Chinas Nationalismus, Maoismus und Antikommunismus

11.11.12
TheorieTheorie, News 

 

von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Die Eskalation des Krieges in Vietnam und die Haltung der VR China

Südostasien in den Großmachtplänen Pekings

Der Vietnam-Konflikt spielte in den außenpolitischen Plänen der chinesischen Führung, die den Kampf des vietnamesischen Volkes für ihre nationalistischen Ziele ausnutzen wollten, eine große Rolle. Mit ihrer Einflussnahme auf die Ereignisse in Südostasien hoffte sie, ihre Führungsrolle in einem Gebiet, in dem die Interessen Chinas und der USA hart aufeinanderprallten, festigen zu können.

Gleichzeitig wollten die Maoisten ihre „Unterstützung“ des Befreiungskampfes in Südvietnam dazu benutzen, um die USA zu Zugeständnissen, vor allem in der Taiwan-Frage, zu zwingen. Sie beabsichtigten jedoch, ihre Ziele möglichst durch andere verwirklichen zu lassen, da sie eine Konfrontation mit den USA zu vermeiden trachteten.

Anfang 1964 begann die Nationale Front zur Befreiung Südvietnams (FNL) eine umfassende Offensive. Die USA ergriffen unverzüglich Maßnahmen, um das in eine Krise gestürzte Saigoner Marionettenregime zu retten. Dabei spekulierten sie darauf, dass der maoistische, antisozialistische Kurs Pekings ihnen günstige Bedingungen für eine Aggression gewähren würde. [1] Nachdem die USA den Zwischenfall im Golf von Nordvietnam (Tongking) provoziert hatten, verübten sie am 5. August 1965 den ersten großen Luftangriff auf die DRV.

Die Führer der VR China waren nunmehr gezwungen, sich für die „Verteidigung“ der DRV auszusprechen. Die Erklärung der chinesischen Regierung vom 6. August 1964, die zwar in drohendem Ton verkündete, dass der Anschlag der USA gegen die DRV auch ein Anschlag gegen China sei, ließ in ihrer Aussage offen, was China unternehmen würde.

Im Januar 1965 weilte der amerikanische Journalist Edgar Snow in Peking. Es wurde vermutet, dass diese Reise mit Zustimmung des State Departments erfolgte. Mao Tse-tung und andere Führer gaben Snow in den Unterredungen zu verstehen, dass China in Vietnam nichts unternehmen werde, was es in einen Krieg mit den USA hineinziehen könnte, und dass „die Chinesen nur dann kämpfen werden, wenn die Amerikaner sie überfallen“ [2]. Die Gruppe um Mao Tse-tung war keinesfalls gewillt, von ihrem antisowjetischen, antisozialistischen Kurs abzugehen und sich mit der sozialistischen Gemeinschaft zu vereinen.

Die Sondierung der chinesischen Politik begleiteten die USA mit Drohungen. So erklärte der Sonderberater des Präsidenten, Bundy, am 4. April 1965, dass die VR China „den größten Fehler begeht, wenn sie sich in den Vietnam-Krieg einmischt, weil die Vereinigten Staaten im Unterschied zum Korea-Krieg in China stationierten Flugzeugen oder Streitkräften nicht gestatten werden, eine ,unantastbare Zuflucht’ in Anspruch zu nehmen“ [3]. Bei den Botschaftsverhandlungen in Warschau drohten die USA China mit einer Zerstörung des chinesischen Nuklearpotentials durch US-Luftstreitkräfte.

Die Ausweitung der Aggression der USA in Vietnam und die Haltung Chinas

In den Erklärungen der chinesischen Regierung wurde immer wieder hervorgehoben, dass es zu einem militärischen Konflikt mit den USA nur dann käme, wenn die USA den Krieg auf China ausdehnen. Im April 1966 erklärte Tschou En-lai in einem Interview für die pakistanische Zeitung „Dawn“ erneut: „China wird von sich aus keinen Krieg mit den Vereinigten Staaten provozieren.“ [4]

Je mehr die USA den Luftkrieg gegen die DRV ausweiteten, desto häufiger verletzten amerikanische Flugzeuge den Luftraum der VR China und beschossen chinesisches Territorium. Immer öfter wurden auch chinesische Schiffe auf offenem Meer beschossen. China beantwortete diese Provokationen lediglich mit Protesten und „ernsten Warnungen“.

