Über „Linke“ Kinderei und über Kleinbürgerlichkeit

11.11.13
TheorieTheorie, Sozialismusdebatte, News 

 

von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

[III von VI]
Gegen Dogmatismus und Sektierertum in der Arbeiterbewegung [Teil 17]

III. »Gehen wir nun über zu den Missgeschicken unserer „linken“ Kommunisten auf dem Gebiet der Innenpolitik. Man kann kaum ohne ein Lächeln solche Phrasen in den Thesen über die gegenwärtige Lage lesen, wie:

„Eine planmäßige Ausnutzung der unversehrt gebliebenen Produktionsmittel ist nur bei entschlossener Vergesellschaftung denkbar“... „Keine Kapitulation vor der Bourgeoisie und ihren kleinbürgerlichen intelligenzlerischen Handlangern, sondern gänzliche Vernichtung der Bourgeoisie und endgültiges Brechen der Sabotage...“

Diese lieben „linken Kommunisten“, wieviel Entschlossenheit ist bei ihnen zu finden ... und wie wenig Überlegung! Was heißt das – „entschlossenste Vergesellschaftung“?

Man kann in der Frage der Nationalisierung, der Konfiskation entschlossen oder unentschlossen sein. Aber das ist es je gerade, dass selbst die allergrößte „Entschlossenheit“ nicht hinreicht, um den Übergang von der Nationalisierung und der Konfiskation zur Vergesellschaftung zu vollziehen. Das ist eben das Pech unserer „Linken“, dass sie mit dieser naiven, kindischen Wörterverbindung „entschlossenste ... Vergesellschaftung“ offenbaren, dass sie den Angelpunkt der Frage, den Angelpunkt der „gegenwärtigen“ Lage absolut nicht verstehen. Darin besteht ja das Missgeschick der „Linken“, dass sie das eigentliche Wesen der „gegenwärtigen Lage“, den Übergang von den Konfiskationen (bei deren Durchführung die Haupteigenschaft des Politikers Entschlossenheit ist) zur Vergesellschaftung (bei deren Durchführung von einem Revolutionär eine andere Eigenschaft gefordert wird) nicht bemerkt haben.

Gestern war es der Angelpunkt der gegebenen Lage, möglichst entschieden zu nationalisieren, zu konfiszieren, die Bourgeoisie zu schlagen und zu vernichten, die Sabotage zu brechen. Heute sehen nur Blinde nicht, dass wir mehr nationalisiert, konfisziert, zerschlagen und zerbrochen haben, als wir zu erfassen vermochten. Die Vergesellschaftung aber unterscheidet sich gerade dadurch von einfacher Konfiskation, dass zum Konfiszieren bloße „Entschlossenheit“, ohne die Fähigkeit, richtig zu registrieren und richtig zu verteilen, genügt, während man ohne eine solche Fähigkeit nicht vergesellschaften kann.

Unser geschichtliches Verdienst bestand darin, dass wir gestern, bei den Konfiskationen, beim Niederschlagen der Bourgeoisie, beim Brechen der Sabotage entschlossen vorgingen (und morgen vorgehen werden). Heute darüber in „Thesen über die gegenwärtige Lage“ schreiben heißt sich der Vergangenheit zuwenden und den Übergang zur Zukunft nicht verstehen.

„Endgültiges brechen der Sabotage...“ Da haben sie das Richtige gefunden! Die Saboteure bei uns sind ja völlig ausreichend „gebrochen“. Uns fehlt es an etwas ganz, ganz anderem: an der Festlegung, an welchem Platz wir diese oder jene Saboteure stellen müssen; an einer Organisation unserer Kräfte, damit, sagen wir, ein bolschewistischer Leiter oder Kontrolleur die Aufsicht über hundert Saboteure hat, die in unseren Dienst treten. Bei einer solchen Lage der Dinge mit Phrasen herumwerfen, wie „entschlossenste Vergesellschaftung“, „gänzliche Vernichtung“, „endgültiges Brechen“, heißt am Ziel vorbeischießen. -

Es ist die Eigenschaft des kleinbürgerlichen Revolutionärs, nicht zu bemerken, dass für den Sozialismus vollständige Vernichtung, Brechen usw. nicht genügen. Das genügt für den Kleineigentümer, der gegen den Großbesitzer wütet, ein proletarischer Revolutionär aber könnte niemals in einen solchen Fehler verfallen.

