Kapitallektürekurs (Teil 4)


Bildmontage: HF

12.11.16
TheorieTheorie, TopNews 

 

Von Karl Wild

Lektion 05: Arbeits- und Verwertungsprozess
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 192 – 213

Wir verlassen nun mit Marx die Sphäre der Zirkulation oder der Tauschbeziehungen auf den Märkten und begeben uns in die Produktionssphäre, in die Sphäre der Arbeit. Marx betont einleitend, dass „die Produktion von Gebrauchswerten oder Gütern … ihre allgemeine Natur nicht dadurch (ändert), dass sie für den Kapitalisten und unter seiner Kontrolle vorgeht. Der Arbeitsprozess ist daher zunächst unabhängig von jeder gesellschaftlichen Form zu betrachten.“(192)* Dieses „zunächst“ dürfen wir aber nicht vergessen, im Fortgang werden wir sehen, dass die „gesellschaftliche Form“ durchaus auf den Arbeitsprozess konstitutiv einwirkt.
Aber kommen wir zur Definition von Arbeit an sich. Da es sich um eine der berühmtesten Ausführungen von Marx handelt, wollen wir sie vollständig zum Selberlesen anführen.***) Wir wollen gleich mit der Kurzdefinition fortfahren: „Die einfachen Momente des Arbeitsprozesses sind die zweckmäßige Tätigkeit oder die Arbeit selbst, ihr Gegenstand und ihr Mittel.“ Der „allgemeine Gegenstand der menschlichen Arbeit… findet sich ohne sein Zutun“ in der Natur (vor). Es ist die gesamte Erde mit all ihren Stoffen, vom Wasser über die Pflanzen und Tiere bis hin zum Erz. „Ist der Arbeitsgegenstand dagegen selbst schon durch frühere Arbeit filtriert, so nennen wir ihn Rohmaterial.“ Er hat bereits „eine durch Arbeit vermittelte Veränderung erfahren“(193). Der Mensch wirkt nun mit Hilfe der Arbeitsmittel auf den Arbeitsgegenstand ein und nutzt die „mechanischen, physikalischen, chemischen Eigenschaften der Dinge, um sie als Machtmittel auf andre Dinge, seinem Zweck gemäß, wirken zu lassen.“ Der Mensch könnte so in Anlehnung an Franklin als „ein Werkzeuge fabrizierendes Tier“ betrachtet werden. Die Arbeitsmittel haben einen zentralen Stellenwert in der Marxschen Theorie, denn die „Arbeitsmittel“ kennzeichnen letztendlich die „ökonomischen Gesellschaftsformationen.“(194) Marx kommt zum kategorialen Schluss:

„Nicht was gemacht wird, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln gemacht wird, unterscheidet die ökonomischen Epochen.“(194f) Sie sind „Anzeiger der gesellschaftlichen Verhältnisse, worin gearbeitet wird.“****) Das Produkt des Arbeitsprosses „ist ein Gebrauchswert, ein durch Formveränderung menschlichen Bedürfnissen angeeigneter Naturstoff. Die Arbeit hat sich mit ihrem Gegenstand verbunden. Sie ist vergegenständlicht“(195). Vom Standpunkt des Resultats des Arbeitsprozesses, vom Produkt her betrachtet, „erscheinen beide, Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstand, als Produktionsmittel und die Arbeit selbst als produktive Arbeit.“ Man merke sich die erste Annäherung an den Begriff der produktiven Arbeit!“Produkte sind daher nicht nur Resultat , sondern zugleich Bedingung des Arbeitsprozesses.“(196) Und „da jedes Ding vielerlei Eigenschaften besitzt und daher verschiedner Nutzanwendung fähig ist, kann das Produkt das Rohmaterial(oder auch als Hilfsstoff) sehr verschiedner Arbeitsprozesse bilden.“ Es gilt: „Ob ein Gebrauchswert als Rohmaterial, Arbeitsmittel oder Produkt erscheint, hängt ganz und gar ab von seiner bestimmten Funktion im Arbeitsprozess“. Als Produktionsmittel verlieren Produkte „den Charakter des Produkts“ und „funktionieren nur noch als gegenständliche Faktoren der lebendigen Arbeit.“(197) Und diese so bedeutungsvolle „lebendige Arbeit“ erweckt alle Dinge „von den Toten“(198). Dieser Gegensatz von „lebendiger“ und toter“ Arbeit wird fundamental für die Marxsche Theorie. In und durch die Arbeit werden die „stofflichen Elemente“ angeeignet und somit ist der Arbeitsprozess „Konsumtionsprozess. Diese produktive Konsumtion unterscheidet sich dadurch von der individuellen Konsumtion, dass letztere die Produkte als Lebensmittel des lebendigen Individuums, erstere sie als Lebensmittel der Arbeit, seiner sich betätigenden Arbeitskraft, verzehrt.“ Und es gilt der Merksatz: „Das Produkt der individuellen Konsumtion ist daher der Konsument selbst, das Resultat der produktiven Konsumtion ein vom Konsumenten unterschiednes Produkt.“

