Mentalisieren: Anmerkungen zur Gestaltung des Innenlebens


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10.03.19
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Moralisch verlogen auf der Basis einer mit sich selbst identischen Moral

Von Franz Witsch

1. Dialektik der Begriffsbildung

In (T07) ist erörtert, wie fragwürdig der Begriff “Verdinglichung” verwendet, gedacht, beurteilt bzw. moralisch eingeordnet werden kann, nämlich mit sich selbst identisch im “Modus psychischer Äquivalenz” (vgl. T01, S. 2), als könne der Begriff eindeutig spezifizierbar auf einen inneren oder äußeren Sachverhalt verweisen oder diesen eindeutig identifizieren, vielleicht zum Ausdruck gebracht in Gestalt eines Urteils, das jene Sachverhalte moralisch eindeutig qualifiziert im Sinne von “gut” oder “böse” (denken, urteilen oder handeln). Das wäre vielleicht legitim, wenn bestimmte Grenzen im Umgang mit Menschen überschritten würden; z.B. mit der Anwendung physischer Gewalt (Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit). Das schließt staatliche Gewalt aus, sei es nach innen gegen Demonstranten oder in Form von Stellvertreterkriegen, wie sie z.B. in Syrien vom Westen 2011 inszeniert wurden.

Von der Anwendung physischer Gewalt abgesehen wird es schon dem Augenschein nach fragwürdig, das (moralisch) Gute als mit sich selbst identisch zu begreifen. Das trifft insbesondere auf den Machtbegriff zu: es gibt sie nicht außer in der Vorstellung – die “gute Macht”. Ist sie an der Macht, die gute Macht, wird’s fragwürdig. Menschen neigen ganz unvermeidlich dazu, Macht zu missbrauchen, zudem zwecks Machterhalt sich zerstörerisch nach außen und selbstzerstörerisch nach innen abzureagieren, nicht zuletzt zur vergeblichen Befriedung des Innenlebens von Menschen, die Macht repräsentieren, noch ohne zu gewahren, wie vergeblich es ist, innere Spannungen zu befrieden, indem man sie nach außen entsorgt; mehr noch: Abreaktionen sind geeignet, Auflösungsprozesse von Machtstrukturen zu beschleunigen.

Das Problem besteht generell darin, dass (moralisch motivierte) Repräsentationen nicht identisch sind mit dem, was sie repräsentieren, es also eine uneinholbare Differenz gibt zwischen Innen und Außen. Menschen an der sogenannten Macht haben etwas zu verlieren. Entsprechend verändern sich ihre psychisch-interaktiven Dispositionen. Sie bleiben nicht das, was sie mal waren, bevor sie zur Macht gelangen. Und zwar weil die Macht den Makel des Imaginativen (Repräsentativen) nicht loswird, um sich zu legitimieren dazu verurteilt, auf eine ferne, nie erreichbare Zukunft zu verweisen, nach der wir Unterworfenen uns – mit Mozart und Beethoven am Ohr – sehnen dürfen, einer Verdinglichung nicht zugänglich.

Das schließt ein, dass der Machtbegriff ungeeignet ist, soziale und ökonomische Strukturen hinreichend zu analysieren, zumal wenn Repräsentanten der Macht glauben, ihre Macht könne ein Allgemeininteresse repräsentieren, also ohne hinreichenden Gesellschaftsbegriff arbeiten, bzw. ohne eine aufs “Ganze” gesehen in sich stimmige, nicht-imaginative resp. definitive Sollvorstellung (unmittelbar einklagbare Grundrechte auch für Straftäter), die einer Rationalisierung, wie sie der Machtbegriff zwecks Selbst-Legitimierung (Machterhalt) – als seien moralische Imperative der Macht mit sich selbst identisch – versucht, nicht zugänglich ist (vgl. T07, S. 90-96).

Wir sehen es besonders schmerzhaft bei linken Machtanalytikern, die seit 90 Jahren mit dem Stalinismus haderten, weil sie bis heute vollkommen hilflos bis hin zum Wahnsinn glauben, einmal eroberte Macht mit allen Mittel verteidigen zu können, ja müssen – für den “guten” Zweck, versteht sich. In diesem Fall schlägt “gutes” Denken und Handeln für gewöhnlich in schnödes destruktives Denken und Handeln um – bis hin zum Massenmord, zu militärischen Einsätzen nach außen und möglicherweise auch bald nach innen. Wissen (linke) Machtanalytiker, dass sie solche Entwicklungen noch befördern allen friedensrhetorischen Bemühungen zum Trotz?

Um es bedeutungsphilosophisch auszudrücken: Auch das “Gute” ist mit sich selbst nicht identisch, zumal es nicht als ein “reales Außen”, sondern immer nur in Gestalt repräsentativer Entitäten, bzw. verinnerlichter Objektstrukturen existiert, die ihrerseits nach außen von Menschen repräsentiert werden, die überzeugt sind, für das Gute, eine gute Macht zu stehen, bzw. das Gute im Sinne einer so “inneren wie fernen Wahrheit” zu transportieren, resp. im Besitz der Wahrheit zu sein, die es dann mit allen Mitteln zu verteidigen gilt.

Könnte es vielleicht sein, dass jedwede Moral – sprich: soziale Strukturen oder jedwede moralisch begründete Macht – mit sich selbst nicht identisch ist? Zumal sie als von innen her motiviert betrachtet und analysiert werden muss? Ich glaube ja. Geschieht das nicht, wird’s moralinsauer, selbstgerecht, selbstzufrieden, rechthaberisch. So verstanden kann frei nach Adorno und Horkheimer von einer “Dialektik der Aufklärung”, einer Aufklärung mit sich selbst nicht identisch (AdH), gesprochen werden, sowie ganz generell von einer Dialektik des Begriffs, resp. der Verbegrifflichung, Begriffsbildung oder auch der begrifflichen Einkleidung (moralisch beschreibbarer) sozialer Sachverhalte (vgl. WPF, S. 14), und zwar deshalb, weil jene Dialektik aufgrund von Innen-Außen-Differenzen unvermeidlich nach innen, auf eine nicht mit sich selbst identische Identität: den Begriff des Verlierers in sich (vgl. T01, S. 3), verweist, sodass sich das Innenleben notwendig in Form von Mentalisierungs-Vorgängen einbezogen in bzw. verbunden sieht mit zu analysierende soziale Sachverhalte. Im Sinne einer Analyse von Substanz, eben weil das Innenleben untrennbar mit zu analysierenden sozialen Strukturen verbunden ist, eine Verbindung, die einer für das Subjekt handlungsrelevanten Spezifizierung zugänglich ist, wenn sie denn auf etwas fassbar-konkretes (nicht-imaginäres) verweist (einklagbare Grundrechte auch für Straftäter).

Ein engagierter Leser reagierte sichtlich gerührt, als er in (DP3, S. 92) auf den Begriff des “Verlierers in sich” stieß. Vielleicht dass er dachte, dass der Verlierer Mitgefühl verdiene, möglicherweise Mitgefühl brauche. Ich selbst war gerührt, in ihm etwas ausgelöst zu haben. Mittlerweile denke ich anders, präziser, dass es weniger um Mitgefühl geht als vielmehr darum, dass man im Laufe des Lebens sich mit dem Verlierer in sich nicht gerade versöhnt, aber vielleicht lernt, ihn zu akzeptieren, mit ihm umzugehen, das Defizitäre oder Fragile, mithin Verletzliche in sich zumindest nicht zu verleugnen oder zwanglos, ohne voyeuristische Bedürfnisse zu befriedigen zu wollen, zum Ausdruck zu bringen, wohl wissend, dass man sich immer nur im Besitz von Wahrheit wähnt, sodass deren Enteignung zur Rettung von Ehre und gutem Ruf (repräsentative Relikte längst vergangener Zeiten) dann nicht mehr mit allen Mitteln verteidigt werden muss, nicht zuletzt, um so etwas wie eine “feststehende Identität”, mit sich selbst identisch (ich bin der, der ich bin, sprach der Herr), zu retten.

Vor allem gilt es, Kritik und damit verbundene Beziehungskonflikte nicht nur zu ertragen, sondern darüber hinaus in der Lage zu sein, diese zu kommunizieren in der Gewissheit, dass man (u.a. mit eigenen Texten) weder in der Wahrheit lebt, noch jemals in der Lage ist, Wahrheit zu repräsentieren. Bedeutungsphilosophisch formuliert: Repräsentationen von was auch immer sind mit sich selbst nicht identisch: Wolfgang Detel spricht in (GuV) von Repräsentationen von Repräsentationen (Verstehen, dass der andere versteht), sogenannten mehrstufigen Repräsentationen, allerdings in einem wahrheitsfähigen Sinn von “Erkennen” (ohne sich ausdrücklich zu verständigen), um das (mehrstufige) menschliche Reflexionsvermögen in Abgrenzung zu Tieren zu spezifizieren, die – durch Instinkte getrieben – lediglich zu funktional-einstufigen Repräsentationen in der Lage sind. Er sieht nicht das Defizitäre der Repräsentation (und damit im Innenleben), die, und davon spricht er nicht, eine real-allgemeinverbindliche Wahrheit (universale unmittelbar einklagbare Grundrechte) braucht, an der die Repräsentation ihre Wahrheitsfähigkeit, genauer: ihre Fähigkeit zur Wahrheitssuche, bemessen kann, indes nicht eine solche Wahrheit, die sich eindeutig spezifizierbar aus dem inneren wie äußeren Leben heraus versteht, bzw. nicht eine solche, die sich aus repräsentativen Vorgängen der “Lebensweltrationalisierung” auf gleichsam natürliche Weise ergibt (vgl. T07, S. 90-93; ferner Detels Kritik an Heideggers Hermeneutik, GuV, S. 162f; ergänzend DP4, S. 129-131).

Es ist dies eine Wahrheit, die wir wollen müssen, an der sich nicht Wahrheit schlechthin, aber Wahrheitssuche bemisst, eine Wahrheit, die auf ein Allgemeininteresse verweist, auf das sich Menschen verständigen im Bewusstsein, dass dadurch das Fremde, der “Verlierer in sich”, gleichsam entwicklungsstrategisch Eingang findet ins Leben wie ins Innenleben des Subjekts, geeignet, Verletzungen (negative Gefühle, Enteignung gewähnter Wahrheit) auszulösen, die der inneren wie intersubjektiven Verarbeitung zugänglich gemacht werden müssen – schwierig, vielleicht unmöglich. Denn eines dürfte schmerzlich klar sein: das (von was auch immer enteignete) Opfer wird sich kaum damit anfreunden, dass einem Enteigner (von Besitz), z.B. einem Kindesentführer, unmittelbar einklagbare Grundrechte zustehen.

Wir haben es hier mit in der Tat schmerzhaften Prozessen der Sozialisation, in die das Subjekt gleich nach seiner Geburt involviert ist, zu tun. Das wird von Peter Brückner (in BrP) auf beinahe 200 Seiten allerdings nicht besonders weitreichend, eher analytisch kraftlos, recht vage diskutiert, zumal seine “Sozialpsychologie” eine Dialektik der Begriffsbildung weitgehend vermissen lässt. Das zeigt er immer dann, wenn er moralisch motivierte Begriffe oder soziale Sachverhalte zu umstandslos (ab-) qualifiziert, negativ wie positiv. Meist negativ. So sieht er Feindseligkeit in den sozialen oder zwischenmenschlichen Beziehungen transportiert, die sich durchaus als unvermeidliche (normale) Spannungen interpretieren ließen, wie sie in jeder Diskussion vorkommen, wenn sie denn interessant sein soll, von denen auch zwischenmenschliche Beziehungen ganz unvermeidlich durchzogen sind, die indes in einem “intakten” Umfeld einer Verarbeitung in einem sprachlich gestützten interaktiven Kontext zugänglich sind.

Oder ist Kritik etwa feindselig, weil sie feindselig empfunden wird? Vielleicht weil es sich nicht gehört, bedeutende Menschen zu kritisieren, schon gar nicht, wenn sie hohe Ämter oder Funktionen wo auch immer bekleiden? Autoritäten fühlen sich schnell verletzt von ungehaltener Kritik, in ihrer Ehre, und projizieren dies als Feindseligkeit in gewöhnliche ungehörige soziale Strukturen hinein, sodass sich z.B. Klaus-Jürgen Bruder verletzt fühlen könnte vom Bürgerbrief BB135, der eine aus einer Verletzung heraus ungehaltene, wiewohl sachliche Kritik an der inhaltlichen und organisatorischen Ausrichtung der “Neuen Gesellschaft für Psychologie” (NGfP.de) formuliert, für die er als 1.Vorsitzender gewiss besondere Verantwortung trägt. Jedenfalls telefoniert er seitdem nicht mehr mit mir. Weil es unter seiner Würde ist, sich von mir kritisieren (enteignen), gar “feindselig” behandeln zu lassen? Ich weiß es nicht; er redet mit mir ja nicht mehr.