Wenn die von uns angeführten Worte ein Lächeln hervorrufen, so ruft die Entdeckung der „linken Kommunisten“, dass Sowjetrepublik angesichts einer „rechtsbolschewistischen Abweichung“ eine „Evolution zum Staatskapitalismus“ drohe, nun schon geradezu homerisches Gelächter hervor. Da haben sie uns aber wirklich einen Schreck eingejagt! Und mit welchem Eifer wiederholen die „linken Kommunisten“ sowohl in Thesen als auch in Artikeln diese schreckliche Entdeckung... Sie haben nicht daran gedacht, dass der Staatskapitalismus ein Schritt vorwärts wäre gegenüber der jetzigen Lage der Dinge in unserer Sowjetrepublik. Hätten wir in etwa einem halben Jahr den Staatskapitalismus errichtet, so wäre das ein gewaltiger Erfolg und die sicherste Garantie dafür, dass sich in einem Jahr der Sozialismus bei uns endgültig festigt und unbesiegbar wird.

Ich kann mir vorstellen, mit welch edler Entrüstung der „linke Kommunist“ vor diesen Worten zurückschrecken und was für eine „mörderische Kritik“ er vor den Arbeitern gegen die „rechtsbolschewistische Abweichung“ richten wird. In der Sozialistischen Sowjetrepublik soll der Übergang zum Staatskapitalismus ein Schritt vorwärts sein?... Und das wäre kein Verrat am Sozialismus?

Gerade hier liegt die Wurzel des ökonomischen Fehlers der „linken Kommunisten“. Gerade auf diesen Punkt müssen wir deshalb näher eingehen.

Erstens haben die „linken Kommunisten“ nicht begriffen, wie denn nun der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus aussieht, der uns Recht und Grund gibt, uns Sozialistische Republik der Sowjets zu nennen.

Zweitens offenbaren sie ihre Kleinbürgerlichkeit gerade dadurch, dass sie die kleinbürgerliche Anarchie als den Hauptfeind des Sozialismus bei uns nicht sehen.

Drittens zeigen sie, indem sie das Schreckgespenst des „Staatskapitalismus“ umgehen lassen, dass sie den ökonomischen Unterschied zwischen dem Sowjetstaat und dem bürgerlichen Staat nicht verstehen.

Prüfen wir alle drei Umstände.

Es hat wohl noch keinen Menschen gegeben, der sich die Frage nach der Wirtschaft Russlands gestellt und dabei den Übergangscharakter dieser Wirtschaft bestritten hätte. Kein einziger Kommunist hat wohl auch bestritten, dass die Bezeichnung Sozialistische Sowjetrepublik die Entschlossenheit der Sowjetmacht bedeutet, den Übergang zum Sozialismus zu verwirklichen, keineswegs aber, dass die neuen ökonomischen Zustände als sozialistisch bezeichnet werden.

Was aber bedeutet das Wort Übergang? Bedeutet es nicht in Anwendung auf die Wirtschaft, dass in der betreffenden Gesellschaftsordnung Elemente, Teilchen, Stückchen sowohl als Kapitalismus als auch des Sozialismus vorhanden sind? Jeder wird zugeben, dass dem so ist. Aber nicht jeder, der das zugibt, macht sich Gedanken darüber, welches denn nun die Elemente der verschiedenen gesellschaftlichen Wirtschaftsformen sind, die es in Russland gibt. Das aber ist der ganze Kern der Frage.

Zählen wir diese Elemente auf:

  1. Die patriarchalische Bauernwirtschaft, die in hohem Grade Naturalwirtschaft ist;
  2. die kleine Warenproduktion (hierher gehört die Mehrzahl der Bauern, die Getreide verkaufen);
  3. der privatwirtschaftliche Kapitalismus;
  4. der Staatskapitalismus;
  5. der Sozialismus.

Russland ist so groß und so bunt, dass sich alle diese verschiedenen Typen ökonomischer Gesellschaftsstruktur in ihm verflechten. Die Eigenart der Lage besteht gerade darin.

Es fragt sich: Welche Elemente wiegen nun vor? Klar ist, dass in einem kleinbäuerlichen Lande das kleinbürgerliche Element vorwiegt und vorwiegen muss; die Mehrheit und zwar die gewaltige Mehrheit der Landwirte sind kleine Warenproduzenten. Die Hülle des Staatskapitalismus (Getreidemonopol, unter Kontrolle stehende Unternehmer und Händler, bürgerliche Genossenschaftler) wird bei uns bald hier, bald dort von Schiebern zerrissen, und der Hauptgegenstand der Spekulation ist Getreide.

