Kapitallektürekurs (Teil 3)


Bildmontage: HF

08.11.16
TheorieTheorie, TopNews 

 

Von Karl Wild

Lektion 04: Die Verwandlung von Geld in Kapital
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 161 – 191

Nach der Darstellung der Kategorie Ware und der daraus abgeleiteten Geldform, Begriffe, die verschiedenen Produktionsweisen zuzuordnen sind, aber erst im Kapitalismus zur vollen Entfaltung gelangen, stellt Marx über die Geldform fest : „Dies letzte Produkt der Warenzirkulation ist die erste Erscheinungsform des Kapitals.“ Und wieder, die sei angemerkt, stoßen wir in der Einleitung zu einem neuen Abschnitt, wie im ersten Kapitel, auf den Begriff von der „Erscheinungsform“.
„Ausgangspunkt des Kapitals“ ist so die „Warenzirkulation“, „Warenproduktion und … Handel bilden die historischen Voraussetzungen … Welthandel und Weltmarkt eröffnen im 16. Jahrhundert die moderne Lebensgeschichte des Kapitals“. Ware und Geld gehen also nicht nur logisch dem Kapital voraus, sondern sind auch historisch seine Voraussetzungen. „Historisch tritt das Kapital dem Grundeigentum überall zunächst in der Form von Geld gegenüber, als Geldvermögen, Kaufmannskapital und Wucherkapital.“ Aber nicht nur historisch gilt diese Voraussetzung, „jedes neue Kapital betritt in erster Instanz … den Markt … als Geld, Geld, das sich durch bestimmte Prozesse in Kapital verwandeln soll.“*(161) Und diese Prozesse wollen wir uns nun betrachten.Neben der „unmittelbaren Form der Warenzirkulation“ „W-G-W“, Verwandlung von Ware in Geld, um eine andere Ware zu kaufen, also der Warentausch, tritt in der Zirkulation die Form „G-W-G“(162), der Kauf einer Ware, um diese wieder (zu einem höheren Preis) zu verkaufen. So lautet der Merksatz: „Die einfache Warenzirkulation beginnt mit dem Verkauf und endet mit dem Kauf, die Zirkulation des Geldes als Kapital beginnt mit dem Kauf und endet mit dem Verkauf. Dort bildet die Ware, hier das Geld den Ausgangspunkt und Schlusspunkt der Bewegung.“(163) Dient die erste Bewegung dem Erwerb ein neuen Gebrauchswertes, so jetzt dem Erwerb von Geld, besser gesagt, der Vermehrung des vorgeschossenen Geldes. Denn die Bewegung G-W-G macht nur Sinn, wenn am Ende ein „Überschuss über den ursprünglichen Wert“, ein „Mehrwert“(165), die Bewegung abschließt. Also gilt: G-W-G´, wobei G´ größer als der ursprüngliche vorgeschossene Geldwert G.

Somit kommt Marx zum Ergebnis:

„Die einfache Warenzirkulation (W-G-W) … dient zum Mittel für einen außerhalb der Zirkulation liegenden Endzweck“, eben der Aneignung eines benötigten Gebrauchswertes zur Bedürfnisbefriedigung, während „die Zirkulation des Geldes als Kapital“ zur Mehrung desselben unternommen wird, „Selbstzweck“ ist und unbegrenzte Wiederholung erfordert. „Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos.“(167) Eine neue „ökonomische Charaktermaske“(163) lernen wir im „Träger dieser Bewegung“ kennen und der Geldbesitzer wird „Kapitalist“. Denn: „Der objektive Inhalt… – die Verwertung des Werts – ist sein subjektiver Zweck, und nur soweit wachsende Aneignung des abstrakten Reichtums“, maßlose Geldvermehrung, „das allein treibende Motiv seiner Operationen, funktioniert er als Kapitalist oder personifiziertes, mit Willen und Bewusstsein begabtes Kapital.“(167f) Aus der Form G-W-G´ erwächst ein „absoluter Bereicherungstrieb“, die „rastlose Vermehrung des Werts“. In dieser Form funktionieren W und G „nur als verschiedene Existenzweisen des Werts selbst, das Geld seine allgemeine, die Ware seine besondre… Existenzweise“(168). Unablässig wird gekauft, um teurer zu verkaufen und so wird die Verwertung des Werts zum „automatischen Subjekt“. In diesem Prozess ändert sich die Größe des Werts, er verwertet sich so selbst. Marx kommt zum Ergebnis:

„Denn die Bewegung, worin er(der Wert oder das vorgeschossene Geld) Mehrwert zusetzt, ist seine eigne Bewegung, seine Verwertung also Selbstverwertung.“ Die Form, worin der Wert seine „Identität“ findet, „Ausgangspunkt wie Schlusspunkt jedes Verwertungsprozesses“(169), ist das Geld. Kaufen, um teurer zu verkaufen, erscheint auf den ersten Blick als „eigentümliche Form … des Kaufmannskapital“, aber auch das industrielle Kapital ist zuerst „Geld, das sich in Ware verwandelt und durch den Verkauf der Ware in mehr Geld rückverwandelt.“ Im „zinstragenden Kapital“, dies ein Vorgriff, wird unmittelbar G zu größerem G´. „Allgemeine Formel des Kapitals“, lernten wir, „wie es unmittelbar in der Zirkulationssphäre erscheint, ist aber G-W-G´“(170). Wie, so fragen wir uns, ist nun aber dieses G´, dieses teure Verkaufen, möglich, diese Zusetzung von Mehrwert?