 

2. Das überforderte Innenleben (Selbst)

Fest steht: ohne Kritik dünnt Wahrheitssuche in Gestalt analytischer Bemühungen weitgehend aus; auf welche Weise, haben wir bei Marcuse gesehen. Bei Peter Brückners “Sozialpsychologie des Kapitalismus” (BrP) verhält es sich nicht anders. Stets fängt er gut an; springt mit richtigen Fragen als Löwe, um schnell als Bettvorleger zu enden. So unterschlägt er wie schon zuvor Marcuse (vgl. T07, MaH), dass ohne Fremdbestimmung, Entfremdungs- und Verdinglichungsvorgänge, ja ohne schmerzhafte Enteignungen, verbunden mit “fragilen” Identitätsmustern, dem Verlierer in uns, soziale Entwicklungsprozesse zum Stillstand kommen. Nichts würde besser, schon gar nicht in vom Mechanismus der Kapitalverwertung gesteuerten sozialen Strukturen, in der ohne begriffsbildende Dialektik Beschreibungen eben jener Strukturen vage und indifferent bleiben, nicht geeignet, sinnlose Unterdrückung in sozialen Strukturen bloßzustellen. Vor allem nicht glaubwürdig ohne Einbeziehung des Innenlebens. Wie sagte Marx in seinen Feuerbachthesen noch gleich? Ach ja: auch Erzieher müssen erzogen werden.

Vielleicht dass auch Psychoanalytiker psychoanalytisch behandelt werden müssten? Könnte es sein, dass das in der Sozialtheorie damals wie heute zu wenig gewürdigt wird? Supervisionen von Therapeuten nicht wirklich ernst genommen werden? Damit sie nicht immer schon alles wissen, noch bevor sie auf etwas stoßen, was fremd oder konfliktträchtig anmutet? Allein ohne Einbeziehung des (eigenen) Innenlebens bleiben Strukturanalysen ohne Substanz, gestalten sie sich mechanisch materialistisch bzw. holzschnittartig dialektisch: wenn unklar bleibt, was den Dialektiker von innen motiviert. Mitgefühl mit allen Unterdrückten dieser Erde, würde er sagen, und fortfahren darüber selbstzufrieden oder selbstgerecht zu reflektieren – folgenlos. Eine derartige psychische Disposition trifft nicht nur auf Marcuse und Brückner, sondern auf zu viele Wissenschaftler – z.B. Foucault, Detel, Bruder etc. – zu, alles profilierte Denker; indes ohne hinreichende begriffsbildende Dialektik zur Beschreibung und Analyse sozial-ökonomischer Strukturen ganz unvermeidlich auf Machtanalytik im Fahrwasser des Gut-Böse-Schemas (gute vs. böse Macht) reduziert (vgl. dazu DP3, S. 167, DP4, S. 39f, 60f, 89ff, v.a. 176).

Enttäuschend, dass der 4.Teil “Die Politisierung des Bürgers” (DP4), der Machtanalytik und Machtbegriff als Mittel zur Beschreibung und Analyse sozialer Strukturen kritisiert, bei Klaus-Jürgen Bruders und seinen mir bekannten Texten kaum, eigentlich keine Spuren hinterlassen hat, wiewohl er für diesen 4.Teil ein Vorwort geschrieben hat, als hielte er von mir doch weniger, als er vorgibt. Zuweilen steht mein Name irgendwo in seinen Texten, warum, wird nicht klar. Vielleicht dass er nicht will oder den 4.Teil vielleicht nicht hinreichend verständig gelesen hat, insbesondere die umfassenden Passagen, in denen der Machtbegriff als Mittel der Analyse nicht gut wegkommt.

Vielleicht dass es ihm weniger um Wahrheitssuche geht, zumal rücksichtslos nicht nur gegen andere, sondern auch mal gegen sich selbst, als ginge es um die Unversehrtheit seines über Jahrzehnten angehäuften geistigen Besitzes: “seiner Wahrheit in sich”, mit der er gelernt hat, gut und auskömmlich mit sich und seinesgleichen auszukommen; es also eine Form von Besitz gibt, die sich nicht enteignen lassen möchte, so sich Peter Brückner sinngemäß verstehen ließe (vgl. BrP, S. 111ff), auch wenn er nicht so weit geht, den “Besitz von Wahrheit (in sich)” ausdrücklich zu thematisieren, vielleicht weil er dazu neigt, Prozesse der “Enteignung” mit sich selbst identisch aufzufassen, als seien sie schlichtweg nur das, was sie sind: negativ.

Vielleicht dass Klaus-Jürgen Bruder ferner nicht versteht, dass wir die Wahrheit (in uns), um es etwas missverständlich frei nach Hegels Phänomenologie zu sagen, nicht haben oder nur fälschlicherweise besitzen, sondern dass die Wahrheit (außerhalb unserer selbst: einklagbare Grundrechte auch für Straftäter) uns hat; dass wir etwas brauchen, das uns gleichsam in Beschlag nimmt, freilich in dem Sinne, dass wir beständig wie unter Drogen bemüht sind, ja sein müssen, uns mit dieser – dem eigenen Selbst fremden, ja feindseligen – externen Wahrheit zu versöhnen, was, soviel Idealismus muss nicht sein, nie abschließend erfolgen wird; denn das flüstern uns unsere Bestandsregungen unentwegt zu: meinem Kind soll es besser gehen (vgl. DPB, S.14); ständig unter Spannung wir uns wohl nie gänzlich werden damit versöhnen können, dass Grundrechte selbst Kindesentführer unmittelbar einklagbar in Anspruch nehmen dürfen und zwar selbst dann, wenn Täter Grundrechte anderer, insbesondere das Recht auf körperliche Unversehrtheit, beständig mit Füssen treten. Hier gibt es vielleicht unüberwindliche innere “Barrieren”, um es mit Peter Brückner zu sagen (BrP, S. 109ff), auch wenn er nicht ausdrücklich von inneren Barrieren spricht, die es Klaus-Jürgen Bruder vielleicht nicht gestatten, mit mir weiterhin zu reden.

Alles nur Mutmaßungen, die nicht stimmen müssen. Eher ließe sich sagen, dass Klaus-Jürgen Bruder wie die Sozialtheorie insgesamt nicht recht zu würdigen weiß, was es bedeutet, dass Sozialtheorien wie das Schreiben von Texten moralisch motiviert sind, von innen her, als käme ihnen ein Innenleben zu, die ganz unvermeidlich zu Mutmaßungen herausfordern im Hinblick auf Formen der Gestaltung des Innenlebens, das in der Tat Barrieren gegen innere Wahrheiten kennt, wenn sie denn allzu peinlich oder verletzlich anmuten und, wenn uneingestanden (kleine Zeit zu reden), den wissenschaftlichen Diskurs zweifellos nicht gerade erhellend mitgestalten; und exakt deshalb als Teil wissenschaftlichen Arbeitens der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten, oder man nimmt es mit der wissenschaftlichen Wahrheitssuche nicht so genau.

Noch einmal ganz generell: was will das Subjekt nicht wahrhaben? Im Wesentlichen die Befürchtung, von Wahrheit entkleidet zu werden, nackt dazustehen, enteignet, ehrlos ohne Kaisers Kleider rumzulaufen. Man kommt nicht damit zurecht, dass Sozialtheorien oder Textproduktionen etwas über das eigene Innenleben verraten. Natürlich sind es Menschen, die Sozialtheorien aufstellen, denen ein Innenleben zukommt, das, wie peinlich, in jenen Theorien einer Analyse zugängliche Spuren hinterlässt. Sie legen zumindest – ggf. schwer zugängliche, weil unangenehme – “Mutmaßungen über Jakob” (Uwe Johnson) nahe über das, was auf welche Weise innerlich bewegt, wenn auch – genereller und umfassender formuliert: wie das Subjekt aus dem Innenleben heraus soziale Beziehungen in Verbindung mit gesellschaftlichen Ganzheitsvorstellungen gestaltet, die wiederum sozialverträglich, d.h. abstrakt und konkret zugleich, auf einen äußeren fassbaren Gegenstand, ein reales Allgemein-Interesse im Sinne einer logischen Entität, verweisen könnten, namentlich auf unmittelbar einklagbare Grundrechte auch für Straftäter (vgl. T07, S. 90ff); oder aber sie verweisen sozialunverträglich auf nur vage spezifizierbare Mythen und sind deshalb, frei nach der “Dialektik der Aufklärung” von Adorno und Horkheimer (AdH), geeignet, aufklärerische Potentiale im Sinne sozialverträglicher sozial-ökonomischer Strukturen zu untergraben, wenn nicht gänzlich zu vernichten, in ihr Gegenteil zu verkehren. So gesehen war und ist Aufklärung mit sich selbst nicht identisch, genauer: ihre moralischen Imperative.

Dem entgegen stünden unmittelbar einklagbare Grundrechte; sie wären für ein beliebiges Subjekt, d.h. in einem universell-ganzheitlichen Sinn, von handlungsrelevanter Bedeutung, die, anders als der Glaube an Gott, irgendwelche Mythen oder sonstige Schrullen, auch für den Straftäter seine Zugehörigkeit zum gesellschaftlichen Ganzen unkündbar sicherstellen können und damit ein beliebiges Subjekt überhaupt erst gesellschaftsfähig machen würden (vgl. T07, S. 90ff), vorausgesetzt es wollte und könnte (vorenthaltene) Grundrechte einklagen.

Eine derartige unter bestimmten Bedingungen mögliche Gesellschaftsfähigkeit umschreiben psychoanalytisch angehauchte Sozialtheoretiker wie Herbert Marcuse oder Peter Brückner gern mit dem Eigenschaftswort “emanzipiert”, ohne freilich jene Bedingungen genauer und handlungsrelevant für ein beliebiges Subjekt zu spezifizieren, geeignet, auf sozialverträgliche Weise zu mentalisieren bzw. das Innenleben sozialverträglich (für sich und ein Außen) zu gestalten.

Ohne handlungsrelevante Perspektive machen Ganzheitsvorstellungen dem Subjekt auf Dauer schwer zu schaffen, ggf. schwer Defizitäres im Innenleben freilegend, medizinisch indiziert, der Verarbeitung im intersubjektiven Kontext kaum zugänglich, dann nämlich, wenn jene Ganzheitsvorstellungen sich dazu verurteilt sehen, Vorstellungen (Mythos) zu bleiben: dem Innenleben nicht entrinnen, indem sie auf (stark verinnerlichte) Objekte wie z.B.  “Nation”, “Rasse”, “Volk” oder andere esoterische Schrullen verweisen, die eine Zugehörigkeit zum Außen eines gesellschaftlichen Ganzen lediglich vorspiegeln resp. imaginieren (ebd), ein Versprechen, das sie ggf. nicht halten, wenn das Subjekt positive Gefühle mit “seiner” Nation, seinem “Volk” oder zur “eigenen” Rasse vermissen lässt wie zu sich selbst genau dann, wenn es sich denn zu positiven Gefühlen zur Nation genötigt sieht, zumal ohne mentale Disposition, der Nötigung zu widerstehen oder zu entkommen, weil es sich nicht leisten kann, sich Zugehörigkeiten zu sozialen Strukturen zu entziehen, z.B. eine zugewiesene Arbeit nicht ablehnen kann, wenn es seine nackte Existenz nicht aufs Spiel setzen will, die Sanktionierung des Existenzminimums befürchten muss (vgl. WsB).

Im Fall durch den Mythos gegebenen, jederzeit kündbaren imaginären Zugehörigkeiten kann von einer emanzipierten Verbindung des Subjekts im Kontext von Zwangszugehörigkeiten zu einem Real-Allgemeinen, als Außen einer verdinglichenden Spezifizierung zugänglich (vgl. T07), auf das sich das Subjekt ohne jede Nötigung emanzipiert beziehen kann (vorenthaltene Grundrechten einklagen), nicht die Rede sein. Menschen – einschließlich solche, die sich für Emanzipation aussprechen oder für emanzipiert halten – neigen indes dazu, andere Menschen zu nötigen, oder sie beschreiben, wie Marcuse oder Brückner, kaum in sich stimmig oder nur wenig präzise in der Verwendung ihrer Begriffe, was sie z.B. unter einer für das Subjekt sozialverträglichen emanzipativen Verbindung verstehen, die geeignet wäre, soziale Kontrolle oder normativen Anpassung zu gewährleisten – indifferent: Anpassung und Kontrolle ja, aber liebevoll sollte sie schon sein. So in der Art: Repression ist gut, wenn sie denn liebevoll, um nicht zu zusagen: nicht repressiv ist, wie Wolfgang Detel im Begriff “regulativer Macht” (-Ausübung) zum Ausdruck bringt (vgl. GuV, S. 224f; DP4, S. 90).

