Kapitallektürekurs (Teil 2)


Bildmontage: HF

01.11.16
TheorieTheorie, TopNews 

 

Von Karl Wild

Lektion 02: Der Austauschprozess
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 99-108

Nachdem wir die Bestimmungen der Ware an sich nachgezeichnet haben, überrascht uns Marx im zweiten Kapitel mit einem Perspektivwechsel und stellt lakonisch fest, dass die „Waren nicht selbst zu Markte gehen“ und dafür den „Warenbesitzer“ brauchen. Die „Warenhüter“ sind gezwungen, damit der Austausch klappt, sich „wechselseitig als Privateigentümer an(zu)erkennen“ und damit ein „Rechtsverhältnis“ einzugehen, „worin sich das ökonomische Verhältnis widerspiegelt.“ *(99) Wir lernen also hier die fundamentale Begründung für den juristischen Überbau in der bürgerlichen Gesellschaft, der, man achte auf die neue Kategorie, eine „Widerspiegelung“ des ökonomischen Unterbaus der Gesellschaft ist. Je mehr sich Warenbeziehungen entfalten, desto umfassender die Ausformung des juristischen Überbaus und die Rechtsförmigkeit der Verhältnisse. En passant liefert uns Marx eine wesentliche Begründung einer Theorie des (bürgerlichen) Rechts.Die Waren“hüter“ handeln füreinander als „Repräsentanten“ ihres Warenangebots und kommen für Marx nur in Betracht als „ökonomische Charaktermasken“, „Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse“. Der Mensch in der bürgerlichen Gesellschaft handelt nicht frei, sondern ist im ökonomischen Verkehr Sklave des Warenverhältnisses! Sein Interesse ist die Veräußerung der Waren, die für ihn selbst keinen Gebrauchswert darstellen und der Kauf von Waren, deren Gebrauchswert er benötigt. Bevor „die Gebrauchswerte realisiert“ werden können, muss sich im Austausch erst ihr „Wert realisieren“(100). Für den einzelnen Warenbesitzer ist der Warenaustausch ein „individueller Prozess“ zur Bedürfnisbefriedigung. Andererseits will er „seine Ware als Wert realisieren“ in jeder beliebigen anderen Ware und durch „gesellschaftliche Aktion“ muss eine bestimmte Ware zum allgemeinen Äquivalent bestimmt werden; das Geld tritt auf die Bühne.
Dies geschieht in einem historischen Prozess („Im Anfang war die Tat“)(101), wobei der sich entwickelnde Austausch zwischen verschiedenen „Gemeinwesen“ auf die Entfaltung der Warenproduktion selbst in diesen Gemeinwesen zurück wirkt (vgl. 102f), so dass „im Laufe der Zeit … wenigstens ein Teil der Arbeitsprodukte absichtlich zum Behuf des Austausches produziert werden.“(103) Je entwickelter die Austauschbeziehungen, desto größer die Notwendigkeit nach der besonderen Waren, in der sich alle Werte beliebiger Waren darstellen lassen. Durch die „Funktion des Geldes, als Erscheinungsform des Warenwerts zu dienen oder als das Material, worin die Wertgrößen der Waren sich gesellschaftlich ausdrücken“, muss „die Geldware“ zu „rein quantitativer Unterschiede fähig, also nach Willkür teilbar … sein“(104). Auf Grund dieser natürlichen Fähigkeit waren Gold und Silber für diese Aufgabe prädestiniert.Die „Magie des Geldes“(107) hat seine Ursache in einer „Verwechslung“: „Der Austauschprozess gibt der Ware, die er in Geld verwandelt, nicht ihren Wert, sondern (nur) ihre spezifische Wertform.“ Der Wert bestimmt sich wie bei jeder anderen Ware durch die zu ihrer Produktion benötigten durchschnittlichen gesellschaftlichen Arbeitszeit. „Die Verwechslung beider Bestimmungen“, von Wert und Wertform, „verleitete dazu, den Wert von Gold und Silber für imaginär zu halten“, Geld für „ein bloßes Zeichen“ zu halten, um so mehr, als dass Geld tatsächlich „in bestimmten Funktionen durch bloße Zeichen seiner selbst ersetzt werden kann“.(105) Wir, die wir nur mehr von „Geldzeichen“ umgeben sind, sind von der „Magie des Geldes“ erst recht geblendet. Und es ist doch schon verwirrend genug, die Materialien Gold und Silber für „die unmittelbare Inkarnation aller menschlichen Arbeit“(107) zu setzen. Die Marxsche Zusammenfassung des bisher Entwickelten lautet: Die „Magie des Geldes“(107) hat seinen Ursprung im „atomistische(n) Verhalten der Menschen in ihrem gesellschaftlichen Produktionsprozess“, da sie sich nur als „Privateigentümer“(99) ihrer in den Waren vergegenständlichten „Privatarbeiten“ gegenübertreten „und daher die von ihrer Kontrolle und ihrem bewussten individuellen Tun unabhängige, sachliche Gestalt ihrer eigenen Produktionsverhältnisse“ „die Warenform annehmen“ muss. Der „falsche Schein“ ist vollendet, „sobald die allgemeine Äquivalentform mit der Naturalform verwachsen oder zur Geldform kristallisiert ist.“(107) Somit ist das „Rätsel des Geldfetischs … nur das sichtbar gewordne, die Augen blendende Rätsel des Warenfetischs“(108), den wir ja in der letzten Lektion kennen lernten. Hat mensch den Warenfetisch entschlüsselt, fällt man auf die „Magie des Geldes“ und den Geldfetisch nicht mehr herein!

