Kritik des Anarcho-Primitivismus

03.05.13
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von FAU-Lokalföderation Bielefeld

Vortrag vor der FAU-Lokalföderation Bielefeld am 11.02.2013

1. Was ist Anarcho-Primitivismus?

Kurz gefasst ist der A-P eine politische Ström- ung, demzufolge alle Herrschaftsverhältnis- se auf die funktionale Differenzierung entwickelter Gesellschaften zurückführen lassen.

Dieser Theorie zu folge entwickelten sich Herrschaftsverhältnisse im Zuge der neolithi- schen Revolution, als der Mensch u.a. Ackerbau und Viehzucht erfand und sich nicht mehr ausschließlich durch Jagen und Sammeln versorgte.

Die ökonomische Umstellung ermöglichte unter anderem ein starkes Bevölkerungswachs- tum, sodass sich erstmals in der Geschichte Gesellschaften entwickeln konnten, die größer als eine Sippe oder ein kleiner Stamm waren. Außerdem machten die durch den Einsatz von Landwirtschaft erzielten Überschüsse an Nahrungsmitteln es möglich, dass nicht mehr alle Personen mehr oder weniger ausschließlich mit dem Nahrungserwerb beschäftigt waren. Diese Überschüsse ermöglichten in der Jungsteinzeit erstmals so etwas wie gesellschaftliche Arbeitsteilung, sodass sich Menschen auf unterschiedliche Tätigkeiten spezialisieren konnten. Der A-P verortet hier die Wurzel aller Herrschafts- verhältnisse und geht davon aus, das Gesellschaften vor der Neolithischen Revolution prinzipiell egalitär organisiert waren.

Für den A-P sind Zivilisation und Herrschaft deswegen untrennbar miteinander verbun- den, sodass eine herrschaftsfreie Gesellschaft nur durch die Abschaffung der Zivilisation erreicht werden kann. Dies soll in erster Linie durch die Abschaffung von Technologie erreicht werden, wobei die Meinungen auseinander gehen, wie viel Technologie mit einer herrschaftsfreien Gesellschaft vereinbar ist. Während einige VertreterInnen hortikultu- relle und/oder permakulturelle Technologien auf niedrigem Niveau für vertretbar halten, fordern andere hingegen eine strikte Beschränkung auf Technologien, die bereits in der Altsteinzeit zur Verfügung standen1. Einige andere Vertreter2 wie John Moore halten sich gänzlich bedeckt, was das gewünschte technologische Level ist3. Einig sind sich die Anarcho-PrimitivistInnen hingegen in der Forderung, dass alle größeren gesellschaft- lichen Zusammenhänge aufgelöst werden müssen, da ihre Existenz unweigerlich zur Bildung von Hierarchien führt. Aus diesem Grund lehnen die meisten Anarcho-PrimitivistInnen alle Organisationsformen, die über kleine Affinitätsgruppen hinausgehen, ab. Über die Methoden, die beschrieben Ziele zu erreichen, schweigt sich der A-P weitgehend aus.

2. Herkunft

Historisch hat der A-P nur wenige Vorläufer. Es gab allerdings bereits im 19. Jhdt. AnarchistInnen wie Henry David Thoreau oder Leo Tolstoy, die einen ökologischen Anarchismus vertraten. Hierzu gehörten u.a. Vegetarismus, Freie Liebe, Nudismus und Umweltschutz. Insbesondere Thoreau befürwortete außerdem ein möglichst einfaches und naturverbundenes Leben sowie Selbstversorgung und kritisierte die industrielle Zivilisation. Eine prinzipielle Ablehnung des Zivilisation ist hingegen bei den meisten ökologisch orientierten AnarchistInnen nicht zu finden. Einflüsse sind außerdem die LudditInnen, eine militante Bewegung gegen die Industrialisierung, sowie der Situatio- nismus mit seiner Kritik des Spektakels und es Entfremdung in der modernen Gesellschaft.

