Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 30)

01.05.13
TheorieTheorie, News 

 

von Teodor Oiserman von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Marx und die bürgerliche politische Ökonomie. Die„Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844". Die entfremdete Arbeit und das Privateigentum. [2 von 3]

Marx führt Adam Smiths Definition des Kapitals an, wonach es aufgespeicherte Arbeit darstellt. Diese Definition hält Marx deshalb für unbefriedigend, weil sie das Privateigentum ignoriert, ohne das es kein Kapital gibt. „Das Kapital ist also die Regierungsgewalt über die Arbeit und die Produkte. Der Kapitalist besitzt diese Gewalt, nicht seiner persönlichen oder menschlichen Eigenschaften wegen, sondern insofern er Eigentümer des Kapitals ist.“

[11] Die Herrschaft des Kapitals über die Arbeit ist die höchste Entwicklungsstufe des Privateigentums; ihr entspricht die Polarisierung der Gesellschaft in die Klasse der Eigentümer und die der eigentumslosen Arbeiter.

Marx interessiert sich vor allem für das Problem des Privateigentums, auf das alle anderen Fragen hinauslaufen. Für Marx handelt es sich dabei nicht nur um ein ökonomisches, sondern auch um ein sehr wichtiges soziales Problem.Die Nationalökonomie geht vom Faktum des Privateigentums aus“, bemerkt Marx. Aber: „Sie erklärt uns dasselbe nicht. Sie fasst den materiellen Prozess des Privateigentums, den es in der Wirklichkeit durchmacht, in allgemeine, abstrakte Formeln, die ihr dann als Gesetze gelten. Sie begreift diese Gesetze nicht, das heißt, sie zeigt nicht nach, wie sie aus dem Wesen des Privateigentums hervorgehen.“ [12] -

Die Nationalökonomie gibt uns keinen Aufschluss über die Ursachen der Trennung von Arbeit und Kapital sowie von Kapital und Erde. Wenn die bürgerlichen Ökonomen das Verhältnis zwischen Arbeitslohn und Profit des Kapitals bestimmen, dann sprechen sie lediglich davon, dass beide Seiten (Arbeiter und Kapitalisten) bestrebt sind, möglichst viel für ihre Waren zu erhalten. Dabei verweisen sie auf die Konkurrenz, womit jedoch nichts erklärt wird, denn auf die objektive Grundlage der Konkurrenz gehen sie nicht ein.

So deckt Marx die methodologischen Prämissen der bürgerlichen politischen Ökonomie auf, die in den nächstliegenden Beweggründen der Tätigkeit der Kapitalisten, in Egoismus und Gewinnsucht, die Triebkräfte der kapitalistischen Produktion erblickt. Danach „gilt ihr als letzter Grund das Interesse der Kapitalisten; d. h., sie unterstellt, was sie entwickeln soll“. [13] Diesem idealistischen Empirismus widersetzt sich Marx als Materialist und formuliert seine Forschungsaufgabe: „Wir haben also jetzt den wesentlichen Zusammenhang zwischen dem Privateigentum, der Habsucht, der Trennung von Arbeit, Kapital und Grundeigentum, von Austausch und Konkurrenz, von Wert und Entwertung des Menschen, von Monopol und Konkurrenz etc., von dieser ganzen Entfremdung mit dem Geldsystem zu begreifen.“ [14]

Das Privateigentum erforschen heißt vor allem die Form der Arbeit erforschen, durch die das Privateigentum geschaffen wird. Vom Standpunkt des bürgerlichen Ökonomen schafft jede Arbeit, schafft die Arbeit schlechthin Waren, Kapital und Privateigentum. Diese antidialektische Betrachtungsweise, die die ökonomischen Grundpfeiler der bürgerlichen Gesellschaft verewigt, lehnt Marx ab. Er erklärt, das Privateigentum und alles das, was sich aus ihm ergibt, werde nicht durch die Arbeit schlechthin, sondern durch eine historisch bestimmte Form der menschlichen Tätigkeit, durch die entfremdete Arbeit geschaffen.

Der Begriff der entfremdeten Arbeit ist in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ zweifellos von zentraler Bedeutung. Durch diesen Begriff unterscheidet sich Marx’ Problemstellung in bezug auf die Entfremdung nicht nur prinzipiell von der Hegels und Feuerbachs, sondern er ist auch eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine materialistische Analyse des Genesis des Privateigentums und damit für den Beweis seines historisch vergänglichen Charakters.

