Kapitallektürekurs (Teil 7)


Bildmontage: HF

05.01.17
TheorieTheorie 

 

Von Karl Wild

Lektion 11: Kooperation der Arbeitskraft
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 341 – 355

Wie nun aber die Produktivkraft der Arbeitskraft entwickeln? „Den Ausgangspunkt der kapitalistischen Produktion“ „bildet historisch und begrifflich“ „das Wirken einer größeren Arbeiteranzahl zur selben Zeit, in demselben Raum zur Produktion derselben Warensorte“(341). Zunächst ist es unter dem Gesichtspunkt der Wertproduktion gleichgültig, ob ein Arbeiter oder viele unter dem Kommando eines Kapitalisten schuften. Aber wir wissen bereits, dass nur die gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitskraft wertbildend ist. Ist es nun eher zufällig, ob die ein oder zwei Gesellen eines Handwerkers dieser Durchschnittsarbeit entsprechen, so bildet sich die „gesellschaftliche Durchschnittsqualität“(342) empirisch von selbst, wenn in der kapitalistischen Produktion z.B. fünf oder mehr Arbeiter gleichzeitig tätig sind.

Marx stellt fest: „Das Gesetz der Verwertung überhaupt realisiert sich also für den einzelnen Produzenten erst vollständig, sobald er als Kapitalist produziert, viele Arbeiter gleichzeitig anwendet, also von vornherein gesellschaftliche Durchschnittsarbeit in Bewegung setzt.“ Selbst wenn sich an der Tätigkeit des einzelnen Arbeiters noch nichts ändert, die Zusammenfassung vieler Arbeitskräfte bewirkt eine „Revolution in den gegenständlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses.“(343) Als Beispiel der „Ökonomie der Produktionsmittel“ führt Marx das Fabrikgebäude für zwanzig Arbeitskräfte an, das kostengünstiger zu entrichten ist als zehn Arbeitsstätten für je zwei Arbeiter. In der „Kooperation“ der Arbeit, die sich planmäßig neben- und miteinander entfaltet (344), liegt eine Kraft, die Marx den Vergleich zum Militär ziehen lässt, wo die geballte „Angriffskraft“ einer Schwadron die Möglichkeiten ihrer einzelnen Mitglieder weit übersteigt. (siehe 345)

Lassen wir Marx selbst diese Potenzen der Kooperation zusammenfassen:
„Verglichen mit einer gleich großen Summe vereinzelter individueller Arbeitstage, produziert der kombinierte Arbeitstag größre Massen von Gebrauchswert und vermindert daher die zur Produktion eines bestimmten Nutzeffekts nötige Arbeitszeit.“ Denn: „Ob er im gegebnen Fall diese gesteigerte Produktivkraft erhält, weil er die mechanische Kraftpotenz der Arbeit erhöht(a) oder ihre räumliche Wirkungssphäre ausdehnt(b) oder das räumliche Produktionsfeld im Verhältnis zur Stufenleiter der Produktion verengt(c) oder im kritischen Moment viel Arbeit in wenig Zeit flüssig macht(d) oder den Wetteifer der einzelnen erregt und ihre Lebensgeister spannt(e) oder den gleichartigen Verrichtungen vieler den Stempel der Kontinuität und Vielseitigkeit aufdrückt(f), oder verschiedne Operationen gleichzeitig verrichtet(g) oder die Produktionsmittel durch ihren gemeinschaftlichen Gebrauch ökonomisiert(h) oder der individuellen Arbeit den Charakter gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit verleiht(i), unter allen Umständen ist die spezifische Produktivkraft des kombinierten Arbeitstags gesellschaftliche Produktivkraft“(348f), die der Kooperation entspringt.

Nun erst wird das „Kommando“ des Kapitals und des Kapitalisten zu einer „wirklichen Produktionsbedingung“ und „die Funktion der Leitung“ des kombinierten Produktionsprozesses erhält „spezifische Charaktermale.“(350) Nicht nur wächst der Widerstand der Arbeiter mit ihrer geballten Masse und muss klein gehalten werden. Es gilt eben auch, die „Ausbeutung“ des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses zu organisieren(siehe 350). Die Kooperation der Lohnarbeiter wird durch das Kapital hergestellt und so tritt ihnen „der Zusammenhang ihrer Arbeiten … daher ideell als Plan, praktisch als Autorität des Kapitalisten gegenüber, als Macht eines fremden Willens, der ihr Tun seinem Zweck unterwirft.“ Diese Leitung ist „der Form nach despotisch“ und wird, je größer die angewandte Arbeit und das eingesetzte Kapital, einer „besondren Sorte von Lohnarbeitern“(351) überantwortet. Nur die „Oberaufsicht“ behält der Kapitalist persönlich. Der Merksatz lautet: „Der Kapitalist ist nicht Kapitalist, weil er industrieller Leiter ist, sondern er wird industrieller Befehlshaber, weil er Kapitalist ist.“(352)

