Kapitallektürekurs (Teil 1)


Bildmontage: HF

29.10.16
TheorieTheorie, TopNews 

 

Von Karl Wild

Zur Einführung

Am Hauptwerk von Karl Marx, dem „Kapital“, haben sich seit dem Ersterscheinen 1867 viele Generationen von Anhängern und Gegnern des „Marxismus“ abgearbeitet und nach Erkenntnis gesucht. Heute, da global der Kapitalismus zu seinen Ursprüngen zurück kehrt, ist die Marxsche Forschungsarbeit über „die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse“(12)* von unvermindertem Wert. Dies gilt umso mehr, da im „Kapital“ nicht eine spezifische Entwicklungsphase der kapitalistischen Gesellschaft analysiert wird und Aussagen darüber folglich ein Verfallsdatum tragen. Marx betont eindringlich, dass es in seiner Darlegung „nicht um den höheren oder niedrigeren Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen Antagonismen, welche aus den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringen“, geht. Im „Kapital“ handelt es sich „um diese Gesetze selbst, um diese mit eherner Notwendigkeit wirkenden und sich durchsetzenden Tendenzen.“(12) Um diese Allgemeingültigkeit seiner Aussagen über das Kapitalverhältnis zu erreichen, abstrahiert Marx von den konkreten historischen Ausprägungen, diese dienen zur Illustration, und will uns die zeitlosen „Naturgesetze“ des „Kapitals“ nahe bringen

Nun kann die „Kapital“-Lektüre zwei Zielsetzungen haben. Anhand des Gegenstandes Kapital die Marxsche Methode studieren, um sie allgemein anzuwenden, und/oder Erkenntnisse über das Kapital selbst zu gewinnen, um die Welt zu verstehen und Bedingungen zu ihrer Veränderung zu erkennen. In den einzelnen Lektionen soll, so unser Streben, möglichst textnah und vorurteilsfrei, der Text aufbereitet und komprimiert dargestellt werden. Hierbei geht es um die „Gesetze“ des Kapitals an sich und nicht um die Reflexion der Marxschen Methode. Auch wird die Kritik der politischen bürgerlichen Ökonmie der Vormarxzeit weitgehendst ausgeblendet.

Unser „Kapital“-Kurs will die Eigenlektüre nicht ersetzen, vielmehr anregen, selbst in dem Werk auf Entdeckungsreise zu gehen. Doch wollen wir auch den Interessierten, die aus welchen Gründen auch immer das Werk nicht selbst oder nur in Teilen studieren möchten, einen Einblick in die Marxschen Darlegungen vermitteln. Marx, ging selbst davon aus, dass der Anfang seines Werkes, die Analyse der „Warenform des Arbeitsprodukts oder die Wertform der Ware“(12) durchaus Verständnisschwierigkeiten für den Leser birgt. Da wir uns streng an Text und seinen Aufbau halten, ist der Einstieg nicht leicht und werden die ersten Lektionen die schwierigsten werden. Doch mit Marx setzen wir auf den Leser, der „selbst denken“(12) kann und will.

* Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23; alle Seitenangaben daraus

Hans-Jürgen Burgholte (in memoriam)/Karl Wild, Potsdam 2016//2003

 

Lektion 01a: Ware und Arbeit
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 49 – 61