Der A-P selbst tritt in den 1980er Jahren erstmals in Erscheinung. Er entstand vermut- lich im Umfeld der militanten Ökologie-und Tierrechtsszene in den USA. Die wichtigsten Publikationen des frühen A-P waren die Zeitschriften „The Fifth Estate“ (USA) und „Green Anarchist“ (GB, hat sich 2001 vom A-P distanziert). Heute finden anarcho-primitivistische Aktivitäten fast ausschließlich im Internet statt. Interessanterweise scheint eine recht starke Verbindung zwischen A-P und Christentum zu existieren, wie bspw. die Existenz der christlich-primitivistischen Zeitschrift „In the Land of the Living“ belegt.

3. Theoretische Probleme

Die theoretischen Grundlagen des A-P wurden von anarchistischer Seite umfangreich kritisiert. Problematisch sind bereits die Grundannahmen des A-P wie bspw. die Annah- me, dass Gesellschaften ohne Technologie prinzipiell egalitär organisiert wären. Dem aktuellen Stand der Forschung nach waren und sind diese Gesellschaften durchaus unterschiedlich organisiert, von egalitären Modellen bis hin zu streng hierarchischen Gesellschaften mit klaren Herrschaftsverhältnissen4. Hinter dieser Annahme steckt das alte Konzept des „Edlen Wilden“, welches in der europäischen Aufklärung entstand und davon ausging, dass der Mensch ursprünglich in einem primitiven Naturzustand lebte wie Adam im Paradies, frei von allen negativen Eigenschaften. Dieses Konzept entbehrt nicht nur jeder faktischen Grundlage, sondern ist auch eine hochgradig eurozentris- tische und rassistische Zuschreibung, die historisch von Weißen an Nicht-Weiße gerichtet wurde. Diese Zuschreibung wurde unter anderem zur Legitimierung des Kolonialismus genutzt, als Weiße es sich zur Aufgabe machten, die als „Wilde“ betrachteten Menschen zu missionieren, auszubeuten und westlichen Vorstellungen zu unterwerfen. Dies wird von Anarcho-PrimitivistInnen zwar nicht befürwortet, die Grundannahme ist jedoch die gleiche.

Ein weiteres grundlegendes Problem ist die Ablehnung von gesellschaftlichen Strukturen und Gruppen, die mehr als einige Dutzend oder weniger Hundert Menschen in direkter geographischer Nähe umfassen. Größere Strukturen würden hingegen unweigerlich zu Hierarchien führen. Auch diese Behauptung wird üblicherweise nicht belegt oder begründet, weswegen auch hier nur Mutmaßungen angestellt werden können5. Die anarchistische Praxis hat hingegen in der Geschichte oft genug gezeigt, dass größere Organisationen und Gesellschaftsstrukturen auch ohne Hierarchien funktionieren können. Das beste Beispiel hierfür ist vielleicht die Geschichte der spanischen CNT-FAI, die ihre egalitären Strukturen auch mit einer siebenstelligen Mitgliederzahl noch aufrecht erhalten konnte. Der Autor ist zudem der Meinung, dass die Organisierung großer Menschenmengen auch über weite Entfernungen hinweg durch die Nutzung moderner Kommunikationsmittel wesentlich wesentlich erleichtert wird.

Zudem formuliert der A-P einen globalen und autoritären Anspruch, der anderen Spielar- ten des Anarchismus zumindest in dieser Strenge abgeht. Wo andere AnarchistInnen zumindest von der theoretischen Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz ausgehen, fordert der AP, dass die gesamte Welt sich primitivistischen Prinzipien unterwirft, da ansonsten die primitivistischen Gemeinschaften durch die Umweltverschmutzung der Nicht-PrimitivistInnen beeinträchtigt werden.