Und es gilt: „Die Produktivkraft, die der Arbeiter als gesellschaftlicher Arbeiter entwickelt, ist … Produktivkraft des Kapitals“(353) und kostet dem Kapital nichts. Und die Vorzüge kombinierter Arbeit durch die gleichzeitige Anwendung vieler Arbeitskräfte, die Entfaltung gesellschaftlicher Produktivkraft, hat eine lange, ruhmreiche und blutige Geschichte. Vor der kapitalistischen Produktionsweise wurde kombinierte Arbeitskraft in großem Maßstab durch „unmittelbare Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisse, zumeist … der Sklaverei“ angewendet, die kapitalistische Form der Kooperation setzt dagegen den „freien Lohnarbeiter“ und die Überwindung der vereinzelten Arbeit des Mittelalters voraus. Die Kooperation wird so zu einer „spezifischen Form des kapitalistischen Produktionsprozesses“ und der Arbeitsprozess erfährt „durch seine Subsumtion(=Unterordnung) unter das Kapital“ drastische Veränderungen, revolutioniert diesen. Die „kapitalistische Produktionsweise (wird so) „einerseits historische Notwendigkeit für die Verwandlung des Arbeitsprozesses in einen gesellschaftlichen Prozess …, so andrerseits (ist) diese gesellschaftliche Form des Arbeitsprozesses eine vom Kapital angewandte Methode, um (den Lohnarbeiter) durch Steigerung seiner Produktivkraft profitabler auszubeuten.“(354) Dieser „naturwüchsige“ Prozess „bildet aber keine feste charakteristische Form einer besondren Entwicklungsepoche der kapitalistischen Produktionsweise“, sondern die Kooperation „bleibt die Grundform der kapitalistischen Produktionsweise, obgleich ihre einfache Gestalt selbst als besondre Form neben ihren weiterentwickelten Formen (die wir ihm nächsten Kapitel kennenlernen werden) erscheint.“ (355)

Lektion 12: Arbeitsteilung in der Manufaktur
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 356 – 390

Die Kooperation, die auf Teilung der Arbeit beruht, „schafft sich ihre klassische Gestalt in der Manufaktur. Als charakteristische Form des kapitalistischen Produktionsprozesses herrscht sie vor während der eigentlichen Manufakturperiode, die … von Mitte des 16.Jahrhunderts bis zum letzten Drittel des achtzehnten währt.“(356)*) Im Unterschied zur einfachen Kooperation, in Lektion 11 behandelt, drückt die arbeitsteilige Manufaktur einer ganzen Zeitperiode ihren Stempel auf und bleibt darüber hinaus eine bleibende Form der Organisation der Warenproduktion bis zum heutigen Tag. Zwei unterschiedliche Formen der Herausbildung der Manufaktur aus dem Handwerk des Mittelalters analysiert Marx. „Einerseits geht sie von der Kombination verschiedenartiger, selbständiger Handwerke“ in einem Produktionsprozess durch einen Kapitalisten aus, „andererseits geht sie von der Kooperation gleichartiger Handwerker aus“, Ergebnis ist immer die „Verunselbständigung“ und „Vereinseitigung“ der lebendigen Arbeit und „ein Produktionsmechanismus, dessen Organe Menschen sind.“ Marx betont, dass der „handwerksmäßige“ Charakter der Arbeit in der Manufaktur erhalten bleibt und einen wissenschaftlichen Charakter der Produktion ausschließt. (358)

Die Manufaktur „produziert in der Tat die Virtuosität des Detailarbeiters“ und kombiniert diese zu einem Gesamtarbeiter. „Im Vergleich zum selbständigen Handwerk wird … mehr in weniger Zeit produziert und die Produktivität der Arbeit gesteigert.“(359) Dies geschieht primär durch eine „Spezialisierung“(361) der Arbeitsinstrumente und führt zu einer steigenden „Intensität der Arbeit“ in der Manufaktur.