Marx beginnt seine Untersuchung wie ein Naturforscher bei der „ökonomischen Zellenform“ der bürgerlichen Gesellschaft, der „Warenform des Arbeitsprodukts“(12)*, der einzelnen Ware also, die von ihm als „Elementarform“ des gesellschaftlichen Reichtums gesehen wird. Am ersten Satz seiner Darlegung zum „Kapital“ kann man bereits lernen, dass man ihn sehr genau lesen muss. Er schreibt nämlich, „der Reichtum der Gesellschaften … erscheint als >ungeheure Warensammlung<, die einzelne Ware als seine Elementarform.“(49) Er abstrahiert nicht nur von den vielfältigen bunten mannigfaltigen Erscheinungen der Warenwelt, um unseren Blick auf die durch Abstraktion gewonnene „Elementarform“ Ware zu lenken, mit dem unscheinbaren Wörtchen „erscheint“ will er uns warnen, dass bei Entfaltung seiner Untersuchung zum „Kapital“ wir genaueres erfahren werden, was den „Reichtum der Gesellschaften“ ausmacht, „in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht“(49). Und um die Untersuchung der „kapitalistischen Produktionsweise“ als der ökonomischen Basis(**) der bürgerlichen Gesellschaft geht es im „Kapital“, um nicht mehr und nicht weniger.Aber kehren wir zur Ware zurück und betrachten ihre Bestimmungen. Die Ware ist „zunächst ein äußerer Gegenstand, ein Ding“, welche die Fähigkeit hat, auf irgendeine spezifische Weise ein menschliches Bedürfnis zu befriedigen, nützlich zu sein, wobei es völlig nebensächlich ist, wie dieses Bedürfnis befriedigt wird, unmittelbar in der Konsumtion oder mittelbar als Produktionsmittel. Auch völlig gleichgültig ist es, ob das Bedürfnis dem „Magen oder der Phantasie“(49) entsprungen ist. Der dingliche Charakter der Waren, dies sollten wir kritisch anmerken, wird als erste Bestimmung der Ware genannt, während in unserer heutigen „Warensammlung“ zunehmend nichtdingliche Waren nach allgemeiner Auffassung an Bedeutung gewinnen, von Versicherungs- und Finanz- bis hin zu Softwareprodukten.Als zweite Bestimmung betont Marx, dass die Ware und ihr „Nutzen für den Menschen … durch Arbeit vermittelt“ sein muss. Nicht jeder Nutzen oder jedes Mittel zur Bedürfnisbefriedigung wird deshalb gleich zur Ware. Marx verweist als Beispiele auf „Luft, jungfräulicher Boden, natürliche Wiesen, wildwachsendes Holz“. Als dritte Bestimmung der Ware nach Nutzen und Arbeitsprodukt betont Marx, „ein Ding kann nützlich und Produkt menschlicher Arbeit sein, ohne Ware zu sein“, wenn es zur eigenen Bedürfnisbefriedigung dient und es wird zur Ware nur dann, wenn „das Produkt dem andern … durch den Austausch übertragen“(55) wird. Arbeit für sich selbst und nicht für andere schafft keine Waren, nur die Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse durch den Austausch führt zur Warenproduktion. Andererseits bildet Arbeit für andere dann keine Ware, wenn die Arbeit „nutzlos“ ist und nicht zu einem sinnvollen „Gebrauchsgegenstand“(55) führt.

„Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert.“ Dieser Gebrauchswert, die qualitativ verschiedene Seite der Waren, ihre spezifische Eigenschaft, ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen, interessiert Marx nur begrenzt. Er will ja keine Warenkunde verfassen und betont nur, dass die Entdeckung der Nützlichkeit von Dingen „geschichtliche Tat“ sein. Der Gebrauchswert einer bestimmten Ware wird uns aber noch wesentlich beschäftigen, dies nur vorweg.
Vorerst interessiert ihn nur, dass in der von ihm „betrachteten Gesellschaftsform“, der bürgerlich-kapitalistischen nämlich, die Gebrauchswerte zugleich die „stofflichen Träger des Tauschwerts“(50) und damit der quantitativen Seite der Waren sind. Waren, haben wir bereits gelernt, werden zu Waren, wenn Güter getauscht werden, und dieses notwendige Austauschverhältnis im gesellschaftlichen Akt des Warenkaufs und –verkaufs wird uns beschäftigen. Warum, fragt Marx, tauscht sich ein bestimmtes Quantum einer Ware gegen ein bestimmtes Quantum einer anderen Ware, warum ist A gleich B wert?

