KP China (Konvergenzpartei)

25.11.12
TheorieTheorie, News 

 

von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Nationalismus und Antikommunismus, Kult um Mao, die korrupten Funktionäre und die Bourgeoisie

Die Faktoren, die zum Wachsen der nationalistischen Tendenzen in der KP Chinas beitrugen

»Zu den objektiven Faktoren, die die Entstehung und die Entwicklung der nationalistischen und kleinbürgerlichen Strömung in der KP Chinas hervorriefen, kamen auch subjektive Elemente in der Tätigkeit der Führer mit Mao Ts-tung an die Spitze. Diese Tätigkeit wurde durch schwerwiegende Irrtümer und Fehler in der Linie der Partei und grobe Abweichungen von den Leninschen Normen des Parteilebens verstärkt.

Ein Spiegelbild der rechtsopportunistischen Praxis in der KP Chinas, deren wichtigster Aspekt das Verhältnis zur Arbeiterklasse ist, geben sowjetische Spezialisten wieder, die in China gearbeitet haben. Sie stellten fest, dass nach dem Sieg der chinesischen Revolution die Führung der KP Chinas keine radikalen Maßnahmen traf, um solche politischen und ökonomischen Bedingungen zu schaffen, unter denen sich die Arbeiterklasse als die herrschende und an der Macht befindliche Klasse hätte fühlen können. Die Arbeiter vegetierten weiter dahin. Der Arbeitstag betrug nach den gesetzlichen Bestimmungen über die Arbeit 12 Stunden. Die Entlohnung blieb im Verhältnis zur Guomindangherrschaft unverändert. Es wurden keine Gesetze über Arbeitsschutz und Sozialversicherung erlassen. Die im November 1949 bestätigten „Richtlinien zur Regelung der Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital“ enthielten nicht nur keine Weiterentwicklung der grundlegenden Prinzipien des Gemeinsamen Programms der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes, sondern bedeuteten dem Wesen nach sogar eine Abkehr davon.

Die führenden Kreise der Kommunistischen Partei Chinas unterschätzten nach wie vor die Rolle der Arbeiterklasse bei der revolutionären Umgestaltung des Landes. Sie betrachteten die Arbeiter als „ungenügend reif, analphabetisch und politisch rückständig“; sie hätten „keinen aktiven Anteil an der Revolution genommen“.

Obwohl sich die KP Chinas viele Jahre lang auf die Bauernschaft gestützt hatte, die die Massenbasis der Volksbefreiungsarmee und die Quelle ihrer materiellen Versorgung gewesen war, zeigten die chinesischen Führer Unentschlossenheit und Furcht bei der Durchführung revolutionärer Maßnahmen auf dem Land.

Statt dessen begünstigten die Maoisten die Bourgeoisie: Vom Handelsumsatz wurden keine Steuern erhoben, es gab keinen entschiedenen Kampf gegen Spekulanten. Das Fehlen jeglicher Beschränkungsmaßnahmen sogar gegenüber der einheimischen Großbourgeoisie begünstigte die Aktivierung ihrer reaktionären Tätigkeit.

„Gegenüber den ausländischen Betrieben und Handelsfirmen wird eine Politik der Anbiederung verfolgt“, stellten sowjetische Spezialisten bereits 1949 fest. „Keinerlei Steuerdruck oder irgendwelche anderen Einschränkungen.“ „In der Kommunistischen Partei werden Anschauungen verbreitet, dass der Klassenkampf mit dem vollständigen Sieg an den Fronten erlöschen wird, da die neue Regierung alle Bevölkerungsschichten des Landes zur Zusammenarbeit heranzieht, darunter auch die nationale Bourgeoisie.“

Bei einem Teil der Kommunisten und in führenden Kreisen der Kommunistischen Partei wurde die „Theorie“ verbreitet, dass die „neuen Kulaken“, die nach der Durchführung der Bodenreform entstehen, „eine revolutionäre Schicht“ seien, die die Kommunistische Partei und die Volksregierung unterstütze.

