Kapitallektürekurs (Teil 11)


Bildmontage: HF

18.03.17
TheorieTheorie 

 

Von Karl Wild

Lektion 23: Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation
Karl Marx, Das Kapital, S.640 – 740

Marx bietet uns in diesem Kapitel reichlich historisches Material zur Lage der arbeitenden Klasse im England des 19.Jahrhunderts, genauer gesagt welchen Einfluß „das Wachstum des Kapitals auf das Geschick der Arbeiterklasse ausübt.“(640)*) Er kommt zum Ergebnis: „Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums, also auch die absolute Größe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto größer die industrielle Reservearmee. … Die verhältnismäßige Größe der industriellen Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichtums. … Je größer endlich die Lazarusschichte der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer der offizielle Pauperismus.Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.“(673f)

Mit der Entwicklung der Akkumulation entwickelt sich, nach Marx, tendenziell die Massenarbeitslosigkeit und eine wachsende Schicht von Ausgegrenzten und Marginalisierten. Dies belegt er mit der Entwicklung in England zu seiner Zeit. Als allgemein gültiges Gesetz der Akkumulation müßte dies auch für heute gelten. Und in unserer globalisierten Welt finden sich genug Argumente für die nach wie vor Wirksamkeit dieses allgemeinen Gesetzes der kapitalistischen Akkumulation. Inwiefern dieses barbarische Gesetz heute in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften modifiziert oder gar durch die Politik aufgehoben wird, sei der Diskussion überantwortet.

Wir können in diesem 23. Kapitel uns mit wichtigen Marxschen Begriffen vertraut machen. Die organische Zusammensetzung des Kapitals (640) bezeichnet die Wechselwirkung zwischen wertmäßiger und technischer Zusammensetzung des Kapitals, das Verhältnis von toter zu lebendiger Arbeit. Je größer die Produktivkraft der Arbeit, je mehr Arbeits- und Produktionsmittel durch die lebendige Arbeit konsumiert wird, desto kleiner wird relativ der Anteil des Werts der Arbeitskraft und steigt der des konstanten Kapitalwerts. War in unserem Beispiel c=20 und v=10, so mag im Verlauf sich c auf 80 und v auf 20 erhöhen. Im absoluten Wachsen des Kapitals von 30 auf 100 erhöht sich trotz Verdoppelung von v auf 20 das Verhältnis von c:v auf 4:1. Nun mag sich hinter dem v sowohl eine Vergrößerung der Arbeiteranzahl als auch eine individuelle Steigerung des Werts der Arbeitskraft verbergen. Die „goldene Kette“(646), mit der die Lohnarbeit ans Kapital gefesselt ist, bleibt davon unberührt. Marx drastisch über die Akkumulation: „Wie der Mensch in der Religion vom Machwerk seines eignen Kopfes, so wird er in der kapitalistischen Produktion vom Machwerk seiner eignen Hand beherrscht.“(649)

Nun entwickeln sich im Fortgang der Akkumulation die individuellen Kapitale trotz aller Tendenz zur Nivellierung durch die Zwangsgesetze der Konkurrenz unterschiedlich, manche wachsen schneller, neue Kapitalisten betreten die Bühne, andere verschwinden. Es gilt aber: „Jedes individuelle Kapital ist eine größere oder kleinere Konzentration von Produktionsmitteln mit entsprechendem Kommando über eine größere oder kleinere Arbeiterarmee.“(653) „Die wachsende Konzentration der gesellschaftlichen Produktionsmittel in den Händen individueller Kapitalisten“(653f) ist trotz Gegentendenzen ein dominierendes Merkmal der kapitalistischen Entwicklung.
Es verschwinden aber auch Kapitalisten vom Markt, andere schließen sich zusammen. Es erfolgt „Konzentration bereits gebildeter Kapitale, Aufhebung ihrer individuellen Selbständigkeit, Expropiation von Kapitalist durch Kapitalist, Verwandlung vieler kleineren in weniger größere Kapitale.“ Die „Zentralisation“(654) des Kapitals beschleunigt sich durch die Entwicklung von „Konkurrenz und Kredit, die beiden mächtigsten Hebel der Zentralisation.“(655) Gerade heute im Zeitalter der Fusionen und Übernahmen von Firmen gewinnt die Zentralisation als eine der Haupttendenzen der Kapitalakkumulation an Bedeutung.

