Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 9)

26.01.13
TheorieTheorie, Kultur, News 

 

von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Engels’ Übergang zum Atheismus. Die Herausbildung seiner revolutionär-demokratischen Ansichten

Marx ist schon Anfang 1842 revolutionärer Demokrat und steht den in Deutschland herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen in unversöhnlicher Feindschaft gegenüber. Offensichtlich ist auch, dass er gewillt ist, furchtlos weiter voranzuschreiten, ohne vor revolutionären Konsequenzen und den sich aus ihnen ergebenden praktischen Folgen zurückzuschrecken.

In jenen Jahren beginnt auch – unabhängig von Marx – Engels’ geistig-politische Entwicklung, die Herausbildung seiner revolutionär-demokratischen Überzeugung.

In seinem ersten veröffentlichten Artikel, auf den wir noch zu sprechen kommen, zeichnet Engels ein Bild seiner Vaterstadt Barmen und des unmittelbar an sie angrenzenden Elberfeld, wo schon damals, in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, die Textilindustrie der Rheinprovinz konzentriert war. Im geistigen Leben dieser ersten Stützpunkte des deutschen Kapitalismus, wie überhaupt im ganzen Wuppertal (Engels nennt es Muckertal), herrschten Klerikalismus und Spießbürgertum. „Die ganze Gegend“, sagt er, „liegt von einem Meer von Pietismus und Philisterei überschwemmt ...“ [1] Dies hinderte die frommen Fabrikanten keineswegs daran, nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Kinder rücksichtslos auszubeuten. Die Fabrikanten „haben ein weites Gewissen, und ein Kind mehr oder weniger verkommen zu lassen, bringt keine Pietistenseele in die Hölle, besonders wenn sie alle Sonntage zweimal in die Kirche geht. Denn das ist ausgemacht, dass unter den Fabrikanten die Pietisten am schlechtesten mit ihren Arbeitern umgehn“. [2] Was das kulturelle Niveau der dortigen Reichen anbelangt, so kann man nur sagen: „Von Bildung – keine Idee; wer Whist und Billard spielen, etwas politisieren, ein gewandtes Kompliment machen kann, das ist in Barmen und Elberfeld ein gebildeter Mann.“ [3]

So sah Engels’ Vaterstadt aus, wie der neunzehnjährige Jüngling sie schilderte, der unter der geistigen Armseligkeit der ihn umgebenden Vertreter einer wohlhabenden Bourgeoisie, zu der auch seine eigene Familie gehörte, schwer litt. Die geistige Atmosphäre in Engels’ Familie unterschied sich offenbar nicht stark von der in den „Briefen aus dem Wuppertal“ geschilderten, obwohl die Mutter ihrem Sohn zum 20. Geburtstag die Werke Goethes schenkte, von dem die dortigen Pietisten lediglich wussten, dass er ein „Gottloser“ war.

In einem Brief an seinen ehemaligen Klassenkameraden Wilhelm Graeber gibt Engels 1839 zu verstehen, dass ihn die religiöse Strenggläubigkeit, wie sie ihm in Schule und Elternhaus vermittelt wurde, einfach zum Protest herausfordern musste. [4] Und je mehr Lehrer und Eltern versuchten, ihn zu einer pietistischen Intoleranz gegenüber jeder nichtreligiösen Denkweise zu bewegen, um so mehr begehrte er dagegen auf. „Schon als Gymnasiast“, schreibt Lenin, „hatte er den Absolutismus und die Beamtenwillkür hassen gelernt. Das Studium der Philosophie führte ihn weiter.“ [5]

In dem Abgangszeugnis des Elberfelder Gymnasiums, das Engels nicht bis zu Ende besuchen konnte, weil der Vater für ihn die kaufmännische Laufbahn bestimmt hatte, heißt es, er habe sich „eines recht guten Betragens befleißigt, namentlich durch Bescheidenheit, Offenheit und Gemütlichkeit seinen Lehrern sich empfohlen, ingleichen von guten Anlagen unterstützt ein rühmliches Streben, sich eine möglichst umfassende wissenschaftliche Bildung anzueignen, an den Tag gelegt“. Auch wird vermerkt, dass der Schüler Friedrich Engels „durch religiösen Sinn, durch Reinheit des Gemüthes, gefällige Sitte und andere ansprechende Eigenschaften sich zu empfehlen bemüht war“. [6]