Des weiteren ist ein Problem, dass der A-P Technologie als inhärent böse ansieht und die Probleme der heutigen Gesellschaft nicht auf den Kapitalismus, sondern auf die Existenz von Technologie zurückführt. AnarchistInnen sind hingegen überwiegend der Meinung, dass die meisten Technologien genutzt werden können, um das Leben der Menschen zu verbessern, bspw. durch die Verbesserung von Hygiene, Ernährung, medizinischer Versorgung und durch die Reduzierung von Arbeit. Aus diesem Grund ist die Nutzung

Hinzu kommt außerdem noch ein starker Hang zum magischen Denken, wenn es um die Umsetzung geht. So wird beispielsweise nicht geklärt, wie eine primitivistische Revolu- tion vonstatten gehen soll, außer dass eines Tages alle Menschen auf einmal PrimitivistInnen sind. Der einzige konkrete Vorschlag, der im Zuge der Recherchen für diesen Text gefunden wurde, war die Gründung primitivistischer „Communities“6. Auch für praktische Probleme werden selten konkrete Vorschläge geboten, wie der folgende Teil zeigen wird.

4. Praktische Probleme

Das erste zentrale Problem, dass bei der Betrachtung des A-P als Alternative zur heu- tigen Gesellschaftsordnung ins Auge fällt, ist die Frage der Versorgung der Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln. Dieses Problem wurde insbesondere von Andrew Flood ausführlich untersucht. Unter Bezugnahme auf wissenschaftliche Quellen kommt Flood zu dem Schluss, dass eine ausschließlich auf Jagen und Sammeln ausgerichtete Wirtschaftsweise in der Lage wäre, weltweit maximal 100 Millionen Menschen7 zu ernähren, wobei bei einer solchen Bevölkerungszahl schon ein hohes Risiko eines ökologischökonomischen Kollaps bestünde, bspw. durch Überjagung von Tierarten. Mit Hilfe von Landwirtschaft ließen sich hingegen theoretisch 11 Milliarden Menschen ernähren, bei einer starken Reduzierung/Abwicklung der Fleischproduktion sogar unter ökologischen Gesichtspunkten. Primitivistische Erwiderungen zu dieser Frage gehen üblicherweise von der Annahme aus, dass die Weltbevölkerung radikal schrumpfen muss.

Wie diese Schrumpfung vonstatten zu gehen hat, wird unter AnarchoPrimitivistInnen unterschiedlich beurteilt. Teilweise wird eine freiwillige Geburtenkontrolle bevorzugt8, die meisten gehen jedoch von einem unweigerlichen ökologischen Kollaps der Gesellschaft aus, sodass ein Massensterben unausweichlich ist und nach Meinung einiger (bspw. Jason Godesky) auch nicht verhindert werden sollte. In diesem Kontext werden auch Massenepidemien wie HIV/AIDS und Hungersnöte teilweise ausdrücklich befürwortet9. Hier offenbart sich das chiliastische Weltbild vieler Anarcho-PrimitivistInnen, wenn der der Weltuntergang als unvermeidlich und jeder Versuch, ihn abzuwenden, als sinnlos dargestellt wird. An dieser Stelle ist für die meisten KritikerInnen die Diskussion beendet.

Ähnliche Probleme gelten auch für andere Fragen, beispielsweise wie die Medizin in einer primitivistischen Gesellschaftsordnung aussehen soll. Moderne Medizin würde offensicht- lich wegfallen. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass Menschen in „primitiven“ nicht krank würden, da alle Krankheiten Zivilisationskrankheiten seien oder dass die moderne Medizin komplett durch traditionelle Heilmethoden ersetzt werden könnte, bzw. primitive Heilmethoden dann zeitnah erfunden würden10 .

5. Warum müssen wir uns damit auseinandersetzen?

Momentan finden primitivistische Ideen vor allem in antispeziesistischen und konsumkriti- schen Kreisen eine wachsende Anhängerschaft. Insbesondere für jüngeren Menschen, die ohne große Vorkenntnisse mit dem A-P in Berührung kommen, kann er durch seinen radikalen Gestus eine gewisse Attraktivität besitzen.

