Die Entstehung der marxistischen Philosophie (Teil 54)

02.07.13
TheorieTheorie, News 

 

von Teodor Oiserman - Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Die historische Entwicklung der Eigentumsformen. Der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Das Problem des Staates und der Revolution.
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Aus der ganzen Vielfalt der gesellschaftlichen Verhältnisse heben die Autoren der „Deutschen Ideologie“ die Verhältnisse der Menschen im Produktionsprozess als die grundlegenden, ursprünglichen, alle anderen – die politischen und die ideologischen – Verhältnisse bestimmenden heraus. -

„Der Grund und Boden hat Nichts mit der Grundrente, die Maschine Nichts mit dem Profit zu tun.“ [1] Dass zum Beispiel der Boden seinem Besitzer pacht einbringt, ist durch historisch bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse bedingt, die sich unabhängig vom Willen des Grundbesitzers und des Pächters herausbilden. Die Produktionsverhältnisse sind nach Marx und Engels vor allem Eigentumsverhältnisse, die von ihrer stofflichen Form notwendig unterschieden werden müssen. So geht es nicht an, den Rock, den ich trage, „als mein Privateigentum zu rangieren, da er mir über kein auch noch so geringes Quantum fremder Arbeit noch ein Kommando gibt“. [2] Hieraus ist ersichtlich, dass der Marxismus unter Privateigentum ein Mittel zur Aneignung fremder Arbeit versteht. Die strenge Unterscheidung zwischen Privateigentum und persönlichem Eigentum ermöglicht es Marx und Engels, die Aufgabe der sozialistischen Vergesellschaftung wissenschaftlich zu formulieren.

Die Begründer des Marxismus schildern in großen Zügen die geschichtliche Entwicklung der Grundformen des Eigentums. Die erste Form des Eigentums ist das Stammeigentum. Es entspricht einer unentwickelten Stufe der Produktion, auf der sich die Menschen vornehmlich mit Jagd und Fischfang und teilweise mit Ackerbau beschäftigen. Es handelt sich hier um Gemeineigentum. Mit ihm ist die patriarchalische Familie verbunden, in der in latenter Form die Sklaverei entsteht und existiert.

Die Weiterentwicklung der Produktivkräfte, die Vermehrung der Bevölkerung und der Bedürfnisse, die Ausdehnung des äußeren Verkehrs (Tauschhandel, Krieg) bringt dann die auf der Sklavenarbeit beruhenden Produktionsverhältnisse hervor. Die zweite Form des Eigentums „ist das antike Gemeinde- und Staatseigentum, das namentlich aus der Vereinigung mehrerer Stämme zu einer Stadt durch Vertrag oder Eroberung hervorgeht und bei dem die Sklaverei fortbestehen bleibt. Neben dem Gemeindeeigentum entwickelt sich schon das mobile und später auch das immobile Privateigentum, aber als eine abnorme, dem Gemeindeeigentum untergeordnete Form. Die Staatsbürger besitzen nur in ihrer Gemeinschaft die Macht über ihre arbeitenden Sklaven und sind schon deshalb an die Form des Gemeindeeigentums gebunden“. [3]

Die dritte Form des Eigentums ist das feudale oder ständische Eigentum. Die besondere Art und Weise, wie sich die feudalen Verhältnisse in Europa herausbildeten (Eroberung des Römischen Reiches durch die Barbaren, Zerstörung eines Teils der Produktivkräfte, Niedergang der Städte, des Handels usw.), kann nicht über die entscheidende Tatsache hinwegtäuschen, dass die neuen Produktionsverhältnisse eine sehr viel raschere Entwicklung der Produktivkräfte zuließen, als es in der Sklavenhaltergesellschaft möglich war.

Das feudale Eigentum setzt, wie das Eigentum der Sklavenhalter, die Spaltung der Gesellschaft in gegensätzliche Klassen voraus, von denen die eine Klasse die andere knechtet und ausbeutet. „Die hierarchische Gliederung des Grundbesitzes und die damit zusammenhängenden bewaffneten Gefolgschaften gaben dem Adel die Macht über die Leibeigenen. Diese feudale Gliederung war ebensogut wie das antike Gemeindeeigentum eine Assoziation gegenüber der beherrschten produzierenden Klasse; nur war die Form der Assoziation und das Verhältnis zu den unmittelbaren Produzenten verschieden, weil verschiedene Produktionsbedingungen vorlagen.“ [4]

Der feudalen Gliederung des Grundbesitzes entsprach in den Städten die Organisation des Handwerks in Zünften. Der Gegensatz zwischen Leibeigenen und Feudalherren auf dem Lande und der Gegensatz zwischen Gesellen und Meistern in der Stadt kennzeichnen die Beziehungen, welche die sozialen Hauptgruppen der Feudalgesellschaft zueinander einnahmen. Ohne näher auf die Frage der Produktionsverhältnisse in vorkapitalistischen Formationen, wie sie in der „Deutschen Ideologie“ behandelt wird, einzugehen, können wir feststellen, dass Marx und Engels ungeachtet der wenigen historischen und ökonomischen Daten die wichtigsten Besonderheiten der Urgesellschaft, der Sklavengesellschaft und des Feudalismus bestimmen. Fern von jeglicher Schematisierung des sozialhistorischen Prozesses, enthüllen sie die hauptsächlichen Besonderheiten eines jeden Typs von Produktionsverhältnissen und der durch sie bedingten klassenstruktur der Gesellschaft. Die Analyse der konkreten historischen Tatsachen erlaubt es, sowohl die Einheit als auch die Mannigfaltigkeit der Weltgeschichte zu begreifen.