Im Jahre 1838 wurde Engels von seinem Vater zur Ausbildung nach Bremen geschickt. Hier, im Keller eines Fabrikanten und Kaufmanns, fand er auch Zeit, sich weiterzubilden, für journalistische Arbeiten und Publizistik und sogar für Geschichte und Erzählungen; einige von ihnen wurden in den Jahren 1838 und 1839 veröffentlicht. Aus seinen Briefen an die Schwester Marie ist die erstaunliche Vielfalt seiner Interessen ablesbar. Er schreibt nicht nur Artikel und versucht sich als Erzähler; er zeichnet auch, komponiert, lernt Fremdsprachen und treibt regelmäßig Sport. „Wir haben jetzt Fechtstunde“, teilt er in einem dieser Briefe mit, „ich schlage alle Woche viermal ...“ [7]

Während der Pietismus selbst gemäßigte weltliche Vorstellungen ablehnte, haben sich umgekehrt Engels’ philosophische und politische Auffassungen – zuerst unter dem Einfluss der literarischen Gruppe „Junges Deutschland“, später dank seiner Annäherung an die Junghegelianer – so entwickelt, dass sie jede Möglichkeit eines Kompromisses mit der Religion ausschlossen. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft, zwischen Religion und Wissenschaft gewinnt in dieser Phase der geistigen Entwicklung des jungen Engels allergrößte Bedeutung. Das ist verständlich, denn im vorrevolutionären Deutschland war der Kampf gegen Religion und Klerikalismus die wichtigste ideologische Ausdrucksform der bürgerlich-demokratischen Bewegung. Auch für Marx war diese Frage, wie wir oben gezeigt haben, während seiner Arbeit an der Doktordissertation von großer Bedeutung. Aber Marx war nicht in der Atmosphäre des Pietismus aufgewachsen, er brauchte den „Wuppertaler Glauben“ nicht zu überwinden, und die Frage nach dem Verhältnis zwischen Vernunft und Glaube war für ihn in erster Linie ein theoretisches Problem. Bei Engels aber geht es um die eigene Vernunft und den eigenen Glauben; ihn bewegt, jedenfalls zunächst, nicht die theoretische Seite der Angelegenheit, sondern sein persönlicher Konflikt mit dem „Wuppertaler Glauben“.

In einem seiner Gedichte vom Anfang des Jahres 1837 sagt Engels:

„Herr Jesu Christe, Gottes Sohn,o steig herab von Deinem Thron, und rette meine Seele!“ [8]

In den Briefen an die Brüder Graeber (1838 bis Februar 1841), die eine sehr wertvolle Quelle für die Erforschung dieser frühen Etappe in Engels’ geistiger Entwicklung sind, spielt die Frage nach dem Verhältnis zur Religion zweifellos eine sehr große Rolle. Zwar finden wir hier nicht den offenen Supranaturalismus, der (ähnlich wie der moderne protestantische Fundamentalismus) kategorisch behauptet, jedes Wort der heiligen Schrift müsse buchstäblich verstanden werden. Aber Engels grenzt sich davon auch nicht ab und hält sich sogar immer noch für einen gemäßigten Supernaturalisten, der nur den Pietismus ablehnt: „Na, ein Pietist bin ich nie gewesen, ein Mystiker eine zeitlang, aber das sind tempi passati; jetzt bin ich ein ehrlicher, gegen andre sehr liberaler Supernaturalist. Wie lange ich das bleibe, weiß ich nicht, doch hoffe ich es zu bleiben, wenn auch bald mehr, bald weniger zum Rationalismus hinneigend.“ [9]