Nun wenden wir uns wieder der Seite der Lohnarbeit zu. Im allgemeinen Gesetz der Akkumulation haben wir gelernt, dass beständig eine „für die mittleren Verwertungsbedürfnisse des Kapitals überschüssige, daher überflüssige oder Zuschuß-Arbeiterbevölkerung“(658) geschaffen wird. Diese „Surplusarbeiterpopulation“ wird zur „Existenzbedingung der kapitalistischen Produktionsweise. Sie bildet eine disponible industrielle Reservearmee“.(661) Ganz modern: „Die Verdammung eines Teils der Arbeiterklasse zu erzwungnem Müßiggang durch Überarbeit des andren Teils und umgekehrt, wird Bereicherungsmittel des einzelnen Kapitalisten“(665). „Die Bewegung der Gesetze der Nachfrage und Zufuhr von Arbeit“, die Bewegung des Arbeitslohnes, „vollendet die Despotie des Kapitals.“(669)

Und die Realität zeigt es: „Der tiefste Niederschlag der relativen Übervölkerung endlich behaust die Sphäre des Pauperismus, … kurz dem eigentlichen Lumpenproletariat“(673). „Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital produziert.“(675)
Die kapitalistische Akkumulation zeigt seinen „antagonistischen Charakter“(ebda.). Andrerseits vergrößern sich die Unterschiede in der Bezahlung der Lohnarbeit und, im Vorgriff zu Lenin, entsteht eine „Aristokratie“ des „bestbezahlten Teils der Arbeiterklasse“(697). Vom Lumpenproletariat bis hin zur Arbeiteraristokratie differenziert sich so die Klasse der auf Lohnarbeit angewiesenen im Prozess der Akkumulation des Kapitals aus!

 

Lektion 24: Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation
Karl Marx, Das Kapital, S.741 – 791

Einen, für viele den Höhepunkt des „Kapitals“ stellt das 24. Kapitel dar, indem Marx uns nicht nur an einem geschichtlichen Diskurs über die Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise teilnehmen lässt, sondern auch die historischen Grenzen dieser Produktionsweise umreißt. Wer kann, sollte dieses Kapitel unbedingt im Original lesen; jede Zusammenfassung verkrüppelt diesen großartigen Text. Die folgenden Zeilen sind also unter Vorbehalt entstanden und zu lesen.

Was für die christliche Theologie der Sündenfall im Paradies, ist für die politische Theorie zu Marxens Zeiten die sogenannte ursprüngliche Akkumulation (siehe 741)*). Was mußte geschehen, dass die einen „Reichtum akkumulierten und die letztren schließlich nichts zu verkaufen hatten als ihre eigne Haut.“(741) Kapitalist und Lohnarbeiter fallen schließlich nicht vom Himmel. Wodurch sind sie gesellschaftlich entstanden? Am Beispiel Englands bringt uns Marx diese Geschichte nahe. „Zweierlei sehr verschiedne Sorten von Warenbesitzern müssen sich gegenüber und in Kontakt treten, einerseits Eigner von Geld, Produktions- und Lebensmitteln …; andrerseits freie Arbeiter… Freie Arbeiter in dem Doppelsinn, daß weder sie selbst unmittelbar zu den Produktionsmitteln gehören…, noch auch die Produktionsmittel ihnen gehören, … sie davon vielmehr frei, los und ledig sind.“ „Der Prozeß, der das Kapitalverhältnis schafft, kann also nichts andres sein als der Scheidungsprozess des Arbeiters vom Eigentum an seinen Arbeitsbedingungen … Die sog. ursprüngliche Akkumulation ist also nichts als der historische Scheidungsprozeß von Produzent und Produktionsmittel.“ Dies zeigt uns Marx wie gesagt am Beispiel Englands und in dieser „wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle.“(742) Aber, wie wir wissen, nicht nur im historischen England, sondern, modifiziert zwar, immer da, wo die kapitalistische Produktionsweise sich durchsetzt. Es geht um die Enteignung der herkömmlichen Besitzer, der kleinen Bauern, Handwerker und Händler. „Und die Geschichte dieser ihrer Expropriation ist in die Annalen der Menschheit eingeschrieben mit Zügen von Blut und Feuer.“(743) „Historisch epochemachend in der Geschichte der ursprünglichen Akkumulation sind alle Umwälzungen, die der sich bildenden Kapitalistenklasse als Hebel dienen; vor allem aber die Momente, worin große Menschenmassen plötzlich und gewaltsam von ihren Subsistenzmitteln losgerissen und als vogelfreie Proletarier auf den Arbeitsmarkt geschleudert werden.“(744) Und dieser Übergang ist alles andere als selbst bestimmt und freiwillig. „So wurde das von Grund und Boden gewaltsam expropriierte, verjagte und zum Vagabunden gemachte Landvolk (am Beispiel England) durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert.“ Erst im „Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt … der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter. Außerökonomische, unmittelbare Gewalt“ durch die „Staatsgewalt“(765) steht fundamental am Anfang des Prozesses (und bleibt immer latent drohend im Fortgang der kapitalistischen Produktionsweise). Die barbarische Geschichte des Kapitalismus beginnt in der Neuzeit mit der „Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute“. Dies ist „die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära.“ Es ist „die Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der Gesellschaft“, die „den Verwandlungsprozeß der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig“ befördert und „Übergänge“(779) abkürzt. Marx stellt kategorisch und allgemeingültig fest: „Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz.“ (779) „Wenn das Geld … mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt, so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend.“(788)