Ja, ja, Hartz-IV meint es gut mit uns. Wir müssen das nur begreifen. Und wer das nicht begreifen will, den müsse man liebevoll repressiv auf den rechten Pfad der Tugend im Sinne des Gemeinwohls bringen. Detels Ausführungen zeigen allerdings, dass der Machtbegriff anders als nur indifferent, gewissermaßen moralinsauer mit sich selbst identisch, nicht verwendet werden kann. Etwas was auch Klaus-Jürgen Bruder nicht hinreichend sieht, bzw. uneingestanden in seinen machtanalytischen Ausführungen transportiert. Man könnte es schärfer sagen: strukturell verlogen, nicht erkennbar; uneinsehbar, wenn man das eigene Innenleben – zur Struktur gehörend – nicht explizit einbezieht in den Diskurs.

Einsehbar auch nicht mit Brückner und Marcuse: Denn mehr als lediglich eine indifferente Verwendung moralisch motivierter Begriffe (Anpassung, soziale Kontrolle, Emanzipation etc.) ist aus ihren Analysen beim besten Willen nicht herauslesbar. In (T07) ist dieses Defizit am Beispiel von Marcuses Spätwerk (MaH) herausgearbeitet worden. Es trifft nicht weniger auf Brückner zu. Nicht nur er beschreibt aufs Ganze gesehen nicht in sich stimmig, auf welche Weise soziale Kontrolle und Integration sozialverträglich möglich sein soll, d.h. ohne Menschen zu sagen, was sie zu tun und zu lassen haben, ohne genauer zu spezifizieren, was und wodurch soziale Kontrolle und Integration sozialunverträglich wird, wiewohl sie, wie Brückner sinngemäß ganz richtig sagt, vergiftet sein könnte, etwa wenn er von “Idiosynkrasie gerade der Mittelschichten gegen körperliche Gewalt” spricht, die “in aller Regel die Unfähigkeit ausdrückt, mit den eigenen Aggressionen – ja vielleicht mit der eigenen Körperlichkeit zu Rande zu kommen” (BrP, S. 95). Das wäre immerhin ein Ansatz: es geht im Interesse der Wahrheitssuche um die Fähigkeit, Spannungen und daraus sich ergebene Beziehungskonflikte zu diskutieren, um auf diese Weise “reale Solidarität” zu fundieren; die Brückner indes esoterisch angehaucht – d.h. voluntaristisch mit Hilfe anziehender Attribute wie “brüderlich” – beschwört (vgl. BrP, S. 124f), als verstünde Solidarität sich auf gleichsam natürliche Weise von selbst, um nicht zu sagen, aus sich selbst heraus: gegen etwas gerichtet, gegen Kapital und Staatsgewalt.

Wozu da noch der Feinseligkeiten heraufbeschwörende kritische Blick ins eigene Innenleben? Auch hier nur ein diesbezüglicher Ansatz in Gestalt eines Zitats aus der Feder von Freud, der leider nur ahnen lässt, dass zwischenmenschliche Spannungen, also Beziehungskonflikte, kommuniziert gehören: Man könne, so Freud, “behaupten, dass die richtigen Vorbilder für die Haßrelation (…) aus dem Ringen des Ichs um seine Erhaltung und Behauptung stammen” (zit. nach BrP, S. 125, kursiv im Original).

Derartig richtige Feststellungen lassen sich allerdings nur bejammern, solange sie nicht oder nur vage im Hinblick auf ihre zu spezifizierende Verbindung zu einem gesellschaftlichen Ganzen einer Analyse zugänglich bleiben, und zwar exakt so lange, wie man sich lediglich einen mythischen Begriff vom gesellschaftlichen Ganzen macht (vgl. DPB, S. 14f), also frei nach Adornos und Horkheimers “Dialektik der Aufklärung” ohne zureichenden Gesellschaftsbegriff arbeitet (vgl. T07, S. 90ff), um den sich beide Denker allerdings auch nicht besonders bemühten. Herauslesen lässt sich aus ihrer Dialektik lediglich, dass er fehlt und man ihn gut gebrauchen könnte.

Auf heute übertragen bleiben allerdings nicht nur Brückner und Marcuse, sondern Sozialtheoretiker ganz generell in Ansätzen stecken, im Bemühen, mehr als nur vage z.B. Hass oder Gewalt zu denunzieren, mithin zureichend herauszuarbeiten (verbegrifflichen), dass und warum es wichtig ist, und was es bedeutet, sich zwanglos, und das heißt: ohne Androhung von Gewalt (Hartz-IV-Sanktionen), in den sozialen wie ökonomischen Kontext einbringen zu können. Wiewohl darüber Marx schon in seinen Frühschriften fantasiert: heute fischen, morgen diskutieren und übermorgen ein wenig arbeiten.

Man kann auch im Kontext mit dem eben Gesagten sagen, dass Brückner (wie Marcuse und heutige Sozialtheorien) Allgemeinbegriffe auf visionär-universelle Weise, resp. in einem ganzheitlichen Sinne, verwendet, als könnten sie für ein reales Allgemeininteresse stehen. Unbenommen davon würde Brückner (wie Marcuse) wahrscheinlich nun wieder etwas weniger visionär bestimmten Allgemeinbegriffen, die man mit negativen Gefühlen besetzen könnte, wie z.B. den Begriff “Nation”, die Fähigkeit absprechen, ein Allgemeininteresse im Sinne eines ”Real-Allgemeinen” zu repräsentieren, weil, wie Marcuse richtig und ausdrücklicher als Brückner zum Ausdruck bringt, jene Repräsentation in Aussagen nicht übersetzbar seien, “die sich auf ein partikulares Daseiendes beziehen” (MaH, S. 218), ein Defizit, das Marcuse indes auf seine mit positiven Gefühlen besetzten visionären Begriffe nicht überträgt (T07, S. 88).

Bei Brückner gibt es diesbezüglich nichts zu übertragen. Er ist und bleibt durchgehend vage. Wie auch nicht? Er arbeitet wie Marcuse ohne zureichenden Gesellschaftsbegriff, d.h. mit einem gesellschaftlichen Ganzen nicht im Sinne einer logischen Entität (vgl. T07, S. 90ff), als sei jenes Ganze wie eine soziale Struktur spezifizierbar, einer Verdinglichung zugänglich. Kurzum, als sei die Gesellschaft wie eine (einzige große) Familie einer Spezifizierung zugänglich. Das ist sie, allerdings nur gegen die emanzipativen Interessen eines beliebigen Subjekts.

 

3. Über den Film “Brecht”: Kapitulation vor den Imaginationen der Macht

So gesehen ist der mit positiven Gefühlen besetzte Begriff der “Emanzipation” im Interesse eines beliebigen Subjekts erst dann einer emanzipativ-spezifizierbaren Verwendung zugänglich, wenn der Begriff zugleich in einer spezifizierbaren Verbindung zu einem gesellschaftlichen Ganzen im Sinne einer logischen Entität Verwendung finden kann. Erst dann ist “Emanzipation” im Sinne eines universellen Themas einer spezifizierbaren Behandlung und Verarbeitung (durch Wissenschaft und Kunst) zugänglich. Das trifft auch auf negativ besetzte Begriffe der “Gewalt” oder “Nötigung” zu, wie sie die Hartz-IV-Gesetze vorsehen. Sie nötigen das Subjekt, eine Arbeit aufzunehmen, die es sich nicht selbst ausgesucht hat. Eine derartige Nötigung zur sozialen Integration ist mit Emanzipation nicht vereinbar.

Wir haben es hier mit einem in allen sozialen Feldern präsenten universellen Thema zu tun, das bis tief ins Innenleben des Subjekts reicht, das die Kunst nur scheinbar unabhängig von der Wissenschaft umtreibt (keine Wissenschaftlichkeit ohne Kunst und umgekehrt). Das trifft nicht zuletzt auf den neuen auf der diesjährigen Berlinale vorgestellten Film “Brecht” (von Heinrich Breloer) zu, der sich vielleicht so deuten lässt, dass er den universalen Sachverhalt der Nötigung, das Negativ von Emanzipation, durch die Person “Brecht” (1898-1956) hindurch transportiert, durchaus wissenschaftlich ambitioniert, der Wissenschaft zugehörig im Hinblick auf seine Verbegrifflichung im Sinne emanzipativer Interessen. Dergestalt ist Kunst, dem Innenleben oder dem noch “Unsagbaren” verpflichtet, unmittelbar Wissenschaft, unverzichtbarer Teil wissenschaftlicher Diskurse. “Brecht” macht für die Wissenschaft wie für den Kinobesucher generell u.a. deutlich, dass und auf welche Weise permanente Nötigung geeignet ist, Lebenszeit zu kosten, wie Burghart Klaussner, Darsteller des älteren Brecht, in einem Interview überzeugt ist. Er kann das sagen, weil er es als Schauspieler spürt – soziale Sachverhalte, die einer eingehenden wissenschaftlichen Betrachtung vielleicht zugänglich sind oder gemacht werden sollten (vgl. WPF, S. 14).

So gesehen ist Kunst notwendiger Teil des wissenschaftlichen Diskurses, indem sie mit ihren medialen Mitteln das Innenleben von Menschen beleuchtet, Menschen spüren lässt durch bewegende Bilder, die etwas auslösen, das der diskursiven Betrachtung lohnt. So lässt der Film “Brecht” spüren, dass und wie permanente Nötigung schon dem jungen Brecht (1898-1956), dargestellt von Tom Schilling, gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs schwer zu schaffen macht: Brecht rettet sich und seine Fähigkeit, sich in den sozialen Kontext einzubringen, und dabei sein Innenleben lebendig zu gestalten (zu mentalisieren, vgl. T01, S. 2f), mit Hilfe der Kunst bzw. seiner Kunst, über die er “Zeichen” setzt, etwas auslöst, u.a. im Hinblick auf seine Einstellung gegen den Krieg, und zugleich Anfeindungen der Macht (negative Gefühle) gegen seine Kunst verarbeitet, freilich fragil, hinter dem Rücken des Künstlers in verschlüsselter Form (vgl. T06, S. 62ff), und deshalb im Sinne der Macht instrumentalisierbar, die Fähigkeit zur Empathie begrenzend, die sich wesentlich auf stark verinnerlichte imaginäre Objekte wie “Nation” oder “Vaterland” bezieht, aber auch auf eine mit positiven Gefühlen besetzte Arbeiterbewegung, die es als Vorstellung, die eine gesellschaftliche Ganzheit zu repräsentieren vermag, auf überzeugende Weise nicht gibt, schon gar nicht mit einer das Subjekt emanzipierenden Wirkung, ein Defizit, das Marcuse und Brückner wie ihre politischen Gegner ohne “zureichenden Gesellschaftsbegriff” (vgl. T07, S. 90ff) lediglich indifferent herausarbeiten. Sie sagen nicht, wie es aus dem alltäglichen Nahbereich heraus anders gehen kann: sie formulieren keine “Politik des alltäglichen Nahbereichs”, in der das Private und Intime, das Innenleben, eine wesentliche Rolle spielt (vgl. DPB, S. 145-179). Stattdessen glauben sie, mit ihren Zeichen, bloßen symbolischen Repräsentationen (alles nur “Theater”), ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden; können sie nicht oder doch nur sehr eingeschränkt. Eben weil sie sich sozialunverträglichen Zugehörigkeiten (siehe Hartz-IV) nicht entziehen können, bzw. auf fragile Zugehörigkeiten, einer Kritik nur begrenzt zugänglich, bauen.

So auch Brecht, denn von Imaginationen (verinnerlichte Objekte wie “Arbeiterklasse, Oktoberrevolution, Lenin, Stalin, Völker – hört die Signale” etc.) ist auch er, wenngleich in gewollt scharfer Abgrenzung zu geläufigen Imaginationen (wie Nation und Vaterland), nicht frei. Anstatt “Nation” lieber den Begriff “Volk” zur Beschreibung des gesellschaftlichen Ganzen, was die Sache nicht weniger vage erscheinen lässt. Und so sind es auch bei Brecht “Unbestimmtheiten”, die sein so gebrochenes wie nur eingeschränkt von Distanz geprägtes Verhältnis zur Macht konstituieren – von naiven Illusionen über eine sogenannte “gute Macht” nicht frei: Also doch, sagt er sich, Stalin ein Massenmörder! Eine entmythologisierende Erkenntnis, die geeignet ist, “schöne” Vorstellungen von einer “guten Macht”, die Solidarität verdient, zu zerstören, die ihm erst kam, als ihm in Manuskriptform die Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag 1956 zugetragen wurde.

Das schließt ein, dass Brecht zeit seines Lebens über seine Kunst mit den Mächtigen in Staat und Gesellschaft, aber auch immer wieder mit Familienangehörigen und Theater-Kollegen, ziemlich hilflos in spannungsgeladene Konflikte geriet, die sozialverträglich zu bewältigen jeden Menschen schnell überfordern können unter den gegebenen sozial-ökonomischen Verhältnissen; insbesondere, wenn man – machtanalytisch orientiert – nicht davon lassen will, an die (gute) Macht zu glauben. Das lässt Brechts Intimleben: seine Art zu lieben, mit Gleichgesinnten umzugehen, von Schilling und Klaussner gut in Szene gesetzt, nicht unberührt, sodass er seelische Entlastung bis ins Erwachsenenalter hinein kaum fand.