Marx kommt zum Schluss, dass der Arbeitsprozess die „allgemeine Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher … allen seinen Gesellschaftsformen gemeinsam.“(198) Arbeit macht den Menschen zum Menschen!

Doch nicht um eine allgemeine Arbeitswertlehre geht es Marx und so „kehren wir zu unserem Kapitalisten in spe zurück.“ Dieser hatte „auf dem Warenmarkt alle zu einem Arbeitsprozess notwendigen Faktoren gekauft, die gegenständlichen Faktoren oder die Produktionsmittel, den persönlichen Faktor oder die Arbeitskraft.“(199) Im Konsumtionsprozess der Ware Arbeitskraft, dem Arbeitsprozess, arbeitet der Arbeiter „unter der Kontrolle des Kapitalisten“ und das Produkt dieses Prozesses „ist Eigentum des Kapitalisten, nicht des unmittelbaren Produzenten, des Arbeiters.“(199f) Denn nachdem der Kapitalist dem Arbeiter den Zeitwert der Arbeitskraft bezahlt hat, gehört sie dem Kapitalisten und er wendet sie nach seinen Bedingungen an. „Der Kapitalist hat durch den Kauf der Arbeitskraft die Arbeit selbst als lebendigen Gärungsstoff den toten ihm gleichfalls gehörigen Bildungselementen des Produkts einverleibt.“(200) Sie gehört ihm genauso wie das Resultat des Arbeitsprozesses, das Produkt. „Der Arbeitsprozess ist ein Prozess zwischen Dingen, die der Kapitalist gekauft hat“ (200) und die lebendige Arbeitskraft wird zum Ding wie die zur produktiven Konsumtion benötigten Produktionsmittel. Die Gebrauchswerte, Arbeitskraft wie x-beliebiges Produkt, sind in der Warenproduktion immer zuvorderst „Träger des Tauschwerts“ und unser Kapitalist will „nicht nur einen Gebrauchswert produzieren, sondern eine Ware, nicht nur Gebrauchswert, sondern Wert, und nicht nur Wert, sondern auch Mehrwert.“ „Wie die Ware selbst Einheit von Gebrauchswert und Wert“, erinnert uns Marx, „muss ihr Produktionsprozess Einheit von Arbeitsprozess und Wertbildungsprozess sein.“(201)

Im Wertbildungsprozess gehen alle verschiedenen konkreten Arbeiten ein nur nach ihrer „Quantität“, nur als „gesellschaftliche Durchschnittsarbeit“ (Vgl. die Bestimmung des Werts) „Denn nur gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“, erinnern wir uns wieder, „zählt als wertbildend.“ Somit stellen bestimmte „Quanta Produkt … jetzt nichts dar als bestimmte Quanta Arbeit, bestimmte Masse festgeronnener Arbeitszeit.“(204) Aber „der Wert der Arbeitskraft und ihre Verwertung im Arbeitsprozess sind zwei verschiedene Größen.“ Z.B. sei der Wert zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft gleich sechs Stunden oder ein bestimmter Geldbetrag x, die tatsächliche Anwendung der Arbeitskraft im Produktionsprozess beträgt aber zwölf Stunden. „Diese Wertdifferenz hatte der Kapitalist im Auge, als er die Arbeitskraft kaufte.“ Es ist der „spezifische Gebrauchswert“ der Ware Arbeitskraft, „Quelle von Wert zu sein und von mehr Wert, als sie selbst hat.“ Dies ist „ein besondres Glück für den Käufer, aber durchaus kein Unrecht gegen den Verkäufer“(206). Der Kernsatz lautet:

„Indem der Kapitalist Geld in Waren verwandelt, die als Stoffbildner eines neuen Produkts oder als Faktoren des Arbeitsprozesses dienen, indem er ihrer toten Gegenständlichkeit lebendige Arbeitskraft einverleibt, verwandelt er Wert, vergangne, vergegenständlichte, tote Arbeit in Kapital, sich selbst verwertenden Wert“. Dauert nun der Produktionsprozess länger als nötig, um den Wert der Ware Arbeitskraft durch ein neues Äquivalent zu ersetzen, wird er also nach unserem Beispiel über sechs Stunden hinaus verlängert, wird der Wertbildungsprozess zum „Verwertungsprozess“(209) des Kapitals.