Der Hauptbahnhof entfaltet sich gerade auf diesem Gebiet. Zwischen wem und wem geht dieser Kampf vor sich, wenn man in den Termini ökonomischer Kategorien wie „Staatskapitalismus“ sprechen will? Etwa zwischen der vierten und der fünften Stufe in der Reihenfolge, wie ich sie eben aufgezählt habe? Gewiss nicht. Hier kämpft nicht der Staatskapitalismus gegen den Sozialismus, sondern die Kleinbourgeoisie plus privatwirtschaftlicher Kapitalismus kämpfen zusammen, gemeinsam, sowohl gegen den Staatskapitalismus als auch gegen den Sozialismus. Die Kleinbourgeoisie widersetzt sich jeder staatlichen Einmischung, Rechnungsführung und Kontrolle, mag sie nun staatskapitalistisch oder staatssozialistischer Natur sein. Das ist eine ganz unwiderlegbare Tatsache der Wirklichkeit, in deren Verkennung die Wurzel des ökonomischen Fehlers der „linken Kommunisten“ liegt. Der Schieber, der Marodeur des Handels, der Sprenger des Monopols – das ist unser „innerer“ Hauptfeind, der Feind der ökonomischen Maßnahmen der Sowjetmacht. Wenn es vor 125 Jahren den französischen Kleinbürgern, glühendsten und aufrichtigsten Revolutionären, noch zu verzeihen war, dass sie den Schieber durch Hinrichtung einzelner, weniger „Auserwählter“ und durch donnernde Deklamationen zu besiegen suchten, so ruft heute das bloße Phrasendreschen irgendwelcher linker Sozialrevolutionäre in dieser Frage bei jedem bewussten Revolutionär nur Abscheu oder Ekel hervor. -

Wir wissen sehr wohl, dass die ökonomische Grundlage der Spekulation die in Russland außerordentlich breite Schicht der Kleineigentümer und der privatwirtschaftliche Kapitalismus ist. Der in jedem Kleinbürger seinen Agenten hat. Wir wissen, dass diese kleinbürgerliche Hydra mit ihren Millionen Fangarmen bald hier, bald dort einzelne Schichten der Arbeiter erfasst, dass die Spekulation an Stelle des Staatsmonopols in alle Poren unseres sozialökonomischen Lebens eindringt.

Wer das nicht sieht, der zeigt gerade durch seine Blindheit, dass er im Banne kleinbürgerlicher Vorurteile steht. Gerade so steht es um unsere „linken Kommunisten“, die in Worten (und natürlich in aufrichtiger Überzeugung) schonungslose Feinde des Kleinbürgertums sind, praktisch aber nur ihm helfen, nur ihm dienen, nur seinen Standpunkt zum Ausdruck bringen, wenn sie – im April 1918! – gegen ... den „Staatskapitalismus“ kämpfen! Da haben sie schön vorbeigeschossen!

Der Kleinbürger hat sein Sümmchen Geld, einige Tausend, das er „rechtens“ und besonders unrechtmäßig während des Krieges angehäuft hat. Das ist der ökonomische Typus, der charakteristisch ist als Grundlage der Spekulation und des privatwirtschaftlichen Kapitalismus. -

Geld ist eine Bescheinigung zum Empfang von gesellschaftlichen Gütern, und die viele Millionen zählende Schicht der Kleineigentümer, die diesen Schein fest in Händen hält, versteckt ihn vor dem „Staat“, da sie an keinen Sozialismus und Kommunismus glaubt und nur „abwartet“, bis der proletarische Sturm „vorüber“ ist. Entweder werden wir diesen Kleinbürger unserer Kontrolle und Rechnungsführung unterordnen (wir können das tun, wenn wir die Armen, d. h. die Mehrheit der Bevölkerung oder die Halbproletarier, um die klassenbewusste proletarische Vorhut organisieren), oder aber er wird unsere Arbeitermacht ebenso unvermeidlich und unabwendbar zu Boden werfen, wie die Napoleon und Cavaignac, die ja gerade auf diesem kleinbesitzerlichen Boden emporwuchsen, die Revolution zu Boden warfen. So ist die Frage gestellt. Nur die linken Sozialrevolutionäre sehen vor lauter Phrasen über die „werktätige“ Bauernschaft diese einfache und klare Wahrheit nicht. Wer aber nimmt die im Strom der Phrasen ertrinkenden linken Sozialrevolutionäre ernst?