Das Spiel nicht nur der beiden Brecht-Darsteller zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass es, ohne routiniert zu wirken, mit und in den Figuren lebt, sowie zeigt, dass das Private oder Intime vom Gesellschaftlichen nicht zu trennen ist, wiewohl der Analyse getrennt zugänglich – nicht real, aber zu analytischen Zwecken; mehr noch zeigt ihr Spiel, dass es eine – wenn auch für gewöhnlich unanalysiert nur gespürte – Verbindung zwischen dem Intimen oder Privaten und dem Gesellschaftlichen gibt (vgl. T07):

Vor einer Spezifizierung oder verdinglichenden Verbegrifflichung der Verbindung, die über bloßes Spüren hinausgeht, auf Gesellschaft als logische Entität verweisend, schreckt die Sozialtheorie bis heute allerdings zurück, wenn ihren Repräsentanten es überhaupt bewusst ist, warum sie wovor eigentlichen zurückschrecken, nämlich davor, ihre Zugehörigkeit zu “ihrer” Gesellschaft – obwohl lediglich in ihrer Vorstellung existent – aufs Spiel zu setzen. Sie machen sich nicht klar, dass eine Gesellschaft resp. soziale Felder, die vom Mechanismus der Kapitalverwertung gesteuert werden, keine “wirkliche” sondern nur “imaginative” Zugehörigkeiten kennt. Ohne reales Verhältnis zur Macht wollen sie indes, so gut es irgend geht, ihr Verhältnis zur imaginären Macht, die für sich in Anspruch nimmt, das Ganze – absurd, aber wahr: real – zu repräsentieren, als ungebrochen erscheinen lassen; wie um der Macht zu bedeuten: seht her, ich bin kritisch, aber nützlich in eurem Sinne; ihr braucht mich. Ich verdiene auskömmlich dotierte öffentliche Ehre und Präsenz – ohne zu gewahren, dass Ehre, Charisma und guter Ruf nichts, aber auch gar nichts bewirken; nichts als residuale Überbleibsel ehemals archaischer Traditionen und Rituale, die zu ihrer Zeit tatsächlich etwas bewirkten. Das macht übrigens der Film “Birds of Passage” (vgl. BoP) auf berührende Weise deutlich. Dazu später (in Kap. 8) mehr.

Bloße Repräsentationen (der Macht) zeugen von einer mentalen Disposition, die nach der Vorab-Aufführung des Films “Brecht” am 22. Feb. 2019 in kleinerer Münze zum Ausdruck kam durch eine Frage an den Regisseur Heinrich Breloer. Der Film, so bereitete ich die Frage vor, zeige auf beeindruckende Weise die Hilflosigkeit des Denkens und der Kunst gegenüber den Mächtigen insbesondere in der DDR. Ließe sich das vielleicht auch auf unsere Verhältnisse übertragen? Heinrich Breloer antwortete sinngemäß wie um den Film lobpreisende ARD-Größen nicht zu verwirren: Nein! Dem Denken wie dem Denker komme bei uns große Macht zu. Und dann der naive Satz: Man könne in Deutschland alles sagen, alles filmen, ohne Repressionen, Gefängnis etc. zu befürchten.

Doch was macht uns so hilflos? Dass wir uns abhängig wähnen von einer Macht, die Solidarität angeblich verdiene, wiewohl sie nur in repräsentativer Form präsent ist, sodass wir uns aktiv einbezogen sehen in Vorgänge der Zerstörungen überlebenswichtiger Ressourcen, die uns real und nicht nur eingebildet ernähren. Wir kommen von den Unsinns-Produktionen einfach nicht los: wir lieben Kriege, weil sie uns als human erscheinen, Filme unentwegt den “guten Soldaten” preisen (u.a. Spielbergs “Soldat James Ryan”), aber in Wirklichkeit deshalb, weil sie unseren “Wohlstand” oder “Sozialstaat” direkt oder indirekt finanzieren und zugleich um uns herum alles kurz und klein schlagen.

Mit der Autoproduktion verhält es sich genauso. Desgleichen mit der Atomenergie, die noch tausende von Jahren massiv belasten wird, oder mit der durchindustrialisierten Landwirtschaft sowie der Plastikproduktion, die die Weltmeere verseucht. Die Liste ließe sich beliebig erweitern. Gegen diesen ganzen Unrat, den wir – ganz besonders den Besitz von Autos – gelernt haben zu lieben, zeigt sich das Denken vollkommen hilflos, dem Imaginären verpflichtet – auf viel schlimmere Weise als unter dem Stalinismus, der zumindest als äußerer Feind noch identifiziert wurde, nicht so von großen Teilen der Linken.

Und was ist heute? Es herrscht Krieg zwischen Arm und Reich, sagt Warren Buffet, einer der reichsten Menschen der Welt, und fügt hinzu: wir werden ihn gewinnen. Irrtum, Mr. Buffet, ihr werdet gar nichts gewinnen, keiner wird irgendetwas gewinnen, weil wir zuvor die Erde zugrunde gerichtet haben werden. Auch er: ein Produkt imaginärer Macht, die nichts bewirkt außer dass selbst die, die nichts mehr zu verlieren haben, außer ihre Ketten (Marx), sich an Zerstörungen beteiligen, noch befördert durch Machtanalytik, wie sie u.a. Klaus-Jürgen Bruder, Foucault und Detel betreiben (siehe oben).

Zu befürchten steht, dass Heinrich Breloer mit seiner bräsigen Antwort von der großen Macht des Denkens (Imaginären) ein rein akademisches Interesse bedient, auch in sich selbst transportiert. Enttäuschend. Man fragt sich, wozu der Film, wenn er, ohne es tatsächlich zu sagen, nur bedeuten will, dass wir auf einer “Insel der Glückseligen” leben – davon übrigens auch “Das Leben der Anderen” und “Werk ohne Autor” von Florian Henckel von Donnersmarc nicht frei sind.

Später, im Gespräch, vertrat Burghart Klaussner die gleiche Auffassung wie Breloer: die Hilflosigkeit des Denkens gegenüber der Macht sei auf unsere Verhältnisse nicht übertragbar. Als sage den Filmemachern ihr Film – allen Lobpreisungen auf der Bühne zum Trotz – weniger (zu) als mir. So gesehen verfehlt bzw. reduziert er sein Thema, umfassender begründet: wenn er systemaffirmativ, isoliert von einem umfassenderen Kontext, gedeutet werden kann, in den wir (in Deutschland) angeblich nicht – und wenn, lediglich herablassend, der sogenannten Macht allzu gefällig – involviert sind; eine Deutung, die sich, die Antworten zeigen es, förmlich aufdrängt, während ich – ziemlich naiv – im Film vielleicht nur mehr sehen wollte, als in ihm drin steckt.

 

4. Überfordert, das Fremde dem (inneren) Leben zu assimilieren

Man könnte alles zusammengenommen meinen, Sozialtheoretiker (wie schon früher Gewerkschaften oder Parteien der Arbeiterbewegung) verweigern im Kontext imaginärer Machtstrukturen bis heute – ohne es zu ahnen – dem Subjekt, sich zu emanzipieren, gleichwohl sie wie Burghart Klaussner die Auffassung vertreten, dass “die Utopie einer besseren Gesellschaft” nicht verloren gehen dürfe, aber “unter den Händen” leider zerrinne; oder die wie Marcuse oder Brückner den Begriff Emanzipation unentwegt verwenden, indes gleichsam wie im Wort identifiziert, als sei der Begriff mit sich selbst identisch, einer Verbegrifflichung nicht zugeneigt (vgl. WPF, S. 14), zumal sie mit dem Wort “Emanzipation” (wie auch Klaussner mit der Utopie von einer besseren Gesellschaft) lediglich positive Gefühle für sich und andere verbinden, darüber es keinen Streit geben kann – ohne handlungsrelevante (praktische) Bedeutung für ein beliebiges Subjekt.

Selbstverständlich spezifizieren Marcuse und Brückner unentwegt wie es sich für einen Wissenschaftler gehört. Aber wissen sie auch, dass sie imaginär-visionäre Begriffe wie Emanzipation lediglich mit weiteren lediglich visionären Ausdrücken wie “Freiheit”, “Bewusstsein”, “Bewusstseinswandel”, “befriedetes (Dasein)” etc. umschreiben? – obwohl diese ihrerseits, wie zuvor schon der von ihnen beschriebene Begriff “Emanzipation”, einer verdinglichenden Spezifizierung im Sinne eines handlungsfähigen Subjekts bedürften. Um nicht zu sagen, sie umschreiben, wie Esoteriker es tun, Visionen mit Visionen.

Und in der Tat sieht es danach aus, als begnügten Sozialtheoretiker sich in gewisser Weise wie Esoteriker damit, ihr Innenleben mit glücksversprechenden Worten der Hoffnung, an die sie z.T. selbst nicht glauben (sie zerrinnen, ja warum denn nur?!), auszuschmücken – ohne Ahnung, dass es nicht reicht, Allgemeinbegriffe mit positiven Gefühlen zu besetzen – in Abgrenzung zu negativ besetzten Allgemeinbegriffen wie Kapital, Profit, Markt, die einer Spezifizierung zugänglich wären, die sie aber im Interesse einer Analyse von Substanz nicht hinreichend oder streckenweise inkompetent spezifizieren, nicht zuletzt Rainer Mausfeld in seinen Vorträgen (vgl. MaRa).

Auch Mausfeld hält es lediglich wohlfeil für geboten, dass sich Bürger von unzumutbaren Abhängigkeiten “befreien” mögen, ein moralisch motivierter Wunsch ohne den geringsten praktischen Wert für einen beliebigen Bürger. Dazu müsste man den Bürger zunächst aus der Abhängigkeit von der Kapitalverwertung befreien, und zwar nicht, indem man das Kapital bekämpft – es lässt sich nicht bekämpfen –, sondern indem man es abschafft (vgl. DP2, S. 45-109), eine sehr wesentliche Voraussetzung dafür, dass sich der Bürger moralisch motiviert (mental) emanzipieren kann, wenn er denn wollte oder sein Auto nicht zu sehr liebte; eine Möglichkeit, die zudem nicht unbedingt “Wirklichkeit” werden muss, zumindest solange Sozialtheoretiker wie Mausfeld vor Zuhörern und Lesern ziemlich orientierungslos vor sich hin schwadronieren – Ablasshandel betreiben: Bürger fühlen sich emanzipiert, weil sie seinen Vorträgen lauschen und dafür bezahlen (Volker Pispers).

Mausfelds Urteile erforderten eine eingehendere Spezifizierung der Begriffe “Kapital” oder “Kapitalismus”. Kapitalismus und Demokratie seien ein Widerspruch in sich. Alles bekannt und ganz einfach, so Mausfeld (in MaRa, ab Min. 50). Er fordert seine Zuhörer nicht, indem er lediglich Wunschvorstellungen (alles [möge] bekannt [sein], ganz einfach) transportiert, vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen nicht besonders seriös.

Rainer Mausfeld mag orientierungslos vor sich hin schwadronieren. Dennoch beschreibt er in seinen Vorträgen leidvolle Symptome realistisch. Allein seine gegen das Kapital gerichteten Ausdrücke verweisen, um das eben gesagte zu präzisieren, auf einen Gegenstand im Hinblick auf von ihm stark verinnerlichte (imaginäre) Objekte, die wiederum nur auf (Wunsch-) Vorstellungen (Imaginationen) verweisen, die also dem Innenleben – der Welt der Vorstellung – nicht entrinnen, bzw. die auf einen realen Gegenstand außerhalb des Innenlebens nicht oder nicht zureichend spezifiziert verweisen. Das könnte man in der Tat “verdinglichen” (einer Vorstellung ohne realen Gegenstand) in einem negativen Sinne nennen, in der Tendenz “krank und krankmachend”, weil Menschen auf der Basis jener wohlfeilen, das Innenleben lediglich schön machenden Ausdrücke genau dann ohne Verhältnis zueinander sind, mithin von Ausgrenzung bedroht sind, “wenn’s drauf ankommt”, z.B. wenn sie “richtige Gefühle” – im Hinblick auf die Art der Verwendung von Ausdrücken wie Nation, Rasse, Volk, Macht, Kapital, Freiheit, Emanzipation, Entfremdung oder bestimmten Personen wie Mausfeld, Brückner, Marcuse, Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao etc. – vermissen lassen, eben wenn sie sie mit sich selbst nicht identisch verwenden und damit ihre Gesprächspartner mental überfordern. Dann wird offensichtlich, dass und auf welche Weise Menschen entfremdet zu sich selbst, zu anderen Menschen oder in ihrer sozialen Umgebung fühlen, denken, sprechen und handeln.