Aus der Zirkulation der Waren kann, da es sich um „Austausch von Äquivalenten“(173) handelt, dieser Mehrwert nicht entstehen. Es muss sich folglich bei der Geldvermehrung systematisch um den „Austausch von Nicht-Äquivalenten“(174) drehen. Dies ist zwar denkbar, wenn eine besondere Klasse auf dem Markt nur als Käufer auftritt, nur konsumiert ohne zu produzieren (siehe 176). „Die Gesamtheit der Kapitalistenklasse eines (!) Landes kann sich“, auf Dauer und systemimmanent, logisch wie praktisch, „nicht selbst übervorteilen.“ (177) Was der eine gewinnt, verlöre der andere und die ganze Veranstaltung wäre ein Nullsummenspiel! Also gilt der Marxsche Merksatz:
„Werden Äquivalente ausgetauscht, so entsteht kein Mehrwert, und werden Nicht-Äquivalente ausgetauscht, so entsteht (gesamtgesellschaftlich!) auch kein Mehrwert. Die Zirkulation oder der Warenaustausch schafft keinen Wert.“(177f) Der als Kapitalist fungierende Geldbesitzer muss also eine Ware finden, die zu ihrem Wert gekauft wird und dennoch am „Ende des Prozesses“, in der Nutzung, im Gebrauch dieser Ware, mehr Wert herausziehen kann, als er vorgeschossen hat.(siehe 181) Er muss „innerhalb der Zirkulation, auf dem Markt, eine Ware … entdecken, deren Gebrauchswert selbst die eigentümliche Beschaffenheit besäße, Quelle von Wert zu sein, deren wirklicher Verbrauch also selbst Vergegenständlichung von Wert wäre, daher Wertschöpfung.“ Und diese spezifische, von allen anderen Waren unterschiedene Ware gibt es in der Tat und es ist das „Arbeitsvermögen oder die Arbeitskraft.“(18)

Da der Warentausch durch keine außerhalb liegenden Abhängigkeitsverhältnisse bestimmt ist, „kann die Arbeitskraft als Ware nur auf dem Markt erscheinen, sofern und weil sie von ihrem Besitzer, der Person, deren Arbeitskraft sie ist, als Ware feilgeboten oder verkauft wird. Damit ihr Besitzer sie als Ware verkaufe, muss er über sie verfügen können, also freier Eigentümer seines Arbeitsvermögens, seiner Person sein“ oder die analysierten Bedingungen des Warentauschs wären nicht erfüllt. Und dieser Verkauf der Arbeitskraft muss zeitlich limitiert sein, denn sonst würde er sich ja als Person verkaufen und sich aus „einem Freien in einen Sklaven, aus einem Warenbesitzer in eine Ware“ (182) selbst verwandeln. Damit „die Geldbesitzer die Arbeitskraft auf dem Markt als Ware“ vorfinden, dies die zweite Bedingung, darf der Besitzer der Arbeitskraft nicht über die Fähigkeit verfügen, selbst Waren zu produzieren und auf dem Markt anzubieten. (siehe 183) Er muss also „frei in dem Doppelsinn“ sein, „dass er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine (einzige) Ware verfügt, dass er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.“ Die Herausbildung dieses doppelt freien Arbeitskraftverkäufers ist „selbst das Resultat einer vorhergegangenen historischen Entwicklung, das Produkt vieler ökonomischen Umwälzungen, des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Produktion.“(183)

Wie, fragt nun Marx, lässt sich „der Wert der Arbeitskraft, gleich dem jeder andren Ware“, bestimmen? Antwort: „Der Wert der Arbeitskraft … ist bestimmt durch die zur Produktion, also auch Reproduktion, dieses spezifischen Artikels notwendige Arbeitszeit.“(184) „Die Existenz des (die Arbeitskraft verkaufenden) Individuums gegeben, besteht die Produktion der Arbeitskraft in seiner eigenen Reproduktion oder Erhaltung.“(185) Es gilt: „Der Wert der Arbeitskraft löst sich auf in den Wert einer bestimmten Summe von Lebensmittel“(weitgefasst), die das Leben der arbeitskraftverkaufenden Person ermöglichen. (siehe 186) In der Anwendung der Arbeitskraft durch den geldbesitzenden Kapitalisten muss nun, um die Eingangsfrage zu beantworten, mehr Wert geschaffen werden als zu deren Bezahlung von Nöten war. „Der Konsumtionsprozess der Arbeitskraft ist zugleich der Produktionsprozess von Ware und von Mehrwert“ und vollzieht sich wie bei jeder anderen Ware „außerhalb des Markts oder der Zirkulationssphäre.“
Marx betont nun wieder, dass diese „Sphäre der Zirkulation oder des Warentausches … ein wahres Eden der angeborenen Menschenrechte“ ist. Hier herrschen die bürgerlichen Werte „Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham(Eigennutz)!“(189) Verkäufer und Käufer der Ware Arbeitskraft sind frei als Person und gleich, da sie Äquivalente austauschen, und beide so über spezifisches Eigentum verfügen. „Die einzige Macht, die sie zusammen und in ein Verhältnis bringt, ist die ihres Eigennutzes, ihres Sondervorteils, ihrer Privatinteressen.“(190) Hier, in der Zirkulation oder auf dem Arbeitsmarkt, stehen sich Lohnarbeiter und Kapitalist gleichberechtigt gegenüber. Aber nur im Akt des Kauf und Verkaufs der Ware Arbeitskraft. Nicht so in deren Anwendung im Produktionsprozess. Auf dem Weg dahin „schreitet… der ehemalige Geldbesitzer voran als Kapitalist, der Arbeitskraftbesitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der eine bedeutungsvoll schmunzelnd und geschäftseifrig, der andre scheu, widerstrebsam, wie jemand der seine eigne Haut zu Markte“(191) trägt. Dorthin begeben wir uns auch in der nächsten Lektion!







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