Die VR China benutzte die Eskalation des Vietnam-Konflikts, um die internationale Lage zu verschärfen und die Beziehungen der UdSSR zu den USA und zu anderen Staaten zuzuspitzen. Die chinesische Propaganda verurteilte zum Beispiel die Verhandlungen über den Abschluss des Vertrages über die Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen und charakterisierte diese als einen „hundertprozentigen Verrat am vietnamesischen Volk“. Die chinesischen Führer versäumten keine Gelegenheit, der UdSSR zu unterstellen, sie spiele „in Europa mit Entspannung und Abrüstung, um den USA freie Hand bei ihrer Aggression in Vietnam“ [5] zu ermöglichen. Aber sie selbst unternahmen außer einer wortreichen „Verurteilung“ der USA-Aggression nichts. Im Gegenteil: Nach Angaben von „Xinhua“ liefen allein im Jahre 1965 US-Kriegsschiffe (einschließlich Flugzeugträger) 344mal Hongkong an und bereiteten ihre Angriffe gegen die DRV vor.

Die Haltung der USA zur „Möglichkeit“ der Beteiligung Chinas am Vietnam Krieg

1966 war endgültig klargeworden, dass China sich nicht aktiv an der Abwehr der USA-Aggression beteiligen und auch als das einzige an Vietnam grenzende sozialistische Land keine kollektiven Maßnahmen der sozialistischen Länder zur Unterstützung der DRV zulassen würde. Die USA verstärkten deshalb sehr schnell ihre Truppen in Südvietnam und forcierten die Bombenangriffe gegen die DRV, ohne sich um die chinesischen „Warnungen“ zu kümmern. -

USA-Außenminister Dean Rusk bemerkte am 16. März 1966: „Die Wahrheit besteht darin, dass sie (die Pekinger Führer) wesentlich vorsichtiger in ihren Handlungen als in ihren Worten sind, wesentlich vorsichtiger in dem, was sie selber tun, als in dem, was sie von der Sowjetunion fordern ... Sie haben deutlich gezeigt, und das auf verschiedene Weise, dass sie Respekt vor der Stärke der Vereinigten Staaten haben.“ [6]

Die USA waren ebensowenig wie China daran interessiert, dass der Krieg in Vietnam über den lokalen Rahmen hinauswächst und die VR China in ihn hineingezogen wird. Die Haltung der USA wurde im Sommer 1966 vom Verteidigungsminister McNamara so formuliert: „Wir haben ... alles menschenmögliche getan, um ... China ... davon zu überzeugen, dass ... wir keine Aktionen gegen China beginnen wollen.“ Wir werden China wissen lassen, „dass es durch die begrenzten Ziele der Vereinigten Staaten absolut nicht bedroht ist“. [7]

Nachdem die USA begonnen hatten, Hanoi und Haiphong zu bombardieren, erklärten sie, dass längs der Grenze der DRV zu China eine Pufferzone von 20 bis 25 Meilen geschaffen würde, eine verbotene Zone für USA-Flugzeuge, um zu verhindern, dass sie „unbeabsichtigt in den Luftraum Chinas eindringen“.

Um China nicht zu provozieren, lehnten die USA auch das Angebot des Tschiang-Kai-schek-Regimes, Truppen nach Vietnam zu entsenden, ab.

Aktionseinheit der VR China mit den sozialistischen Ländern in der Vietnam-Frage?