Am Beispiel der beiden gemeinhin positiv und negativ besetzten Begriffe “Entfremdung”, “Emanzipation”, “Solidarität” kann man sehen, dass und auf welche Weise sozial motivierte Begriffe mit sich selbst nicht identisch sind, die generell auf eine Moral verweisen, die mit sich selbst nicht identisch ist. Was ist Solidarität wert, wenn sie Kritik nicht verträgt bzw. Menschen es schwer haben, wenn sie innerhalb einer Solidargemeinschaft Kritik formulieren?, wenn Solidarität also nur bei “schönem Wetter” existiert? Weil Sozialtheoretiker von links bis rechts überfordert sind, das mit sich selbst nicht Identische zureichend herauszuarbeiten und damit unentwegt moralisieren im Modus “psychischer Äquivalenz” (vgl. T01, S. 2ff). Und damit hinter ihrem Rücken ihre visionären, einer Verdinglichung nicht zugänglich gemachten Fantasien – bloße Sehnsüchte – verdinglicht verwenden; zumal überfordert, ihre einer Verdinglichung zugänglichen Fantasien einer Verdinglichung zugänglich zu machen; dies eben nicht im Modus psychischer Äquivalenz, was naturgemäß Kritik einschließt, die auch mal “verletzt” und – nunmehr im Modus psychischer Äquivalenz – zu impulsiven Reaktionen verführt, sodass man dann – zum lediglich gespürten eigenen Leidwesen – seiner Verantwortung (für sich und alle Unterdrückten dieser Erde) nur sehr begrenzt gerecht werden kann.

Das gilt, wie beschrieben, für Brückner nicht weniger als für Marcuse und Mausfeld sowie für all diejenigen, die auf dem NGfP-Kongress zum Gedenken an Peter Brückner (vom 1. – 4. März 2012 in Berlin) diesen vornehmlich abfeierten in einer Art nachträglichen Begräbnisandacht, anstatt sich kritisch auf Brückner zu beziehen, um seine “Sozialpsychologie des Kapitalismus” tatsächlich auch ernst zu nehmen, die bis heute v.a. begriffsmethodisch nicht zuletzt auf jenem Kongress nicht weiterentwickelt worden ist.

Man könnte tatsächlich meinen, Sozialtheoretiker schwimmen im esoterischen Fahrwasser; namentlich Brückner (und damit auch seine Anhänger), wenn er (z.B. in BrP, S. 32-35) Allgemeinbegriffe wie “Bewusstsein”, “Identität”, “Emanzipation”, “Klassen (?Struktur)”, “Kapital”, “Kapitalverwertung” unspezifiziert oder auf nicht-verdinglichende Weise verwendet, oder aber verdinglicht verwendet, ohne tatsächlich zu verdinglichen (Visionäres mit Visionärem spezifizieren), weil in Abhängigkeit zum Innenleben jene Begriffe lediglich mit positiven Gefühlen oder negativen Gefühlen während ihrer Verwendung aufgeladen werden und dem Innenleben nicht entrinnen (auf dessen Unversehrtheit es primär ankommt), um sich von negativen Gefühlen zu entlasten, indem man sie im Sündenbock wohlfeil entsorgt bzw. abreagiert, um des Weiteren sein Innenleben wohlfeil mit positiven Gefühlen auszuschmücken, von entsorgten negativen Gefühlen nicht angekränkelt. Das klappt umso eher, je mehr abreagiert wird, bis am Ende, auf einer noch oben offenen Richter-Skala, doch alles einstürzt.

Gerät die Unversehrtheit der Gefühle in Gefahr, wird es in der Tat schon mal cholerisch. Dann ist es mit der Solidarität oder Kommunikation schnell vorbei. Pro forma gibt es sie vielleicht noch, dem Wort nach, wenn überhaupt. So gehen v.a. Linke mit ihresgleichen um, wenn sie nicht ohnehin wie die Partei “Die Linke” ein wenig kritisches oder lediglich affirmativ-kritisches Verhältnis zu unserem Sozial- und Wirtschaftssystem pflegen. Im Grunde pflege sie ihre Gefühle, z.B. zu Begriffen wie “Kapitalverwertung” oder “Bourgeoisie”, die sie negativ besetzen; Emanzipation, Bewusstsein oder Frieden besetzen sie positiv. Das reicht nicht, solange jene Begriffe unspezifiziert als ein Außen bzw. nicht unabhängig vom Innenleben (seiner Verletzbarkeit), bzw. nur imaginär existieren, oder nur deshalb existieren, weil ein Gefühl ihre Existenz anzeigt. Unabhängig vom Innenleben und spezifizierbar müssen sie überdies im Kontext einer Vorstellung von einem gesellschaftlichen Ganzen im Sinne einer logischen Entität verwendet werden können, auf die sich ein einzelnes Subjekt emanzipiert; d.h. real, handlungsrelevant (Einklagen von Grundrechten) und nicht nur eingebildet emanzipiert beziehen kann (vgl. T07, S. 90-96), eingebildet im Sinne einer gleichsam esoterisch angehauchten Wunschvorstellung von einer fernen zukünftigen Emanzipation, Befreiung (der Arbeiterklasse) oder Befriedung in der elegischen Art “es möge so werden” oder “so soll unser Leben aussehen”. Das reicht nicht. So etwas entrinnt dem Innenleben nicht und wäre damit nur wohlfeil und nicht geeignet für eine Analyse von Substanz.

So ist auch die Analyse von Peter Brückner nicht geeignet, Leser real und nachhaltig zu immunisieren gegen eine vorurteilsgeladene Verwendung von Aussagen über (Rand-) Gruppen wie Hippies, Gammler, Subkulturen des Hasch etc. oder, wie heute üblich, über Flüchtlinge, Muslime oder Menschen mit sonstigen religiöse Präferenzen. Brückner bemüht sich endlos um Erklärungen randständiger Existenzen, insbesondere von kriminellen Taten (v.a. gegen Kinder), wie um diese von Schuld und Verantwortung für ihr Tun zu entlasten: “Aber die Person des Täters, was hätte die Psychologie denn nun zu ihm genauer zu sagen? Daß es (…) Grausamkeiten gegen Kinder geben mag (…); daß wir aber nur eine Grundwahrheit unserer Gesellschaft aussprechen, wenn wir sagen, daß jeder Täter austauschbar (…); daß es auf den einzelnen nicht mehr ankommt” (im Original kursiv; BrP, S. 106).

Das ist schon mal nicht wahr: auf den Einzelnen kommt es sehr wohl an. Man will nur nicht, dass es auf ihn ankommt, z.B. dass er sich grundsätzlich gegen eine ihm zugewiesene Arbeit aussprechen kann. Das darf nicht sein: dass der Einzelne sich gänzlich verweigert. Zum Beispiel weil er sich an Sinnlos-Produktionen nicht beteiligen will. Das geht selbst linken Weltverbesserern, namentlich O. Lafontaine oder seinem Freund Heiner Flassbeck gegen den Strich, die sich gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen aussprechen. Die finden nämlich, dass es Arbeit genug gibt. Nur gut bezahlt müsse sie sein. Auf diese Weise meint man, sich um randständige Menschen bekümmern zu müssen – doch nicht etwa, um sie von Verantwortung zu entlasten? Das Gegenteil ist geboten, wiewohl nur theoretisch imaginiert, wohlfeil in unserer Vorstellung, die wir der sozialen Praxis lieber nicht aussetzen wollen. Sonst arbeitet am Ende gar niemand mehr.

Nur dass ich mich, weder mit noch ohne Arbeit, als randständig fühle, tatsächlich aber so behandelt werde. So meine theoretischen Bemühungen, die nur deshalb entstehen konnten, weil ich – Gott sei Dank – ohne Arbeit war und bin, auf die insbesondere Linke, nicht nur Jürgen Voges (vgl. BB135), geradezu cholerisch reagierten. Warum nur? Langsam komme ich zu der Überzeugung, dass meine Bemühungen einzigartig sind, weitgehend unterschätzt von Menschen, die mich zu kennen glauben. Ja, und je überzeugter ich von der Qualität meiner theoretischen Bemühungen bin, je weniger stört es mich, dass ich unterschätzt werde. Mittlerweile respektiere ich die Überforderung meiner cholerischen Gesprächspartner, die sich mit meinen Analysen nicht anfreunden können. Nicht zuletzt die Überforderung von Klaus-Jürgen Bruder; der mich vermutlich weiterhin schätzt, und den ich ebenso weiter schätzen werde, auch wenn er es ausdrücklich ablehnt, mit mir zu sprechen, z.B. den Fall “Voges” näher zu diskutieren (vgl. BB135).

Weil die Zeit fehle, sagt er (per Mail), die er allerdings früher hin und wieder aufbrachte. Nun fehlt sie ihm seit mehr als zwei Jahren. Für mich drängt sich die Vermutung auf, dass er sich von mir nicht sagen lassen möchte, dass er als 1. Vorsitzender der “Neuen Gesellschaft für Psychologie” (ngfp.de) Quassel-Kongresse organisiert, deren Referenten auf dem diesjährigen NGfP-Kongress die Intellektuellen an ihre Verantwortung für das gesellschaftliche Allgemeinwohl erinnern möchten, die sie in der Tat immer weniger wahrnehmen, eben weil sie überfordert sind, das Fremde (z.B. mich) – das mit sich selbst nicht Identische – dem eigenen Leben zu assimilieren.

Man verstehe mich nicht falsch: ich bin verletzt und schreibe auch so; schon gleich zu Beginn von DPB (vgl. das Kapitel “Begriffliche Grundlagen”, S. 29) sage ich das. Weil Verletzungen den wissenschaftlichen Diskurs grundlegend beleben und deshalb dazu gehören wie moralische Erwartungshaltungen, die auch erst nach und nach – unwiderruflich nicht zuletzt dank Jürgen Habermas – in den wissenschaftlichen Diskurs einbezogen wurden. Dies muss nun auch für das Innenleben, die Gefühlswelt, gelten, die Habermas indes noch getrennt vom philosophischen Diskurs in Kunst und Literatur entsorgt sehen will (vgl. HEE; DPB, S. 52-59); er Kunst also lieber genießt, als sich von ihrer Wahrheitssuche überfordern zu lassen.

Verletzungen ändern auch nichts an meiner Wertschätzung für Wolfgang Detels Hauptwerk GuV, das ich (in DP4) auf rund 70 Seiten kritisiere. Auch werde ich nicht unterschlagen, dass ich ihm wie auch Klaus-Jürgen Bruder einiges verdanke. Nur dass Wahrheitssuche eben Dankbarkeit nicht kennt. Da muss man erst mal hinkommen; vor allem zur schmerzhaften Erkenntnis, dass Interaktion Verletzungen (negative Gefühle) einschließt, die dann einer sprachgestützten Verarbeitung zugänglich sein, bzw. gemacht werden müssen, wenn es denn “wirkliche” Solidarität geben soll. Genau dieser Verantwortung werden allerdings (NGfP-) Linke (auf ihren Kongressen) genauso wenig gerecht wie ihre politischen Gegner.

Ein überfordertes Innenleben deutet sich immer dann an, wenn Menschen, die sich für integriert oder kommunikativ für kompetent halten, mit jenen oben erwähnten Randgruppen in Berührung kommen, wenn also die leidvolle Realität sich ihrem Innenleben “unerhört” aufdrängt, oder wenn Beziehungskonflikte drohen, die in der Tat jeden überfordern können. Zum Beispiel den Umgang mit Drogensüchtigen. Das trifft auch auf diesen Text zu. Den würde man sich als Vortrag vermutlich, von Klaus-Jürgen Bruder abgesehen, auf dem diesjährigen NGfP-Kongress nicht gern antun wollen. Das könnte ein Grund sein, warum man mich lieber entsorgt sieht. Hier schlagen, der Fall Voges deutet es an (vgl. BB135), positive schnell in negative Gefühle um, oder das kommunikative Interesse stirbt weg; eben wenn die Gefühlswelt (das Innenleben) so disponiert ist, dass – in was und wen auch immer – lediglich Gefühle, seien sie nun positiv oder negativ, projiziert werden, ohne Neigung, sich näher mit wem und was auch immer zu befassen.

 

5. Zur Theateraufführung “Unterwerfung” mit Edgar Selge

Schlimm ist nicht die Projektion – wie sollte sie? – sondern eine Projektion ohne Neigung, sich mehr als nur vage lediglich in der Vorstellung (ohne realen Bezug) – um nicht zu sagen: esoterisch oder visionsgesteuert – mit unangenehmen sozialen Sachverhalten, die fremd anmuten müssen, zu befassen, so ich Edgar Selges Aussagen in einem Interview zu seiner Theateraufführung “Unterwerfung“ (von Michel Houellebecq) deute: Er möchte Menschen ernst nehmen, selbst wenn sie seine Gefühlswelt belasten bzw. sein Innenleben ganz generell überfordern, z.B. wenn Menschen sich durch zu viele Flüchtlinge in ihrer Umgebung bedroht fühlen (vgl. SeE, ab Min. 21). Geht nicht, das wäre rassistisch und Wasser auf die Mühlen rechtsnationaler Populisten.