So erklärten die chinesischen Führer in Gesprächen mit Vertretern von Bruderparteien im Jahr 1949: „In der Tatsache, dass auf dem Land ein neuer Typ des Kulaken auftritt, liegt keinerlei Gefahr, weil dieser Kulak seinen Reichtum von der neuen Macht erhalten hat und entschieden hinter ihr steht. Dieser neue Kulak ist revolutionär eingestellt.“

Als sowjetische Spezialisten 1949 die Lage in der KP Chinas charakterisierten, mussten sie bereits feststellen, dass „das Wachstum der Partei durch die Arbeiterklasse unbedeutend ist. Aktive Arbeit, um Arbeiter an die Partei heranzuziehen, wird nicht geleistet. In den Parteiorganisationen befindet sich ein hoher Anteil von Gutsbesitzern, Kulaken und bürgerlichen Elementen, und die Aufnahme in die Partei erfolgt in einer Reihe von Gebieten wahllos.“

Diese Eindrücke werden durch Beobachtungen führender Genossen der Bruderparteien bestätigt, die in jenen Jahren in China weilten:

„Die neuen demokratischen Organe gewährten der einheimischen Bourgeoisie in den Städten zuviel Freiheit. Die privatkapitalistischen Elemente in den Städten haben einen außerordentlich günstigen Nährboden. Die Arbeiter in den Privatbetrieben haben bis heute keinerlei Rechte und sind den Unternehmern voll und ganz ausgeliefert.

Der Arbeiterklasse Chinas wird keine Aufmerksamkeit gewidmet. Die neuen Machtorgane sind der Ansicht, dass die chinesische Arbeiterklasse kein Bewusstsein hat und die Politik der Partei noch nicht versteht. Deshalb soll sie nicht zum aktiven Aufbau herangezogen werden. Infolge einer derartigen Betrachtung der Arbeiterklasse wird keinerlei Arbeit zum Heranziehen der Arbeiter an die Partei und zu ihrer ideologischen Erziehung geleistet.“

Mit Besorgnis wurde festgestellt, dass Mao „seinem Volk und in erster Linie der Arbeiterklasse keine klare Perspektive gibt. Deshalb ruft die Konzentrierung der ganzen Machtfülle in seiner Hand gewisse Befürchtungen hervor.“ Man spricht auch von der „ernsthaften Gefahr einer völligen Restauration des Kapitalismus sowohl in der Stadt wie auf dem Land, wobei die Führung der KP Chinas die drohende Gefahr nicht versteht und sie nicht bekämpft“.

Die Pekinger Führer behaupteten: „Man darf keinerlei Klassenkampf in den Privatbetrieben im neuen China zulassen, und zur Steigerung der Produktion muss den Unternehmern volle Handlungsfreiheit gegeben werden. Die Arbeiterklasse Chinas hat kein Bewusstsein, ist analphabetisch, und deshalb darf sie einstweilen nicht in den Klassenkampf einbezogen werden.“ -

Auf den Hinweis, dass Lenin die Notwendigkeit betont habe, die Arbeiterklasse zu schulen und kühn zu entwickeln, wurde geantwortet, man kenne in Peking diese Richtlinien Lenins, aber „unter den spezifischen Bedingungen Chinas sind sie einstweilen nicht geeignet; das ist eine Frage der Zukunft“.

Die chinesischen Führer sorgten sich nicht um die führende Rolle der Arbeiterklasse und um ihre wachsende Organisiertheit, weil sie sich hauptsächlich auf die Bauernschaft und das Kulakentum stützten. Interessant sind in diesem Zusammenhang Äußerungen chinesischer Führer in einem Gespräch mit dem Akademiemitglied P. F. Judin 1951, dass es in der KP Chinas Auffassungen gebe, „den Kulaken als die Hauptfigur auf dem Land anzusehen. Daraus werde die Schlussfolgerung gezogen, dass China nur durch die Entwicklung der Kulakenwirtschaft die Produktivkräfte des Landes entwickeln und eine Getreide- und Rohstoffbasis für die Stadt und die Industrie schaffen kann; deshalb sei es notwendig, auf dem Land diejenigen Kommunisten zu unterstützen, deren Wirtschaften sich zu Kulakenwirtschaften entwickeln, sie nicht aus der Partei auszuschließen, sondern ihnen zu helfen, die Wirtschaften zu entwickeln; solche Kommunisten müssen allen Bauern als Beispiel dienen.“

Die rechtsopportunistische Tendenz in der KP Chinas war eine Folge davon, dass ihre Führung die Reinheit der Reihen der Partei, die führende Rolle der Arbeiterklasse und der proletarischen Ideologie in ihr nicht gesichert hatten.