Ware A und B, so ungleich sie auch sein mögen, schlussfolgert Marx, müssen etwas gemeinsam enthalten und dieses gemeinsame „kann nicht eine geometrische, physikalische, chemische oder sonstige natürliche Eigenschaft der Ware sein.“(51) Von ihren Gebrauchswerten, ihren körperlichen Eigenschaften, muss ja im Austauschverhältnis gerade abstrahiert werden, und wenn man dies tut, so haben die Waren „nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten.“

Wird von den konkreten Gebrauchswerten der Waren abstrahiert wird, so auch vom „nützlichen Charakter der in ihnen dargestellten Arbeiten“, von den „konkreten Formen dieser Arbeiten“. Gleich welche Arbeit, sie „sind allzusamt reduziert auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit.“ Die „gemeinschaftliche gesellschaftliche Substanz“ der Arbeit bildet das Gemeinsame der Waren, ihre „Werte – Warenwerte“.(52) „Das Gemeinsame“, was den Tausch ermöglicht, „was sich im Austauschverhältnis oder Tauschwert der Ware darstellt, ist also ihr Wert“ und wertbildend ist die abstrakte gesellschaftliche Arbeit.

Um als Ware A gegen Ware B zu tauschen, um gleichen Wert zu haben, muss dasselbe Quantum Arbeit in ihnen „vergegenständlicht oder materialisiert“ sein. „Die Arbeit jedoch, welche die Substanz der Werte bildet, ist gleiche menschliche Arbeit …“, gleichwertiger Teil der „gesamten Arbeitskraft der Gesellschaft“ und nur die „Durchschnitts-Arbeitskraft“ geht mit der „gesellschaftlich notwendige(n) Arbeitszeit“(53) in die Wertbildung und in die Wertgröße ein.

Der Merksatz lautet: „Der Wert einer Ware verhält sich zum Wert jeder andren Ware wie die zur Produktion der einen notwendige Arbeitszeit zu der für die Produktion der andren notwendigen Arbeitszeit. Als Werte sind alle Waren nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit.“(54) Die notwendige Arbeitszeit ändert sich entsprechend der „Produktivkraft der Arbeit“(54). Es gilt: „Je größer die Produktivkraft der Arbeit, desto kleiner die zur Herstellung eines Artikels erheischte Arbeitszeit, … desto kleiner sein Wert“(55) und selbstverständlich auch umgekehrt.

Wir haben die Substanz des Werts und sein Größenmaß bis jetzt kennen gelernt. Nun hat auch die Arbeit (wie all die Waren durch sie) einen Doppelcharakter. „Diese zwiespältige Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit ist … der Springpunkt, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht“. Die verschiedenen nützlichen Tätigkeiten, die „eine gesellschaftliche Teilung der Arbeit“ bilden, sind „Existenzbedingung der Warenproduktion“(56), aber nicht jede Arbeitsteilung führt notwendigerweise, betont Marx, zur Warenproduktion. Der Merksatz lautet:
„Nur Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten treten einander als Waren gegenüber.“ Damit präzisiert Marx die Austauschbestimmung der Ware und führt den Begriff der „Privatarbeit“ ein, „d.h. in einer Gesellschaft von Warenproduzenten entwickelt sich dieser qualitative Unterschied der nützlichen Arbeiten, welche unabhängig voneinander als Privatgeschäfte selbständiger Produzenten betrieben werden, zu einem vielgliedrigen System (der) gesellschaftlichen Teilung der Arbeit.“

Diese nützlichen gesellschaftlich aufgeteilten Arbeiten ist allen „Gesellschaftsformen“ „unabhängige Existenzbedingung“, „ewige Naturnotwendigkeit“, die den „Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur“ und damit das „menschliche Leben“(57) überhaupt ermöglicht.

Hier, bei der Arbeit, ist für Marx die Gebrauchswertseite ganz und gar nicht nebensächlich. Und, was oft vergessen wird, Marx betont, dass der Mensch in seiner Arbeit nur wie die Natur verfahren kann und dabei von „Naturkräften“ beständig unterstützt wird. Arbeit ist „also nicht“, wie oft fälschlich argumentiert wird, „die einzige Quelle der von ihr produzierten Gebrauchswerte“(58) oder des stofflichen Reichtums der Gesellschaft.

