Stufentheorien der Wirtschaftsentwicklung (Teil 8)

29.01.13
TheorieTheorie, News 

 

von Jürgen Kuczynski - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Marxistische Weltaneignung

„Man lebt frei von eigentlicher beschwerlicher Arbeit“ – wer? natürlich die herrschende Klasse. Hier wird die ganze bürgerliche Beschränktheit dieser so wundervoll tiefgehenden Analyse des Fortschritts der menschlichen Gesellschaft deutlich. Aber sie bleibt trotzdem eine erstaunliche wissenschaftliche Leistung!

Im sechsten Kapitel seines Buches „Von der Gewalt des Herrn über seine Knechte“ geht Millar auch auf die Produktionsverhältnisse ein. Einleitend bemerkt er:

„In den vorausgegangenen Kapiteln haben wir einen Überblick über die hauptsächlichen Unterschiede in der Rangordnung gegeben, wie sie sich unter den freien Bewohnern eines Landes finden, und dabei die Stadien der Fortentwicklung in der Gesellschaft zu erkennen versucht im Blick auf die Macht des Ehemanns, des Vaters und des Staatsoberhaupts. Nun wird es zweckmäßig sein, die Stellung der Knechte zu betrachten und festzustellen, mit welchem Grad von Gewalt die Gesetze und Gebräuche verschiedener Nationen den Herrn ausgestattet haben.

Aus den menschlichen Lebensbedingungen in einfachen und unkultivierten Ländern lässt sich leicht begreifen, auf welche Weise ursprünglich der eine Mensch zum Diener des andern wird. Ehe gesittete Lebensgewohnheiten unter den Menschen und eine ordentliche Regierungsgewalt bestehen, sind wenig begüterte Personen harten Unannehmlichkeiten in einer wirren und gewalttätigen Zeit ausgesetzt und häufig genug gezwungen, Schutz und Hilfe bei einem mächtigen Nachbarn zu suchen, wo sie entweder in ihrer Stellung als Vasallen oder als militärische Gefolgsleute abhängig werden ...

In der Frühzeit liegen benachbarte Stämme oder Völkerschaften fast immer miteinander im Streit, so dass häufig eine der kämpfenden Parteien ganz und gar in die Gewalt der andern gerät. Welchen Gebrauch sie bei solchen Gelegenheiten von ihrem Sieg machen, das entspricht erwartungsgemäß der grausamen barbarischen Natur des betreffenden Volkes, wo die Menschen weder genügend Erfahrung noch Verstand haben, um etwa den Nutzen zu erkennen, den selbst das Kriegshandwerk abwerfen kann, wenn es mit einigermaßen humaner Gesinnung betrieben wird. Die Unterlegenen werden oft aus Hass- und Rachegelüsten getötet, lässt man sie aber am Leben, dann nur mit Rücksicht auf ihre künftige Arbeitskraft und Dienstleistungen, die dem Sieger größere Vorteile einbringen. -

Da in diesen Zeiten jeder einzelne auf eigene Kosten mit ins Feld zieht, fordert er auch einen entsprechenden Anteil am Gewinn des Unternehmens. Er erlangt also die absolute Verfügungsgewalt über die durch eigene Waffentaten gemachten Gefangenen oder die ihm bei der Beuteteilung als Lohn für seine Verdienste zugewiesenen.“ [68]

Wie Turgot hält auch Millar schon aus ökonomischen Gründen nicht viel von der Einrichtung der Sklaverei:

„Vom Sklaven, der für seine Arbeit keinen Lohn erhält, kann man nicht erwarten, dass er sehr viel Energie und Tätigkeitsdrang in der Ausübung irgendwelcher Beschäftigungen an den Tag legt. Seine Nahrung bekommt er auf jeden Fall, und bei allergrößtem Fleiß erhält er auch nicht mehr. Da er nur arbeitet, weil er in ständiger Furcht lebt, lässt sich gut denken, dass er untätig bleibt, sooft er es ohne Furcht vor Strafe tun kann. Dieser Umstand kann leicht übersehen werden, wo die Bewohner eines Landes keinerlei Höherentwicklung kennen. Doch wenn die bürgerlichen Gewerbe zu blühen beginnen, wenn durch die großartigen Leistungen von Fleiß und Geschicklichkeit die Waren und Güter billiger und vollkommener werden – wenn dies alles immer deutlicher erkannt wird, dann muss man einsehen, wie wenig die Arbeit eines Sklaven abwirft, der weder zur Erlernung solcher Fertigkeiten angehalten noch an fleißiges regelmäßiges Arbeiten gewöhnt wurde, welches die wesentlichen Voraussetzungen sind für die höheren und komplizierteren Tätigkeitsbereiche der Gewerbe ...

Bei genauer Erwägung dieser Umstände wird es klarer, dass die Arbeit eines Sklaven, der nichts als nur seinen bloßen Unterhalt empfängt, in Wirklichkeit teurer ist als die Arbeit eines freien Mannes, der regelmäßigen Lohn im Verhältnis zu seiner Arbeitsleistung erhält.“ [69]

Millar untersducht dann – ganz materialistischwie in Europa die Sklaverei durch feudale Verhältnisse abgelöst wurde, wobei er der Steigerung der Produktivität bei größerer Freiheit erhebliches Gewicht beimisst.