Der Kleinbürger, der seine paar Tausender aufbewahrt, ist ein Feind des Staatskapitalismus, und diese Tausender will er unbedingt für sich und gegen die arme Bevölkerung, gegen jede gesamtstaatliche Kontrolle realisieren; die Summe der Tausender aber ergibt eine Basis von vielen Milliarden für den Schleichhandel, der unseren sozialistischen Aufbau untergräbt. Angenommen, eine bestimmte Zahl von Arbeitern produzierte im Laufe einiger Tage eine Summe von Werten, die gleich 1000 ist. Nehmen wir ferner an, 200 von dieser Summe gehen bei uns verloren infolge kleiner Schiebungen, durch allerhand Veruntreuungen und dadurch, dass Kleineigentümer die Dekrete und Anordnungen der Sowjetmacht „umgehen“. Jeder klassenbewusste Arbeiter wird sagen: Könnte ich von den tausend 300 geben, damit größere Ordnung und Organisation geschaffen wird, so würde ich gern 300 statt 200 geben, denn diesen „Tribut“ später zu verringern, sagen wir bis auf 100 oder 50, wird der Sowjetmacht ein leichtes sein, sobald Ordnung und Organisation herrschen, sobald die Sabotage der Kleineigentümer gegen jedes Staatsmonopol endgültig gebrochen ist.

Dieses einfache Zahlenbeispiel, das wir der Allgemeinverständlichkeit halber absichtlich bis zum äußersten vereinfacht haben, beleuchtet das Verhältnis der jetzigen Lage, des Staatskapitalismus und des Sozialismus. Die Arbeiter haben die Macht im Staate in Händen, sie besitzen juristisch vollständig die Möglichkeit, das ganze Tausend zu „nehmen“, d. h. keine Kopeke ohne sozialistische Zweckbestimmung herzugeben. Diese juristische Möglichkeit, die sich auf den faktischen Übergang der Macht an die Arbeiter stützt, ist ein Element des Sozialismus.

Aber auf vielen Wegen unterspült die Flut der kleinbesitzerlichen und privatkapitalistischen Anarchie die Rechtslage, schleppt die Spekulation herein, vereitelt die Durchführung der sowjetischen Dekrete. Der Staatskapitalismus wäre ein gewaltiger Schritt vorwärts, sogar wenn (und ich habe absichtlich ein solches Zahlenbeispiel angeführt, um das krass zu demonstrieren) wir mehr bezahlen müssten als jetzt; denn es lohnt, „Lehrgeld“ zu zahlen, denn dies ist von Nutzen für die Arbeiter, denn der Sieg über Unordnung, Zerrüttung, Schlamperei ist wichtiger als alles andere, denn das Fortbestehen der kleinbesitzlerischen Anarchie ist die größte, die schlimmste Gefahr, die uns (wenn wir ihrer nicht Herr werden) unbedingt zugrunde richten wird, während die Zahlung eines größeren Tributs an den Staatskapitalismus uns nicht nur nicht zugrunde richten, sondern uns auf dem sichersten Wege zum Sozialismus führen wird. Die Arbeiterklasse, die gelernt hat, wie die Staatsordnung gegen die Anarchie des Kleineigentümers zu behaupten ist, die es gelernt hat, wie eine große, gesamtstaatliche Organisation der Produktion auf staatskapitalistischen Grundlagen in Gang zu setzen ist, wird dann – man entschuldige den Ausdruck – alle Trümpfe in der Hand haben, und die Festigung des Sozialismus wird gesichert sein.

Der Staatskapitalismus steht ökonomisch unvergleichlich höher als unsere jetzige Wirtschaftsweise, das zum ersten.

Zweitens aber hat er nichts Schreckliches für die Sowjetmacht an sich, denn der Sowjetstaat ist ein Staat, in dem die Macht der Arbeiter und der armen Bauern gesichert ist. Die „linken Kommunisten“ haben diese unbestreitbaren Wahrheiten nicht begriffen, die natürlich ein „linker Sozialrevolutionär“ niemals begreifen wird, weil er überhaupt nicht imstande ist, irgendwelche Gedanken über politische Ökonomie zu fassen, die aber jeder Marxist anerkennen muss. Mit einem linken Sozialrevolutionär lohnt es nicht zu streiten, es genügt, auf ihn als „abschreckendes Beispiel“ eines Schwätzers mit dem Finger zu zeigen, mit einem „linken Kommunisten“ aber muss man streiten, denn hier begehen Marxisten einen Fehler, und die Analyse ihres Fehlers wird der Arbeiterklasse helfen, den richtigen Weg zu finden.«
(Über „Linke“ Kinderei und über Kleinbürgerlichkeit: III von VI]

Quelle: W. I. Lenin. Gegen Dogmatismus und Sektierertum in der Arbeiterbewegung. Eine Auswahl von Schriften und Reden. Zusammengestellt von N. G. Semrjugina. Verlag Progress Moskau 1972.


VON: REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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