Mitmenschen oder des Kapitalismus, sondern der gesamten Zivilisation ermöglicht einen hohen Distinktionsgewinn bei geringem persönlichem Einsatz, anders als andere Möglichkeiten linksradikalen Engagements. Der Elitarismus und Verbalradikalismus vieler anarcho-primivitistischer Gruppen und Publikationen ist den Prinzipien des Anarchismus zwar diametral entgegengesetzt, kann aber in diesem Zusammenhang zusätzlich attraktiv sein, zumal er im Internet in Form ansprechend gestalteter Seiten und absoluter „Wahrheiten“ daher kommt.

Aus dem Vortrag sollte soweit hervorgegangen sein, dass der A-P eine misanthropische und autoritäre Ideologie darstellt, die nicht mit den Prinzipien des Anarchismus vereinbar ist. Entscheidende Konzepte wie das Herannahen einer unvermeidlichen Apokalypse, die nur wenige Auserwählte überleben werden, oder die Vorstellung, dass der Mensch schon allein durch seine Existenz sündigt11, sind eher dem Repertoire mancher Strömungen des Christentums entlehnt, als dass sie dem Anarchismus zugerechnet werden können. Aus diesem Grund sollte Bestrebungen, diese Ideologie als anarchistisch zu bezeichnen, entgegengewirkt werden.

Ihren VertreterInnen und Positionen sollte kein Raum in anarchistischen Kreisen und Publikationen gewährt werden, auch wenn dies heute noch in ökoanarchistischen und antispeziesistischen Kreisen gelegentlich geschieht. Dies bedeutet nach Ansicht des Verfassers auch, dass der anti-autoritäre Gehalt unserer Positionen gerade im ökologischen und antispeziesistischen Bereich stärker herausgestellt werden muss, um ein Andocken autoritärer Ideologien wie des Primitivismus zu verhindern.

1 Bspw. John Zerzan und Derrick Jensen.
2 Nach Wahrnehmung des Autors handelt es sich bei den Vordenkern des A-P ausnahmslos um sich als männlich verstehende Menschen.
3 Vgl. Moore o.J.
4 Prähistorische Gesellschaften sind bislang noch sehr wenig erforscht, allerdings kann davon ausgegangen werden, dass die Situation ähnlich war.
5      Evtl. Kann nicht zwischen einer Redeleitung und einem Chef unterschieden werden.
6 Vgl. Moore o.J.
7 Historisch 10 Millionen.
8 Bspw. Bei John Moore. Unklar ist auch hier, warum die gesamte Menschheit sich spontan dazu entscheiden sollte.
9 Aussagekräftige Zitate sind v.a. bei Andrew Flood und Jason Godesky zu finden.
10 Vgl. hierzu in erster Linie Moore.
11 Wenn auch gegen die Natur und nicht gegen die Gebote Gottes.

6. Literatur

Chaz Bufe: Primitive Thought, in: Processed World Nr. 22 (1988), via: libcom.org/library/primitive-thought

Jason Godesky: 5 Common Objections to Primitivism, and why they're wrong (2005), via:
web.archive.org/web/20060207174708/
anthropik.com/200 5/10/5-common-objections-to-primitivism-and-why-theyre-wrong

John Moore: A Primitivist Primer, via:
www.primitivism.com/primer.htm

Brian Sheppard: Anarchism vs. Primitivism, Tucson/Arizona 2003, via: libcom.org/library/anarchism-vs-primitivism

freigeisterhaus.de/viewtopic.php? t=25108&postdays=0&postorder=asc&&start=0&sid=a1c6125f7bd993e06578 a499fd399ba6
(einzige deutschprachige Quelle, die sich auf die Schnelle finden ließ).

 


VON: FAU-LOKALFÖDERATION BIELEFELD






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