Das ZK der KP Chinas nahm nicht energisch Kurs darauf, eine Intelligenz aus der Arbeiterklasse heranzubilden. So beschlossen die Führer der KP Chinas vielmehr, keine Arbeiter in die Parteischulen aufzunehmen, und erklärten das mit dem bereits erwähnten Argument, die Arbeiter seien „ungenügend reif“, „politisch rückständig“ und hätten keinen „aktiven Anteil“ an der Revolution genommen.

Die Zunahme des Wirtschaftspotentials, die wachsende Hilfe der Bruderländer und die Erfolge beim sozialistischen Aufbau schufen Bedingungen, die es ermöglichten, diese negativen Tendenzen allmählich zu überwinden. Gleichzeitig entwickelte sich aber auch das kleinbürgerliche Element, unterstützt durch die subjektivistischen Aktionen Maos und seiner Gesinnungsgenossen.

Wenn man die Ursachen und die Tatsachen des allmählichen Anwachsens der kleinbürgerlichen und nationalistischen Tendenzen in der Führung der KP Chinas analysiert, zeigt sich eine gewisse Inkonsequenz bei der Durchführung sozialökonomischer Reformen. Trotz der großen Arbeit, die hier geleistet wurde, blieb der privatkapitalistische Sektor in der Volkswirtschaft der VR China immer noch beeindruckend. 1953 betrug der Anteil der Privatindustrie am Gesamtumfang der Industrieproduktion Chinas 32,2 Prozent. Dabei muss berücksichtigt werden, dass der Anteil der privatkapitalistischen Industrie praktisch größer war, da viele privatkapitalistische Betriebe ihre Produktion vor Evidenz und Besteuerung verbargen. [- 1952 -] Insgesamt registrierte man in China 1953 185 940 kleine privatkapitalistische Betriebe. [1] Darüber hinaus bestanden aber viele nicht registrierte privatkapitalistische Betriebe. Berechnungen der Finanzorgane der VR China ergaben, dass sich allein in Shanghai etwa 10 000 privatkapitalistische Industriebetriebe der Registrierung und Besteuerung entzogen hatten. Insgesamt beschäftigten diese Betriebe 1953 5,4 Millionen Arbeiter und Angestellte.

Mitte 1953 stellte sich heraus, dass viele Mitarbeiter, vor allem in den Finanz- und Wirtschaftsorganen, die Entwicklungsperspektiven des Staates nicht berücksichtigten oder nicht begriffen und rechtsopportunistische Abweichungen von der Politik der Partei gegenüber der Bourgeoisie zugelassen hatten. Derartige Anschauungen fanden auch in der Führung der KP Chinas Unterstützung.

Die erfolgreiche Verwirklichung des sozialistischen Aufbaus in der VR China wurde bereits in den ersten Jahren ihres Bestehens durch grobe Verletzungen der Leninschen Normen des Parteilebens in der KP Chinas gestört. Die Tagungen des ZK der KP Chinas wurden unregelmäßig einberufen. Das 1945 gewählte ZK (etwa 40 Personen) entsprach weder der Zahl noch der Zusammensetzung nach der tatsächlichen Situation der Partei in China und konnte die vor ihm stehenden Aufgaben nicht in vollem Umfang erfüllen. Im ZK der KP Chinas gab es keine erfahrenen Wirtschafts- und Parteifunktionäre, die Militärs waren in der Überzahl. In den Provinzen, Städten, Bezirken, Betrieben und Lehranstalten konzentrierte sich die parteimäßige und administrative Macht in den Händen führender Funktionäre: Der Sekretär eines Provinzkomitees der KP Chinas war gleichzeitig Vorsitzender des Volkskongresses der Provinz und der Direktor eines Großbetriebes gleichzeitig auch Sekretär des Parteikomitees. Ernsthafte Mängel in der Arbeit des Partei- und Staatsapparates brachte die von Dezember 1951 bis Juli 1952 geführte Kampagne zum Kampf gegen Veruntreuung, Verschwendung und Bürokratismus (gegen die „Drei Übel“) in den Regierungsinstitutionen, der Armee, den Staatsbetrieben, den gesellschaftlichen Organisationen und in den Lehranstalten sowie die Kampagne gegen die Tätigkeit der Bourgeoisie zutage, die sich in Steuerhinterziehung, im Diebstahl gesellschaftlichen Eigentums, in nachlässiger Ausführung von Staatsaufträgen, Missbrauch von Informationen über den Zustand der Wirtschaft und in der Bestechung von Mitarbeitern des Staatsapparates ausdrückte (gegen die „Fünf Übel“).