Das ist ein Auszug aus einem Anfang April 1839 geschriebenen Brief. Am Ende desselben Monats bezeichnet Engels sich zwar noch immer als Supranaturalisten, ist aber praktisch zugleich, indem er sich gegen jede religiöse Orthodoxie wendet, in seiner Religionsauffassung Rationalist. „Ich begreife nicht“, schreibt er, „wie die orthodoxen Prediger so orthodox sein können, da sich doch offenbare Widersprüche in der Bibel finden ... Das ist kein Gefangennehmen der Vernunft unter den Gehorsam Christi, was die Orthodoxen sagen, nein, das ist ein Töten des Göttlichen im Menschen, um es durch den toten Buchstaben zu ersetzen. Darum bin ich noch ein ebenso guter Supranaturalist wie vorher, aber das Orthodoxe habe ich abgelegt. So kann ich nun und nimmer glauben, dass ein Rationalist, der von ganzem Herzen das Gute soviel wie möglich zu tun sucht, ewig verdammt werden soll. Das widerspricht auch der Bibel selbst ...“ [10]

Versuche, der Religion eine vernünftige Form zu geben, ihre Dogmen rationalistisch zu interpretieren, deuten zweifellos auf eine Krise des Glaubens hin, das geht aus der Geschichte der Religion wie der Geschichte der Philosophie hervor. Wenn Engels sich gegen die dogmatische Form der Religion wendet, übt er bereits, ohne es selbst zu wissen, Kritik an ihrem tiefsten Sinn, und das nicht nur, weil in der Religion – wie überall – Inhalt und Form nicht voneinander getrennt werden können. Die Dogmen sind, wie Marx bereits 1841 erkannte, nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt der Religion. Eine Religion ohne Dogmen ist allenfalls im Bewusstsein der Philosophen möglich. So hat auch Engels’ Versuch, die religiösen Dogmen rationalistisch zu interpretieren, für ihn selbst unerwartete Folgen, denn mit dem blinden Glauben bricht auch der religiöse Glaube überhaupt zusammen. So widerspricht Engels Friedrich Graeber, der darauf besteht, dass man, ohne zu klügeln und zu zweifeln, die Wahrheit der Offenbarung kritiklos hinnehmen soll, und schreibt: „Lieber Fritz, bedenke, dass das Unsinn wäre und dass Gottes Vernunft wohl höher ist als unsere, aber doch nicht anders; denn dann wäre es keine Vernunft mehr. Die biblischen Dogmen sollen ja auch mit der Vernunft aufgefasst werden. – Nicht zweifeln können, sagst Du, sei Geistesfreiheit? Die größte Geistesknechtschaft ist es, frei ist nur der, der jeden Zweifel an seiner Überzeugung besiegt hat. Und dass Du mich schlagen sollst, verlange ich nicht einmal; ich fordre die ganze orthodoxe Theologie auf, sie soll mich schlagen.“ [11]

Schon in diesem Brief (Juli 1839) beginnt Engels selbst zu fühlen, dass seine Auseinandersetzung mit der christlichen Orthodoxie den Zweifel an der Wahrheit der Religion überhaupt in sich trägt. Diese Entdeckung erschüttert ihn, der davon ausgegangen war, dass die religiösen Gefühle durch den Rationalismus gereinigt und gefestigt werden sollten. „Ich bete täglich, ja fast den ganzen Tag um Wahrheit“, bekennt er, „habe es getan, sobald ich anfing zu zweifeln, und komme doch nicht zu Eurem Glauben zurück; und doch steht geschrieben: Bittet, so wird Euch gegeben ... Die Tränen kommen mir in die Augen, indem ich dies schreibe, ich bin durch und durch bewegt, aber ich fühle es, ich werde nicht verlorengehen, ich werde zu Gott kommen, zu dem sich mein ganzes Herz sehnt.“ [12]

Obwohl Engels hier von der Unmöglichkeit spricht, zu „Eurem Glauben“, das heißt zu der religiösen Orthodoxie der Brüder Graeber, zurückzukehren, spürt er doch bereits, dass es bei all dem um weit mehr geht. Daraus erklärt sich seine Bestürzung und seine Hoffnung, zum Glauben zurückzufinden. Diese Rückkehr ist aber schon nicht mehr möglich, denn zusammen mit dem „Wuppertaler Glauben“ geht auch die Religiosität als solche verloren. Davon zeugen seine letzten Briefe an die Brüder Graeber, in denen er Fragen der Religion immer seltener berührt. Und wenn sich Engels auch noch nicht zum Atheismus bekennt, so ist doch nicht nur deutlich zu erkennen, dass sich seine Hoffnung auf eine Rückkehr zu Gott zerschlagen hat, sondern auch, dass ihn das jetzt nicht mehr bewegt.

