Der große Crash und die Weltwirtschaftskrise. Profitmaximierung oder Habgier als seine allgemeine Ursache.


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26.02.09
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Brief von W. Hoss an G. Sandleben

Hallo Guenther,

es ist wohl wahr, daß die Suche nach Lösungen der angestauten Probleme im Spätkapitalismus angesichts der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise noch wichtiger geworden ist. Meine Ansicht kennst Du ja im allgemeinen, d.h. ich bin der Meinung, daß die Grundprobleme unserer Zeit nur durch eine ökonomische Revolution gelöst werden können. Im neuen, nichtkapitalistischen ökonomischen System müssen meines Erachtens die Mechanismen des Marktes unbedingt genutzt werden, aber das Profitsystem und die Warenproduktion müssen aufgegeben werden. In meinem Buch "Modell einer sozialistischen Marktwirtschaft" habe ich, wie ich meine, zeigen können, auf Basis welcher Prinzipien dies möglich ist. Die vorgeschlagenen neuen Grundprinzipien der Produktionsorganisation liegen nach meiner Ansicht ganz im Rahmen der organisatorischen Möglichkeiten unserer Zeit. Eine ganz andere Sache ist das Problem, wann und unter welchen politischen Umständen eine sozialökonomische Revolution möglich werden könnte.

Vor der nächsten ausführlichen Diskussion mit Dir möchte ich kurz zu folgendem Punkt Stellung nehmen. Du sagst:

"Ein Punkt in deinem Brief ist mir nicht ganz klar geworden: Durch die Kapitalvernichtung (Bankrotte etc.) entsteht, wie Du schreibst, auch wieder eine Übernachfrage. Aber nicht jede aus der Asche der Überproduktionskrise geborene Übernachfrage leitet einen langwelligen Aufschwung ein. Du sprichst von "dauerhafter Übernachfrage", ohne das Spezifische daran, das Dauerhafte zu erklären. Zusätzliche Bauten und Ausrüstungen werden auch nach einer ganz gewöhnlichen Überproduktionskrise nachgefragt - oder?"

Natürlich leitet nicht jeder Bankrott einen langwelligen Aufschwung ein - wenn z.B. der Tante-Emma-Laden in meiner Straße pleite geht, dann verursacht das natürlich keinen langwelligen Aufschwung in der Weltwirtschaft. Es kommt natürlich auf die Gesamtheit des Ausfalls der Produktion und damit des Warenangebots in der ganzen Welt an. Jeder einzelne Bankrott erzeugt zunächst nur eine Übernachfrage in einem kleinen Teilsystem der Weltwirtschaft, d.h. in einem einzelnen Unternehmen. Das Angebot des bankrotten Unternehmens geht auf Null, aber die Nachfrage nach Konsumgütern der ehemaligern Beschäftigten und Selbständigen des Unternehmens geht natürlich nicht auf Null zurück, wenn die Produktion eingestellt wird. Die ehemaligen Mitglieder des Unternehmens müssen auch nach dem Bankrott Konsumgüter kaufen, auch wenn sie, oder ein Teil von ihnen, keine neue Erwerbstätigkeit finden. Produktionsanlagen und Ausrüstungen des bankrotten Unternehmens werden zum großen Teil vernichtet. Zum Beispiel im Berliner Glühlampenwerk in Ostberlin war nach der "großen Wende" und nach dem Abschneiden der Nachfrage und damit dem unvermeidlichen Bankrott, ein Großteil der hochspezialisierten automatischen Produktionsanlagen zu nichts mehr zu gebrauchen - die westlichen Investoren haben hauptsächlich die Grundstücke und andre Immobilien "verwertet". Es blieb nicht viel mehr übrig als eine Industrie-Ruine.