Sehr deutlich wendet er sich auch gegen idealistische Erklärungen: „Man hat vielfach in der Einführung des Christentums die Hauptursache für die Ausmerzung der Sklaverei sehen wollen, die bei allen heidnischen Völkern so allgemein anerkannt und gefördert wird. Es besteht kein Zweifel, dass der Geist dieser Religion – für die alle Menschen Kinder des einen Vaters sind, die ohne Unterschied in seiner väterlichen Fürsorge und Liebe stehen – in den Menschen die Gefühle des Mitleids mit dem Elend anderer erweckt, und dass diese Religion die Reichen und Hochmütigen lehren kann, auch in den von Mühe und Dürftigkeit Bedrückten Geschöpfe ihrer Gattung zu sehen, sie mit Barmherzigkeit und Menschlichkeit zu behandeln und die Härten und Nöte, denen sie in ihrem schweren, ungleichen Los unvermeidlich ausgesetzt sind zu lindern. -

Doch scheint es nicht in der Absicht des Christentums gelegen zu haben, die bürgerlichen Rechte der Menschen zu ändern oder jenen Unterschied des Rangs, wie er schon bestand, abzuschaffen.“ [70]

Und anlässlich seiner Studien zur Sklaverei kommt er zu der schönen Formulierung:

„Man kann generell feststellen, dass in dem Umfang, wie der Mensch größere Fortschritte in Handel und Gewerbe macht, auch die Errichtung der persönlichen Freiheit von immer größerer Bedeutung wird; weiterhin, dass bei reichen und gesitteten Nationen diese Freiheit sich auf die große Volksmasse von Menschen erstreckt, die selbst den Hauptteil des Gemeinwesens ausmachen und deren menschenwürdiges Dasein man niemals aus den Augen verlieren sollte in allen Vorkehrungen, die für das Glück und Gedeihen einer Nation getroffen werden.“ [71]

Man darf auch nicht vergessen, dass diese Ausführungen zu einer Zeit gemacht wurden, als die Sklaverei noch in den englischen Kolonien blühte und englische Reeder gewaltig am internationalen Sklavenhandel verdienten. Diese Ausführungen sind also nicht einfach wissenschaftliche Betrachtungen, sondern auch von politischer Bedeutung.

Doch, wie bei Turgot, fehlt auch bei Millar jede Verbindung zwischen seiner Stufentheorie und solchen Studien der Produktionsverhältnisse.

Im ganzen aber möchte man wieder sagen: Großartig! Doch, wird der Leser fragen: lassen wir uns nicht durch die historisch-materialistische Methodologie von Millar dazu verführen, von der Geschichte der Wirtschaftsgeschichtsschreibung, die unser Thema ist, abzuschweifen zur Geschichte der Methodologie des historischen Materialismus? Zum Teil ja, und gern folgen wir dieser Verführung, denn sie ist nützlich und wichtig für uns. Wie kümmerlich sind doch unsere Vorgeschichten des historischen Materialismus, wie viele Schätze der Vergangenheit sind noch vergraben oder liegen unbeachtet herum bzw. befinden sich in den Händen von klugen und gebildeten Gelehrten, die sie aus Tradition achten, aber nicht viel mit ihnen anfangen können. Ist es nicht wahrlich an der Zeit, Marx und Engels auch dadurch zu ehren, dass wir eine ihrer Leistung würdige Vorgeschichte des historischen Materialismus schreiben.

Zugleich aber muss man sehr deutlich darauf hinweisen, dass Männer wie Home, Millar und Adam Smith, von dem wir gleich sprechen werden, sich nicht nur sehr gründlich mit der Wirtschaftsgeschichte, mit der Geschichte, wie die Menschen wirtschafteten, wie sie ihren Lebensunterhalt gewannen, beschäftigten, sondern dass sie durch ihre allgemeine Gesellschaftsphilosophie – und die Theorie der Stufen in gesetzmäßiger Folge ist natürlich ein Teil der bürgerlichen Gesellschaftsphilosophie – auch eine der Realität schon sehr nahe Ordnung in den Verlauf der Wirtschaftsgeschichte gebracht haben. Sie haben als erste ein Modell und einen Rahmen für die Wirtschaftsentwicklung gefunden, der ihre wissenschaftliche Erfassung zu einem hohen Grade erlaubt. Sie gehören mit zu den Begründern der Wirtschaftsgeschichte. Sie sind die unmittelbaren Vorgänger von Marx und Engels, und es ist wahrlich an der Zeit auch für die marxistischen Wirtschaftshistoriker, sich auf diese große Vergangenheit ihres eigenen „Fachgebietes“ zu besinnen.«
(Teil 8)

Anmerkungen

68 J. Millar, a. a. O., S. 232 f.
69 Ebendort, S. 236 f. und S. 240.
70 Ebendort, S. 253.
71 Ebendort, S. 261.

Quelle: Jürgen Kuczynski: Studien zu einer Geschichte der Gesellschaftswissenschaften. Zur Geschichte der Wirtschaftsgeschichtsschreibung. Akademie-Verlag Berlin 1978. Vgl. Stufentheorien der Wirtschaftsentwicklung.

 

 

 


VON: JÜRGEN KUCZYNSKI - REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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