So gelangt Engels in den Jahren 1839 bis 1841 vom religiösen Supranaturalismus zum Atheismus, der dann schließlich in seinen Streitschriften gegen Schelling deutlich sichtbar wird. Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielt das sich immer mehr wesentlich unter dem Einfluss der Junghegelianer ausbildende Bewusstsein über die Ungerechtigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse, die von der Religion sanktioniert werden.

Im April 1839 begeistert sich Engels in einem Brief an Friedrich Graeber für die „wie ein Donnerschlag“ hereintretende Julirevolution, „seit dem Befreiungskriege die schönste Äußerung des Volkswillens“. [13] In dieser Zeit sympathisiert Engels mit dem „Jungen Deutschland“, dessen geistige Wegbereiter Ludwig Börne und Heinrich Heine waren, die in der Emigration lebten. Im wesenlichen billigt er die dort vertretenen politischen Ideen, von denen die wichtigsten seiner Ansicht nach „die Teilnahme des Volks an der Staatsverwaltung, also das Konstitutionelle, ferner die Judenemanzipation, Abschaffung alles Religionszwanges, aller Adelsaristokratie etc.“ sind. [14] Eine hohe Meinung hat Engels von Karl Gutzkow, dem talentierten Dramatiker, Publizisten und Herausgeber der Literaturzeitschrift „Telegraph für Deutschland“. Auch Gutzkows maßvolle Haltung gegenüber der Religion imponiert ihm, da dieser noch nicht über die rationalistische These hinausgeht, „nur die Lehre für göttlich zu halten, die vor der Vernunft bestehen kann“. [15] Dass das „Junge Deutschland“ Repressalien ausgesetzt war und die Werke seiner Autoren in Preußen verboten waren, konnte Engels’ Sympathie für diese Gruppe nur noch fördern, zumal er damals noch keine anderen aktiven Kräfte auf gesellschaftlich-politischem und auf literarischem Gebiet entdecken konnte. [16] So ist es erklärlich, wenn er in seinem Brief an Friedrich Graeber von sich sagt: „Also ich muss ein Junger Deutscher werden, oder vielmehr ich bin es schon mit Leib und Seele.“ [17] Auf die frommen und gemäßigten Gebrüder Graeber (einen von ihnen nennt Engels in einem Brief eine „politische Schlafmütze“) musste dieses Geständnis abschreckend wirken. Ohne es zu wagen, sich offen gegen die bürgerlich-demokratischen Ideen des „Jungen Deutschland“ auszusprechen, versucht Wilhelm Graeber zu beweisen, dass man die Sache des Fortschritts nicht überstürzen dürfe. Diesem Argument, das eher für einen Liberalen als für einen Reaktionär charakteristisch ist, tritt Engels mit all der jugendlichen Leidenschaft entgegen, die schon die Entschlossenheit des künftigen Revolutionärs ahnen lässt. „Zuerst protestiere ich gegen Dein Ansinnen“, schreibt er, „ich gäbe dem Zeitgeist einen Tritt nach dem andern auf den Codex, damit er besser vorankäme ... Nein, das lass ich fein bleiben, im Gegenteil, wenn der Zeitgeist daherkommt wie der Sturmwind und den Train auf der Eisenbahn fortschleppt, so spring’ ich rasch in den Wagen und lass mich ein wenig mitziehen.“ [18]

Der Zeitgeist kommt also daher wie der Sturmwind – besser könnte der junge Engels seine Gefühle und Hoffnungen wohl kaum zum Ausdruck bringen. Vergeblich sind die Versuche, sich vor dem Sturm in irgendeinen stillen Hafen zurückzuziehen. „Aber Ihr“, schreibt Engels den Gebrüdern Graeber, „werdet dennoch in die Politik hereingerissen, der Strom der Zeit überflutet Eure Idyllenwirtschaft, und dann steht Ihr da wie die Ochsen am Berge. Tätigkeit, Leben, Jugendmut, das ist der wahre Witz!“ [19]

Engels wünscht den revolutionären Sturm leidenschaftlich herbei. Und sein Übergang zum Atheismus erklärt sich nicht nur daraus, dass ihm die Vernunftfeindlichkeit der Religion bewusst wurde, sondern auch daraus, dass er begriff, wie sehr sie die menschliche Persönlichkeit in Fesseln legt. „Der Mensch ist frei geboren, ist frei!“ [20] – diese Worte in einem Brief aus dem Jahre 1839 fassen die Entwicklung der Anschauungen von Engels in dieser Etappe gewissermaßen zusammen.