Zwar hatte die DDR-Volkswirtschaft in der Gesamtheit aller Produkte die Arbeitsproduktivität der BRD bei weitem nicht erreicht, aber die DDR war ein hochentwickeltes Industrieland, und ein Teil ihrer Produkte, zum Beispiel manche Textilmaschinen, Werkzeugmaschinen und manche Produkte von Carl Zeiß Jena, wurden durchaus in Kosten und Qualität mit Weltspitzenniveau produziert. Im Ostberliner Glühlampenwerk Narva z.B. wurde, einige Jahre vor der "großen Wende", eine automatische Fabrikanlage zur Herstellung von Glühlampen aus Japan importiert. Die gelieferte und gemeinsam mit den Ostberlinern errichte hochproduktive automatische Anlage ließen sich die Japaner gerne und mit großem Vorteil mit Glühlampen der Konstruktion des Ostberliner Glühlampenwerkes bezahlen (Kompensationsgeschäft). Die Wendeln der Lampen des Glühlampenwerkes Narva wurden aus hochwertigem Wolfram aus dem Erzgebirge gefertigt, die Wolframtechnologen waren hervorragende Fachleute und die Wolframhämmerei- und Wolframdrahtziehautomaten hatte Weltniveau. Das Betriebskollektiv und die Betriebsmanager hatten keinen Vorteil, wenn auf Grund einer kleineren Lebensdauer der Lampen die verkaufte Menge stieg. Es wurden keine Gewinne ausgezahlt, sondern nur Löhne, Gehälter und Prämien. Die Ostberliner Glühlampenwerker waren beauftragt und daran interessiert Lampen möglichst hoher Qualität, d.h. insbesondere mit möglichst hoher Lichtausbeute und Lebensdauer herzustellen. Die in westlichen Werken übliche Praxis die Lebensdauer absichtlich auf ein bestimmtes niedriges Niveau zu senken, z.B. das Vakuum in den Lampen so zu dosieren, daß die gewünschte niedrige Lebensdauer erreicht wird, um den Umsatz und Gewinn zu steigern, war damit im Ostberliner Werk sinnlos. Das Resultat waren Lampen von sehr viel höherer Lebensdauer z. B. im Vergleich zum Westberliner Werk Osram. Nachdem nach der "großen Wende" das Ostberliner Glühlampenwerk Narva die Preise seiner qualitativ besseren Lampen unter die Preise der westlichen Konkurrenz gesenkt hatte um zu überleben, und nachdem der ostdeutsche Handel westliche Freundschaftsgeschenke und Fördermaßnahmen nicht ausgeschlagen hat und nur noch in der Qualität schlechtere und teurere Westlampen kaufte, war der Bankrott des Ostberliner Werkes und eines Großteils der Zulieferbetriebe abgesichert - die westliche Konkurrenz war der Sieger.

Aber auch dann, wenn nach fairen Regeln der kapitalistischen Marktwirtschaft die Nachfrage nach den Produkten eines Unternehmens dauerhaft einbricht, ziehen die Pleitegeier genau so ihre Kreise wie heute in großen Teilen der Welt im langwelligen Teufelskreis. Mit jedem Bankrott wird produktives Kapital vernichtet und die Produktion und damit das Angebot auf Null reduziert. Aber der Kauf von Konsumgütern und damit die Warennachfrage der ehemaligen Beschäftigten des Unternehmens geht weiter, obwohl sie kein Warenangebot mehr für den Markt produzieren. Also jeder Bankrott erzeugt auf dem Markt eine dauerhafte Übernachfrage des Teilsystems "Unternehmen mit Arbeitern, Angestellten und Selbständigen". Und wenn es genügend viele Bankrotte in der Welt gibt, dann entsteht auch im Weltwirtschaftsystem eine dauerhafte Übernachfrage, die einen positiven Teufelskreis in Gang setzt (statt einem negativen Teufelskreis wie beim vorhergehenden gesamtwirtschaftlichen Überangebot). Die kapitalistische Marktwirtschaft regelt sich im langwelligen Abschwung also selbsttätig durch Kapitalvernichtungen. Bereits im Kommunistischen Manifest haben Marx und Engels dieses Prinzip, also die Kapitalvernichtung als Mittel zur Überwindung der großen Krisen im Kapitalismus beim Namen genannt.

