Noch einmal Kapitalismusanalyse und Kapitalismuskritik:

06.08.09
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Antwort auf 'Kai aus der Kiste' [1] und Matthias Nomayo [2]

Von Detlef Georgia Schulze

Ich möchte scharf-links für die Veröffentlichung meiner beiden Texte [3] sowie Kai aus der Kiste und Matthias Nomayo für ihre Antworten danken - Antworten, die wichtige Fragen ansprechen und in einem Stil geschrieben sind, der bei linken (online-)Diskussion leider nur allzu selten üblich ist.
Beide Antwortenden sind sich in einem Punkt einig: Ich sei nicht (post)modern genug. "Meines Erachtens geht G. D. Schulze zu wenig auf heute zu beobachtende ‚moderne' Ausformungen und Weiterentwicklungen kapitalistischer Ökonomie ein." (Kai) "Nur sollten wir uns darüber im Klaren sein, wie die Arbeiterklasse, um deren Rolle es geht, in der heutigen Zeit eigentlich zu definieren ist." (Matthias)
Nun ja, auch wenn mich andere in anderen Fragen für viel zu ‚postmodernistisch' halten, will mich in der vorliegenden Frage einfach mal offen zu meinem ‚Traditionalismus' bekennen: Womit wir es immer noch zu tun haben ist immer noch die kapitalistische Produktionsweise und es scheint mir analytisch wenig hilfreich, die Veränderungen innerhalb dieser auf den Begriff immer neuer ‚Kapitalismus-Stadien' zu bringen (was Kai und Matthias allerdings auch nicht vorschlagen). Um es - leicht modifiziert - mit Lenin zu sagen: Wir haben es immer noch in erster Linie mit den alten ‚Problemen' zu tun (auch wenn die alten ‚Probleme' früher teilweise nicht richtig erkannt wurden: Geschlechterverhältnis, Rassismus, Ökologie u.ä.) - und es geht deshalb auch nicht um ‚neue Lösungen', sondern neue - den aktuellen Bedingungen und neu gewonnenen Erkenntnisse über alten ‚Problemen' angemessene - Methoden der Vorbereitung der alten ‚Lösung' [4].

Soviel zur Vorbemerkung. Kommen wir zu den konkreten Punkten.

I. Zu Kai

Kai stellt die These auf, in der Tat sei es zu einem "sich verselbständigende[n] Finanzsektor, der Anlage für überschüssige Gelder nur noch in ‚Finanzprodukten' finden kann und so notwendig spekuliert, [gekommen]. Das agieren des Finanzsektors an sich wird von den Menschen als unendliche ‚Gier' wahrgenommen, ein Geldverdienen mit Geldhandel, ohne materielle Produktion und damit der Erzeugung wirklicher, ‚brauchbarere' Dinge, wird von den Menschen intuitiv als pervers empfunden."
Die Beschreibung der Wahrnehmung ‚der Menschen' ist sicherlich richtig beschrieben, nur scheint mir die entscheidende Frage zu sein, ob diese Wahrnehmung zutreffend ist. Diesbzgl. habe ich erhebliche Zweifel.
++ Zunächst scheint es mir notwendig zu sein, den Begriff des Spekulierens zu entmythologisieren. Auch jede Investition in der Sphäre der physischen Produktion enthält ein spekulatives Element. Unter Konkurrenzbedingungen ist nie garantiert, daß die Produkte, die produziert werden sollen, auch abgesetzt werden können - eine Investition sich also auch rentiert.
++ Dann zur Anlage überschüssigen Geldes in Finanzprodukten: Dieses ‚überschüssige' Geld muß zunächst einmal nachgefragt werden, bevor es rentierlich angelegt werden kann. Wäre dieses Geld wirklich überflüssig und gäbe es also keine Nachfrage nach dem Geld, so gäbe es auch keine Zinsen. - Wenn es also tatsächlich ‚überschüssiges' Geld geben würden, dann hätte es schon die letzten Jahre niedrige Zinsen geben müssen. Auch jetzt sind im wesentlichen die Zentralbank-Zinsen (als politische Antikrisen-Maßnahme) gesunken, aber kaum die Bank-Zinsen, was nicht anderes heißt als, daß die Nachfrage nach Geld weiterhin größer als das Angebot ist. [5]
++ Diese Nachfrage nach Geld besteht zum einen in Kreditbedarf für individuellen Konsum und überwiegend für Investitionen in der Sphäre der physischen Produktion. Tendenziell dürfte sich sagen lassen, daß mit zunehmender technischer Komplexität der Produktion für neue Investitionen der Finanzbedarf steigt. Es sind also gerade die Erfordernisse der physischen Produktion, die die neuen riskanten ‚Finanzprodukte' induzierten, um die benötigten Geldmengen aufzutreiben.
++ Und tatsächlich kommt es - über die Wachstums-Krisen-Zyklen hinweg - weiterhin zu einer Steigerung der physischen Produktion. Die Wachstumsraten mögen sinken; bei ständig steigender Ausgangsmenge ist das aber nicht verwunderlich. Trotzdem steigt die Produktion in absoluten Zahlen weiter an. Und es kommt weiterhin zu ständigen Innovationen - und zwar sowohl den Produktionsprozeß als auch die Endprodukte für die VerbraucherInnen betreffend. Mit seiner Dekadenz- und Fäulnis-These, die er mit seinen ZeitgenossInnen teilte, lag Lenin einfach falsch. Auch im Moment haben wir es mit keiner Systemkrise zu tun; vielmehr reproduziert sich die kapitalistische Produktionsweise durch Krisen.
(Dementsprechend würde ich dann auch die von Kai betonten "Denk- und Handlungsstruktur" der herrschenden Klasse und ihrer FunktionärInnen anders einschätzen als er.)