Der Kampf gegen Veruntreuung, Verschwendung und Bürokratismus zeigte, dass der Partei- und besonders der Staatsapparat stark mit Menschen durchsetzt war, die der sozialistischen Ordnung und der Arbeiterklasse fremd gegenüberstanden. In einer Reihe von Organisationen und Institutionen wurden viele Spione, korrupte Elemente, Bürokraten und Defraudanten von staatlichem Eigentum entlarvt. Viele Funktionäre des Partei- und Staatsapparates ließen es an Wachsamkeit gegenüber den Machenschaften des Klassenfeindes fehlen. -

In den Direktiven des ZK der KP Chinas vom Januar 1952 über die Entfaltung der genannten Kampagnen hieß es, dass in einer Reihe von Organisationen die Anzahl der Mitarbeiter, die verschiedene ungesetzliche oder unmoralische Handlungen begangen haben, 50 bis 60 Prozent der Gesamtzahl der Funktionäre ausmacht. -

Der damalige Minister für Kader der Zentralen Volksregierung erklärte im Februar 1953 auf der vierten Tagung des Ständigen Komitees des Nationalen Volkskongresses, dass sich von den während der Kampagne gegen die „Drei Übel“ überprüften 3 836 000 Mitarbeitern der staatlichen Institutionen (höher als Bezirksebene) über 105 000 als große Defraudanten erwiesen hatten; jeder von ihnen war der Annahme von Bestechungsgeldern oder der Unterschlagung überführt worden und hatte dem Staat einen Schaden von über 10 Millionen zugefügt.

Die damals durchgeführte Säuberung des Partei- und Staatsapparates hatte große Bedeutung, auch wenn sie eine gewisse Inkonsequenz aufwies. Auffällig ist, dass bei der Einschätzung nationalistischer und antisowjetischer Erscheinungen bei den Funktionären des Partei- und Staatsapparates auf zentraler und örtlicher Ebene nicht die erforderliche Prinzipienfestigkeit gezeigt wurde. Das war in erster Linie ein Ausfluss ähnlicher Einstellungen in der Führung der KP Chinas.

Eine Reihe von Fehlern in der Gesellschafts- und Parteipolitik der KP Chinas, die in den frühen Etappen der Revolution und in den ersten Jahren der Volksmacht aufgetreten war, begann sich ernsthaft auszuwirken. Die Partei wurde maßlos aufgebläht, wobei keine strenge klassenmäßige Auswahl der Kandidaten getroffen wurde, und der Kult um die Person Maos nahm immer mehr zu. All das schuf günstige Bedingungen für die Zunahme kleinbürgerlicher und nationalistischer Tendenzen. Besonders schnell stieg die zahlenmäßige Stärke der Partei in dem Zeitraum von 1953 bis 1957; in dieser Zeit wurden 70 Prozent aller Mitglieder in die KP Chinas aufgenommen. [- 1972 -] Es ist verständlich, dass sich das Wachsen der Mitgliederzahl der KP Chinas in so schnellem Tempo und in so gewaltigen Ausmaßen auf die Qualität des Zuwachses auswirken musste. -