Noch im selben Jahr veröffentlicht der „Telegraph für Deutschland“ Engels’ „Briefe aus dem Wuppertal“, in denen er den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Religiosität der Werktätigen und der schonungslosen Ausbeutung, der sie ausgesetzt sind aufdeckt. „Das Arbeiten in den niedrigen Räumen, wo die Leute mehr Kohlendampf und Staub einatmen als Sauerstoff, und das meistens schon von ihrem sechsten Jahre an, ist gerade dazu gemacht, ihnen alle Kraft und Lebenslust zu rauben. Die Weber, die einzelne Stühle in ihren Häusern haben, sitzen vom Morgen bis in die Nacht gebückt dabei und lassen sich vom heißen Ofen das Rückenmark ausdörren. Was von diesen Leuten dem Mystizismus nicht in die Hände gerät, verfällt ins Branntweintrinken.“ [21]

In den „Briefen aus dem Wuppertal“ hebt Engels das Proletariat noch nicht als besondere Klasse aus der Masse der Ausgebeuteten und Unterdrückten heraus. Aber zum Unterschied von den Liberalen (zu denen auch die Vertreter des „Jungen Deutschland“ gehören, Börne und Heine allenfalls ausgenommen) ist er frei von Illusionen über die Bereitschaft der Bourgeoisie, sich für eine Verbesserung der Lage der Werktätigen einzusetzen. Engels betont, dass es den Fabrikherren nicht um die Lage der Arbeiter geht, dass die erschreckende Ausbreitung der Schwindsucht, des Mystizismus und des Alkoholismus sie wenig kümmert. Und wenn er sich auch vor allem darüber empört, dass „der Betrieb der Fabriken auf eine so unsinnige Weise von den Inhabern gehandhabt“ wird [22], hat er doch im Grunde genommen bereits erkannt, dass sich die Interessen der Werktätigen und der „Arbeitgeber“ nicht miteinander vereinbaren lassen. Hier zeigt sich das Heranreifen seiner revolutionär-demokratischen Ansichten: das Begreifen des antagonistischen Widerspruchs zwischen Unterdrückten und Unterdrückern, der nur auf revolutionärem Wege aufgehoben werden kann.

In seinen Briefen an die Gebrüder Graeber begeistert Engels sich nicht nur für die französische Revolution von 1830, sondern spricht auch unumwunden von der Notwendigkeit eines Volksaufstandes gegen den deutschen Absolutismus. So erklärt er im Februar 1840: „... ich hasse ihn (den König Friedrich Wilhelm III. – d. Verf.) bis in den Tod: und müßte ich ihn nicht so sehr verachten, diesen Scheißkerl, so hasste ich ihn noch mehr ... Es gibt keine Zeit, die reicher ist an königlichen Verbrechen, als die von 1816–1830; fast jeder Fürst, der damals regierte, hatte die Todesstrafe verdient ... ich erwarte bloß von dem Fürsten etwas Gutes, dem die Ohrfeigen seines Volkes um den Kopf schwirren und dessen Palastfenster von den Steinwürfen der Revolution zerschmettert werden.“ [23]

Während der liberale Bourgeois die revolutionäre Initiative der Unterdrückten und Ausgebeuteten fürchtet, weil er durch sie „Ordnung“ und „Sicherheit“ gefährdet sieht, betrachtet der revolutionäre Demokrat Engels das [werktätige] Volk als eine mächtige Kraft, die der historischen Gerechtigkeit zum Siege verhelfen wird. Diese Überzeugung ist einer der theoretischen Ausgangspunkte für den revolutionären Demokratismus des jungen Engels.«

[Teil 9]

