50 Jahre kubanische Revolution: "Die Probleme dieser Welt lassen sich nicht durch irrationale und entfremdete Gesellschaftsformen lösen."


Fidel Castro im Mai 1959; Bild: Wikipedia

31.12.08
TheorieTheorie, Internationales, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

Aus den Ausführungen von Fidel Castro.

"Sie sprechen von einem kritischen Geist, und ich frage mich: Wo ist der kritische Geist in der Presse von so vielen Ländern, die den Anspruch haben, demokratischer zu sein als wir? Wo ist der kritische Geist der Journalisten und all der Fernsehsender in den Vereinigten Staaten, die wie richtige Propagandasprecher den Krieg des Präsidenten Bush gegen den Irak unterstützt haben?
 Die Wahrheit, die Ethik, die das Recht oder Attribut des Menschen sein sollten, finden in jenen Medien immer weniger Raum. Die Pressemeldungen, das Radio, das Fernsehen, die Mobiltelefone und die Internetseiten laden pausenlos, in jeder Minute, eine Fülle von Informationen ab. Es ist nicht leicht für einen Bürger, dem Lauf der Geschehnisse zu folgen. Die menschliche Intelligenz kann sich in dieser Flut von Nachrichten kaum noch orientieren.
 Jenen Informationsorganen, die behaupten, frei und kritisch zu sein, aber von der Werbung abhängig sind und ihre Anzeigenauftraggeber nie kritisieren, sage ich: Warum gibt das politische und soziale System, das sie verteidigen, solch horrende Summen für Werbung aus? Was könnte man mit diesen Milliarden Dollar, die für Werbung verschwendet werden, nicht alles tun? Sie haben hier ein Land vor sich, in dessen Bruttosozialprodukt nicht ein Centavo Unterstützung für Werbung enthalten ist, weder in den Zeitungen noch im Fernsehen, noch im Radio. Kuba gibt keinen Centavo für kommerzielle Werbung aus.
 Welche Rolle haben diese Massenmedien, leider, vor allem in den Vereinigten Staaten, aber auch in vielen anderen Ländern der Welt gespielt? Ich greife sie nicht an. Diejenigen, die so gut wie Sie wissen, welche Auswirkungen die Massenmedien auf den Geist des Menschen haben, werden verstehen, dass wir die Medien hier nutzen, um zu lehren, zu bilden und um Werte zu schaffen. Ich bin aufgrund gelebter Erfahrung zutiefst überzeugt, das Werte gesät werden können - in die Seele der Menschen, in die Intelligenz und in das Herz des menschlichen Wesens.
 Wir reden nicht scheinheilig über die >Freiheit< in der europäischen Presse. Wir träumen von einer anderen Pressefreiheit, in einem gebildeten und informierten Land. In einem Land, das über eine umfassende Allgemeinbildung verfügt und mit der Welt kommunizieren kann. Denn diejenigen, die das freie Denken fürchten, bilden die Völker nicht, unterstützen sie nicht, bemühen sich nicht darum, dass sie ein Maximum an Kultur aufnehmen, an tiefen historischen und politischen Kenntnissen, und dass sie die Dinge wegen ihres Wertes an sich schätzen und mit ihren eigenen Köpfen schlussfolgern können. Um die Dinge aus dem eigenen Kopf zu holen, muss man das nötige Urteilsvermögen besitzen.
 Als die Massenmedien aufkamen, haben sie sich des Geistes bemächtigt, und sie steuern nicht nur Lügen, sondern auch konditionierte Reflexe. Eine Lüge ist nicht das Gleiche wie ein konditionierter Reflex. Die Lüge beeinträchtigt das Wissen, der konditionierte Reflex beeinträchtigt die Fähigkeit, zu denken. Und es ist nicht das Gleiche, ob man dessinformiert ist oder ob man die Fähigkeit, zu denken, verloren hat, weil die Reflexe deinen Verstand dominieren: >Der Sozialismus ist schlecht, der Sozialismus ist schlecht, er nimmt dir das Sorgerecht, er nimmt dir das Haus, er nimmt dir die Frau.<  Und alle Unwissenden, alle Analphabeten, alle Armen und Ausgebeuteten wiederholen: >Der Sozialismus ist schlecht, der Sozialismus ist schlecht.<  So bringt man den Papageien das Sprechen, den Bären das Tanzen und den Löwen eine respektvolle Verbeugung bei.
 Sie lehren die Massen nicht Lesen und Schreiben, sie geben eine Milliarde jährlich für Werbung aus, um einen Großteil der Menschen zum Besten zu halten, menschliche Wesen in Personen zu verwandeln, die, so scheint es, nicht mehr denken können. Man lässt sie Produkte konsumieren, die immer das Gleiche sind, mit zehn verschiedenen Marken; sie müssen sie betrügen, denn diese Milliarde, die für die Werbung ausgegeben wird, zahlen nicht die Unternehmen, sondern diejenigen, die die Produkte aufgrund der Wirkung der Werbung kaufen. Der eine kauft Palmolive, der andere Colgate, der dritte Candado-Seife. Einfach nur, weil sie es ihm hundertmal gesagt haben und es mit einem hübschen Bild verbanden, und so säten sie und schliffen sie ihr Gehirn. Diese Leute, die so gern von >Gehirnwäsche< sprechen, bearbeiten und reinigen die Gehirne so, dass sie den Menschen seines wunderbarsten Schatzes berauben: der Fähigkeit, zu denken.
 Werden sie in Ländern, die zwanzig oder dreißig Prozent völlige Analphabeten und fünfzig Prozent funktionelle Analphabeten haben, von >Meinungsfreiheit< sprechen?  Mit welchen Kriterien, auf welcher Grundlage urteilen sie und wo? Sogar viele gebildete und intelligente Leute wollen einen Artikel veröffentlichen, aber es gibt keinen Weg, dass er erscheint, er wird ignoriert, diskreditiert. Die großen Medien sind zu Instrumenten der Manipulation geworden.
 Wir besitzen und nutzen die Medien, um die Kenntnisse unserer Bürger weiterzuentwickeln. Diese Instrumente besitzen eine Rolle innerhalb der Revolution, sie haben Bewusstsein geschaffen, Konzepte, Werte, und das, obwohl wir sie nicht optimal genutzt haben. Wir wissen aber, wozu sie in der Lage sind und was die Gesellschaft im Hinblick auf Wissen, Kultur, Lebensqualität und Frieden mit dem sozialen Gebrauch dieser Medien erreichen kann.
 Wir werden das Märchen nicht glauben, dass die westlichen Medien dazu bestimmt sind, Werte wie Solidarität, Gefühle von Brüderlichkeit und den Geist der Gerechtigkeit zu schaffen. Sie stellen die Werte, eines Systems heraus, das von Natur aus egoistisch und individualistisch ist. Je gebildeter eine Person ist, desto eher wird sie verstehen, dass die immer komplexeren Probleme dieser Welt sich nicht über irrationale und entfremdete Gesellschaftsformen lösen lassen." (Fidel Castro)


Quelle: Mein Leben, Fidel Castro mit Ignacio Ramonet. Aus dem Spanischen von Barbara Köhler. Rotbuch Verlag, Berlin 2008.







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