Kapitallektürekurs (Teil 5)


Bildmontage: HF

18.11.16
TheorieTheorie, TopNews 

 

Von Karl Wild

Lektion 06: Konstantes und variables Kapital
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 214 – 225

Durch den Kauf der Ware Arbeitskraft erweckt der Kapitalist, habe wir im letzten Kapitel gelernt, die tote, in den Produktionsmitteln vergegenständlichte Arbeit, zum Leben. Wie nun die „verschiedenen Faktoren des Arbeitsprozesses … an der Bildung des Produkten-Werts“ teilnehmen, wollen wir nun, Marx folgend, betrachten.Während die angewandte Arbeit „dem Arbeitsgegenstand neuen Wert“ zusetzt, wird „der Wert der Produktionsmittel… erhalten durch seine Übertragung auf das (neue) Produkt.“ Durch den Arbeitsprozess, der Verwandlung von Produktionsmittel in ein neues Produkt, vermittelt die Anwendung der Arbeit diese Übertragung. Dies gilt es näher zu betrachten.
Aus der „Doppelseitigkeit“ der Arbeit, die zugleich ihren Wert dem Produkt neu zusetzt und gleichzeitig die alten, toten Werte der Produktionsmittel überträgt, folgt die „Doppelseitigkeit des Resultats“(214)*. Einerseits, „in ihrer abstrakten, allgemeinen Eigenschaft …, als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft, setzt die Arbeit … den Werten (der Produktionsmittel) … Neuwert zu, und in ihrer konkreten, besondren, nützlichen Eigenschaft .. überträgt sie den Wert dieser Produktionsmittel auf das Produkt und erhält so ihren Wert im Produkt.“(215) Knapp gefasst: „Durch das quantitative Zusetzen von Arbeit wird neuer Wert zugesetzt, durch die Qualität der zugesetzten Arbeit werden die alten Werte der Produktionsmittel im Produkt erhalten.“(215f) Allgemein gilt: „Es zeigt sich…, dass ein Produktionsmittel nie mehr Wert an das Produkt abgibt, als es im Arbeitsprozess durch Vernichtung seines eignen Gebrauchswerts verliert.“(218) Kohle zur Energieerzeugung wird verbrannt, Rohstoffe und Halbfabrikate werden verarbeitet, Maschinen und Gebäude werden verschlissen.

Noch einmal poetisch Marx dazu: „Indem die produktive(!) Arbeit Produktionsmittel in Bildungselemente eine neuen Produkts verwandelt, geht mit dem Wert eine Seeelenwanderung vor. Er geht aus dem verzehrten Leib in den neu gestalteten Leib über. Aber diese Seelenwanderung ereignet sich gleichsam hinter dem Rücken der wirklichen Arbeit.“ Diese „Naturgabe“ der „lebendigen Arbeit“, „die dem Arbeiter nichts kostet, aber dem Kapitalisten viel einbringt“, nämlich „die Erhaltung des vorhandnen Kapitalwerts“(221), solange der Arbeitsprozess nicht „gewaltsam“ stockt.
Genauer gesprochen wird „der Wert der Produktionsmittel … nicht reproduziert“, sondern im „neuen Gebrauchswert … erscheint … der alte Tauschwert“(222) wieder. „Der Teil des Kapitals“, fasst Marx definitorisch zusammen, „der sich in Produktionsmittel … umsetzt, verändert seine Wertgröße nicht im Produktionsprozess. Ich nenne ihn daher konstanten Kapitalteil, oder kürzer: konstantes Kapital.“ (223)

Im Gegensatz dazu bildet der „subjektive(!) Faktor des Arbeitsprozesses“, die „sich betätigende Arbeitskraft“ des Arbeiters, „zusätzlichen Wert, Neuwert.“ Ihr vom Kapitalisten vorgeschossener Wert „bildet den Überschuss des Produktenwerts über seine dem Wert der Produktionsmittel geschuldeten Bestandteile. Er ist der einzige Originalwert“, der durch den Arbeits- und Verwertungsprozess „selbst produziert ist.“ Er “ ist wirklich reproduziert, nicht nur scheinbar, wie der Wert der Produktionsmittel. Der Ersatz eines Werts durch den andren ist hier vermittelt durch neue Wertschöpfung.“

Marx fasst zusammen: „Der in Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals … reproduziert sein eignes Äquivalent und (im Verwertungsprozess) einen Überschuß darüber. Mehrwert … Aus einer konstanten (vorgeschossenem Geldbetrag) Größe verwandelt sich dieser Teil des Kapital fortwährend in eine variable. Ich nenne ihn daher variablen Kapitalteil oder kürzer: variables Kapital.“ Es gilt der Merksatz:

„Dieselben Kapitalbestandteile, die sich vom Standpunkt des Arbeitsprozesses als objektive und subjektive Faktoren, als Produktionsmittel und Arbeitskraft unterscheiden, unterscheiden sich vom Standpunkt des Verwertungsprozesses als konstantes Kapital und variables Kapital.“(224)
Durch Änderung der „gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit“ des Werts der Produktionsmittel mag sich zwar „das Größenverhältnis zwischen konstantem und variablem Kapital oder die Proportion, worin das Gesamtkapital in konstante und variable Bestandteile zerfällt“ ändern, aber dies „berührt dagegen nicht den Unterschied von konstant und variabel.“ (225)

 

Lektion 07: Die Rate des Mehrwerts
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 226 – 244

Greifen wir unser Beispiel aus der Lektion 5 wieder auf, so stellt sich das vorgeschossene Kapital C dar in der berühmten Formel: C = c + v, wobei c das in den Prozess eingegangene tote oder konstante Kapital der Produktionsmittel bezeichnet und v den Wert des variablen Kapitals. Ziel des Arbeits- wie Verwertungsprozesses unter der Kontrolle des Kapitalisten ist C´ oder die Erzielung eines „Überschusses des Produktenwerts über den Wert seiner Produktionselemente gleich der Verwertung des vorgeschossenen Kapitals oder gleich dem produzierten Mehrwert“(226)* gleich m. Es gilt somit:

C´ = c + v +m oder mit unserem Beispiel 40 = 20 + 10 +10
Das im Prozess tatsächliche Mehrprodukt beträgt, wie wir wissen, nur 20 GE, v + m, da die 20 GE des vorgeschossenen konstanten Kapitals nur im Neuprodukt erhalten und umgeschlagen werden. Wie sich das vorgeschossene variable Kapital verwertet, ist somit ausgedrückt in m/v oder 10/10 gleich 100 Prozent. „Diese verhältnismäßige Verwertung des variablen Kapitals oder die verhältnismäßige Größe des Mehrwerts (nennt Marx) Rate des Mehrwerts.“(230)
In unserem Beispiel stellte sich der Wert v in sechs Arbeitsstunden dar, tatsächliche Arbeitszeit waren aber 12 Stunden. „Den Teil des Arbeitstags“, in dem die Reproduktion oder Werterhaltung der Ware Arbeitskraft oder des Arbeiters erfolgt, nennt Marx die „notwendige Arbeitszeit, die während derselben verausgabte Arbeit notwendige Arbeit.“(230f) Und diese Zeit ist „notwendig für den Arbeiter, weil unabhängig von der gesellschaftlichen Form (!) seiner Arbeit. Notwendig für das Kapital und seine Welt, weil das beständige Dasein des Arbeiters ihre Basis.“ Ohne die Erhaltung der Arbeitskraft und damit des Lebens des Arbeiters eben keinen Arbeits-, Wertbildungs- und Verwertungsprozess, denn: Die andere Hälfte des Arbeitstages nach unserem Beispiel, „die der Arbeiter über die Grenzen der notwendigen Arbeit hinaus schanzt, kostet ihm zwar Arbeit, Verausgabung von Arbeitskraft, bildet aber keinen Wert für ihn. Sie bildet Mehrwert … Diesen Teil des Arbeitstages (nennt Marx) Surplusarbeitszeit, und die in ihr verausgabte Arbeit: Mehrarbeit.“ Es sei entscheidend „für die Erkenntnis des Mehrwerts, ihn als bloße Gerinnung von Surplusarbeitszeit, als bloß vergegenständlichte Mehrarbeit zu begreifen.“
Sahen wir in der Lektion 5 die Arbeitsmittel als Charakteristika der Gesellschaftsformationen, so betont Marx nun: „Nur die Form, worin diese Mehrarbeit den unmittelbaren Produzenten … abgepresst wird, unterscheidet die ökonomischen Gesellschaftsformationen, z.B. die Gesellschaft der Sklaverei von der der Lohnarbeit.“(231)Den Teil des erzeugten Produkts, in unserem Beispiel den Teil von10x, „worin sich der Mehrwert darstellt“, nennt Marx nun folgerichtig „Mehrprodukt“, gleich 2 ½ . Marx betont, „wie die Rate des Mehrwerts durch sein Verhältnis nicht zur Gesamtsumme, sondern zum variablen Bestandteil des Kapitals bestimmt wird, so“ gilt dies auch für „die Höhe des Mehrprodukts“, welches nicht „durch sein Verhältnis zum Rest des Gesamtprodukts, sondern zum Produktteil, worin sich die notwendige Arbeitszeit darstellt“, ausdrückt. Und dies waren nach unserem Beispiel ebenfalls 2 ½ Produkte. Und Marx gibt uns den Lehrsatz mit:

„Wie die Produktion von Mehrwert der bestimmende Zweck der kapitalistischen Produktion, so misst nicht die absolute Größe des Produkts, sondern die relative Größe des Mehrprodukts den Höhegrad des Reichtums.“(243) Erinnern wir uns an die erste Lektion und wie dort Reichtum „erscheint“! „Die Summe der notwendigen Arbeit und der Mehrarbeit“, so schließt Marx dieses Kapitel und leitet zum nächsten über, „der Zeitabschnitte, worin der Arbeiter den Ersatzwert seiner Arbeitskraft und den Mehrwert produziert, bildet die absolute Größe seiner Arbeitszeit – den Arbeitstag“. (244).







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