Heute ist uns selbstverständlich, dass eine Spezialisierung in einem arbeitsteiligen Produktionsprozess einer beliebigen Ware den Output erhöht. Auch die Betonung von Marx, dass die Manufaktur zu „einer Hierarchie der Arbeitskräfte, der eine Stufenleiter der Arbeitslöhne entspricht“(370), führt, ist uns vertraut. Die Herausbildung einer „Klasse sogenannter ungeschickter Arbeiter“, die kein spezifisches Handwerk mehr erlernen müssen, und deren produktive Anwendung im arbeitsteiligen Produktionsprozess kennzeichnet bis heute die Arbeitswelt (zumindest in weiten Teilen der Welt).

Marx geht im Fortgang seiner Darlegung auf das „Verhältnis zwischen der manufakturmäßigen Teilung der Arbeit und der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit, welche die allgemeine Grundlage aller Warenproduktion bildet“(371), ein. Die „naturwüchsige Teilung der Arbeit“(372) nach Alter, Geschlecht, Stämmen, nach Stadt und Land(siehe 373) und der Austausch von Produkten zwischen verschiedenen Gemeinwesen führte zur langsamen Herausbildung der Warenproduktion und „eine schon bis zu gewissem Entwicklungsgrad gereifte Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft“ ist die Basis der Herausbildung der Manufaktur, die umgekehrt die gesellschaftliche Teilung der Arbeit höher entwickelt und beschleunigt. „Mit der Differenzierung der Arbeitsinstrumente differenzieren sich mehr und mehr die Gewerbe, welche diese Instrumente produzieren.“(374) Und nicht zuletzt erfährt die Manufakturperiode des Kapitalismus und mit ihr die Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft durch „die Erweiterung des Weltmarkts und durch das Kolonialsystem“(375) einen Entwicklungsschub. Während nun, dies ein Wesensunterschied, die Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft die Warenproduktion ausdehnt und die Zahl der Warenproduzenten vervielfacht, reduziert die Teilung der Arbeit durch die Manufaktur die selbständigen warenproduzierenden Handwerker. „Erst das gemeinsame Produkt der Teilarbeiter (der Manufaktur) verwandelt sich in Ware.“(376) Und mag die Arbeitsteilung innerhalb der Manufaktur unter dem Kommando des allmächtigen Kapitalisten noch so planmäßig und rational sein, die zunehmende gesellschaftliche Arbeitsteilung führt zu einer „stummen, im Barometerwechsel der Marktpreise wahrnehmbare, die regellose Willkür der Warenproduzenten überwältigende Naturnotwendigkeit.“ „Die Anarchie der gesellschaftlichen und die Despotie der manufakturmäßigen Arbeitsteilung“, so Marx, bedingen „einander in der Gesellschaft der kapitalistischen Produktionsweise“(377).

Das Kommando eines Kapitalisten über eine größere Arbeiteranzahl bildet den gemeinsamen Ausgangspunkt für die Kooperation wie für die Manufaktur, wobei hier „das Wachstum der angewandten Arbeiterzahl zur technischen Notwendigkeit“(380) wird. Die aus der Kombination der Arbeiten in der Manufaktur erwachsende Produktivkraftsteigerung „erscheint“ auch hier „als Produktivkraft des Kapitals.“(381) Was die Teilarbeiter an universellen Fähigkeiten durch die Spezialisierung in der Manufaktur verlieren, konzentriert sich auf Seiten des Kapitals. „Es ist ein Produkt der manufakturmäßigen Teilung der Arbeit, ihnen die geistigen Potenzen des materiellen Produktionsprozesses als fremdes Eigentum und sie beherrschende Macht gegenüberzustellen.“(382) Marx spricht von der „Verstümmelung“ (siehe 382) der lebendigen Arbeit, von der „geistigen und körperlichen Verkrüpplung“(384) durch die Teilung der Arbeit unter der Regie der Kapitalisten. Die Manufakturperiode des Kapitals „produziert neue Bedingungen der Herrschaft des Kapitals über die Arbeit. Wenn sie daher einerseits als historischer Fortschritt(!) und notwendiges Entwicklungsmoment(!) im ökonomischen Bildungsprozess der Gesellschaft erscheint, so andrerseits als ein Mittel zivilisierter und raffinierter Exploitation (=Ausbeutung)(!).“ (386)

Lektion 13: Maschinerie, Fabrik und große Industrie
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 391 – 530