1963 und 1964 sprachen offizielle chinesische Vertreter von möglichen gemeinsamen Aktionen, um die USA-Aggression zu beenden. Seit Ende 1964 und besonders im Hinblick auf die Bombardierung der DRV enthielten einige chinesische offizielle Erklärungen sogar Aufrufe an die Sowjetunion, dass man sich gegen die USA-Aggression „zusammenschließen“ solle. So hieß es in einem Schreiben (Februar 1965) an die sowjetischen Repräsentanten anlässlich des 15. Jahrestages des Freundschaftsvertrages: „Angesichts des gemeinsamen Feindes müssen die Völker Chinas und der Sowjetunion ... den bewaffneten Kampf des vietnamesischen Volkes entschieden unterstützen.“ [8]

Die folgenden Ereignisse zeigten jedoch, dass die chinesischen Führer überhaupt nicht daran dachten, mit der UdSSR zusammenzuarbeiten und gemeinsame Aktionen durchzuführen; sie versuchten im Gegenteil, die ideologischen Grundprinzipien der KPdSU und die sowjetische Außenpolitik zu diskreditieren, um die nationale Befreiungsbewegung und die kommunistische Weltbewegung von der UdSSR zu trennen.

Die Eskalation der USA-Aggression ließ die Aktionseinheit der sozialistischen Länder zur Unterstützung Vietnams immer bedeutsamer für den Kampf der DRV und der FNL werden. Aber alle Vorschläge der UdSSR, dem vietnamesischen Volk gemeinsam Hilfe zu leisten, lehnte Peking ab. -

Die Maoisten weigerten sich gleichfalls, gemeinsam mit der UdSSR in einer Erklärung die USA-Aggression zu verurteilen. Sie widersetzten sich auch dem sowjetischen Vorschlag über ein Treffen führender Repräsentanten der UdSSR, Chinas und der DRV, um Maßnahmen zur Unterstützung des Kampfes des vietnamesischen Volkes zu beraten. Gemeinsame Aktionen mit den sozialistischen Ländern hätten die Politik des militanten Antisowjetismus gefährdet, mit der die Maoisten ihren Kampf um die Hegemonie in der nationalen Befreiungsbewegung und der kommunistischen Weltbewegung führten. Solche Aktionen, so befürchtete Peking, würden unvermeidlich zu einer Annäherung an die UdSSR führen, und in China die Gegner Mao Tse-tungs und die Kräfte, die für eine Wiederherstellung der Einheit mit der UdSSR eintraten, stärken. Deshalb führte die stufenweise Ausweitung des Vietnam-Krieges nur dazu, dass die Maoisten ihre antisowjetische Kampagne verstärkten.

Die chinesische Haltung zu einer Regelung des Vietnam-Konflikts

1964 unterstützten die Pekinger Führer den Standpunkt der FNL, die Vietnam-Frage müsse auf friedlichem Weg gelöst werden. Im Juli 1964 erklärte Chen Yi in einem Telegramm an den Außenminister der DRV: „Die chinesische Regierung ist der Auffassung, dass der richtige Weg zur Lösung der Vietnam-Frage und der Indochina-Frage darin besteht, Friedensverhandlungen zu führen, nicht aber Gewalt anzuwenden oder Gewalt anzudrohen.“ [9] Auch erklärten die Pekinger Führer damals wiederholt, dass das chinesische Volk keineswegs unbeteiligt zusehen werde, wenn die Genfer Abkommen von 1954 und 1962 zerrissen würden und der Krieg sich ausweite.

Der Beginn der offenen USA-Aggression in Vietnam im März 1965 bewirkte eine Veränderung ihrer Haltung.

Die chinesischen Führer unterstützten zwar offiziell das Vierpunkteprogramm der DRV [10] und das Fünfpunkteprogramm der FNL, interpretierten die Vorschläge jedoch willkürlich, indem sie diese auf den Abzug der USA-Truppen reduzierten.

Nicht zufällig stand an der Spitze aller chinesischen „Vorschläge“ und der Kommentare über die Haltung der DRV und der FNL die Forderung nach dem Abzug der USA-Truppen. Im Sommer 1966 erklärte Tschou En-lai: „Werden die USA-Truppen nicht abgezogen, so kommt die Wiedereinberufung der Genfer Konferenz nicht in Frage.“ [11] Dabei betrachtet die VR China das Vierpunkteprogramm der DRV wenn schon nicht als Ablehnung von Verhandlungen, so doch als harte Vorbedingung dafür, obwohl die Regierung der DRV erklärt hatte, dass es keine Bedingung sei, sondern die Grundlage für eine Regelung in Übereinstimmung mit den Genfer Abkommen.