Richtig ist, dass man der sogenannten meinungsbildenden Elite nicht die Chance gegeben hat, ganz real unter zu vielen Flüchtlingen zu leiden, z.B. indem man Asyl-Unterkünfte in der Nähe besserer Wohngegenden einrichtet. Ein schwerer Fehler, wie Edgar Selge (in SeE) betont. Dann wüsste der Sozialtheoretiker vielleicht zu ermessen, dass negative wie positive Pauschalurteile nur sehr eingeschränkt sinnvoll sind, z.B. indem man die eigene verinnerlichte Randexistenz, das Fremdartige in sich, in jene Randexistenten projiziert, entweder zur abreagierenden eigenen Entlastung (Flüchtling als Sündenbock) oder zur Überhöhung des Flüchtlings mit wohlfeilen Worten (Wunschvorstellungen) zur Ausschmückung des Innenlebens bzw. um dieses nicht ungebührlich zu beflecken. In dieser mentalen Disposition, im Modus “psychischer Äquivalenz” (vgl. Taubner, T01, S. 2f), vermag das Subjekt sich “real” mit sich sowie mit anderen, wie sie sich aus der Nähe erschließen, nicht auseinander zu setzen, eben wenn es das Fremde in sich, in Differenz zum Innenleben, nicht akzeptiert, bzw. sich überfordert zeigt, jenes “Fremde (…) dem eigenen Leben zu assimilieren” (DP2, S. 11). Weil das Fremde im eigenen Selbst zu sehr schmerzt. Ein Vorgang, der kommuniziert (und d.h. dem eigenen Leben assimiliert) gehört.

Der innere Vorgang der Assimilierung würde einschließen, das Randständige der eigenen Existenz, das defizitäre Innenleben – den verinnerlichten Verlierer – explizit zum Thema machen zu können. Es ist bezeichnend, dass sich Brückner dazu (in BrAs) erst in der Lage zeigte, nachdem er sich durch den Staat zur randständigen Existenz verurteilt sah, und damit nicht umhin kam, den Verlierer in sich zu registrieren, nicht frei nach Lacan (vgl. T01, S. 4) im Sinne einer universellen, das eigene Leben notwendig fremdbestimmenden Eigenschaft, sondern eher im Sinne eines persönlichen – zufällig deutbaren – Schicksalsschlags, der ihn nicht zuletzt deshalb buchstäblich zu Tode quälte, vermutlich massiv traumatisierte ohne vorherige Einübung in die eigene randständige Existenz, nicht in der Lage, sie zu akzeptieren, z.B. indem er sich von seiner Berufung als Professor trennte, stattdessen jahrelang versuchte, sie gegen den Staat einzuklagen, um so erst, im Abschied von seiner beruflichen Existenz, jenen Schicksalsschlag für sich selbst und andere sozialverträglich zu verarbeiten – nicht zuletzt im Interesse seiner Gesundheit, die er aufs Spiel setzte, weil er den staatlichen Liebesentzug nicht ertrug. Hier war er vermutlich überfordert, zumal er sich durch seine Umgebung (linke Professoren um ihn herum, die nahezu alle vor dem Staat einknickten) im Stich gelassen fühlen musste.

Hätte ich Brückner in der damaligen Situation der 1970er Jahre nicht im Stich gelassen? Oder war ich seelisch anders disponiert? Wohl kaum. Und bin es vielleicht bis heute nicht – wenn man so will: hinreichend beziehungsfähig, vielleicht ja überfordert. Um das zu beurteilen, müsste ich mich, mit Luhmann gesprochen (vgl. T01, S. 4ff), selber beobachten können. Dennoch fälle ich Urteile, von außen selbstgerecht deutbar, ohne ihre Herkunft aus einer inneren Disposition der Überforderung heraus, die für gewöhnlich Abreaktionen zur Folge hat, verhehlen zu können. Urteile fallen in der Tat leicht auf den zurück, der sie fällt (Prinzip der Umkehrung, wie Klaus-Jürgen Bruder gegen die Mächtigen so schön sagt), z.B. wenn andere sich durch mich im Stich gelassen fühlen und in meinen Urteilen Wohlverhalten gegenüber der Macht erkennen (Liebesentzug des Staates akzeptieren), sie mich also von der Macht instrumentalisiert sehen.

Wohlverhalten, wohin man schaut, um “den eigenen Arsch” zu retten, noch während man Mächtige kritisiert; ein Kampf gegen Windmühlen, vergeblich, weil man stets nur das Repräsentative der Macht, um nicht zu sagen “machtlose” Repräsentanten zu fassen bekommt, bzw. nur die eigene massiv verinnerlichte Vorstellung von Macht, die im Modus psychischer Äquivalenz im Gut-Böse-Schema auf eine mit sich selbst identische Moral verweist; auf gut Deutsch: auf eine – zugegeben von Nietzsche fragwürdig kritisierte – moralinsaure Moral. Das trifft auf die überwiegende Mehrheit der Sozialtheoretiker zu. Zumal “Kritik an der Macht” und “der Macht nach dem Mund reden” sich einschließen.

Und es schließt ferner ein, dass der Sozialtheoretiker, wenn er die Vergeblichkeit seines sozialen Engagements verspürt, leidet, was das Zeug hält, zumal wenn er das Gespür vor der Außenwelt, z.B. Linke vor eigenen Genossen, verleugnet und verdrängt, lediglich Macht imaginiert, die er tatsächlich nicht hat. Derart spürt er, ohne zu spüren – dass er aus Feigheit (seine) Ohnmacht verdrängt, schweigt, oder am unsolidarischen Sündenbock abreagiert, indes gleichursprünglich leidet ohne Außenbezug, der das Wort “Kommunikation” verdient. Was bleibt, ist, aus einem zu großen, allerdings indifferenten Leiden heraus lediglich schmerzhafte Symptome sowie das eigene Schicksal zu beklagen, von Zeit zu Zeit, wenn die Ohnmacht sich allzu sehr aufdrängt und nicht mehr geleugnet werden kann.

Schuld ist – natürlich – immer der andere, sei es, dass er es an Solidarität vermissen lässt – privat oder politisch –, wenn er Differenzen kommuniziert. In diesem Kontext wird im Modus psychischer Äquivalenz die Wahrheitssuche in analytischen Bemühungen verfehlt oder stark in Mitleidenschaft gezogen. Plötzlich geht nichts mehr, wird nicht mehr weiter, geschweige zu Ende gedacht, ist es mit dem Denken buchstäblich vorbei, v.a. aber mit dem gesprochenen Urteil, das auf Innen-Außen-Differenzen verweist, ein fremdes Selbst in einem erzeugt, das zusätzlich quält und deshalb vollmundig abreagiert gehört.

 

6. Linke – strukturell verlogen

Man täusche sich nicht: Abreaktionen sind unvermeidlich. Jedenfalls lässt sich mein Aufsatz (BB135) als Abreaktion gegen Jürgen Voges deuten, auf die Klaus-Jürgen Bruder, wie angedeutet, mit Kommunikationsverweigerung mir gegenüber reagierte (keine Zeit für Gespräche); eine Form von Abreaktion, die die Wahrheitssuche unterbricht oder verlogen gestaltet – uneingestanden, nicht willentlich, d.h. strukturell gesehen. Peter Brückner spricht in diesem Zusammenhang von “Aggressivität (…) als Spannungsregler, als ‚Ventil‘”, die “nach der Innenseite des bedürftigen Individuums” funktioniere, “wo es auf Barrieren stößt”. Die Spannungsregelung stoße häufig auf Sanktionen der Mitwelt. Und wer solche Sanktionen akzeptiere, legitimiert in gewisser Weise auch Herrschaft (BrP, S. 109f). Vor allem die Mitglieder des (geschäftsführenden) Vorstands der NGfP hätten Brückners “Sozialpsychologie des Kapitalismus” vielleicht langsamer und sorgfältiger lesen müssen, anstatt ihn auf ihrem Kongress (2012) einfach nur abzufeiern. Dann hätte man mich vielleicht auch besser ertragen.

Im Umkehrschluss – die Aussagen von Brückner ergänzend bzw. richtigstellend – ließe sich sagen: Abreaktionen sind “normal”, und wer sie nicht akzeptiert, indem er sie mit vorgeschobenen Gründen sanktioniert, sollte sich über illegitime Herrschafts- und Machtverhältnisse nicht lautstark beklagen, man sich in der Tat damit begnügt, diese lediglich zu bewehklagen. Auch sollte man sich nicht täuschen: In dieser uneingestandenen defizitären psychischen Disposition vermögen Menschen, namentlich Linke, die sich für eine Umgestaltung der Gesellschaft engagieren, nicht zu überzeugen. Mittlerweile nähert sich “Die Linke” bei Wahlen wieder gefährlich der Fünfprozenthürde. Irgendwann wird man sie zusammen mit der SPD zur Ruhe betten können. Dann hat die liebe Seele endlich ruh.

Zurzeit nehmen Schulkinder den Linken in wöchentlichen Kinderkreuzzügen gegen die Vernichtung überlebenswichtiger Ressourcen ab, wofür sie sich eigentlich zuständig fühlen müssten. Können sie nicht; sie sind zu sehr damit beschäftigt, einmal eroberte (parlamentarische und Regierungs-) Macht und daran gebundene Pfründe für sich ganz persönlich zu bewahren, die, gut für das Geschäft, nur repräsentativ-imaginär im Gut-Böse-Schema existiert und deshalb prächtig zur persönliche Bereicherung missbraucht werden kann.

Damit das nicht so auffällt, maßen Linke sich für gewöhnlich an, erlittene Verletzungen (Abreaktionen) im (privaten) alltäglichen Nahbereich mit Ex-Kommunikationen zu sanktionieren. Wie gesagt, weil sie sich und ihr Leben im Besitz einer imaginären Wahrheit glauben, die sie im Modus psychischer Äquivalenz für “real” halten, die es also nur in der Vorstellung gibt, die es gleichwohl im angeblichen “realen” Interesse der Menschen (Arbeiterklasse) zu wahren gilt – wenn’s sein muss mit cholerischen Anfällen (vgl. BB135) bis hin zu Mord und Totschlag im Stalinismus. Kommt es erst einmal so weit, ist es mit der Wahrheitssuche unwiderruflich vorbei. Wie auch nicht, wenn man im Besitz der Wahrheit ist?

Um es noch klarer zu sagen und Missverständnisse ein Stück zu vermeiden: ich stelle persönliche Verletzungen keineswegs über politische Ziele, die nur gemeinsam erreichbar sind. Doch was ist eine Solidargemeinschaft wert, deren (Macht-) Repräsentanten vor der Wahrheitssuche kapitulieren, weil diese die Legitimierung ihrer politischen Ziele in einem schlechten Licht erscheinen lassen könnte und sie deshalb überfordert sind, persönliche Verletzungen zu kommunizieren, um sie stattdessen möglichst unauffällig am Renegaten abzureagieren, oder in kleinerer Münze: weil sie, eine große Dame der Psychoanalyse mir gegenüber wortwörtlich, “keine Beziehungskonflikte möchte”. Politisch gesehen ein katastrophaler Satz. Psychoanalytiker, die so etwas tatsächlich ernst, mithin nicht nur aus Versehen meinen, sollten vielleicht ihre Finger von der Politik lassen und sich damit begnügen, Analysanden zu therapieren. Das wäre ehrlich und machte sie keineswegs zu einem weniger wertvollen Menschen.

Wladislaw Hedeler (HdW) und Victor Serge (SvR) beschreiben in ihren Büchern, dass und auf welche Weise Linke wie ihre politischen Gegner noch nie in der Lage waren, durch (persönliche) Verletzungen generierte Beziehungskonflikte zu kommunizieren, sei es, dass sie diese ignorieren, verleugnen oder totschweigen oder eben gewalttätig kommunizieren – bis hin zu Mord, Todschlag und Massenmord im Stalinismus, und Linke üben sich bis heute darin wie um sich für höhere politische Aufgaben im Staatsgefüge und veröffentlichter Meinung zu wappnen. Und die eher linke NGfP muss sich auf ihrem diesjährigen Kongress mit der Frage auseinandersetzen, bzw. Fragen aus dem Plenum, wenn sie denn kommen oder nicht ausgebuht werden, gefallen lassen, wieso ihre Repräsentanten (im Vorstand) und Anhänger sicher sein können, nicht zu den Stützen einer Gesellschaft zu zählen, die Krieg nach innen und außen führt (PnG), bzw. ob sie ihrer kommunikativen Verantwortung gerecht werden, die sie auf dem Kongress vermutlich ziemlich vollmundig bei den Eliten von Politik und veröffentlichten Meinung anmahnen werden.