Die weitere Entwicklung der Produktion innerhalb der Feudalgesellschaft führt unvermeidlich zum Zerfall des korporativen Eigentums und des Gemeindeeigentums. Dadurch wird auch die persönliche Abhängigkeit der Produzenten von der sie ausbeutenden Klasse gelockert; schließlich entstehen kapitalistische Produktionsverhältnisse, das Privateigentum wird allmählich zum unumschränkt herrschenden ökonomischen Verhältnis. So entwickeln sich die verschiedenen Eigentumsformen, die es im Laufe der Menschheitsgeschichte gegeben hat, „bis zum modernen, durch die große Industrie und universelle Konkurrenz bedingten Kapital, dem reinen Privateigentum, das allen Schein des Gemeinwesens abgestreift ... hat“. [5] Die von den feudalen Fesseln freie Lohnarbeit, das heißt die neue Form der Knechtung der Produzenten, erhält ihren politischen Ausdruck im bürgerlich-demokratischen Staat. Dieser ist also der der ökonomischen Struktur des Kapitalismus entsprechende politische Überbau. -

Hieraus erklärt sich auch die folgende Bemerkung von Marx und Engels: Der moderne Staat, die Herrschaft der Bourgeoisie, beruht auf der Freiheit der Arbeit ... Die Freiheit der Arbeit ist die freie Konkurrenz der Arbeiter unter sich ... Die Arbeit ist frei in allen zivilisierten Ländern; es handelt sich nicht darum, die Arbeit zu befreien, sondern sie aufzuheben.“ [6]

Für den bürgerlichen Ideologen ist die von den feudalen Fesseln freie Arbeit des Arbeiters freie Arbeit schlechthin, wobei die Tatsache ignoriert wird, dass der Proletarier über keinerlei Produktionsmittel verfügt. Diese von den Produktionsmitteln freie, das heißt von den Besitzern der Produktionsmittel abhängige Arbeit muss aufgehoben werden. Die Proletarier müssen, so Marx und Engels, „um persönlich zur Geltung zu kommen, ihre eigne bisherige Existenzbedingung, die zugleich die der ganzen bisherigen Gesellschaft ist, die Arbeit, aufheben“. [7] Es ist offensichtlich, dass es hier um die entfremdete Arbeit, die „negative Form der Selbstbetätigung“ [8], das heißt die Negation letzterer, geht. Genau das meinen die Autoren der „Deutschen Ideologie“, wenn sie mit Nachdruck erklären, die Arbeit ist „die Macht über den Individuen, und solange diese existiert, solange muss das Privateigentum existieren“. [9] Daraus resultiert auch die terminologisch nicht ganz gelungene Ausdrucksweise, die jedoch nicht zufällig ist. Marx und Engels stellen die Frage nach einer radikalen Umgestaltung der gesamten schöpferischen Tätigkeit der Menschen, was die „Verwandlung der Arbeit in Selbstbetätigung“ [10] voraussetzt. Sie [Marx und Engels] betonen, dass die „kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Art der Tätigkeit richtet, die Arbeit beseitigt und die Herrschaft aller Klassen mit den Klassen selbst aufhebt“. [11] -

Die objektive Notwendigkeit dieser gewaltigen revolutionären Umwälzung ergibt sich aus der Entwicklung der Produktivkräfte der bürgerlichen Gesellschaft, die die beschränkten, auf Privateigentum beruhenden und die Arbeit und ihre Produkte entfremdenden Produktionsverhältnisse sprengen.

Die These vom Konflikt zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen in der antagonistischen Gesellschaft als der objektiven Grundlage sozialer Revolutionen ist jene große Entdeckung von Marx und Engels, die die Ausarbeitung der Grundlagen des historischen Materialismus krönt.

Die Produktionsverhältnisse (sie sind der wichtigste Ausgangsbegriff des historischen Materialismus) werden als historisch-konkrete, einem bestimmten Entwicklungsstand (und Charakter) der Produktivkräfte entsprechende Bewegungsform der Produktivkräfte charakterisiert. -

Der Konflikt zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen ist auch dadurch bedingt, dass sich die herrschenden Ausbeuterklassen der Veränderung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse widersetzen. -

Darum wird er [der Konflikt zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen] nur durch die soziale Revolution gelöst, als deren Ergebnis „an die Stelle der früheren, zur Fessel gewordenen Verkehrsform eine neue, den entwickelten Produktivkräften und damit der fortgeschrittenen Art der Selbstbetätigung der Individuen entsprechende gesetzt wird, die à son tour wieder zur Fessel und dann durch eine andre ersetzt wird“. [12] «
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Anmerkungen

1 Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, S. 212.
2 Ebenda.
3 Ebenda, S. 22/23.
4 Ebenda, S. 24.
5 Ebenda, S. 62.
6 Ebenda, S. 186.
7 Ebenda, S. 77.
8 Ebenda, S. 67.
9 Neuveröffentlichung des Kapitels I des I. Bandes der „Deutschen Ideologie“ von Karl Marx und Friedrich Engels. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 1966, Heft 10. S. 1229.
10 Ebenda, S. 1247.
11 Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, S. 69/70.
12 Ebenda, S. 72.

Quelle: Teodor Oiserman: Die Entstehung der marxistischen Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1980. Zweiter Teil. Erstes Kapitel. Vgl. 10. Die historische Entwicklung der Eigentumsformen. Der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Das Problem des Staates und der Revolution.

 


VON: TEODOR OISERMAN - REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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