Lenin gegen Dogmatismus und Sektierertum


Lenin

04.12.13
TheorieTheorie, News 

 

von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Gegen Dogmatismus und Sektierertum in der Arbeiterbewegung [Teil 20]

Über „linke“ Kinderei und über Kleinbür- gerlichkeit [VI von VI]

VI. »Zum Schluss zwei Bemerkungen.

Als wir mit den „linken Kommunisten“ am 4. April 1918 (siehe „Kommunist“ Nr. 1, S. 4, Anm.) stritten, richtete ich an sie die klare Auffor- derung: Erklärt doch, womit ihr im Dekret über die Eisenbahnen unzufrieden seid, macht eure Abänderungsvorschläge. Das ist eure Pflicht als sowjetische Führer des Proleta-riats, sonst sind eure Worte nichts als Phrasen.

Am 20. April 1918 erschien Nr. 1 des „Kommunist“, und darin ist kein einziger Wort darüber enthalten, wie man nach Auffassung der „linken Kommunisten“ das Dekret über die Eisenbahnen abändern oder verbessern müsste.

Mit diesem Stillschweigen haben die „linken Kommunisten“ über sich selbst das Urteil gesprochen. Sie beschränken sich auf Ausfälle und Anspielungen gegen das Dekret über die Eisenbahnen (S. 8 und 16 in Nr. 1), auf die Frage aber „Wie soll man das Dekret verbessern, wenn es nicht richtig ist?“ haben sie keine artikulierte Antwort gegeben.

Kommentar überflüssig. Eine solche „Kritik“ des Dekrets über die Eisenbahnen (eines Musters unserer Linie, einer Linie der Festigkeit, einer Linie der Diktatur, einer Linie der proletarischen Disziplin) werden die klassenbewussten Arbeiter entweder als „lssuwsche Linie“ oder als Phrase bezeichnen.

Die zweite Bemerkung. In Nr. 1 des „Kommunist“ ist eine für mich sehr schmeichelhafte Rezension des Gen. Bucharin über meine Broschüre „Staat und Revolution“ veröffentlicht. Aber wie wertvoll mir auch die Meinung von Menschen wie Bucharin ist, so muss ich doch ehrlich gestehen, dass der Charakter der Rezension eine traurige und bezeichnende Tatsache offenbart: Bucharin betrachtet die Aufgaben der proletarischen Diktatur so, dass sein Gesicht der Vergangenheit und nicht der Zukunft zugewandt ist. Bucharin hat bemerkt und hervorgehoben, was es in der Frage des Staates Gemeinsames zwischen einem proletarischen und einem kleinbürgerlichen Revolutionär geben kann. Bucharin hat aber gerade das „nicht bemerkt“, was den einen vom andern trennt.

Bucharin hat bemerkt und hervorgehoben, dass man den alten Staatsapparat „zerschlagen“, „sprengen“ muss, dass man die Bourgeoisie „endgültig erdrosseln“ muss usw. Das kann ein wildgewordener Kleinbürger ebenfalls wollen. Und das hat unsere Revolution von Oktober 1917 bis Februar 1918 in den Hauptzügen bereits getan.

Was aber sogar der revolutionäre Kleinbürger nicht wollen kann, was der klassenbewusste Proletarier will, was unsere Revolution noch nicht getan hat – davon ist in meiner Broschüre ebenfalls die Rede. Und über diese Aufgabe, über die Aufgabe des morgigen Tages, hat sich Bucharin ausgeschwiegen.

Ich habe aber um so mehr Gründe, darüber nicht zu schweigen, erstens, weil man von einem Kommunisten mehr Aufmerksamkeit für die Aufgaben des morgigen Tages als für die gestrigen Tages erwarten muss, und zweitens, weil meine Broschüre vor der Eroberung der Macht durch die Bolschewiki geschrieben wurde, als man den Bolschewiki nicht mit vulgären Betrachtungen kommen konnte wie: „Nun ja, nachdem man die Macht ergriffen hat, beginnt man natürlich das Lied von der Disziplin anzustimmen ...“

„Der Sozialismus wird in den Kommunismus hinüberwachsen ..., denn die Menschen werden sich gewöhnen, die elementaren Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens ohne Gewalt und ohne Unterordnung einzuhalten.“ („Staat und Revolution“, S. 77/78*. [* Siehe: W. I. Lenin, Werke, Bd. 25, S. 469/70. Die Red.] Von den „elementaren Regeln“ war also vor der Eroberung der Macht die Rede.)

Erst dann beginnt die Demokratie abzusterben ...“, wenn die „Menschen sich nach und nach gewöhnen werden, die elementaren, von alters her bekannten und seit Jahrtausenden in allen Vorschriften gepredigten Regeln des Zusammenlebens einzuhalten, sie ohne Gewalt, ohne Zwang, ohne den besonderen Zwangsapparat, der sich Staat nennt, einzuhalten“. (Ebenda, S. 84** [** Ebenda, S. 476. Die Red.], von den „Vorschriften“ war die Rede vor der Machteroberung.)

Die höhere Phase der Entwicklung des Kommunismus“ (jedem nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten) „hat nicht die heutige Arbeitsproduktivität und nicht den heutigen Spießer zur Voraussetzung, der es fertig brächte, etwa wie die Seminaristen bei Pomjalowski, für nichts und wieder nichts Magazine gesellschaftlicher Vorräte zu beschädigen und Unmögliches zu verlangen.“ (Ebenda, S. 91* [* Siehe: W. I. Lenin, Werke, Bd. 25, S. 484. Die Red.]

Bis die höhere Phase des Kommunismus eingetreten sein wird, fordern die Sozialisten die strengste Kontrolle seitens der Gesellschaft und seitens des Staates über das Maß der Arbeit und Maß der Konsumtion“ (ebenda).

Rechnungsführung und Kontrolle – das ist das Wichtigste, was zum Ingangsetzen, zum richtigen Funktionieren der kommunistischen Gesellschaft in ihrer ersten Phase erforderlich ist.“ (Ebenda, S. 95**.) [** Ebenda, S. 487/88. Die Red.] -

Und diese Kontrolle muss man nicht nur über „die verschwindend kleine Minderheit der Kapitalisten, über die Herrchen, die die kapitalistischen Allüren gern bewahren möchten“, einführen, sondern auch über diejenigen Arbeiter, die „durch den Kapitalismus tief demoralisiert worden sind“ (ebenda, S. 96***) und über „Müßiggänger, Herrensöhnchen, Gauner und ähnliche Hüter der Traditionen des Kapitalismus“ (ebenda). [*** Ebenda, S. 489. Die Red.]

Es ist bemerkenswert, dass Bucharin gerade das nicht hervorgehoben hat.«
»5. V. 1918«

Veröffentlicht am 9., 10. und 11. Mai 1918 in „Prawda“ Nr. 88, 89 und 90. / Werke, Bd. 27, S. 316–347.
[Ein Auszug. / Abschluss. - R. S.]

Quelle: W. I. Lenin. Gegen Dogmatismus und Sektierertum in der Arbeiterbewegung. Eine Auswahl von Schriften und Reden. Zusammengestellt von N. G. Semrjugina. Verlag Progress Moskau 1972.


VON: REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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