Daß es im kapitalistischen System keine andere Möglichkeit zur Überwindung der langwelligen Krisen gibt als durch Kapitalvernichtung, damit habe ich mich viele Jahre lang gründlich beschäftigt und bin zu einem eindeutigen Resultat gekommen. Auch die übermäßige Staatsverschuldung nahezu aller Länder der Erde in den letzten 3 Jahrzehnten, darunter auch die großen Triade Japan, Deutschland und die USA, hat nicht zum gewollten Resultat geführt. Es ist erstens, theoretisch erkennbar, warum dies so ist, und auch die praktische Erfahrung hat gezeigt, daß die keynesianischen Konjunkturprogramme den langwelligen Abschwung der Weltwirtschaft seit etwa Mitte der 1970-ige Jahre nicht aufhalten konnten. Durch Riesen-Staatsverschuldung und eine anschließende Steigerung der Unvernunft rückt aber die Zahlungsunfähigkeit des Staates mit großen Schritten näher.

Allgemeine Ursache des langwelligen Abschwungs ist ein weltwirtschaftliches Überangebot an Warenwert. Es wird in dieser Zeit Ware von größerem Wert produziert als Warenwert nachgefragt wird, und infolge dessen kann ein Teil der produzierten Waren nicht verkauft werden. Marx konnte in seiner Werttheorie zeigen, daß ein solches Überangebots an Warenwert hauptsächlich durch den zyklischen Umschlag des fixen Kapitals verursacht wird, mit anderen Worten, durch Zyklen der Investitionen (Käufe von Produktionsbauten und Ausrüstungen) der einzelnen Unternehmen und massenhafte Überlagerungen von unterdurchschnittlichen betrieblichen Investitionen in der Gesamtwirtschaft. Die Abschreibungen Ca für Produktionsbauten und Ausrüstungen beziffern den Anlageproduktionsmittelverbrauch bzw. die Anlageproduktionsmittelkosten, die auf den Wert bzw. Preis des Verkaufsprodukts übertragen werden. Dieser Wert- bzw. Kostenanteil Ca entspricht also einem Teil des auf dem Markt angebotenen Werts. Die Anlageproduktionsmittelkäufe Ka, mit anderen Worten die Investitionen, stellen einen Wertteil der Warennachfrage dar. Sind die Investitionen Ka größer als die Abschreibungen Ca, dann erzeugt das Unternehmen in diesem Wertteil eine Übernachfrage. Großinvestitionen in einer Jahresperiode können eine sehr viel größere Nachfrage des Unternehmens in diesem Wertteil zur Folge haben, als Wert durch die Abschreibungen auf das Verkaufsprodukt übertragen wird. Wenn hingegen die Investitionen in der Jahresperiode kleiner sind als die Abschreibungen, dann übertrifft das Warenangebot die Warennachfrage, so daß in diesem Wertteil eine Übernachfrage entsteht. Da manche Produktionsbauten nach ihrer Fertigstellung oder nach einem kompletten Neubau 50 Jahre lang und länger in Betrieb bleiben können, bei Instandhaltungsmaßnahmen von relativ geringem Wert, ist es möglich, daß auf eine Großinvestition mit Übernachfrage ein Zyklus im Bereich von 50 Jahren und mehr mit ständigem Überangebot durch das Teilsystem "Unternehmen und seine Mitglieder" folgen kann.

Wenn sich im Weltmaßstab infolge von massenhaften Überlagerungen von unterdurchschnittlichen Investitionen vieler Unternehmen ein gesamtwirtschaftliches Überangebot eingestellt hat, dann wird ein Teil der insgesamt in der Welt produzierten Waren unverkäuflich. Damit füllen sich zunächst bei vielen Unternehmen die Warenlager, und so bald sie überfüllt sind ist die Überproduktion da. Die Produktion muß schließlich, verursacht durch das allgemeine Überangebot an Warenwert, reduziert werden, und der Rückgang der Weltproduktion reduziert die Weltnachfrage nach Produktionsmitteln, darunter die Materialnachfrage und die Nachfrage nach Investitionsgütern. Zum Beispiel führt ein Rückgang der Produktion von Glühlampen um 20%, bei unverändertem Materialvorrat, zu einem Rückgang der Nachfrage nach Glaskolben und Sockeln als Zulieferprodukte um 20%.

Ein Rückgang der Weltproduktion drückt also auch die Weltnachfrage nach Produktionsmaterial, so daß die Weltproduktion infolge dessen zusätzlich gedrückt wird. Und durch den Rückgang der Weltproduktion wird auch das Welteinkommen und damit nicht nur die Produktionsmittelnachfrage, sondern auch die Konsumgüternachfrage immer weiter gedrückt. Ein Teufelskreis wird in Gang gesetzt, der die Weltproduktion über mehrere Jahrzehnte drückt, und zwar solange, bis durch hinreichend viele Bankrotte eine Weltübernachfrage entsteht.