Die Arbeit, die materielle Produktion ist für Marx das Gattungsleben des Menschen. „Aber der Mensch ist nicht nur Naturwesen, sondern er ist menschliches Naturwesen; d.

h. für sich selbst seiendes Wesen, darum Gattungswesen ...“ [15] Dieser spezifische Unterschied zwischen Mensch und Tier ist nicht naturgegeben, er entsteht und entwickelt sich im Prozess der Produktion während der gesamten Menschheitsgeschichte. „Zwar produziert auch das Tier. Es baut sich ein Nest, Wohnungen, wie die Biene, Biber, Ameise etc. Allein es produziert nur, was es unmittelbar für sich oder sein Junges bedarf; es produziert einseitig, während der Mensch universell produziert; es produziert nur unter der Herrschaft des unmittelbaren physischen Bedürfnisses, während der Mensch selbst frei vom physischen Bedürfnis produziert und erst wahrhaft produziert in der Freiheit von demselben ...“ [16]

Die Produktion ist unmöglich als Tätigkeit des isolierten Individuums; sie ist ihrem Wesen nach ein gesellschaftlicher Prozess. Diese Auffassung von der gesellschaftlichen Natur des Menschen unterscheidet sich grundlegend von der anthropologischen Auffassung des Menschen als eines sozialen Wesens. Auch die Einheit von Mensch und Natur sieht Marx ganz anders als Feuerbach. Während dieser immer wieder darauf hinweist, dass der Mensch ein natürliches Wesen, ein Teil der Natur ist, kommt es Marx darauf an, das soziale Wesen dieser Einheit bloßzulegen: die gesellschaftliche Produktion, die anderen Gesetzen unterliegt als die Natur. Durch sie „erscheint die Natur“ dem Menschen „als sein Werk und seine Wirklichkeit. Der Gegenstand der Arbeit ist daher die Vergegenständlichung des Gattungslebens des Menschen: indem er sich nicht nur wie im Bewusstsein intellektuell, sondern werktätig, wirklich verdoppelt und sich selbst daher in einer von ihm geschaffenen Welt anschaut“. [17] Dies ist selbstverständlich nicht im Sinne der Junghegelianer zu verstehen. Nur die vom Menschen umgestaltete Natur, nur die Welt der vom Menschen geschaffenen Dinge ist für Marx das Werk des Menschen.

Die [im Klassenkampf befreite] Arbeit also ist das Wesen des Menschen, ist das, wodurch er Mensch ist, ein gesellschaftliches Wesen, zu vielfältiger Tätigkeit und zu unbegrenztem Fortschritt fähig. Diese äußerst wichtige These, meint Marx, ist schon von Hegel, wenngleich in einer falschen, spekulativen Form, aufgestellt worden. „Das Große an der Hegelschen ,Phänomenologie’ und ihrem Endresultate – der Dialektik der Negativität als dem bewegenden und erzeugenden Prinzip – ist also einmal, dass Hegel die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozess fasst, die Vergegenständlichung als Entgegenständlichung, als Entäußerung und als Aufhebung dieser Entäußerung; dass er also das Wesen der Arbeit fasst und den gegenständlichen Menschen, wahren, weil wirklichen Menschen, als Resultat seiner eigenen Arbeit begreift.“ [18]

Wäre die Arbeit lediglich eine Tätigkeit, durch die Waren erzeugt werden, dann hätte der Begriff der entfremdeten Arbeit keine wesentliche Bedeutung. Sobald aber klar ist, dass gerade die Arbeit in der historischen Entwicklung der „menschlichen Wesenskräfte“ die entscheidende Rolle spielt, offenbart der Begriff der entfremdeten Arbeit seinen tiefsten Sinn. Er macht die Entfremdung des menschlichen Wesens, des menschlichen Lebens begreiflich und enthüllt damit die das gesamte menschliche Dasein umfassenden Widersprüche. -

Dieser so wichtige Aspekt entgeht der bürgerlichen politischen Ökonomie völlig, denn sie betrachtet die Arbeit als eine der möglichen menschlichen Tätigkeiten, als eine unangenehme Notwendigkeit, zumindest für diejenigen, die ihr Leben nicht auf andere Weise sichern können.

Somit ist die Arbeit einerseits eine spezifisch menschliche, schöpferische Kraft, die den Menschen und die Menschheit formt, andererseits aber ist sie entfremdete Arbeit, die den Menschen und die Menschheit deformiert und verunstaltet. -

Das Wesen der entfremdeten Arbeite besteht also in folgendem:

„Der Gegenstand, den die Arbeit produziert, ihr Produkt, tritt ihr als ein fremdes Wesen, als eine von den Produzenten unabhängige Macht gegenüber. Das Produkt der Arbeit ist die Arbeit, die sich in einem Gegenstand fixiert, sachlich gemacht hat, es ist die Vergegenständlichung der Arbeit. Die Verwirklichung der Arbeit ist ihre Vergegenständlichung. Diese Verwirklichung der Arbeite erscheint in dem nationalökonomischen Zustand als Entwirklichung des Arbeiters, die Vergegenständlichung als Verlust und Knechtschaft des Gegenstandes, die Aneignung als Entfremdung, als Entäußerung.[19]

Der [vielfältig differenzierte, der/die technisch-wissenschaftliche Hand- und Kopfarbeiter/in] Arbeiter produziert Gegenstände, Reichtum für andere. Er widmet seine ganze Kraft, sein Leben der Arbeit, und dieses Leben gehört nicht mehr ihm, es gehört dem Gegenstand seiner Arbeit. Das aber ergibt sich nicht aus dem Wesen der Arbeit schlechthin, sondern aus dem Wesen der entfremdeten Arbeit.