 

Lektion 03a: Das Geld als Maß der Werte
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 109 – 118

Wir wissen bereits, dass das Geld (oder Gold) „der Warenwelt das Material ihres Wertausdrucks“ liefert und die „Warenwerte als gleichnamige Größen, qualitativ gleiche und quantitativ vergleichbare“ darstellt. Als „allgemeines Maß der Werte“, als „spezifische Äquivalentware“ wird das Geld zur „notwendigen Erscheinungsform des immanenten Wertmaßes der Ware, der Arbeitszeit.“ (109) Dieser Wertausdruck beliebiger Waren ist ihre „Geldform oder ihr Preis“. Nur die Geldware selbst „hat dagegen keinen Preis“, denn sonst müsste sie sich „auf sich selbst als sein eignes Äquivalent“ beziehen. „Der Preis oder die Geldform der Waren“ ist, dies betont Marx, nur eine „ideelle oder vorgestellte Form“(110) und kann deshalb in seiner Funktion als Wertmaß durch „nur vorgestelltes oder ideelles Gold“(111) ersetzt werden.

Der Merksatz lautet: „Als Maß der Werte und als Maßstab der Preise verrichtet das Geld zwei ganz verschiedene Funktionen. Maß der Werte ist es als die gesellschaftliche Inkarnation der menschlichen Arbeit, Maßstab der Preise als ein festgesetztes Metallgewicht.“(113)
Durch Übereinkunft wird ein bestimmte Goldgewicht zum Preis x, z.B. 1 Unze Gold gleich 1 Pfund Sterling oder 100 Mark. Somit kommt Marx zum Schuss: „Der Preis ist der Geldname der in der Ware vergegenständlichten Arbeit.“ Hängt so die Wertgröße von der gesellschaftlichen Arbeitszeit ab, so „erscheint dies notwendige Verhältnis als Austauschverhältnis einer Ware mit der außer ihr existierenden Geldware.“ Dadurch bedingt besteht „die Möglichkeit quantitativer Inkongruenz zwischen Preis und Wertgröße“ oder, anders ausgedrückt, durch die Preisform kann der Preis einer Ware von der Wertgröße abweichen. Durch dieses prinzipielle mögliche Auseinanderfallen von Preis und Wert kann der Preis überhaupt aufhören, Wertausdruck zu sein, und „Dinge, die an und für sich keine Waren sind, z.B. Gewissen, Ehre usw., können ihren Besitzern für Geld feil sein und so durch ihren Preis die Warenform erhalten. Wir merken uns: „Ein Ding kann daher formell einen Preis haben, ohne einen Wert zu haben.“(117) Allgemein gilt:

„Die Preisform schließt die Veräußerlichkeit der Waren gegen Geld und die Notwendigkeit dieser Veräußerung ein.“ Gleichgültig, was da auf den Markt zum Austausch kommt. „Andrerseits funktioniert Gold nur als ideelles Wertmaß, weil es sich bereits im Austauschprozess als Geldware umtreibt.“ Ohne dieses „harte Geld“(118), die allgemeine Äquivalentware Gold, könnte das Geld seine Funktion als ideelles Maß der Werte, der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, nicht erfüllen.