Auch Geldschöpfung kann keine Übernachfrage erzeugen, weil eine übermäßige Geldzufuhr für Warenkäufe einen Preisauftrieb erzeugt. Auf Basis der Preisbildung auf dem freien Warenmarkt wird ein um so stärkerer Preisauftrieb erzeugt, um so mehr Geld in den Warenkreislauf gepumpt wird. Die Warennachfrage kann im Geldbetrag (nominal) beliebig vergrößert werden, ohne daß sie letztlich real, also in den Naturalmengen gesteigert wird. Zum Beispiel eine um 50% größere Nachfrage im Geldbetrag bei einem 50% größeren Preis ändert die nachgefragte Menge nicht im geringsten. Wenn Gelddrucken die kapitalistische Wirtschaft aus der Krise herausführen könnte, dann hätten die Zentralbänker auch in der Vergangenheit Aufschwünge planmäßig herbeiführen können, und selbstverständlich haben sie es immer wieder mit Gelddrucken versucht.

Bei einer übermäßigen Geldschöpfung in einer langwelligen globalen Abschwungsphase fließt ein großer Teil des zusätzlichen Geldes nicht in die Warensphäre, sondern in die Spekulationssphäre und verstärkt die ohnehin in dieser Phase unvermeidliche Bildung einer Spekulationsblase um so mehr, um so mehr Geld geschöpft wird. Der größte Teil des zusätzlichen Geldes wird in dieser Zeit, wie gesagt, nicht für Warenkäufe, sondern für Käufe von "Buntpapier", von vielfältigen wunderschönen Wertpapieren mit angelsächsischen Namen verwendet. Nichts macht die edlen Investoren kreativer als die Habgier, die Habgier und nochmals die Habgier, insbesondere dann, wenn in der Hausse über Nacht Millionen-Gewinne für Großzocker möglich sind. Die Zentralbanker der USA haben diese Gier des großen Kapitals in den letzten Jahrzehnten nur bedient. Sie haben ganz gewaltig zur Verstärkung der Spekulationsblase beigetragen, indem sie 1971, also zum Beginn des langwelligen Abschwungs im 4. Kondratieff, die Golddeckung des Dollars aufgehoben und grünes Licht für eine zeitweilig hemmungslose Geldschöpfung gegeben haben. Sie haben zuletzt sogar "den Rest der Bankenwelt" davon überzeugt, daß Geldschöpfung ein Allheilmittel zur Überwindung der Krise sei. Tatsächlich aber hat die übermäßige Geldschöpfung eine globale Spekulationsblase erzeugt, die früher oder später platzen muß. Angesichts der vielfach größeren Geldmenge, die im Vergleich zur Weltwirtschaftkrise 1929 bis 1932 in die spekulative Zirkulation geflossen ist, liegt es an sich auf der Hand, daß das Platzen der gegenwärtigen Spekulationsblase demnächst den größten Finanz-Crash aller Zeiten auslösen wird.

Die Investoren des großen Kapitals handeln aber nur nach einem Prinzip, welches das Grundprinzip ihres Systems ist, nämlich das Prinzip der Profitmaximierung und des möglichst schnellen Wachstums ihres Kapitals. "Produktion von Mehrwert oder Plusmacherei ist das absolute Gesetz dieser Produktionsweise" (Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 647). Meines Erachtens ist die Gesetzmäßigkeit des langwelligen Abschwungs auf Basis der Grundgesetze der kapitalistischen Produktion, einschließlich der Bildung einer Spekulationsblase in dieser Zeit, theoretisch resistent erklärbar. Der große Crash, der demnächst kommen wird bzw. bereits begonnen hat, ist nur ein gesetzmäßiges Resultat der kapitalistischen Produktionsweise und ihrem Grundprinzip der Profitmaximierung. Warten wir's ab, was sich demnächst in der objektiv realen Welt ereignen wird.

Gruß Wolfgang

Wolfgang Hoss







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