Anmerkungen

1 Friedrich Engels: Briefe aus dem Wuppertal. In: MEW, Bd. 1, S. 432.
2 Ebenda, S. 418.
3 Ebenda, S. 428.
4 „Wär’ ich nicht in den Examen der Orthodoxie und des Pietismus aufgewachsen, wäre mir nicht in der Kirche, der Kinderlehre und zu Haus immer der direkteste, unbedingteste Glaube an die Bibel und an die Übereinstimmung der biblischen Lehre mit der Kirchenlehre, ja, mit der Speziallehre jedes Pfarrers vorgesprochen worden, so wäre ich vielleicht noch lange am etwas liberalen Supranaturalismus hängengeblieben.“ (Engels an Wilhelm Graeber, 30. Juli 1839. In: MEW, EB II, S. 413.)
5 W. I. Lenin: Friedrich Engels. In: Werke, Bd. 2, S. 7.
6 MEGA¹, 1. Abt., Bd. 2, S. 480, 481.
7 MEW, EB II, S. 469.
8 Ebenda, S. 508.
9 Ebenda, S. 368. In diesem Zusammenhang wird Engels’ damaliges Interesse für den Mystizismus Jakob Böhmes sowie für religiöse Dichtung verständlich. (Siehe ebenda, S. 335–336, 338.)
10 Ebenda, S. 371.
11 Ebenda, S. 405/406.
12 Ebenda, S. 407.
13 Ebenda, S. 365.
14 Ebenda, S. 366.
15 Ebenda, S. 400. Engels meint, dass es Gutzkows „höchstes Lebensziel ist, den Punkt aufzufinden, wo sich das positive Christentum und die Bildung unserer Zeit verschwistert darstellen“. (Ebenda, S. 401.)
16 Siehe ebenda, S. 367.
17 Ebenda. An anderer Stelle sagt Engels im Hinblick auf die Verfolgungen, denen das „Junge Deutschland“ ausgesetzt ist, dass diese Gruppe „als Königin der deutschen modernen Literatur thront“. (Ebenda, S. 413.) Das sagt er in einem Brief, der vom 30. Juli 1839 datiert ist. Doch schon im Frühjahr 1840 unterzieht er die Autoren dieser Gruppe in seinem Aufsatz „Modernes Literaturleben“ einer ernsthaften Kritik. Besonders hebt er das politische Philistertum Theodor Mundts hervor, in dessen Novellen „die Ideen der Zeit mit gestutztem Bart und gekämmtem Haar auftraten und im Supplikantenfrack eine alleruntertänigste Bittschrift um gnädigste Realisation einreichten“. (Ebenda, S. 50.) Angesichts der Polemik zwischen Gutzkow und anderen Jungdeutschen, in denen vornehmlich persönliche Motive eine Rolle spielen, wirft er dem „Jungen Deutschland“ Prinzipienlosigkeit vor und hält ihnen das Beispiel der Junghegelianer entgegen, die sich im Kampf gegen die reaktionären Kräfte der Gesellschaft zusammenschließen. (Siehe ebenda, S. 57/58.)
18 Ebenda, S. 412.
19 Ebenda, S. 465.
20 Ebenda, S. 402.
21 MEW, Bd. 1, S. 417. In der Scherzdichtung „Die frech bedräute, jedoch wunderbar befreite Bibel. Oder: Der Triumph des Glaubens“, die Engels 1842 zusammen mit dem Junghegelianer Edgar Bauer verfasst hat, ist der Gedanke über den Zusammenhang der Religiosität mit der Knechtschaft und Armut der Werktätigen noch deutlicher und bestimmter ausgeführt:
„O sieh, welch feine Schar! sieh’ jenen Schuster vorn,
Sein hektisch dürrer Leib ist ihm der Andacht Sporn.
Sieh dort den Schenkwirt an den Mäßigkeitsvereines,
Er schenkt euch aus fürs Geld Trinkwasser, klares, reines.
Der Friede Gottes hellt sein Vollmondsangesicht –
O sehet, was vermag ein fester Glaube nicht!“
(MEW, EB II, S. 305.)
22 MEW, Bd. 1, S. 418.
23 MEW, EB II, S. 442/443.

Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Vgl.: Engels’ Übergang zum Atheismus. Die Herausbildung seiner revolutionär-demokratischen Ansichten.

 

 

 

 


VON: TEODOR OISERMAN - REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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