Und dies gilt nach Marx eben für jede gesellschaftliche Form der Organisation der Produktion des Lebens der Gesellschaft. „Auf einem gewissen Höhegrad (der gesellschaftlichen Entwicklung) bringt sie die materiellen Mittel ihrer eignen Vernichtung zur Welt. … Sie muß vernichtet werden, sie wird vernichtet.“(789) Die Expropriation der unmittelbaren Produzenten umreißt die „Vorgeschichte des Kapitals.“ Im Fortgang der Entwicklung, der Konzentration und Zentralisation des Kapitals, gilt: „Je ein Kapitalist schlägt viele tot.“(790) Es „wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise“(790f). „… die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Negation.“ War die erste Negation die Enteignung der unmittelbaren Produzenten, so ist die „Negation der Negation“ die „Expropriation weniger Usurpatoren durch die Volksmasse.“(791) Dann beginnt eine neue Geschichte!

 

Lektion 25: Die moderne Kolonisationstheorie
Karl Marx, Das Kapital, S.792 – 802

Mit dem 24.Kapitel kam der erste Band des „Kapitals“ zu einem Höhe- und Endpunkt. Doch Marx entlässt uns noch nicht in die Praxis nach anstrengender Lektüre, sondern schiebt noch ein kleines Kapitel zur Auseinandersetzung mit der „Kolonisationstheorie“ nach. Es geht noch einmal um die Verwechslung der zwei großen Sorten Privatkapital durch die Apologeten des Kapitals, „wovon das eine auf eigner Arbeit des Produzenten beruht, das andre auf der Ausbeutung fremder Arbeit.“ „Im Westen von Europa … ist der Prozeß der ursprünglichen Akkumulation mehr oder minder vollbracht“ und damit der Untergang der selbständigen Produzenten. „Anders in den Kolonien. Das kapitalistische Regiment stößt dort überall auf das Hindernis des Produzenten, welcher als Besitzer seiner eignen Arbeitsbedingungen sich selbst durch seine Arbeit bereichert statt den Kapitalisten.“(792)*) Der Siedlungskolonialismus mit der Landnahme durch die vielen Einwanderer aus dem alten Europa bildet ein Hindernis, so beklagt ein gewisser Wakefield, den wir heute nicht mehr kennen müssen, für die Durchsetzung und Ausbreitung des Kapitalverhältnisses, das ja die massenhafte Existenz des doppelt freien Lohnarbeiters voraussetzt. Denn, dies betont Marx immer wieder, „dass das Kapital nicht eine Sache ist, sondern ein durch Sachen vermitteltes Verhältnis zwischen Personen.“(793) Noch einmal: „die Expropriation der Volksmasse von Grund und Boden bildet die Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise. Das Wesen einer freien Kolonie besteht umgekehrt darin, dass die Masse des Bodens noch Volkseigentum ist und jeder Ansiedler daher einen Teil davon in sein Privateigentum und individuelles Produktionsmittel verwandeln kann“(795). Also findet eine der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals gegenläufige Bewegung durch die Anfänge des Siedlungskolonialismus von den USA bis Australien statt. „Wie nun“ aber, fragt Marx mit Wakefield, „den antikapitalistischen Krebsschaden der Kolonien heilen?“(799) Dadurch, dass man die Auswanderung massiv fördert und die freie Landnahme gesetzlich einschränkt. Durch die Förderung der „raschesten Zentralisation des Kapitals … (geht dort, in der Neuen Welt) die kapitalistische Produktion mit Riesenschritten voran“.(801) Und es gilt auch für die Neue Welt: „kapitalistische Produktions- und Akkumulationsweise, also auch kapitalistisches Privateigentum, bedingen die Vernichtung des auf eigner Arbeit beruhenden Privateigentums“(802).

Damit ist unser Kapitalkurs über den ersten Band des „Kapitals“ an sein Ende gekommen. Statt eines Fazits möchten wir die meistzitierteste Stelle aus dem erste Band als Schlusspunkt setzen, obgleich dieses Zitat nicht von Marx selber stammt, sondern von ihm zur Untermauerung seiner Analysen angeführt wird. Aus der Zeitung „Quarterly Reviewer“ zitiert Marx einen T.J.Dunning, der schreibt:

„Kapital flieht Tumult und Streit und ist ängstlicher Natur. Das ist sehr wahr, aber doch nicht die ganze Wahrheit. Das Kapital hat einen horror vor Abwesenheit von Profit …, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens. … Beweis: Schmuggel und Sklavenhandel.“ (Seite:788, Anm.250)

 







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