Wenn man vom nützlichen Charakter der Arbeit absieht, nur ihre quantitativ wertbildende Eigenschaft betrachtet, bleibt die „produktive Verausgabung von menschlichen Hirn, Muskel, Nerv …“, von menschlicher Arbeit überhaupt(59). Diese abstrakte Verausgabung verschiedener Arbeitsarten, die „einfache Durchschnittsarbeit“ wechselt von Gesellschaft zu Gesellschaft, ändert sich in den Zeitepochen, ihr Wert setzt komplizierte Arbeit der einfachen Arbeit gleich. Diese Reduktion geschieht „hinter den Rücken der Produzenten“ „durch einen gesellschaftlichen Prozess“, ohne den der Austausch der verschiedenen in verschiedenen Waren materialisierten Arbeiten nicht möglich wäre. (siehe 59) Die Wertgröße einer Ware richtet sich so nach der zeitlichen Verausgabung der auf durchschnittliche gesellschaftliche Arbeit reduzierten konkreten Tätigkeit.(siehe 60) Da die Produktivkraft der nützlichen, konkreten Arbeit angehört, tangiert sie die Wertgröße nicht. „Dieselbe Arbeit ergibt daher in denselben Zeiträumen stets dieselbe Wertgröße, wie immer die Produktivkraft wechsle.“ Steigt die Produktivkraft, verteilt sich der Wert einer Arbeitszeiteinheit auf mehr Produkte und umgekehrt. Die Überlegungen zur Produktivkraft werden uns im Verlauf des Kurses noch öfter beschäftigen.

Zusammenfassend lässt sich über den Doppelcharakter der Arbeit sagen, dass sie im „physiologischen Sinne“ als Verausgabung „abstrakter (gleicher menschlicher) Arbeit“ den „Warenwert“ und in zweckbestimmter nützlicher Form die „Gebrauchswerte“ der Waren produziert.(61)

*) alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23
**) vgl. die Ausführungen von Karl Marx im Vorwort „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“

Lektion 01b: Die Wertform oder der Tauschwert
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 62-85

Wir haben in der ersten Lektion die Bestimmungen der Ware als Gebrauchswert und Tauschwert kenngelernt, genauer was den gemeinsamen Wert der Warenwelt ausmacht. Die zum gesellschaftlichen Austausch bestimmten Produkte der verschiedenen Privatarbeiten „erscheinen daher nur als Waren oder besitzen nur die Form von Waren, sofern sie Doppelform besitzen, Naturalform und Wertform.“(62) Insofern war ihre Bestimmung als Tauschwert „falsch. Die Ware ist Gebrauchswert … und Wert“. Im Austauschverhältnis der Waren erhält der Wert die „Erscheinungsform … des Tauschwerts“. (75) Was nun diese Wertform ist, weiß ein jeder, der die Preisschilder der Waren studiert, die „Geldform“. Marx führt uns nun in die „Genesis dieser Geldform“(62) ein.Ware A wird im Austausch mit Ware B gleichgesetzt, d.h. die Ware A drückt ihren Wert in der Ware B aus. A „ist als relativer Wert dargestellt oder sie befindet sich in relativer Wertform“, B hingegen fungiert als „Äquivalent“ von A „oder befindet sich in Äquivalentform“.(63) Eine Ware kann nicht gleichzeitig Wert- und Äquivalentform sein, es „hängt ausschließlich ab von ihrer jedesmaligen Stellung im Wertausdruck, d.h. davon, ob sie die Ware ist, deren Wert, oder aber die Ware, worin Wert ausgedrückt wird.“(64) Noch interessiert uns nur die qualitative Seite dieses Ausdrucks, dass A überhaupt gleich B gesetzt werden kann. Der Merksatz lautet:
„Nur der Äquivalentausdruck verschiedenartiger Waren bringt den spezifischen Charakter der wertbildenden Arbeit zum Vorschein, indem er die in den verschiedenen Waren steckenden, verschiedenartigen Arbeiten tatsächlich auf ihr Gemeinsames reduziert, auf menschliche Arbeit überhaupt.“(65) Nur so kann der Wert von A seinen relativen Wertausdruck in seinem Äquivalent der Ware B finden, da im Austausch die beiden Waren unabhängig von ihren Gebrauchswerten oder ihrer spezifischen Nützlichkeit auf ihr Gemeinsames, die wertbildende Arbeit, reduziert sind.Nun tauscht sich ja A nicht gleich B, sondern der relativen Wertausdruck bedingt ein bestimmtes Wertgößenverhältnis und so wird im konkreten Austausch 20 Einheiten A gegen 1 Einheit B getauscht oder findet 20A sein Äquivalent in 1B. Ändert sich die benötigte Arbeitszeit zur Herstellung einer Ware, so ihr Austauschverhältnis. Verdoppelt sich die zur Herstellung von 20A benötigte Arbeitszeit, so sind diese 20A nun 2B wert, verdoppelt sich die benötigte Arbeitszeit von B, so stellen sich 20A nur mehr in 0,5B dar. Ändert sich gleichzeitig in gleichem Umfang die benötigten Arbeitszeiten von A und B, bleibt der Wertausdruck 20A=1B unverändert, gleich ob die Arbeitszeit steigt oder fällt.

