Was ist ein Guerillero?


Che Guevara

27.01.13
TheorieTheorie, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

von Ernesto Che Guevara - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Der Guerillero ist im höchsten Sinne des Wortes der Freiheitskämpfer, der Auserwählte im Kampf für die Befreiung. Denn der Guerilla-Krieg ist nicht, wie man oft meint, ein Kleinkrieg, der Krieg einer Minderheit gegen eine mächtige Armee, nein: der Guerilla-Krieg ist der Krieg des ganzen Volkes gegen die Unterdrückung.

Der Guerillero stellt die bewaffnete Vorhut des Volkes dar; die Guerilla-Armee setzt sich aus allen Einwohnern einer Region oder eines Landes zusammen. Das ist das Wesen ihrer Kraft und ihres früheren oder späteren Triumphes über jede Macht, die sie zu unterdrücken sucht; mit anderen Worten: Die Grundlage und das Substrat der Guerilla-Bewegung bildet das [werktätige] Volk.

Es wäre nicht zu verstehen, wie kleine bewaffnete Gruppen, wie groß auch immer ihre Mobilität und ihre Kenntnis des Terrains sein mögen, angesichts der organisierten Verfolgung durch eine wohl vorbereitete Armee überleben könnten, wenn sie nicht jene mächtige Hilfe hätten. Der Beweis dafür ist die Tatsache, dass alle Banditen, alle Gruppen von ›Bandoleros‹ schließlich durch die Zentralgewalt besiegt wurden; und vergessen wir dabei nicht, dass diese ›Bandoleros‹ sehr oft für die Einwohner einer Region mehr waren als Banditen – sie waren die Karikaturen eines Kampfes für die Freiheit.

Was die individuellen Eigenschaften ihrer Soldaten anbelangt, muss die Guerilla-Armee, Volksarmee im besten Sinne, die denkbar besten soldatischen Qualitäten besitzen. Sie muss eine strenge Disziplin aufweisen. Die Tatsache, dass die Reglementierungen des Militärlebens nicht zu denen des Guerilla-Lebens passen: dass es weder Knallen mit den Absätzen noch strenge Grußvorschriften noch Bezeugungen der Unterwürfigkeit vor einem Vorgesetzten gibt, beweist keineswegs, dass es keine Disziplin gäbe. Die Disziplin des Guerillero ist eine innerliche; sie ist geboren aus der tiefen Überzeugung des einzelnen, dass die Notwendigkeit des Gehorsams gegenüber dem Vorgesetzten nicht nur die Wirksamkeit der bewaffneten Organisation bewahren hilft, der er angehört, sondern auch dem Schutz seines Lebens dient.

Die kleinste Unvorsichtigkeit eines regulären Soldaten wird kontrolliert und ausgeglichen durch seine nächsten Kameraden. In einem Guerilla-Krieg, in dem jeder Soldat zur gleichen Zeit Einzelkämpfer und Gruppe ist, ist ein Irrtum verhängnisvoll. Niemand darf sich eine Unvorsichtigkeit zuschulden kommen lassen. Niemand darf den kleinsten Fehler begehen; denn sein Leben und das seiner Kameraden stehen auf dem Spiel. Oft bemerkt man diese informelle Disziplin nicht. Für wenig unterrichtete Beobachter scheint der reguläre Soldat mit seinem ganzen den Hierarchien geweihten Brimborium viel disziplinierter zu sein als irgendein Guerillero, der mit einfachem und echtem Respekt den Weisungen seines Chefs folgt.

Gleichwohl ist die Befreiungsarmee eine reine Armee, in der selbst die verbreitesten Versuchungen den Menschen nicht anfechten; und es gibt keinen Abwehr- und keinen Nachrichtendienst, der den einzelnen vor der Versuchung schützt. Das leisten seine Selbstkontrolle und sein strenges Pflicht- und Disziplinbewusstsein.

Der Guerillero ist nicht nur ein disziplinierter Soldat. Er ist physisch und geistig sehr beweglich. Man kann einen Guerilla-Krieg nicht statisch begreifen. Der Guerillero kämpft in der Nacht. Mit vollkommener Kenntnis des Geländes ausgestattet, marschieren die Guerilleros in der Nacht, besetzen ihre Stellungen, greifen den Feind an und ziehen sich zurück. Das soll nicht bedeuten, dass ihr Rückzugsplatz weit vom Operationsgebiet entfernt sein muss. Aber der Rückzug muss sehr schnell vonstatten gehen. Der Feind konzentriert alle seine Abwehreinheiten unverzüglich an der Angriffsstelle. Die Luftwaffe fliegt zum Bombardement herbei, die taktischen Einheiten umfassen das Kampffeld, dann kommen die Soldaten mit der Entschlossenheit, eine Stellung zu nehmen, die schon keine mehr ist.

Der Guerillero braucht dem Feind keine echte Front entgegenzustellen. Indem er etwas zurückgeht, abwartet, einen neuen Kampf liefert, sich wieder zurückzieht, erfüllt er seine besondere Aufgabe. So wird die reguläre Armee während Stunden und Tagen in Unruhe gehalten. Der Guerillero greift aus seiner Beobachtungsstelle heraus im günstigsten Moment an.

Es gibt andere bedeutende Lehrsätze der Guerilla-Taktik. Die Kenntnis des Geländes muss vollkommen sein. Der Guerillero muss die Umgebung kennen, in der er kämpft, ebenso alle Rückzugswege, alle Zugänge, auch die, die blockiert sind, die Häuser von Freunden und Feinden, die bestgeschützten Unterschlupfmöglichkeiten, die Orte, wo man einen Verwundeten zurücklassen oder ein provisorisches Lager aufschlagen kann. Er muss das Operationsfeld kennen wie seine Handfläche. Und das ist nur möglich, weil das Volk, die große Hauptmacht der Befreiungsarmee, hinter jeder Aktion steht. Die Einwohner eines Gebietes sichern den Transport, dienen als Kundschafter und Sanitäter, schicken neue Kämpfer und bilden schließlich die wichtigsten Hilfstruppen ihrer bewaffneten Vorhut.

Aber vor allem anderen, vor dieser Anhäufung von taktischen Erfordernissen des Guerillero steht die Frage, warum er kämpft. Und da gibt es nur die grundlegende Antwort: »Der Guerillero ist ein Sozialreformer. Er greift zu den Waffen, um des Volkes gewaltsamen Protest gegen seine Unterdrücker zum Ausdruck zu bringen; er kämpft, um das soziale Gefüge umzustürzen, das alle seine unbewaffneten Brüder in der Schmach und im Elend hält. Er kämpft gegen die besondere Beschaffenheit der Institutionen in einem gegebenen geschichtlichen Zeitraum und bemüht sich mit aller Kraft, welche die Umstände ihm erlauben, die Form dieser Institutionen zu zerbrechen.«

Quelle: Che Guevara und die Revolution. Fischer-Bücherei 1968. »Aus dem Revolutionär Che Guevara wurde ein Mythos, aber aus dem Mythos wächst weiter die Revolution. Als Militärs am 9. Oktober 1967 den gefangenen Guevara ermordeten, war zwar die Guerilla in Bolivien gescheitert, nicht aber der Wille zum weiteren Kampf gegen Unterdrückung und Gewalt.«

 

 

 


VON: ERNESTO CHE GUEVARA - REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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