 

7. Peter Brückner: Analyse im Ursprungsfetisch

Ich selbst reagiere vielleicht zu empfindlich auf kommunikative Defizite, um als Referent oder Fragesteller aus dem Plenum gut gelitten zu sein. Was bleibt, ist der Rückzug aus dem Engagement für die NGfP, jedenfalls solange man mich auf NGfP-Kongressen nicht erträgt (vgl. BB135). Ich kann mir gut vorstellen, dass man auch Peter Brückner heute nicht mehr vertragen würde, als Toten feiern ja, aber nicht real ertragen; der, wenn auch nicht weitgehend genug, soziale Prozesse sensibel beschreibt. Man kann ihn nämlich so deuten, dass er dem Privaten und Intimen eine wesentliche oder zumindest, wie er sich ausdrückt: “konditionalgenetische” Funktion zuschreibt im Hinblick auf überfamiliäre politische sozial-ökonomische Prozesse (“Zur Funktion des Intimen” vgl. DBP, S. 141-145). Das macht ihn – aller begriffslogischen Kritik zum Trotz – heute noch aktuell, auch wenn er seine Beschreibungen begriffslogisch – zusätzlich zum bisher Gesagten – im Ursprungsmythos komplett, zumal völlig unnötig entwertet (zum Ursprungsfetisch vgl. DP4, S. 138-148):

Brückner sagt zunächst ganz richtig, dass “die Frage ihres angeborenen Anteils (…) für das Studium menschlicher Aggressivität recht unwichtig” sei, um ihr allerdings im gleichen Atemzug wiederum eine besondere Bedeutung zuzuschreiben, indem er postuliert, dass “jene destruktive Feinseligkeit, von der in dieser Untersuchung vielfach gesprochen wird: reichend bis hin zur Lust daran, andere zu quälen”, “späten, nie biologischen Ursprungs” sei. “Sie wird durch die immanenten Herrschafts-, Kontroll- und Anpassungszwänge der Sozialisation und ihrer Agenten eingeleitet und mit dem ersten Schritt des Kindes in die extrafamiliäre Gesellschaft als dunkle Alternative insgeheim präsentiert” (BrP, S. 110f).

Könnte man so sagen. Wir haben oben allerdings angemerkt, dass Aggressivität und Feindseligkeit ein Frage der Interpretation sein können: wenn man so will, lässt sich schon “leise” Kritik als feindselig deuten; hier zeigt sich u.a., wie wichtig es ist, moralische Begriffe so zu verwenden, dass sie mit sich selbst nicht identisch sind. Außerdem könnte man fragen, warum Aggressivität oder destruktive Feinseligkeit “nie biologischen Ursprungs” bzw. genetischen verankert sein soll? Warum alles dem familiären und gesellschaftlichen Kontext aufbürden? Das mag ja stimmen, vielleicht sogar zum größeren Teil. Doch möchte Brückner uns vielleicht so ganz beiläufig, das Gut-Böse-Schema bemühend, bedeuten, dass der Mensch “gut” sei, während der extrafamiliäre gesellschaftliche Kontext böse, ihn jedenfalls nicht “gut” aussehen lasse und deshalb umgestaltet gehöre? Warum alles unnötig verkomplizieren? Er gehört ganz unabhängig davon, noch dazu gut begründbar, umgestaltet, ob der Mensch nun von Natur aus gut oder böse sei.

Tatsächlich gibt es hier nichts zu legitimieren mit Hilfe ursprünglicher menschlicher Eigenschaften, über die lediglich Mutmaßungen und Streitereien um des Kaisers Bart möglich sind. Sodann spricht Brückner von einer extrafamiliären Gesellschaft, ohne mehr als immer nur vage zu beschreiben, durch welche Eigenschaften sich extrafamiliäre Strukturen von familiären Strukturen unterscheiden. Eigentlich unterscheiden sie sich bei ihm nicht. Es sagt nur, dass es familiäre und extrafamiliäre (gesellschaftliche) Kontroll- und Anpassungszwänge gibt, aber, wenn überhaupt, nur sehr unbestimmt, was ihre wesentliche Differenz ausmacht.

 

8. Fortschreitende Desintegration: Über den Film “Birds of Passage”

Richtig ist, dass menschliches Leben ohne Anpassungs- und Kontrollzwänge nicht möglich ist, weder in vorkapitalistischen noch nachkapitalistischen Formationen. Die kapitalistische Formation zeichnet sich nun besonders dadurch aus, dass sie soziale Anpassungsprozesse massiv behindert, wenn nicht komplett zerstört, und das noch bevor und während Menschen sich um Integration bemühen, und dadurch aggressiv-archaische Momente im Innenleben des Subjekts freigelegt werden, die dann einer sozialen Kontrolle beim besten Willen nicht mehr zugänglich sind. Das, was wir gemeinhin für “Kultur” halten, reflektiert diesen Prozess, indem sie ihn leider nur weitgehend bejammert, geschweige denn, dass sie diesen Prozess aufzuhalten vermag.

Literatur, Malerei, Kino, Fernsehen etc. sind in der Tat darauf reduziert, den Verlust sozialer Kontrolle (Krieg, Familien- oder Beziehungskonflikte, ökonomische und ökologische Katastrophen, kurz: um sich greifende Nötigung und Gewalt) zu bewehklagen – ungeeignet, der Beschleunigung des Verlustes sozialer Kontrolle zu begegnen.

Der Film “Birds of Passage” (BoP) weiß davon buchstäblich Lieder (der Wehklage) zu singen. Er erzählt von den Anfängen des kolumbianischen Drogenhandels, und wie er dazu führt, dass beteiligte Familien oder Clans die Kontrolle über ihr bisheriges Leben innerhalb weniger Jahre vollständig verlieren. Wobei nicht die vielbeschworene Gier (nach immer mehr) das eigentliche Problem darstellt, sondern tiefergehend, dass Menschen nicht mehr wissen, wie sie miteinander umgehen sollen, wenn erodierende verinnerlichte Traditionen und Rituale einen fraglosen Umgang im zwischenmenschlichen Bereich massiv erschweren. Dann besteigt der pubertierende Filius der einen Familie auch schon mal ungefragt ein Mädchen der anderen Familie und löst damit eine Katastrophe aus, durch noch so viel Geld nicht mehr aus der Welt zu schaffen, aber geeignet, ganze Clans buchstäblich auszulöschen. Eben weil religiöse Traditionen und Rituale ihre verhaltenssteuernde (Schutz-) Funktion einbüßen. Dafür glaubt der Filius, mit Geld alles richten zu können. Zurück bleiben guter Ruf, (verletzte) Ehre und Stolz, etwas, das es früher nicht zu verteidigen oder zu erlangen gab, weil in Form von “Prestige” fraglos und unhintergehbar in traditionellen Riten vergegenständlicht, und mit noch so viel Geld weder erlangt noch gewahrt werden konnte – später schon, denn noch waren Tradition und Ritus zu präsent, ihre Erosion nur spürbar; was die Menschen in ihren Liedern elegisch besangen, im Film immer wieder sensibel eingespielt. Sie hinderten die Menschen nicht, Erosionsprozesse mit allen Mitteln zu verhindern. Hier führten sich insbesondere die Frauen als eigentliche Wahrer der Tradition wie griechische Rachegöttinnen auf. Wer Ritus und Tradition verrät, war des Todes. Wir spüren es noch heute: die grausamsten Bewahrer des Status Quo sind ausgerechnet emanzipierte Frauen an der Macht; bestes Beispiel: der Thatcherismus in England.

Um es in einem Satz zu sagen: mit dem Verlust von Strukturen sozialer Kontrolle existieren Zugehörigkeiten und daran gebundene Bedürftigkeiten auf fraglose Weise nicht mehr. Brückner sieht innere Barrieren, die es dem Subjekt erschweren, Bedürftigkeiten auszuleben. Das Arbeiterkind, so Brückner, “das nach glänzenden Waren greift und zugleich fragt: ‚Was ist das?‘, erhält von der Mutter die Antwort: ‚Das ist nichts‘; mit dem Zusatz: ‚Das ist nichts für Dich‘” (BrP, S. 110).

Das hört sich harmloser an, als es ist. Einen wesentlichen Aspekt der Unmenschlichkeit solcher Barrieren arbeitet Brückner allerdings kaum heraus: Fehlende Strukturen sozialer Kontrolle bringen es mit sich, dass es peinlich berührt, um nicht zu sagen: ehrverletzend ist, auf Bedürftigkeiten (der Zugehörigkeit) aufmerksam zu machen; weil ihre Befriedigung strukturell, mithin fraglos nicht gegeben ist. Auf Verletzungen aufmerksam zu machen, geht gar nicht. Für gewöhnlich bleiben geäußerte Verletzungen ungehört. Als sei es unerhört, sie überhaupt zu äußern, geeignet, Beziehungen in ihre Einzelteile zu zerlegen, bzw. Bedürftigkeiten der Zugehörigkeit mit Gewalt zu befriedigen.

In dieser undurchsichtigen sozialen Gemengelage freigelegter Archaik wissen Menschen immer weniger – hilflos wie eine Fliege im Netz einer Spinne – was sie voreinander halten oder erwarten können. Was bleibt, sind allgemein, von oben nach unten durchgereichte, aufgenötigte Erwartungen dergestalt, dass Menschen sich Zugehörigkeiten oder bestimmten Beziehungsmustern “fraglos” bzw. kritiklos zu unterwerfen haben. Lassen sie sich nicht nötigen, werden sie ggf. sanktioniert, z.B. wenn sie ein Arbeitsangebot der Agentur für Arbeit verweigern. Das evoziert auf Dauer soziale Katastrophen und spricht insgesamt eher dafür, dass der Mensch von Natur aus quält, nötigt, bzw. geneigt ist, (Beziehungs-) Konflikte gewalttätig zu lösen, wenn sie sich denn nicht unauffällig entsorgen lassen (keine Zeit für Gespräche, kein Sinn für Beziehungskonflikte).

Nun, Menschen, die das von Berufs wegen unauffällig schaffen, v.a. Psychologen, Therapeuten oder Psychoanalytiker, haben es nicht nötig, eingehender sich mit ihrem Innenleben zu befassen. Vor dem Hintergrund freigelegter Archaik ermessen sie kaum, dass Abreaktionen oder Feindseligkeiten “normal” sind, resp. Beziehungskonflikte evozieren, die zu verarbeiten in einem sprachgestützten interaktiven Kontext wir genau deshalb nicht umhin kommen. Ein solcher Kontext verträgt auf der Ebene (privater) sozialer Strukturen, in denen Menschen unmittelbar miteinander verkehren, zumal zwecks wissenschaftlicher Wahrheitssuche, weder Kommunikationsverweigerung noch jedwede Nötigung zu welcher Zugehörigkeit auch immer noch jedwede physische Gewaltanwendung zu welchem Zweck auch immer, v.a. aber auf extrafamiliär-staatlicher Ebene keine Gewalt z.B. in Gestalt von polizeilicher oder militärischer Gewalt gegen Demonstrationen, sowie in Gestalt zwischenstaatlicher (Stellvertreter-) Kriege oder von Militäreinsätzen im Ausland.

 

9. Enttabuisierung des Innenlebens: über den Film “Capernaum”

Aus Abreaktionen aufgrund von Verletzungen wie sie z.B. Jürgen Voges mit seiner Hass-Mail mir angedeihen ließ (vgl. BB135), folgt für mich nichts – kein Drama. Jedenfalls bin ich mental nicht so ehrversessen gestrickt, dass ich Berührungsängste gegenüber Menschen habe, die mich verletzt haben, nicht einmal gegenüber Jürgen Voges, wenn er denn tatsächlich mit mir reden wollte, versöhnliche Gesten also nicht vermissen ließe. Nur dass er auf Versöhnliches sehr wahrscheinlich keinen Wert legt. Vermutlich weil er nicht begreift, dass er sich mir gegenüber nur eben mal ohne jeden Erkenntnisgewinn abreagieren musste.

Abreaktionen, wohin man blickt. Na und? Hier deutet sich einmal mehr an: moralisch motivierte Begriffe mögen negativ besetzt sein, z.B. das Wort “Lügenpresse” oder das Wort “Kommunist”; wiewohl sie, wie oben (T01, S. 2) dargestellt, mit sich selbst nicht identisch sind. Genau das transportieren die Bücher von Marcuse und Brückner genauso wenig zureichend wie die heutige Sozialtheorie und werden damit generell ihrer sozialen Verantwortung nicht gerecht, weder heute noch früher. Zumindest lassen Brückner oder Marcuse diesbezügliche Bemühungen nicht explizit erkennen: dass es v.a. darauf ankommt, Verletzungen zu kommunizieren, anstatt sie einfach nur negativ zu besetzen, d.h. zu verleugnen oder möglichst unauffällig abzureagieren.

Merkwürdig: Menschen an den Schalthebeln der Macht oder der veröffentlichten Meinung registrieren Verletzungen und den Leidensdruck, den sie verursachen, durchaus. Mehr noch, sie leiden mit, entwickeln gar intensive (Mit-) Gefühle für leidende Menschen, z.B. Zeit Online-Journalistin Anke Sterneborg in ihrer Besprechung zum Film “Capernaum” (vgl. CpN), in dem ein kleiner Junge einsam und verlassen, zusammen mit einem kleinen Kind, das gerade erst laufen lernt, in Beirut umher irrt, ums Überleben kämpft in und zwischen all dem Müll, der aus unseren Fabriken auf die Straßen von Beirut quillt. Dazu gehören Aber-Millionen von Autos, die das Leben nicht nur in Beirut unerträglich belasten.

