um die Amerikaner und die Engländer nicht zu verärgern. Sie traten beispielsweise gegen die Teilnahme Japans und Indiens an der Gewerkschaftskonferenz der Länder Asiens und Ozeaniens 1949 in Peking auf, weil sie befürchteten, dass „dies Washington und London reizen könnte“. Ende 1949 erklärten die chinesischen Führer, dass keine sowjetischen Spezialisten nach Shanghai und Taishan entsandt werden sollten, weil „sich dort große ökonomische Interessen Amerikas und Englands konzentrierten“.

Der Koreakrieg 1950 verschärfte die chinesisch-US-amerikanischen Beziehungen und verhinderte lange eine Verständigung der Nationalisten in der Führung der KP Chinas mit den herrschenden Kreisen der USA; dadurch waren sie gezwungen, eine Erweiterung der Zusammenarbeit mit der UdSSR anzustreben.

In China herrschte ein gewaltiger revolutionärer Aufschwung, und die Ideen des Sozialismus und der Freundschaft mit dem Sowjetvolk hatten viele Millionen Werktätige erfasst. Sie betrachteten die Sowjetunion als Verbündeten, ohne den der Sieg und die Befreiung von der japanischen Okkupation und der reaktionären Tschiang-Kai-schek-Herrschaft nicht möglich gewesen wäre.

Mao Tse-tung und seine Anhänger mussten außerdem berücksichtigen, dass in der Partei und auch in ihrer Führung Kräfte vorhanden waren, die für das Bündnis und die Freundschaft mit der UdSSR als eine der wichtigsten Bedingungen für den Sieg des Sozialismus in China eintraten.

All diese Faktoren hemmten damals in gewissem Maße die Entwicklung der nationalistischen und antisowjetischen Tendenzen in der KP Chinas und in ihrer Führung.

In dieser Situation waren die Pekinger Führer gezwungen, die Realisierung ihres nationalistischen Großmachtprogramms aufzuschieben. Sie gaben sich als Freunde der Sowjetunion aus, um von der UdSSR Unterstützung für die Errichtung der materiellen und technischen Basis er erhalten, die für die Verwirklichung ihrer Ziele unerlässlich war.

Dieser Umstand erschwerte es außerordentlich, den wahren Charakter und die Hauptzielrichtung der besonderen Linie der maoistischen Führung der KP Chinas in der internationalen Kommunistischen Bewegung zu erkennen.«
[Teil 5]

Quelle: Sowjetisch-chinesische Beziehungen 1945-1970. Autoren: Oleg Borissowitsch Borissow, Boris Trofimowitsch Koloskow. Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik – Berlin 1973. Vgl.: Die antisowjetischen Aspekte in der Politik der Führung der KP Chinas in den ersten Jahren des Bestehens der Volksrepublik China.

 

 


VON: REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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