Die Haltung der chinesischen Führung stimmte mit der Auslegung der Vorschläge der DRV durch die USA überein, die sie als „maßlos harte“, „ultimative“ Vorbedingungen für Verhandlungen bezeichneten. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung waren auch die USA gezwungen, ihre aggressiven Handlungen mit Worten über eine politische Regelung in Vietnam zu tarnen, um andererseits ihre Eskalation des Krieges fortsetzen zu können.

Mitte 1966 verkündete Peking, da die USA die Genfer Abkommen missachteten, existierten diese Abkommen nicht mehr und könnten auch nicht mehr Grundlage einer Friedensregelung sein. „Renmin Ribao“ schrieb: „Ist es jetzt nicht absurd und unsinnig geworden, von einer Lösung der Vietnam-Frage entsprechend diesem Abkommen zu sprechen? Das vietnamesische Volk zu zwingen, sich mit dem USA-Imperialismus an einen Tisch zu setzen, um die Frage der ,Aufrechterhaltung’ dieser längst nicht mehr existierenden Abkommen zu erörtern, ist der schamloseste Verrat.“ [12]

Die veränderte Haltung zu den Genfer Abkommen war davon bestimmt, das Vietnam-Problem nicht mehr auf der Grundlage der Genfer Abkommen zu lösen, sondern durch Verhandlungen zwischen China und den USA. Deshalb reagierten die chinesischen Führer so verärgert auf die Verstärkung der sowjetischen Hilfe für das vietnamesische Volk und die Festigung der Beziehungen zwischen der UdSSR und der DRV. Sie wollten die Beteiligung der Sowjetunion an der Lösung der Vietnam-Frage mit allen Mitteln verhindern. Immer häufiger beschuldigten sie die UdSSR, dass sie versuche, „durch die Gewährung von Hilfe ... das Recht der Kontrolle, das Stimmrecht und das Vertretungsrecht in der Vietnam-Frage zu erhalten“ [13]. Die chinesische Führung war auch darüber unzufrieden, dass Indien den Vorsitzenden der Internationalen Kontrollkommission für die Einhaltung der Genfer Abkommen stellte. Peking betrachtete Indien als einen seiner Hauptfeinde in Südasien.

Dennoch gab die Regierung der VR China keine offizielle Erklärung ab, dass sie die Genfer Abkommen nicht mehr anerkenne und die Regelung der Vietnam-Frage auf dieser Grundlage ablehne. Das wurde vermieden, weniger, um nicht die Meinungsverschiedenheiten mit der DRV zu vertiefen, als vielmehr, um besser manövrieren zu können und die Teilnahme Chinas an einer Friedenskonferenz zu sichern.«

Anmerkungen

1 Vgl. The New York Times vom 13.06.1971.
2 The New Republic vom 27.02.1965.
3 China and U. S. Far East Policy 1945 bis 1966, Washington 1967, S. 156.
4 Peking Rundschau, 20/1966, S. 5.
5 Renmin Ribao vom 05.07.1966.
6 The Department of State Bulletin, washington, vom 02.05.1966, S. 690.
7 Entreprise (Paris) vom 08.09.1966, S. 15.
8 IBAS vom 16.=2.1965, S. 1.
9 IBAS vom 21.07.1964, S. 2.
10 Das Vierpunkteprogramm der DRV sah – wie auch das Fünfpunkteprogramm der FNL – vor, die nationalen Grundrechte des vietnamesischen Volkes anzuerkennen, die Aggression der USA gegen die DRV zu beenden, alle Truppen der USA aus Südvietnam abzuziehen und die Nationale Front zur Befreiung Südvietnams anzuerkennen (Nhân Dân vom 13.04.1965).
11 Peking Rundschau, 29/1966, S. 8.
12 IBAS vom 28.07.1966, S. 4.
13 IBAS vom 22.12.1965, S. 5.

Quelle: Außenpolitik und internationale Beziehungen der Volksrepublik China. Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik – Berlin 1976. Vgl.: Die Eskalation des Krieges in Vietnam und die Haltung der VR China.

 


VON: REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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