Der komplizierte Merksatz lautet: „Der relative Wert einer Ware kann wechseln, obgleich ihr Wert konstant bleibt. Ihr relativer Wert kann konstant bleiben, obgleich ihr Wert wechselt, und endlich brauchen gleichzeitige Wechsel in ihrer Wertgröße und im relativen Ausdruck dieser Wertgröße sich keineswegs zu decken.“(69)

Nach dieser komplexen Darstellung der relativen Wertform untersucht Marx nun genauer den Äquivalentausdruck, worin sich also x der Ware A ausdrückt und stellt als „erste Eigentümlichkeit … der Äquivalentform“ fest: „Gebrauchswert (der Ware B) wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts“ (von A)(70). Oder anders ausgedrückt: Die „konkrete Arbeit (von B) wird also zum Ausdruck abstrakt menschlicher Arbeit.“(72) Denn diese Ware B, gehen wir einen logischen Schritt weiter, kann nicht nur das Äquivalent von A, sondern von jeder beliebigen Ware sein. In der „allgemeinen Wertform“ stellen alle Waren ihren Wert „einfach dar, weil in einer einzigen Ware“ und zugleich „einheitlich, weil in derselben Ware.“(79) Als allgemeines Äquivalent wird die „eigne Naturalform“ der Ware B zur „gemeinsame(n) Wertgestalt“, und „daher mit allen andren Waren unmittelbar austauschbar. Ihre Körperform gilt als die sichtbare Inkarnation, die allgemeine, gesellschaftliche Verpuppung aller menschlichen Arbeit.“(81)
Nun ist die „allgemeine Äquivalentform“ „eine Form des Werts überhaupt“ und somit könnte jede x-beliebige Ware zur allgemeinen Äquivalentform der bunten Warenwelt werden. „Die spezifische Warenart, mit deren Naturalform die Äquivalentform gesellschaftlich verwächst, wird zur Geldware oder funktioniert als Geld.“ Es wird ihr „Monopol, innerhalb der Warenwelt die Rolle des allgemeinen Äquivalents zu spielen.“(83) Nun, was war zur Zeit von Marx und bis weit in unsere Zeit diese Geldware, dieses allgemeine Tauschäquivalent, in welchem alle anderen Waren ihre relative Wertform darstellten?

Das Gold.

Eine spezifische Ware wurde im historischen Verlauf unabhängig von ihren sonstigen Gebrauchswerten (Schmuck!) durch gesellschaftlichen Willensakt ausgesondert, um alle anderen Waren in ihrer Naturalform den Wert an sich wiederzuspiegeln, Inkarnation aller gesellschaftlichen Arbeiten überhaupt. Waren lassen sich so mühelos tauschen, weil sie in dieser gemeinsamen Geldware sich so mühelos qualitativ und quantitativ ausdrücken lassen. Und Marx betont, dass bereits in „der einfachen Warenform“ „der Keim der Geldform“(85) angelegt und zu untersuchen ist. Alle Mystik, die Gold = Geld umgibt, verschwindet, wenn uns bewusst ist, dass es nur Ausdruck der gleichen, abstrakt menschlichen Arbeit ist.