 

Lektion 03b: Das Geld als Zirkulationsmittel
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 118 – 143

Marx betont einleitend, dass die Entwicklung hin zum Geld die Widersprüche des Warenaustausches zwar nicht „aufhebt“, aber diesen eine „Form“ gibt, „worin sie sich bewegen können.“ „Dies ist überhaupt die Methode, wodurch sich wirkliche Widersprüche lösen.“ (118) Marx sagt uns damit, dass seine Darstellung und Analyse der Geldform als Exempel der materialistischen Dialektik studiert werden kann. Und nur diesen „Formwechsel oder die Metamorphose der Waren“ in der „Sphäre des Warenaustauschs“ gilt es zu betrachten. Die „Verdopplung der Ware in Ware und Geld, einen äußeren Gegensatz“, worin sich der „immanente Gegensatz von Gebrauchswert und Wert“ darstellt, gilt es zu verstehen. Eine bestimmte Ware ist reell ein bestimmter Gebrauchswert, ihr gesellschaftlich bestimmter Wert erscheint im Austauschprozess „ideell im Preis“ und das der Ware gegenüberstehende Gold als seine „reelle Wertgestalt“. „Diese gegensätzlichen Formen der Waren sind die wirklichen Bewegungsformen ihres Austauschprozesses.“(119) Die berühmte Formel des Austauschprozesses lautet: Ware – Geld – Ware oder W-G-W, Verwandlung von Ware in Geld und dann wieder Rückverwandlung des Geldes in eine andere Ware. Wiederum ein Merksatz:

„Die Teilung der Arbeit verwandelt das Arbeitsprodukt in Ware und macht dadurch seine Verwandlung in Geld notwendig.“(122) Ob diese Verwandlung allerdings im konkreten Fall gelingt, sei dahingestellt und die Warenzirkulation beinhaltet so manche Krisenursache. „Nichts,“ polemisiert Marx gegen den Liberalen Say, „kann alberner sein als das Dogma, die Warenzirkulation bedinge ein notwendiges Gleichgewicht der Verkäufe und Käufe, weil jeder Verkauf Kauf und umgekehrt.“ Denn: „Die Zirkulation sprengt die zeitlichen, örtlichen und individuellen Schranken des Produktenaustausches eben dadurch, dass sie die hier vorhandne unmittelbare Identität zwischen den Austausch des eignen und dem Eintausch des fremden Arbeitsprodukts in den Gegensatz von Verkauf und Kauf spaltet.“(127) „Als Vermittler der Warenzirkulation“ (von Kauf und Verkauf) „erhält das Geld die Funktion des Zirkulationsmittels.“(128)
Es „funktioniert als Kaufmittel, indem es den Preis der Ware realisiert.“(129) Durch diese Realisation fällt die Ware aus der Zirkulation heraus und das Geld/Gold nimmt seinen Platz ein. „Obgleich daher die Geldbewegung nur Ausdruck der Warenzirkulation, erscheint (wiederum lernen wir eine Verkehrung kennen!) die Warenzirkulation nur als Resultat der Geldbewegung.“(130) „Das Geld … als Zirkulationsmittel haust beständig in der Zirkulationssphäre“(131). Marx geht nun der Frage nach, wie viel Geld als Zirkulationsmittel benötigt wird, um die Käufe/Verkäufe einer Zeitperiode zu realisieren, da ein bestimmtes Geldquantum ja mehr als einen Kauf-/Verkaufakt ermöglichen kann. Dies hängt ab von der Preissumme aller Waren auf dem Markt/in der Zirkulationssphäre einer Zeitperiode und von der „Geschwindigkeit des Geldumlaufs“(134), d.h. wie viele Händewechsel des Geldes zwischen Käufer und Verkäufer vorliegen. Und wieder wendet sich Marx gegen einen verbreiteten Irrglauben: „Die Illusion, dass umgekehrt die Warenpreise durch die Masse der Zirkulationsmittel … bestimmt werden“(137). Aus seiner Funktion als Zirkulationsmittel entspringt die „Münzgestalt“ des Geldes. „Wie die Feststellung des Maßstabs der Preise, fällt das Geschäft der Münzung dem Staat anheim.“(138) Ein bestimmtes Geldstück erhält ein bestimmtes Metallgewicht zugeordnet, welches sich aber durch den Gebrauch abnutzt und Gewicht/Wert verliert. Marx kommt zum Ergebnis dieses Vorgangs: „Das Münzdasein des Goldes scheidet sich völlig von seiner Wertsubstanz. Relativ wertlose Dinge, Papierzettel, können an seiner Statt als Münze funktionieren.“(140) Das „Staatspapiergeld mit Zwangskurs“(141), uns heute so selbstverständlich, betritt das Licht der Welt bzw. der Zirkulation. Die für den Geldumlauf benötigte Menge an Gold kann „durch Papiersymbole ersetzt werden.“(142)