Als die Zeitung „Sichuan Ribao“ große Mängel bei der Aufnahme in die Partei feststellte, schrieb sie in diesem Zusammenhang, dass „ein Teil der Parteimitglieder eine geringe Bewusstseinsentwicklung und eine unklare Vorstellung über die Partei hat und leicht dem Einfluss der bürgerlichen Ideologie erliegt. Einige Parteimitglieder, selbst von bürgerlicher Ideologie infiziert, haben falsche Auffassungen und Mängel im Arbeitsstil, sie entsprechen den Anforderungen, die an Parteimitglieder gestellt werden, nicht im vollen Umfang. Sogar die Anschauungen und der Arbeitstil von etwas früher eingetretenen Parteimitgliedern sind nicht frei von Mängeln.“ [2]

Die Anzahl der Arbeiter und Angestellten in China war am Vorabend der Befreiung vollkommen unbedeutend und betrug lediglich acht Millionen. Nach der Gründung der VR China begann die Anzahl der Arbeiter und Angestellten schnell zu wachsen, der Anteil der Industriearbeiter blieb jedoch weiterhin auf dem gleichen Stand.

Zur Entwicklung der nationalistischen Tendenzen trug auch die soziale Zusammensetzung der KP Chinas und die ungerechtfertigt schnelle zahlenmäßige Zunahme der Partei mit Menschen aus kleinbürgerlichem Milieu bei. Nach den Angaben für Mai 1953 waren von 6 100 000 Mitgliedern der KP Chinas nur 450 000 Arbeiter; also lediglich 7,3 Prozent [aktuell 9,7 %]. In den großen Industriezentren waren die illegalen Organisationen der KP Chinas vor der Befreiung von der Guomindangherrschaft sehr klein. So gab es in Shanghai mit 600 000 Industriearbeitern ein halbes Jahr nach der Befreiung lediglich 6 000 Kommunisten. Im Zusammenhang damit, dass die Hauptmasse der Bauernschaft Chinas aus Analphabeten bestand, waren auch die Parteimitglieder aus der Bauernschaft in ihrer Mehrzahl Analphabeten, was die ideologische und politische Erziehung der Parteikader objektiv erschwerte. 1950 beispielsweise gab es in den Parteiorganisationen Nordost- und Nordchinas unter den 1,5 Millionen Kommunisten noch 1 Million Analphabeten.

Die Zeitung „Dongbei Ribao“ schrieb am 28. Oktober 1950: „Gegenwärtig besteht die überwältigende Mehrheit der Kader auf Dorf- und Bezirksebene aus bürgerlichen Funktionären, die während der Agrarreform Boden erhalten und sich bei der Durchführung der Reform hervorgetan haben. Im allgemeinen ist ihr politisches Niveau sehr niedrig, und ein Teil von ihnen sind Analphabeten. Von 1099 Sekretären in der Provinz Heilongjiang sind 269 Analphabeten, 717 haben Grund- und Mittelschulbildung.“ Gleiches berichtete auch die Presse des Provinzkomitees von Shandong und des Stadtparteikomitees von Tsinan. Auch in den anderen Provinzen war die Lage ähnlich.

Einer der wichtigsten Faktoren, der die Zunahme der nationalistischen Stimmungen in der KP Chinas förderte, war die bewusste Verbreitung des Kults um die Person Maos.

Bereits in den ersten Jahren nach der Befreiung wurden die Werke Mao Tse-tungs in Massenauflagen herausgegeben. Im Oktober 1951 veröffentlichte allein die Agentur Xinhua eine Auflage von fast 2,4 Millionen Exemplaren. [3] In China organisierte man Kampagnen zum Studium der Werke Mao Tse-tungs. Die Arbeiten der Begründer des Marxismus-Leninismus wurden dabei völlig ignoriert. -

Die Pläne der örtlichen Gewerkschaften des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes sahen im August 1951 vor, dass sechs und mehr Wochen im Jahr für das Studium der Artikel Mao Tse-tungs vorbehalten waren. Die Mitarbeiter staatlicher Institutionen mussten sich mindestens sechs Stunden in der Woche mit dem politischen Studium befassen, in dem vor allem die Werke Mao Tse-tungs behandelt wurden. Die Studenten und Oberschüler studierten neben den üblichen politischen Disziplinen 12 bis 15 Stunden monatlich die Werke Mao Tse-tungs.