 

Lektion 01c: Der „Fetischcharakter“ der Ware
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 85-98

Findet das Rätsel der Geldform bereits seine Auflösung in der Wertform der Ware, so ist diese selbst „ein sehr vertracktes Ding, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken.“ Tritt ein Produkt als Ware auf den Markt, verwandelt sie sich „in ein sinnlich übersinnliches Ding.“(85) Der „rätselhafte Charakter“ der als Waren gehandelten Arbeitsprodukte entspringt nicht aus der Arbeit oder aus der benötigten Arbeitszeit, hieran ist nichts mystisches, sondern aus der Warenform selbst. Der Marxsche Kernsatz lautet: „Das Geheimnisvolle der Warenform besteht … einfach darin, dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als … gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt“. „Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt.“(86)

Wie wir gelernt haben, sind die Waren Produkte „voneinander unabhängig betriebner Privatarbeiten“, deren gesellschaftlicher Charakter erst im Warentausch zum Vorschein kommt.(87) Erst im Austausch setzen sie ihre verschiedenen Arbeiten „einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es.“ Erst das Wertverhältnis verwandelt die Arbeitsprodukte „in eine gesellschaftliche Hieroglyhe“.(88) Da im Austausch sich auch erst die Wertgröße ihrer Arbeiten herausstellt und diese beständig „unabhängig vom Willen, Vorwissen und Tun der Austauschenden“ wechselt, zu einem „Geheimnis“ wird, nimmt der gesellschaftliche Prozess für die Warenproduzenten „die Form einer Bewegung von Sachen (an), unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren.“(89) Was hier abstrakt formuliert ist, wird schlagend beweiskräftig in jeder Stockung des Warenabsatzes, in jeder Krise der Warenproduktion. Ohne bewusstes Tun und gegen ihren Willen kann die Privatarbeit der Warenproduzenten über Nacht wertlos werden.Marx greift zum Vergleich auf die Religionen zurück, um das Ausmaß der Entfremdung und Verdinglichung zu verdeutlichen, wo „die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten“(86) annehmen. Und genauso geschieht es in der Warenwelt mit den Produkten der menschlichen Arbeit. Der „Fetischismus“(87) der Waren wird zu einer „objektiven Gedankenform“(90) der Warenproduzenten. Kurz gesagt, man schreibt Dingen(den Waren) Fähigkeiten zu, die in Wirklichkeit dem produktiven Tun der Menschen in der Gesellschaft zukommt.
Auf den Seiten 90ff zeigt Marx, dass solche Verkehrung spezifisch der warenproduzierenden Gesellschaft zukommt und im Vorgriff auf Max Weber, dem Begründer der modernen Soziologie, kommt er zur Schlussfolgerung, das für „eine Gesellschaft von Warenproduzenten, deren allgemein gesellschaftliches Produktionsverhältnis darin besteht, … ihre Privatarbeiten aufeinander zu beziehn als gleiche menschliche Arbeit, das „Christentum“ und speziell der „Protestantismus“ die „entsprechendste Religionsform“ ist(93). Der Fetisch der Warenwelt wie der der Religion, so Marx, kann „überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werktagsleben der Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen.“(94) Im Kapitel über den „Warenfetisch“ gibt uns Marx erste Einblicke in die ideologischen Formen wie Verdinglichung, Entfremdung, Verkehrung, die aus der Basis der Gesellschaft, dem Produktionsprozess entspringen und nur durch eine bewusste Gestaltung dieses Produktionsprozesses überwunden werden können. Marx warnt davor, den Fetisch der Warenform als der „allgemeinste(n) und unentwickelste(n) Form der bürgerlichen Produktion“ (97) als leicht durchschaubar im Vergleich zum Geld- oder Kapitalfetisch, die wir noch kennen lernen werden, zu halten. Die „theologischen Mucken“(85) der Warenform, dies sei noch angemerkt, sind heute angesichts der bunten Warenwelt der Markenprodukte mit ihren Zuschreibungen von sinnlichen Attributen bestimmt nicht leichter zu durchschauen als zu Marxens Zeiten.







<< Zurck
Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz