Sein und Bewusstsein [Teil 12]


Bildmontage: HF

14.09.15
TheorieTheorie, TopNews 

 

von Sergej L. Rubinstein, bereitgestellt von Reinhold Schramm

Psychische Tätigkeit und objektive Realität

Das Problem der Erkenntnis

4. Der Erkenntnisprozess.

Die Wahrnehmung als sinnliche Erkenntnis der äußeren Welt

Der wechselseitige Zusammenhang der Daten des Gesichts- und des Tastsinns beruht darauf, dass die Gesichts- und die Tastempfindungen wenigstens teilweise ein und dieselben Eigenschaften (Form, Größe usw.) des Gegenstandes in verschiedenen Modalitäten widerspiegeln. Sehen und Tasten sind also keine isolierten Sphären (Modalitäten) der Sinnlichkeit: sie haben ihre gemeinsame Grundlage in den Eigenschaften des Gegenstandes, den sie widerspiegeln. Das System der zwischen den Analysatoren bestehenden Verbindungen hängt primär von den Gegenständen ab, die widergespiegelt werden. Dagegen hängt die Widerspiegelung des Gegenstandes sekundär vom System der Verbindungen ab, die sich auf Grund der vorausgegangenen Erfahrungen gebildet haben. Deshalb kann man die Tätigkeit der Analysatoren nur dann richtig verstehen, wenn man von der Notwendigkeit ausgeht, die sie gesetzmäßig hervorgebracht hat, nämlich von der Notwendigkeit, die Welt wiederzuspiegeln, um in ihr leben und handeln zu können. Nur dann wird auch die biologische Rolle und die erkenntnistheoretische Bedeutung der Analysatoren verständlich.

Die neurodynamische Grundlage für das Abbild des Gegenstandes ist ein System kortikaler Verbindungen, in dem die verschiedenen Analysatoren miteinander verknüpft sind. Das optische Bild eines Dinges enthält auch Tastqualitäten, weil dem Wahrnehmen zentrale kortikale Verbindungen zugrunde liegen, die nicht innerhalb eines Analysators, sondern auch zwischen den verschiedenen Analysatoren entstehen. Grundlage der optischen Wahrnehmung ist nicht das Netzhautbild an und für sich; dieses ist lediglich der Ausgangspunkt für die Entstehung einer optischen Wahrnehmung. Die „retinale“, das heißt peripherische Psychologie des Sehens sowie aller anderen Sinnestätigkeiten ist zusammengebrochen [89].

Zum System der kortikalen Verbindungen, welche die neurodynamische Grundlage für das sinnliche Bild des Gegenstandes sind, gehören nicht nur die vorhandenen Erregungen, sondern auch Erregungsspuren – das Resultat früherer Erfahrung. Schon A. A. Uchtomski schrieb: „Bei der optischen Rezeption der Gegenstände lässt sich der Mensch keineswegs nur von der optischen Struktur leiten, die in jedem Auge entsteht, sondern vor allem von der Projektion des Netzhautbildes auf die Großhirnrinde und von den Verbindungen, die bei dessen Formung in das kortikale Bild eingehen, und zwar von der gleichzeitigen Rezeption des Gehörs, des vestibularen, taktilen und propriorezeptiven Apparates. Das fertige optische Bild ist die Frucht vielfältiger praktischer Korrelation und Kontrolle [90].“ Da die optische Wahrnehmung eines Gegenstandes nicht einfach eine subjektive Modifikation des Sehens, der optischen Sensibilität, sondern eine Wahrnehmung des Gegenstandes ist, nimmt sie gesetzmäßig nicht nur das in sich auf und schließt es zu einem einheitlichen Gebilde zusammen, was speziell und ausschließlich das Sehen als Form der Sensibilität kennzeichnet, sondern den wahrnehmenden Gegenstand. Das optische Abbild eines Gegenstandes ist nicht das Ergebnis der Tätigkeit des optischen Rezeptors allein, sondern auch das der menschlichen Erfahrung und Praxis.

Für die wirklichkeitsadäquate Wahrnehmung spielt die sogenannte Wahrnehmungskonstanz eine wesentliche Rolle. Die Größen-, Formkonstanz usw. besteht darin, dass wir die tatsächliche Größe, Form usw. des Gegenstandes, seiner wirklichen Größe, Form usw. entsprechend, als beständig wahrnehmen, und zwar in bestimmten Grenzen unabhängig von den Veränderungen der Wahrnehmungsbedingungen (Entfernung, Gesichtswinkel), obwohl sich das Netzhautbild dabei verändert. Diese Formulierung zeigt, weshalb die Tatsache der Konstanz zu einem Problem wird. Die Wahrnehmungskonstanz wird zu einem Problem, das eigentlich unlösbar ist, wenn wir das Abbild des Gegenstandes unmittelbar auf das periphere (Netzhaut-)Bild beziehen. Wenn sich die Entfernung der Gegenstände vom Auge und der Gesichtswinkel, unter dem sie betrachtet werden, verändern, so verändert sich auch die Projektion des Gegenstandes auf der Netzhaut. Deshalb kann die peripherische Theorie nicht erklären, wie eine beständige (konstante) Wahrnehmung der wirklichen Größe und Form des Gegenstandes zustande kommt.

Das Konstanzproblem kann nur gelöst werden, wenn man die Konzeption der „Analysatoren“ zugrunde legt, nach welcher der periphere Rezeptor, die Leitungsbahnen und das entsprechende zentrale Feld als einheitlich funktionierendes Ganzes aufgefasst werden. [91].

Die alte Auffassung versuchte, dieses Problem mit Hilfe einer merkwürdigen Zweifaktorentheorie zu lösen, nach der die Empfindung (als Ergebnis peripherer rezeptorischer Tätigkeit) „akonstant“ ist: Sie verändert sich mit jeder Veränderung der Netzhautprojektion und entspricht nicht der wirklichen Größe und Form des wahrgenommenen Gegenstandes. Dieses „akonstante“ Bild wird dann durch zentrale Faktoren korrigiert, „transformiert“ u. ä., die nicht mehr sensorischer, sondern bereits intellektueller Natur sind und sich mit den peripheren vereinigen. Einem solchen, eigentlich „klassischen“ Standpunkt begegnet man bereits bei Helmholtz. In diesen oder jenen Varianten ist er bis heute erhalten geblieben. Er hängt organisch mit der dualistischen Zweifaktentheorie der Wahrnehmung zusammen, nach der die Wahrnehmung das Produkt zweier verschiedenartiger Faktoren ist, des peripheren und des zentralen, des sensorischen und des intellektuellen. Mit der dualistischen Wahrnehmungstheorie fällt auch ihre „Erklärung“ der Konstanz.

Entgegen den Versuchen, die Konstanz ausschließlich auf den äußeren Eingriff intellektueller Faktoren zurückzuführen [92], ist zu sagen, dass die Konstanz eine der Wirklichkeit entsprechende Wahrnehmung der räumlichen und anderer (sensorischer) Eigenschaften des Gegenstandes ist und primär durch die Organisation des sensorischen Prozesses der Wahrnehmung bedingt ist. Zum besseren Verständnis dieser Tatsache ist zu bedenken, dass, wie wir bereits bemerkt haben, das sinnliche Abbild des Gegenstandes als Ergebnis einer komplizierten kortikalen Tätigkeit entsteht und das Produkt vielfältiger Verbindungen mit den Rezeptoren anderer Apparate (des taktilen, des propriorezeptiven u. a.), in welche die Netzhautprojektion einbezogen wird, sowie der mannigfachen praktischen Korrelation und Kontrolle ist.

Die intellektuellen Faktoren (Wiedererkennen des Gegenstandes, Kenntnis seiner Eigenschaften auf Grund früherer Erfahrung) begünstigen die Wahrnehmungskonstanz, wie das insbesondere Beins Daten über das Verhältnis der Wahrnehmung der Größe der Gegenstände bezeugen [93]. Aber erstens darf man die Größen- und Formkonstanz sowie die anderer Eigenschaften der Gegenstände nicht nur von diesen intellektuellen Faktoren her ableiten (isoliert betrachtet, sind sie nicht imstande, die Erscheinung der Konstanz als Ganzes zu erklären), und zweitens bedingen die intellektuellen Faktoren – Vorstellungen, Kenntnisse über die Eigenschaften des wahrgenommenen Gegenstandes, die in der Praxis, in der Erfahrung entstanden sind – die Wahrnehmungskonstanz nicht in der Weise, dass sie die ursprünglich sinnlichen Daten von außen her „transformieren“, sondern bedingen sie im Prinzip genauso, wie das die Daten der anderen Rezeptoren tun, indem sie durch die kortikalen Verbindungen in den einheitlichen Prozess der Gegenstandswahrnehmung einbezogen werden.

Der Komplex der optischen und taktilen Qualitäten bildet das Skelett der Gegenstandswahrnehmung. Insbesondere durch das Tasten werden, wie bereits gesagt, die Haupteigenschaften des Gegenstandes als eines materiellen Dinges erkannt. Durch das aktive Tasten der sich bewegenden Hand werden außerdem die Ergebnisse des optischen Wahrnehmens anderer, insbesondere der räumlichen Eigenschaften der Dinge überprüft und kontrolliert. Im Zusammenhang damit zeigt die Untersuchung, dass die beim Betasten eines Gegenstandes gewonnenen Daten in das Bild des Gegenstandes eingehen, indem sie vorher visualisiert werden, einen optischen Ausdruck erhalten. Die bildhafte Wahrnehmung des Menschen ist vorwiegend optischer Natur. Das optische Bild des Dinges sammelt, synthetisiert und organisiert gleichsam um sich herum die Angaben der übrigen Sinnesorgane. Die grundlegenden Angaben, die das optische Bild in sich aufnimmt, sind die Daten des Tastsinns.

Die Daten aller übrigen Rezeptoren gruppieren sich um dieses Zentrum, sie vereinigen die Eigenschaften des auf diese Weise umrissenen Dinges zu seinem Erscheinungsbild. So orientieren sich beispielsweise die Gehörsempfindungen nach den optischen Daten des Gegenstandes als der Quelle, der die Töne entstammen.

Eine solche Organisation der Wahrnehmung bildet sich während der Ontogenese in dem Maße, wie beim Kinde die entsprechenden bedingtreflektorischen Verbindungen entstehen. Ungefähr im zweiten Lebensmonat kann man bereits beobachten, dass sich die Augen der Schallquelle zuwenden. Ein Ton beginnt optisches Suchen nach diesem Gegenstand hervorzurufen.

Die Daten aller Arten von Sensibilität gruppieren sich um jene „Modalität“, in welcher der Gegenstand der Wahrnehmung am ausgeprägtesten in Erscheinung tritt. Zahlreiche Tatsachen beweisen dies. So zeigen Beobachtungen über die Lokalisierung einer Rede in einem mit Lautsprechern ausgestatteten Saal, dass der Ton, der, solange der Hörer den Sprecher nicht sah, im nächstliegenden Lautsprecher lokalisiert wurde, in dem Moment auf den Sprecher bezogen wird, in dem dieser im Gesichtsfeld des Hörers auftaucht [94]. Die Bedeutung dieser Tatsache besteht nicht darin, dass die akustische Wahrnehmung der optischen untergeordnet ist, sondern dass sich jede Wahrnehmung, auch die akustische, nach dem Gegenstand orientiert, der in der Sensibilität dieser oder jener Art (Gesicht, Gehör, Tastsinn u. a.) am ausgeprägtesten in Erscheinung tritt.

Das Wesen der Sache liegt darin, dass nicht die akustische Empfindung, sondern der Ton als eine im akustischen Abbild widergespiegelte physikalische Erscheinung lokalisiert wird. Darum wird ein Ton abhängig vom optisch wahrnehmbaren Ort des Gegenstandes lokalisiert, der ihn hervorbringt [95]. In ähnlicher Weise wird ein optisch wahrgenommener Gegenstand dort lokalisiert, wo er für das aktive Tasten, für die auf ihn gerichtete Tätigkeit, erscheint. Lokalisiert wie wahrgenommen werden eigentlich nicht die optischen Abbilder, sondern die optisch wahrgenommenen Gegenstände, die materiellen Dinge, genauso wie die Wahrnehmung selbst keine Wahrnehmung der Abbilder (Wahrnehmung der Wahrnehmung), sondern der Gegenstände, der materiellen Dinge ist.

Das gleiche kann auf dem Gebiet des Tastsinns und des kinästhetischen Sinns beobachtet werden. Wenn wir die Hand bewegen, beteiligen sich die Muskeln der Schultern und des Oberarms an der Bewegung, aber uns werden nicht die Signale von den Muskelverschiebungen bewusst, sondern die Gegenstände, welche die Bewegungen bedingen. Wenn wir mit einem Werkzeug arbeiten, das wir in der Hand halten, dann spüren wir die Besonderheiten des Materials, das wir mit dem Werkzeug berühren. So empfinden wir beim Schreiben den Widerstand, den die Oberfläche des Tisches dem Bleistiftdruck entgegensetzt; der Chirurg empfindet den Widerstand der Organe, die er mit dem Skalpell berührt. Ebenso werden wir uns beim Gehen nicht der Impulse bewusst, die von den Muskelkontraktionen ausgehen, sondern der Beschaffenheit der Oberfläche, auf der wir gehen.« [Teil 12] {...}

Anmerkungen

89 S. L. Rubinstein, Die Lehre I. P. Pawlows und die Probleme der Psychologie. S. 160; E. N. Sokolow, Der wechselseitige Zusammenhang der Analysatoren bei der Widerspiegelung der Außenwelt. S. 207. Sammelband: Die Lehre I. P. Pawlows und die philosophischen Fragen der Psychologie. Verlag Volk und Gesundheit, Berlin 1955.

90 A. A. Uchtomski, Abriss der Physiologie des Nervensystems. Gesammelte Werke. Leningrad 1954, Bd. IV, S. 175 (russ.).

91 Über die Wahrnehmung der tatsächlichen Größe und Tiefe vgl. vor allem I. P. Pawlow, Naturwissenschaft und Gehirn, Sämtliche Werke, Akademie-Verlag, Berlin 1953, Bd. III/1. Vgl. auch E. N. Sokolow, Probleme der Wahrnehmungskonstanz im Lichte der Lehre I. P. Pawlows. „Sowjetskajy pedagogika“ (Sowjetpädagogik), 1953, Nr. 4, S. 67–77 (russ.).

92 Einen solchen Standpunkt nahm Wygctski ein, der ihn ontogenetisch zu erhärten versuchte. Obwohl von einigen Autoren ein geringes Anwachsen der Wahrnehmungskonstanz im Alter zwischen zwei und vier Jahren beobachtet wird, spricht eine ganze Reihe von Untersuchungen dafür (Frank, Beyrl, Klimpfinger, Brunswik), dass im allgemeinen die Größen-, Form- und Farbkonstanz bereits im Alter von zwei Jahren vorhanden ist. Nach den gleichen Untersuchungen sinkt sie im Alter von 16 bis 18 Jahren. Vgl. S. Klimpfinger, Die Entwicklung der Gestaltkonstanz vom Kind zum Erwachsenen. (In der Reihe: E. Brunswik, Untersuchungen über Wahrnehmungsgegenstände) „Archiv für die gesamte Psychologie“, Heft 88, S. 3-4.

93 Siehe E. S. Bein, Zum Problem der Größenkonstanz. In: „Untersuchungen zur Psychologie der Wahrnehmung“, Moskau/Leningrad 1948, S. 167-199 (russ.).

94 Vgl. die Beschreibung einer von uns protokollarisch festgehaltenen Beobachtung in den „Grundlagen der allgemeinen Psychologie“ (Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin 1961, S. 282/283), die in Untersuchungen von Kulagin, der den bedingt-reflektorischen Mechanismus dieser Erscheinung untersuchte, experimentell überprüft wurde.

95 Vgl. J. A. Kulagin, Experimentelle Untersuchungen zur Richtungswahrnehmung eines tönenden Gegenstandes. „Woprossy psychologii“ (Fragen der Psychologie), 1956, Nr. 6 (russ.).

Quelle: Sergej L. Rubinstein: Sein und Bewusstsein. Die Stellung des Psychischen im allgemeinen Zusammenhang der Erscheinungen in der materiellen Welt. Psychische Tätigkeit und objektive Realität. Das Problem der Erkenntnis. Der Erkenntnisprozess. Die Wahrnehmung als sinnliche Erkenntnis der äußeren Welt. Akademie-Verlag, Berlin 1977.

05.09.2015, Reinhold Schramm (Bereitstellung)

 

 







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