Es ist dies ein Müll, der bei uns hohe Einkommen, den sogenannten Wohlstand generiert, nicht zuletzt unseren Sozialstaat, ganz abgesehen von all den Kriegen zusammen mit der weltweit steigenden Nachfrage nach Rüstungsgütern, die uns wohlfeil ernähren, z.B. der Krieg in Syrien, der Heimat des kleinen Jungen, aus der er nach Beirut fliehen musste. Der Zusammenhang zwischen Krieg, unserem Wohlstand, wachsender Armut und Flüchtlingselend wäre ohne viel Anstrengung begreifbar, zumal im Kontext eines neuen kalten, vom Westen inszenierten Krieges, der unentwegt überall auf der Welt seine Stellvertreterkriege erzeugt, die uns zusätzlich zum Müll der Autoproduktion ernähren, nicht zuletzt das Einkommen von Anke Sterneborg, darüber sie Genaueres nichts sagt, jedenfalls nicht in ihrer Besprechung, eben dass sie es sich gut gehen lässt auf Kosten dieses kleinen Jungen, den sie von der Kamera mit “zärtlichem Blick” eingefangen sieht.

Es sind dies lobpreisende Floskeln, die Mitgefühl, die Fähigkeit große Gefühle zu generieren, anzeigen, die sich indes ziemlich selbstzufrieden für die Umstände, die das Leben des verlorenen Jungen erst produzieren, exakt nur so weit interessieren, wie das geliebte eigene Leben sich nicht mit in die Verantwortung für das Elend des Jungen hineingezogen fühlt, von “sieht” gar nicht zu reden.

Warum auch? Schließlich gehören wir zu den Guten, die Kriege nur schweren Herzens gutheißen – weil sie “human” sind, versteht sich. Hier hört die (Selbst-) Wahrnehmung nicht nur von Anke Sterneborg, sondern auch die der meisten ihrer Kollegen auf, die den in der Tat stark anrührend inszenierten Film “Capernaum” gar nicht genug lobpreisen können. Ekelerregend.

Wir haben es hier mit unappetitlichen Zusammenhängen, Verbindungen zu tun, die freilich immer klarer auf der Hand liegen, so klar, dass sie ungelogen kaum mehr ignoriert werden können, d.h. die Wahrnehmung des im Film dargestellten Leidens lässt sich kaum mehr verschlüsseln (vgl. T06, S. 62-65). Eben weil Auslassungen, die zur Beschreibung des Systemganzen beitragen, immer offener zutage treten. Sie werden in der veröffentlichten Meinung vermutlich bewusst nicht diskutiert aus Gründen, die der Angesprochene wohl lieber für sich behält, weil er den Wertverlust seiner Begründungen befürchten müsste, wenn er sie zur Diskussion stellen würde. Somit ist Totschweigen erste Bürgerpflicht. Wenn das nicht geht, weil, was immer mal wieder passiert, die unangenehme Realität sich allzu hartnäckig aufdrängt, reagieren Angesprochene auch schon mal cholerisch bis bösartig. Die Fähigkeit zur Empathie dünnt dabei aus. Gefühle für jemanden, z.B. für den verlorenen Jungen in “Capernaum”, zu entwickeln, bedeutet nicht, dass man Empathie für jemanden entwickeln kann, wenn es denn drauf ankommt, mithin das eigene Innenleben sich in Mitleidenschaft gezogen fühlt.

Menschen, die Leidensdruck registrieren, müssen allerdings nicht merken, eben weil sie verschlüsselt registrieren, dass die Fähigkeit, (Mit-) Gefühle zu entwickeln, mit der Fähigkeit zur Empathie nichts zu tun haben muss. Dazu müssten sie eine Vorstellung davon entwickeln, dass das, worauf ihr (Mit-) Fühlen verweist, sei es auf den Leidensdruck anderer Menschen, ihrem Innenleben in verschlüsselter Form zugeht, und zwar so, wie es ihre mentale Disposition vorsieht, mehr oder weniger im Modus psychischer Äquivalenz (vgl. T01, S. 2f).

Allerdings greifen Verschlüsselungsvorgänge auf Dauer dann nicht mehr, wenn sie in Form kaum mehr zu leugnender (Innen-Außen-) Differenzen zutage treten. Dann wird es auch schon mal ungemütlich oder cholerisch (vgl. BB135) wie aus einer EMail von Dr. V.N. (tatsächlicher Name tut nichts zur Sache), einst Referent auf einem NGfP-Kongress, hervorgeht, der mir auf einen harmlosen Bürgerbrief hin eine vor Hass triefende EMail folgenden Inhalts zugeschickt hat: “Bitte mich aus dieser Schwachsinns-Mailingliste streichen, in die ich nie gefragt wurde aufgenommen zu werden!” Ein Linker, der sich auf seine gut dotierten solidarischen Fähigkeiten mit Sicherheit einiges einbildet, indes ohne Begriff für sein affirmatives Verhältnis zu herrschenden Machtstrukturen, das er im Modus psychischer Äquivalenz impulsiv-cholerisch verschlüsselt bzw. verdrängt – nicht zuletzt in seinen (mir bekannten) Texten und Büchern durch Macht-Analytik im Gut-Böse-Schema. Er selbst rechnet sich vermutlich zu den Guten im Kampf gegen böse Mächte, ohne im Geringsten in Erwägung zu ziehen, dass er im Sinne herrschender Machtrepräsentationen instrumentalisiert wird. Die wollen Typen wie ihn, die sich im Hamsterrad an verinnerlichten Imaginationen abarbeiten. Derart ist ihre Fähigkeit, große Gefühle zu generieren, die sie mit der Fähigkeit zur Empathie verwechseln, instrumentalisierbar bzw. einer Verschlüsselung auch vor sich selbst zugänglich.

Denn eines ist richtig: Menschen mit einem affirmativen Verhältnis zu welcher Macht auch immer (das können durchaus arme Schlucker sein) müssen ihre Wahrnehmung immerzu weiter, wenn auch am Ende für gewöhnlich vergeblich verschlüsseln, vornehmlich indem sie – wie oben beschrieben – leidende Menschen, z.B. den kleinen Jungen (als möglichen künftigen Filmstar), oder auch berühmte Autoren (z.B. Peter Brückner auf dem NGfP-Kongress vor einigen Jahren) auf ein Podest stellen, wo man sie in ziemlicher Entfernung allgemeiner Bewunderung aussetzt, um große Gefühle auszulösen, die alles zu scheißen, wiewohl sie sich als Objekt zur Ausschmückung des Innenlebens eignen, um dann als sozialer Sachverhalt einer eingehenderen Analyse nicht mehr zugänglich zu sein. Um nicht zu sagen: man instrumentalisiert die Fähigkeit zu fühlen. Exakt das hat mit “wirklicher” Empathie nichts oder doch nur mit eingebildeter Empathie etwas zu tun.

Man kann es vielleicht auch so sagen: Sozialtheoretiker verwenden den Begriff “Empathie” im Modus psychischer Äquivalenz; als sei er in einem sprachgestützten intersubjektiven Kontext, also “real” gesehen, mit sich selbst identisch. So gesehen müssen wir z.B. Hitler die Fähigkeit zur Empathie zugestehen, weil er Gefühle zu seinem Schäferhund entwickelt, oder zu Eva Braun, von der er vermutlich nicht verlangte, sie möge mit ihm zusammen Selbstmord begehen. Empathie ist sinnvoll nur dort gegeben, wo der Mensch eine anstrengende bzw. spannungsgeladene sprachgestützte Verarbeitung von (Beziehungs-) Konflikten nicht scheut oder vielleicht sogar sucht. Davor schrecken Menschen unserer Kultur ganz generell, einschließlich die (Repräsentanten der) Sozialtheorie, instinktiv zurück, indem sie ihr Innenleben tabuisieren. Exakt dies gilt es aufzubrechen und, so viel Aufklärung muss sein, in der Öffentlichkeit diskutierbar aufzubereiten: die Enttabuisierung des Innenlebens.

 

Quellen:

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http://film-und-politik.de/Politik/BB-bis200.pdf (S. 96-102)

BoP: Birds of Passage – Das grüne Gold der Wayuu

Filmkritik von Michael Meyns

http://www.filmstarts.de/kritiken/260353/kritik.html

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BuCh: Christoph Butterwegge, Auf dem Weg zu einem neuen Sozialstaat?

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https://kritisches-netzwerk.de/forum/auf-dem-weg-zu-einem-neuen-sozialstaat

CpN: Capernaum: Klage eines ruppigen Kindes. Filmbesprechung von Anke Sterneborg. Zeit Online vom 17.01.2019

https://www.zeit.de/kultur/film/2019-01/capernaum-stadt-der-hoffnung-nadine-labaki-kinofilm-beirut/komplettansicht

DPB: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers, 1. Teil: Zum Begriff der Teilhabe. Norderstedt 2009 (zit. n. 2015)

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HEE: Jürgen Habermas, Exkurs zur Einebnung des Gattungsunterschiedes zwischen Philosophie und Literatur, in HPD

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Frankf./M. 1995, 1.Auflage 1981

HK2: Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Bd.2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft. Frankf./M. 1995, 1. Auflage 1981

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MaH: Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Hamburg 21998 (Luchterhand). Erstmals erschienen Boston 1964, in der dt. Ausgabe 1967. Im Internet zugänglich unter dem Link:

MaRa: Rainer Mausfeld: Neue Wege des Demokratiemanagements

YouTube vom 12.02.2019: https://www.youtube.com/watch?v=1x8x9NokCZ0

PnG: Programm für unseren (NGfP) Kongress 2019: Krieg nach innen, Krieg nach außen. Die Intellektuellen als Stützen der Gesellschaft?

https://www.ngfp.de/wp-content/uploads/2018/12/NGfP-2019-Programm.pdf

SeE: Edgar Selge, Ausnahmeschauspieler mit langem Atem im “Talk aus Berlin” vom 05.02.2019

https://mediathek.rbb-online.de/tv/Talk-aus-Berlin/Edgar-Selge-Schauspieler/rbb-Fernsehen/Video?bcastId=56194052&documentId=60008020

SpJ: Ein Kommentar zur Hartz-IV-Äußerung von Jens Spahn

Domradio.de vom 12.03.2018

ergänzend:

Grundsicherung: Jens Spahn lehnt Reformpläne für Hartz IV ab

Zeit Online vom 25.11.2018 (dpa)

https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-11/grundsicherung-jens-spahn-hartz-iv-sozialstaat-reform-ablehnung

SvR: Victor Serge, Erinnerungen eines Revolutionärs 1901-1941, Hamburg 1991 (Edition Nautilus Verlag Lutz Schulenburg))

T01: Franz Witsch, Störfall oder das Zeichen will nichts mehr bedeuten

http://film-und-politik.de/Politik/K14.pdf (S. 2-7)

T02: Franz Witsch, Begreifen, was man sagt

http://film-und-politik.de/Politik/K14.pdf (S. 8-18)

T03: Franz Witsch, „Projektive Identifizierung“ oder unreflektiert existiert das Zeichen im Einklang mit dem Gefühl

http://film-und-politik.de/Politik/K14.pdf (S. 19-27)

T06: Franz Witsch, Psychopathologisierung sozialer Strukturen

http://film-und-politik.de/Politik/K14.pdf (S. 56-83)

T07: Franz Witsch, Die herrschende Sozialtheorie: nicht gesellschaftsfähig.

http://film-und-politik.de/Politik/K14.pdf (S. 84-96)

TaS: Svenja Taubner, Konzept Mentalisieren, Gießen 22016

VcE: Die Dummheit der Amerikaner. Rüdiger Suchsland über den Film “Vice”

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WPF: Franz Witsch, „Eine fantastische Frau“ (Filmbesprechung)

http://film-und-politik.de/WIF-Akt.pdf (S. 14)

WsB: Bundesverfassungsgericht muss entscheiden. Richter Jens Petermann:

Hartz IV-Sanktionen gehören abgeschafft.

Focus Money Online vom 12.01.2019

https://www.focus.de/finanzen/recht/bundesverfassungsgericht-muss-entscheiden-richter-jens-petermann-den-hartz-iv-grundbedarf-darf-der-staat-nicht-kuerzen_id_10173816.html

ergänzend:

Teilziel erreicht – Verhandlung über SGB-II-Sanktionen im Bundesverfassungsgericht. Scharf-links.de vom 10.01.2019, von WIR-SIND-BOES

http://scharf-links.de/41.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=68112&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=efce0baaa3

Bundesverfassungsgericht: Kippt jetzt Hartz IV?

Zeit Online vom, vom 14.01.2019, von Tina Groll

https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-01/bundesverfassungsgericht-hartz-iv-sanktionen-strafen-verfassungswidrigkeit-faq

 







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