II. Zu Matthias

Er schreibt: "Statt also Selbstständige ausgrenzen zu wollen, die genauso hart wie die meisten Lohnarbeiter ihr Brot verdienen müssen, wäre es sinnvoll, ihnen zu verdeutlichen, dass auch sie Verlierer der kapitalistischen Wirtschaftsordnung sind und ihnen einen vernünftigen und mit gesundem Menschenverstand nachvollziehbaren Klassenstandpunkt nahe zu bringen. Nicht Selbstständigkeit steht im Widerspruch zum Sozialismus (die ‚neue ökonomische Politik' Lenins schloss selbstständige Erwerbsformen ausdrücklich wieder mit ein), sondern die Möglichkeit, dass sich  Kapital ohne Zutun von selbst vermehrt und, dass an Kapital nur kommt, wer über ein entsprechendes materielles Vermögen verfügt."
Eine ‚Ausgrenzung' von Selbstständigen war in dem Ausgangstext gar nicht vorgeschlagen oder gefordert worden [6]. Anliegen war, der These zu widersprechen, daß "Menschen aus allen Klassen und Schichten" für sozialistische Politik anzusprechen bzw. ansprechbar seien. "[A]llen Klassen und Schichten" - das ist nun wirklich etwas breiter als die Bezugnahme auf Selbständige mit geringer Produktionsmittelausstattung, deren Lage der der Lohnabhängigen ziemlich angeglichen ist. Und vom Lohn abhängig sind in der Tat auch noch diejenigen ArbeiterInnen und Angestellten, die im Jahr ein paar 100 oder 1.000 € Zins- und Dividendeneinnahmen haben - insofern kann ich Matthias völlig zustimmen.
Und Selbstständigkeit (von mir jetzt hier im politischen Sinne verstanden) steht in der Tat nicht im Widerspruch zum Sozialismus, und auch nicht zum Kommunismus. Auch hier keine Differenz.
Deutlich skeptischer bin aber hinsichtlich Lenins Neuer Ökonomische Politik (die selbstständige Erwerbsformen einschloß, wie Matthias betont) und hinsichtlich der Frage, was es mit der Verhinderung der "Möglichkeit, dass sich  Kapital ohne Zutun von selbst vermehrt", auf sich hat.
1. vermehrt sich das Kapital auch unter heutigen Bedingungen nicht "ohne Zutun". Dafür bedarf es nämlich der Arbeit a) der Lohnabhängigen und b) der herrschenden Klasse und ihrer ManagerInnen. Die kapitalistische Klasse ist keine Klasse von MüßigängerInnen. Will sie ihre Herrschaft aufrechterhalten, so muß sie den Produktionsprozeß organisieren bzw. von ihr eingesetzte ManagerInnen zumindest auswählen und überwachen.
2. Die NÖP mag unter den damaligen Bedingungen unvermeidlich gewesen sein, und sie wurde unter Stalin durch nichts Besseres ersetzt. Aber ein - mehr oder minder fertiges - Modell des sozialistischen Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus scheint mir damit nicht gegeben zu sein. Eher würde ich wohl dahin tendieren, sie als ökonomisches Zugeständnis zu interpretieren, um wenigstens die politische Macht der Bolschewiki aufrecht zu erhalten.
Genau das, was Matthias wohl mit der - m.E. etwas verunglückten - Formulierung vom Kapital, das sich "ohne Zutun von selbst vermehrt", ausdrücken wollte, scheint mir in der NÖP angelegt gewesen sein (und Lenin dürfte dieses Risiko - aus dem genannten politischen Grund - sehenden Auges eingegangen sein): nämlich das sich eine neu-alte bürgerliche Klasse und ein neuer Prozeß der Kapitalakkumulation herausbildet, die den sozialistischen Übergangsprozeß von innen heraus zum Stoppen bringen. Die bloße ‚einfache Reproduktion des Kapitals' (ohne Akkumulation) ist eine Denkmodell, aber keine denkbare Realität. -
Und an diesem schwierigen Punkt scheint die ganze Linke (mich nicht ausgenommen) noch genauso rat- und hilflos wie 1924 zu sein.

[1] http://www.scharf-links.de/48.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=6158&tx_ttnews[backPid]=48&cHash=d3a514ca6c.

[2] http://www.scharf-links.de/48.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=6196&tx_ttnews[backPid]=48&cHash=39fd26de41.

[3] http://www.scharf-links.de/90.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=6148&tx_ttnews[backPid]=48&cHash=b56f9965b7; http://www.scharf-links.de/90.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=6187&tx_ttnews[backPid]=48&cHash=e3f02451ae.

[4] Vgl. Lenin, Old and New (1911), http://www.marxists.org/archive/lenin/works/1911/dec/10.htm.

[5] Meiner Erinnerung nach war das in dem Text Was sind die Bedingungen dieser Krise? Ein Versuch, den Kladderadatsch im Kreditsystem anders zu sehen, in: analyse & kritik. ak 538 v. 17.4.2009, S. 32 gut erklärt. Gerne würde ich daraus zitieren, habe ihn aber im Moment nicht zur Hand.

[6] Im übrigen bitte ich noch zu bedenken, daß 1991, als der Text ursprünglich geschrieben wurde, das Phänomen mehr oder minder prekärer ‚Schein-Selbständigkeit' weitaus weniger verbreitet war als heute und deshalb auf dieses Thema auch nicht unbedingt einzugehen war.



Und nochmal zur Kapitalismusanalyse und Kapitalismuskritik - 07-08-09 23:12
Vorsicht Sackgasse ! - 03-08-09 21:51
Anmerkungen zu D. G. Schulzes "Linke Kapitalismuskritik": Wichtige Hinweise! - 30-07-09 22:07




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