Im umfangreichsten Kapitel des ersten Bandes des „Kapitals“ schließt Marx die Behandlung der Methoden der relativen Mehrwertproduktion ab. Die Anwendung der „Maschinerie“ in der Fabrik soll „gleich jeder andren Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit … (die) Waren verwohlfeilern und den Teil des Arbeitstags, den der Arbeiter für sich selbst braucht, verkürzen, um den andren Teil seines Arbeitstags, den er dem Kapitalisten umsonst gibt, zu verlängern. Sie ist Mittel zur Produktion von Mehrwert.“(391)*) (vgl. Lektion 10)

Nun sind die Ausführungen von Marx zu den maschinellen Arbeitsmittel, zur Fabrik und zur großen Industrie historisch, aber durchaus, denkt man an die nachholende industrielle Entwicklung in der Dritten und Vierten Welt, nicht unbedingt weltfremd und überholt. Somit sind seine Ausführungen zur „Werkzeugmaschine“, von der „die industrielle Revolution im 18. Jahrhundert ausgeht“, zwar Geschichte, aber bilden „noch jeden Tag von neuem den Ausgangspunkt, sooft Handwerksbetrieb oder Manufakturbetrieb in Maschinenbetrieb übergeht.“ (393) In der Manufaktur sieht Marx „die unmittelbare technische Grundlage der großen Industrie“, die ihre „Grundlage selbst umwälzt und sich“ in der Gestalt der industriellen Fabrik „eine seiner eignen Produktionsweise entsprechende neue Basis“(403) schafft. Und diese „Revolution in der Produktionsweise der Industrie und Agrikultur“ erforderte „aber auch eine Revolution in den allgemeinen Bedingungen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, d.h. den Kommunikations- und Transportmitteln.“(404f) Die erste Industrielle Revolution schuf sich mit der industriellen Produktion der Werkzeugmaschinen selbst „ihre adäquate technische Unterlage und stellte sich auf ihre eignen Füße.“(405) Die Maschinerie ersetzt umfassend „Menschenkraft durch Naturkräfte und erfahrungsmäßige Routine(wie in der Manufaktur) durch bewußte Anwendung der Naturwissenschaft“. Die Maschinerie in der Fabrik „funktioniert nur in der Hand unmittelbar vergesellschafteter oder gemeinsamer Arbeit. Der kooperative Charakter des Arbeitsprozesses wird (in der Fabrik) jetzt also durch die Natur des Arbeitsmittels (der Maschinerie) selbst diktierte technische Notwendigkeit.“ Mag die Fabrik des 19. Jahrhunderts ein sehr menschenfeindlicher Ort gewesen sein, Marx betont aber, dass sie die Voraussetzung für eine höhere Gesellschaftsordnung durch den vergesellschafteten Charakter der in ihr tätigen Arbeit schafft!

Zurück zum Text! Marx betont zum wiederholten Maße, „daß die aus Kooperation und Teilung der Arbeit entspringenden Produktivkräfte dem Kapital nichts kosten. Sie sind Naturkräfte(!) der gesellschaftlichen Arbeit.“(407) „Erst in der großen Industrie“ aber, so Marx, lernt der Mensch, das Produkt seiner vergangnen, bereits vergegenständlichten Arbeit auf großem Maßstab gleich einer Naturkraft umsonst wirken zu lassen.“ (409) Und „die große Industrie (steigert) durch Einverleibung ungeheurer Naturkräfte und der Naturwissenschaft in den Produktionsprozess die Produktivität der Arbeit außerordentlich“. Dabei gilt, dass die riesigen gesellschaftlichen Werte, die für die Anschaffung und Anwendung der „Maschinerie“ benötigt werden, „gleich jedem andren Bestandteil des konstanten Kapitals …keinen Wert“ schaffen, sondern dieser im Arbeits- und Verwertungsprozess lediglich in der Höhe der Abnutzung und des Verschleißes durch die lebendige Arbeit übertragen wird. Dabei „ findet also große Differenz statt zwischen dem Wert der Maschine und dem periodisch von ihr auf das Produkt übertragnen Wertteil.“(408) Es gilt somit der Merksatz für die Maschinerie: „Je weniger Wert abgebend, desto produktiver ist sie und desto mehr nähert sich ihr Dienst dem der Naturkräfte.“(411) Anders ausgedrückt: „Die Produktivität der Maschine mißt sich an dem Grad, worin sie menschliche Arbeitskraft ersetzt.“(412) Und, Marx betont dies wiederholt, „den Ausgangspunkt der großen Industrie bildet .. die Revolution des Arbeitsmittels“.(416)