Seit Oktober 1951 erschienen auf Beschluss des ZK der KP Chinas die „Ausgewählten Werke“ Mao Tse-tungs. Das verstärkte erneut die Bewegung zum Studium der „Gedanken Mao Tse-tungs“. In dem Bericht auf der dritten Tagung des Ständigen Komitees des Nationalen Volkskongresses im Oktober 1951 sagte Tschou En-lai:

„Wir müssen ... auf umfassender, systematischer Grundlage das Studium der Werke Mao Tse-tungs unter den aktiven Menschen aller Schichten der Gesellschaft, unter den Kämpfern und Bestarbeitern, den Mitgliedern der demokratischen Parteien, allen Lehrern, Spezialisten und Funktionären organisieren, um durch sie den breiten Volksmassen beim Lernen Hilfe zu geben. Der erste Band der ,Ausgewählten Werke’ Mao Tse-tungs ist gerade während dieser Tagung des Komitees erschienen. Wir müssen die Verpflichtung übernehmen, das Studium der ,Ausgewählten Werke’ Mao Tse-tungs unter allen Schichten der Bevölkerung zu fördern.

Wir müssen uns mit den Gedanken Mao Tse-tungs ausrüsten, die den Marxismus-Leninismus mit der revolutionären Praxis Chinas vereinen. Das ist eine neue Aufgabe der demokratischen Einheitsfront des chinesischen Volkes. [4]

In der chinesischen Propagandaliteratur wurde bereits damals immer beharrlicher die These von den „Gedanken Mao Tse-tungs“ als einem zusammenhängenden System von Anschauungen vertreten, „die einen Beitrag zur Entwicklung des Marxismus-Leninismus darstellen“. Zum ersten Mal wurde diese These auf dem VII. Parteitag der KP Chinas 1945 aufgestellt.

Die These von den „Gedanken Mao Tse-tungs“ und seiner entscheidenden Rolle beim Sieg der chinesischen Revolution wurde in den Ansprachen einer Reihe führender Funktionäre der KP Chinas anlässlich des 30. Jahrestages der Kommunistischen Partei Chinas (Juli 1951) bekräftigt.

Neben Elementen des Kults um die Person Mao Tse-tungs können auch einige andere Umstände festgestellt werden, die den Nationalisten in der KP Chinas den Kampf gegen die Ideologie des Internationalismus in der Partei und in China erleichterten.

Ungeachtet dessen, dass in den ersten Jahren nach der Gründung der VR China in der chinesischen Propagandaliteratur von Zeit zu Zeit die Notwendigkeit betont wurde, sich die marxistisch-leninistische Theorie anzueignen, beschäftigte sich die Führung der KP Chinas in der Praxis sehr wenig mit einer sachlichen und tiefschürfenden Erarbeitung der konkreten Probleme des sozialistischen Aufbaus und der Außenpolitik der VR China sowie mit dem Studium und der Nutzung der Erfahrungen der Bruderparteien. „Es muss festgestellt werden“, gab die Zeitung „Renmin Ribao“ zu, „dass es bei uns zahlreiche Genossen gibt, die die gewaltige Bedeutung der marxistischen Theorie für unsere praktische Arbeit, besonders für den wirtschaftlichen Aufbau unseres Landes, noch nicht oder ungenügend begriffen haben.“ [5] „Renmin Ribao“ wies direkt darauf hin, dass „es gegenwärtig viele praktische Fragen beim wirtschaftlichen Aufbau gibt, deren ernsthaftes Studium unsere Theoretiker noch nicht begonnen haben. Darüber hinaus ist die Arbeit zum theoretischen Studium dieser Fragen noch nicht richtig organisiert.“

Solange die KP Chinas den von der Sowjetunion gebahnten Weg verfolgte, hatte die Vernachlässigung der marxistisch-leninistischen Theorie noch keine ernsthaften negativen Folgen. Nachdem jedoch die chinesische Führung die sowjetischen Erfahrungen zu unterschätzen und dann auch direkt zu ignorieren begann, führte das Fehlen eigener tiefschürfender marxistisch-leninistischer Ausarbeitungen der Probleme des sozialistischen Aufbaus zu schwerwiegenden Fehlern in der praktischen Tätigkeit der KP Chinas.