 

Lektion 03c: Das Geld als „hartes“ Geld
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 143 – 160

Sobald nun der Verkauf einer Ware nicht zum sofortigen Kauf einer anderen Ware führt, wird „aus bloßer Vermittlung des Stoffwechsels (der arbeitsteiligen Produktion und Realisation)… dieser Formwechsel (von Ware in Geld) zum Selbstzweck.“ „Ware wird verkauft, nicht um Ware zu kaufen, sondern um Warenform durch Geldform zu ersetzen. … Das Geld versteinert damit zum Schatz, und der Warenverkäufer wird Schatzbildner.“ „Gold und Silber werden so von selbst zu gesellschaftlichen Ausdrücken des Überflusses oder des Reichtums.“ (144) Und diese Vorstellung ist bis heute herrschend. (Vgl. auch die ursprüngliche Definition von Reichtum in Lektion 1a)
Marx kommt zum Ergebnis: „Mit der Möglichkeit, die Ware als Tauschwert oder den Tauschwert als Ware festzuhalten, erwacht die Goldgier. Mit der Ausdehnung der Warenzirkulation wächst die Macht des Geldes, der stets schlagfertigen, absolut gesellschaftlichen Form des Reichtums.“(145) Und: „Die gesellschaftliche Macht wird so zur Privatmacht der Privatperson.“ Oder modern ausgedrückt: Geld regiert die Welt. Fallen, wie gesagt, Kauf und Verkauf zeitlich auseinander, wird „der Verkäufer … Gläubiger, der Käufer Schuldner.“ „Das Geld „wird Zahlungsmittel.“(149) Marx kommt zum Ergebnis:

„Die Funktion des Geldes als Zahlungsmittel schließt einen unvermittelten Widerspruch ein. Soweit sich die Zahlungen ausgleichen, funktioniert es nur ideell als Rechengeld oder Maß der Werte. Soweit wirkliche Zahlung zu verrichten, tritt es nicht als Zirkulationsmittel auf, als nur verschwindende und vermittelnde Form des Stoffwechsels, sondern als die individuelle Inkarnation der gesellschaftlichen Arbeit, selbständiges Dasein des Tauschwerts, absolute Ware.“(151f) Und dieser Widerspruch „eskaliert“ in den „Produktions- und Handelskrisen“ zur „Geldkrise“(152). Als Zahlungsmittel wird das Geld zum Kredit (davon im Dritten Band des Kapitals mehr!)Nun werden Waren im Kapitalismus nicht nur lokal gehandelt. „Im Welthandel entfalten die Waren ihren Wert universell. Ihre selbständige Wertgestalt tritt ihnen daher hier auch gegenüber als Weltgeld.“ Und Marx formuliert den Kernsatz: „Erst auf dem Weltmarkt funktioniert das Geld in vollem Umfang als die Ware, deren Naturalform zugleich unmittelbar gesellschaftliche Verwirklichungsform der menschlichen Arbeit in abstracto ist. Seine Daseinsweise wird seinem Begriff adäquat.“(156) Vergleiche nur den Mythos vom US-Dollar! Als Weltgeld ist es Zahlungsmittel in allen national abgesonderten Wirtschaftsräumen und gleicht die Differenzen der Warenhandlungsbilanz aus. Zugleich kündet der Schatz an – modern gesprochen – Devisen von der Stärke der nationalen Staaten.







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