Die Entfremdung der Arbeit besteht nicht nur darin, dass sich der Privateigentümer ihre Produkte aneignet. Sie vollzieht sich vor allem im Produktionsprozess und erst danach in der Verteilung. -

„Das Produkt ist ja nur das Resümee der Tätigkeit, der Produktion. Wenn also das Produkt der Arbeit die Entäußerung ist, so muss die Produktion selbst die tätige Entäußerung der Tätigkeit, die Tätigkeit der Entäußerung sein. In der Entfremdung des Gegenstandes der Arbeit resümiert sich nur die Entfremdung, die Entäußerung in der Tätigkeit der Arbeit selbst.“ [20] « [2 von 3]

Anmerkungen

11 Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844. In: MEW, EB I, S. 484. 12 Ebenda, S. 510.
13 Ebenda. 14 Ebenda, S. 511. Die prinzipielle Bedeutung dieser materialistischenFragestellung in bezug auf die Triebkräfte der kapitalistischen Produktion ist mit Recht von D. M. Gwischiani hervorgehoben worden, der darauf aufmerksam macht, dass Marx im vierten Band des „Kapitals“ einen Gesichtspunkt aufgreift und weiterentwickelt, welcher erstmalig schon in den„Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ angeführt wurde. Die heutigen Theoretiker des kapitalistischen Business bedienen sich immer noch der Argumente, deren Unhaltbarkeit Karl Marx schon vor mehr als einem Jahrhundert nachgewiesen hat. „Es istbemerkenswert, dass die Ideologen des Managements in allen ihren Überlegungen über die Ziele und Triebkräfte der Entwicklung der kapitalistischen Produktion geflissentlich einer ernsthaften wissenschaftlichen Analyse der kapitalistischen Wirklichkeit aus dem Wege gehen ... Zum Leitmotiv der Tätigkeit werden subjektive Absichten, ethische Normen und anderes erklärt. Diese offen idealistische Konzeption wird als Widerlegung der materialistischen Geschichtsauffassung ausgegeben.“ (D. M. Gvišiani: Management, Berlin 1974, S. 240/241.) 15 MEW, EB I, S. 579. 16 Ebenda, S. 517. Weiter heißt es bei Marx: „Das Tier formiert nur nach dem Maß und dem Bedürfnis der species, der es angehört, während der Mensch nach dem Maß jeder species zu produzieren weiß und überall das inhärente Maß dem Gegenstand anzulegen weiß; der Mensch formiert daher auch nach den Gesetzen der Schönheit.“ (Ebenda.) Dies ist einer der Ausgangspunkte marxistischer Ästhetik, wie es A. G. Jegorow in seiner Monographie „Die Kunst und das gesellschaftliche Leben“ (Moskau 1959, Berlin 1962) dargestellt hat. 17 MEW, EB I, S. 517. 18 Ebenda, S. 574. Wenn Hegel, wie Marx sagt, die Arbeit als Einheit von Vergegenständlichung (der menschlichen Tätigkeit) und Entgegenständlichung (der Natur), als Entäußerung und Aufhebung dieser Entäußerung versteht, so ist das eine allgemeine Charakteristik der Arbeitstätigkeit, die direkt mit dem Marxschen Begriff der entfremdeten Arbeit nichts zu tun hat. Das wird einige Zeilen weiter auch von Marx selbst mit der Feststellung unterstrichen: „Hegel steht auf dem Standpunkt der modernen Nationalökonomen. Er fasst die Arbeit als das Wesen, als das sich bewährende Wesen des Menschen; er [Hegel] sieht nur die positive Seite der Arbeit, nicht ihre negative.“ (Ebenda, S. 574.) In dem bei Hegel fehlenden Begriff der entfremdeten Arbeit widerspiegelt sich denn auch jener negative (durch die antagonistischen gesellschaftlichen Beziehungen bedingte) Aspekt der Arbeit, den Hegel, wie Marx hervorhebt, nicht gesehen hat. Hieraus wird klar, wie wenig Hyppolite Marx verstanden hat, wenn er ihm vorwirft, dass er die Aufhebung der entfremdeten Arbeit und der mit ihr korrespondierenden Formen des entfremdeten Bewusstseins für notwendig und möglich halte. (Siehe J. Hyppolite: Etudes sur Marx et Hegel, Paris 1955, S. 102.) Marx geht es nicht um die Liquidierung von Widersprüchen der gesellschaftlichen Entwicklung, sondern um die Beseitigung der antagonistischen Gesellschaftsverhältnisse. 19 MEW, EB I, S. 511/512. 20 Ebenda, S. 514.

Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Vgl.: Marx und die bürgerliche Ökonomie. Die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844". Die entfremdete Arbeit und das Privateigentum.

 

 


VON: TEODOR OISERMAN VON REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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