Die Unterschätzung der Bedeutung der Theorie sowie das Fehlen ausreichend gebildeter Kader hatten zu Folge, dass diese oder jene Ereignisse von der Kommunistischen Partei Chinas erst nach ihrem Abschluss theoretisch durchdacht wurden. Als Beispiel dafür kann die chinesische Theorie von der „wellenförmigen Entwicklung der Wirtschaft“ dienen, die erst nach der von der KP Chinas zugelassenen Ungleichmäßigkeit in der Entwicklung der Volkswirtschaft der VR China und zu ihrer Rechtfertigung auftauchte. Die Führung der KP Chinas bestätigte in diesem Fall anschaulich die Bedeutung der Worte W. I. Lenins, der gesagt hatte: „Es kommt ja vor, dass sich hinter theoretischen Unsinn eine gewisse praktische Wahrheit bei einer neuen Wendung der Bewegung verbirgt.“ [6]

Die Materialien der „Kulturrevolution“ in China geben Grund zu der Behauptung, dass sich nach der Befreiung des Landes in der chinesischen Führung tatsächlich ein Kampf zweier Linien zur Frage der sozialistischen Umgestaltung der VR China und ihrer Außenpolitik abspielte. Der Meinungsstreit über Fragen des inneren Kampfes der KP Chinas wirkte sich auch auf die internationale Politik der VR China aus. Die chinesische Führung trachtete auch in jenen Jahren danach, ihre voluntaristischen Direktiven in die Politik der Partei einzuführen. Ungeachtet der pseudorevolutionären Färbung dieser Direktiven bestand ihr Wesen darin, die kapitalistischen Eigentumsformen, besonders in der Stadt, zu konservieren, die Verbindungen mit der imperialistischen Welt zu erhalten, in einem materiell abhängigen Verhältnis zur UdSSR bei gleichzeitiger Diskreditierung der sowjetischen Erfahrungen und der Abwertung der Autorität der Sowjetunion zu bleiben.

 Nachdem die Maoisten ihre Stellung in der Partei und im Land gefestigt und die Wirtschaft wiederhergestellt hatten, gingen sie zu entschiedenen Aktionen über und begannen, dem Land ihre Großmachtbestrebungen und ihre abenteuerlichen Direktiven aufzuzwingen. Diese Experimente der nationalistischen Elemente in der KP Chinas wurden zunächst in der Innenpolitik eingeführt und nach deren Zusammenbruch in der internationalen Sphäre.

Die negativen Folgen der Politik der Pekinger Führer sind ein überzeugendes Beispiel dafür, wohin voluntaristische Methoden der Leitung und der dem Marxismus-Leninismus fremde Personenkult führen, wenn sie nicht auf den entsprechenden Widerstand stoßen. Die Entwicklung der Ereignisse in China Ende der 50er Jahre und in den 60er Jahren bestätigt anschaulich, welche Gefahr für die revolutionäre Bewegung ein kleinbürgerlicher, nationalistischer Kurs darstellt. Diese Ereignisse stellen eine ernste Warnung für alle Abteilungen der internationalen revolutionären Bewegung dar
[Teil 6]

Anmerkungen

1 Als solche Betriebe wurden in der VR China Unternehmen angesehen, die 16 und mehr Arbeiter und einen Motor oder 30 und mehr Arbeiter und keinen Motor hatten.
2 Sichuan Ribao vom 16.04.1957
3 Volkschina 1951, Bd. IV, Nr. 7–8, S. 28.
4 ebenda
5 Renmin Ribao vom 05.05.1953.
6 W. I. Lenin, Werke, Bd. 13, Berlin 1965, S. 83.

Quelle: Sowjetisch-chinesische Beziehungen 1945-1970. Autoren: Oleg Borissowitsch Borissow, Boris Trofimowitsch Koloskow. Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik – Berlin 1973. Vgl.: Die Faktoren, die zum Wachsen der nationalistischen Tendenzen in der KP Chinas beitrugen.


VON: REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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