Führen wir unser Beispiel aus: In sechs Stunden stellt der Arbeiter, dessen Arbeitskraft dem Kapitalisten 10 Geldeinheiten (GE) kostet, 5 Produkte her, zu deren Produktion Produktionsmittel (Rohstoff, Hilfsmittel, Maschinen etc.) in Höhe von ebenfalls 10 GE nötig sind. Der Wert(= hier gleich Preis) je Produkt ist folglich 20GE : 5 Produkte = 4 GE je Produkt. Wendet der Kapitalist nun den Arbeiter 12 Stunden an, bleibt dessen Wert mit 10 GE gleich; die Produktionsmittel, die Nutzbarmachung vergangner „toter“ Arbeit erhöht sich somit auf 20 GE. Es werden nun 10 Produkte mit einem Wert von 10×4 Ge= 40GE vom Kapitalisten angeeignet, zu deren Produktion er nur 30 GE vorschießen musste. Der Mehrwert aus dem Verwertungsprozess des Kapitals beträgt also 40-30 GE=10 GE.

Der bei der „Analyse der Ware gewonnene Unterschied zwischen der Arbeit, soweit sie Gebrauchswert, und derselben Arbeit, soweit sie Wert schafft,“ stellt sich nun dar „als Unterscheidung der verschiedenen Seiten des Produktionsprozesses“. Der Merkssatz lautet: „Als Einheit von Arbeitsprozess und Wertbildungsprozess ist der Produktionsprozess (in den ersten sechs Stunden des Arbeitstages) Produktionsprozess von Waren; als Einheit von Arbeitsprozess und Verwertungsprozess (in den zwölf Stunden) ist er kapitalistischer Produktionsprozess, kapitalistische Form der Warenproduktion.“(211)

Die angewandte Arbeit, ob „einfache, gesellschaftliche Durchschnittsarbeit oder kompliziertere Arbeit“, dies merkt Marx abschließend an, ist aus der Sicht des Verwertungsprozesses „gleichgültig“.(211) „Die Arbeit, die als höhere, kompliziertere Arbeit gegenüber der gesellschaftlichen Durchschnittsarbeit gilt, ist die Äußerung einer Arbeitskraft, worin höhere Bildungskosten eingehen“(211f) und deren Wert deshalb höher ist, z.B. 20 GE statt derer 10. Sie „vergegenständlicht sich daher, in denselben Zeiträumen, in verhältnismäßig höheren Werten.“(212) Am grundlegend dargestellten Sachverhalt ändert sich daher nichts.

***) „Die Arbeit ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit. Wir haben es hier nicht mit den ersten tierartig instinktmäßigen Formen der Arbeit zu tun. Dem Zustand, worin der Arbeiter als Verkäufer seiner eignen Arbeitskraft auf dem Warenmarkt auftritt, ist in urzeitlichen Hintergrund der Zustand entrückt, worin die menschliche Arbeit ihre erste instinktartige Form noch nicht abgestreift hatte. Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht dass er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muss. Und diese Unterordnung ist kein vereinzelter Akt. Außer der Anstrengung der Organe, die arbeiten, ist der zweckmäßige Wille, der sich als Aufmerksamkeit äußert, für die ganze Dauer der Arbeit erheischt, und um so mehr, je weniger sie durch den eignen Inhalt und die Art und Weise ihrer Ausführung den Arbeiter mit sich fortreißt, je weniger er sie daher als Spiel seiner eignen körperlichen und geistigen Kräfte genießt.
Die einfachen Momente des Arbeitsprozesses sind die zweckmäßige Tätigkeit oder die Arbeit selbst, ihr Gegenstand und ihr Mittel.“
(192f)

****) Insofern, sollte Marx Recht haben, wäre der ehemalige „realexistierende Sozialismus“ durchaus keine von der kapitalistischen Gesellschaftsformation verschiedene Angelegenheit gewesen!







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