Ein historisch-materialistisches Fazit


Bildmontage: HF

26.06.12
TheorieTheorie, Kultur, News 

 

von Otto Finger - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Das Zitierte ist von grundlegender Bedeutung sowohl für eine allgemeine philosophische Grundposition des historischen Materialismus wie auch politisch eine Kernfrage der Revolutions- und Staatstheorie.

Darüber hinaus machen diese Sätze eine charakteristische Form der Gewinnung dieser Grundideen und den inneren Zusammenhang wesentlicher philosophischer Seiten des Marxismus kenntlich.


Herausgehoben sei das Folgende:

1. Was die Gesellschaft zunächst zusammenhält, was die Menschen ganz elementar zur gesellschaftlichen Vereinigung bringt, was die Menschen nur als Ensemble ihrer Vereinigung existieren lässt, das sind nicht ihre, der Menschen, oder außermenschliche Ideen, etwa die Idee der Gesellschaft, sondern das sind in letzter Instanz die materiellen Bedürfnisse der Menschen, die objektiven Notwendigkeiten ihres menschlichen Lebens. Dass die materiellen Bedürfnisse diese, wenn man so sagen darf, sozialisierende, die Menschen vergesellschaftende Instanz sind, hat seinen Grund im Wesen der Menschen selbst: Der Mensch ist ein materielles Wesen, ein sinnliches und zunächst darum bedürfnisreiches, beziehungsreiches, nicht selbstgenügsames Wesen.

2. Dieses materielle Wesen ist kraft dieser Bedürfnisse unauflöslich mit, wie Marx sagt, der „Welt außer ihm“ verbunden. Diese Welt außer ihm, das ist nicht die Welt der Ideen und der ideellen Verhältnisse, sondern, materialistisch, die Welt der materiellen Dinge und Menschen.

3. Der bedürfnisreiche, durch Marx materialistisch und gesellschaftlich begriffene Mensch ist, wiederum primär kraft seiner materiellen Bedürfnisse, seiner „Lebenstriebe“, seiner „Not“, ein aktives, tätiges Wesen: Der Zusammenhang, das beziehungsreiche System, die die Gesellschaft ausmachen, ist das Werk der Menschen selbst. Jedes Individuum, betont Marx, muss diesen Zusammenhang schaffen. Er bildet ein reales, also wirkliches, materielles, nicht eingebildetes oder bloß ideelles Band der Gesellschaft. Marx hebt hervor: die Naturnotwendigkeit (also eine wirkliche, natürliche, keine begriffliche und jenseitige, sondern durch die materielle Natur des Menschen selbst wie die äußere Natur gegebene), die menschlichen Wesenseigenschaften (also nicht außermenschliche Größen und nicht vom Wesentlichen des Menschen wegführende, sondern es gerade ausdrückende Eigenschaften), das Interesse als Ausdruck beider, als Umsetzung dieser Notwendigkeit und dieser Wesenseigenschaften in die Bereitschaft, den Drang, zu handeln, zielgerichtet tätig zu sein. Hierbei tauchen solche wichtigen Bestimmungen dialektischen Denkens auf wie Denken in Beziehungen, Zusammenhängen, Vermittlungen zwischen Subjekt und Objekt usw.

Und für eine weltanschauliche Seite dialektischen Denkens ist wesentlich, dass der Mensch hier unter dem Gesichtspunkt der Tätigkeit, des Schöpferischen gefasst wird. Es war ja davon die Rede, dass eben die sozialen Zusammenhänge und Beziehungen das Werk des tätigen Menschen selbst sind.

4. Die Art und Weise, wie materiell-ökonomische Beziehungen beschaffen sind, bedingt das politische Leben in einer Gesellschaft generell, insonderheit aber den Charakter des Staates.

5. Diese Resultate historisch-materialistischen Denkens sind hier wie in allen Knotenpunkten der Herausbildung der Weltanschauung der Arbeiterklasse und ihrer Revolutionstheorie auf dem Wege einer parteilichen Kritik an der bürgerlichen Ideologie entwickelt.

Das letztere dokumentiert, wie im historischen Materialismus auf der Basis eines mit Dialektik vereinigten Materialismus Humanismus ausgebildet wird: tätiger, schöpferischer Humanismus.

Alle genannten Seiten der Marxschen Gedankenentwicklung sind von Bedeutung für die Theorie der sozialistischen Revolution: Sie betreffen Voraussetzungen, Bedingungen, Faktoren und Ziele der Revolution. Vorausgesetzt ist, dass die Gesellschaft kein spirituelles Gebilde ist, sondern einen materiellen Zusammenhang darstellt. Wenn dies das zunächst Wesentliche ist, muss die Revolution die materiellen Lebensverhältnisse der Menschen umwälzen. Sofern es ein materiell-gesellschaftlicher Zusammenhang ist, kann Revolution nur als primär materielle und gesellschaftliche Aktion begriffen werden. Sofern es ein von den Menschen geschaffner Zusammenhang ist, müssen die Menschen in ihrer Fähigkeit begriffen werden, ihre Verhältnisse auch umzubilden. -

Der Staat (der freilich erst in den späteren Arbeiten näher untersucht wird, umfassend erst nach der 48er Revolution) ist keine über der Gesellschaft thronende Institution: wenn durch einen bestimmten Typ bürgerlichen, sprich hier, ökonomischen Lebens erzeugt, so kann er durchaus in einen anderen Typ ökonomischer Verhältnisse umgewandelt werden. Nach der 48er Revolution zeigten Karl Marx und Friedrich Engels konkret, dass er in der sozialistischen Revolution, mit der Vernichtung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse zerbrochen werden, durch einen neuen Staat, die Diktatur des Proletariats ersetzt werden muss

Quelle: Philosophie der Revolution. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1975. Studie von Otto Finger. Vgl.: 4.6. Ein historisch-materialistisches Fazit, in: 4. Kapitel: Materialismus und revolutionäres Klassenbewusstsein contra subjektiven Idealismus (Zur aktuellen weltanschaulichen Bedeutung der „Heiligen Familie“)

 

 

 


VON: OTTO FINGER - REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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