Marx schildert nun die spezifischen Züge(siehe 416 – 440) der ersten Phase der industriellen Revolution, hemmunslose Ausbeutung der Arbeitskraft durch maßlose Verlängerung des Arbeitstages und der Ausbeutung von (ungelernter) Frauen- und Kinderarbeit, die uns heute in den westlichen Gesellschaft überholt und überwunden erscheint, wenn wir die realen Verhältnisse an der Peripherie des kapitalistischen Systems negieren, wo z.B. Kinderarbeit im großen Maßstab weiterhin Realität ist. In der großen Industrie wird der „Fortschritt, der ein ungeheuer wachsendes Produkt in stets kürzrer Zeit zu liefern erlaubt“ begleitet von dem Zwang, „die Arbeitskraft stets intensiver auszubeuten.“(441) Marx drastisch: „In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine.“(445) Zwei Sichtweisen stehen gegenüber: Einerseits „erscheint der kombinierte Gesamtarbeiter (der Fabrik) oder gesellschaftliche Arbeitskörper als übergreifendes Subjekt und der mechanische Automat als Objekt“, andrerseits wird „der Automat selbst das Subjekt …“ Ersteres gilt für eine bewusste Gesellschaft, die zweite Auffassung über die Fabrik „charakterisiert ihre kapitalistische Anwendung“(442). Und dagegen, gegen „das Arbeitsmittel selbst, (gegen) die materielle Existenzweise des Kapitals“, dies kennzeichnet eine ganze Epoche, „revoltiert“(451) die Lohnarbeit. Dies, die sog. Maschinenstürmerei, ist nun in der Tat Geschichte!

Wenn die Maschinerie je effektiver ist, je mehr Arbeitskraft sie ersetzt, so ist mit Marx zu fragen, was mit diesen „verdrängten Arbeitern“(461) geschieht. „Die von der Maschinerie verdrängten Arbeiter werden aus der Werkstatt hinaus auf den Arbeitsmarkt geworfen“, ein Vorgang, der uns heute nur zu bekannt und alltäglich ist, „und vermehren dort die Zahl der schon für kapitalistische Ausbeutung disponiblen Arbeitskräfte.“ Arbeitslosigkeit wird zur „furchtbarsten Geißel“(464) der Arbeiterklasse. Gleichfalls, „nächstes Resultat der Maschinerie“ ist die Steigerung des Mehrprodukts und des Mehrwerts und damit die Vergrößerung der „Kapitalistenklasse samt Anhang“. “Ein größrer Teil des gesellschaftlichen Produkts verwandelt sich in Surplusprodukt… In andren Worten: Die Luxusproduktion (und der damit beschäftigte Teil der Arbeiterklasse) wächst.“(468) Heute dürfte diese Erscheinung in den am weitesten fortgeschrittenen kapitalistischen Volkswirtschaften auch am weitesten fortgeschritten und von Bedeutung sein!
Marx fährt fort: „Endlich erlaubt die außerordentlich erhöhte Produktivität in den Sphären der großen Industrie… einen stets größren Teil der Arbeiterklasse unproduktiv zu verwenden und so namentlich die alten Haussklaven unter dem Namen der „dienenden Klasse“… zu reproduzieren.“(469) Heute übernimmt der unspezifisch als Dienstleistungssektor bezeichnete Teil der Volkswirtschaft trefflich diese Funktion!

Die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte Umwandlung und Verdrängung von Handwerk und Manufaktur durch die maschinengestützte Fabrik und ihre verheerenden Folgen für die Lohnarbeit liefert Marx viel Material zur Kritik der sich ausbildenden kapitalistischen Produktionsweise. Er kommt zum auch heute noch anzutreffenden Ergebnis: „Die durch den Maschinenbetrieb erst systematisch ausgebildete Ökonomisierung der Produktionsmittel, von vornherein zugleich rücksichtsloseste Verschwendung der Arbeitskraft und Raub an den normalen Voraussetzungen der Arbeitsfunktion, kehrt jetzt diese ihre antagonistische und menschenmörderische Seite um so mehr heraus, je weniger in einem Industriezweig die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit und die technische Grundlage kombinierter Arbeitsprozesse entwickelt sind.“(486) Die „naturwüchsig vorgehende industrielle Revolution“(498) mit ihrer erbarmunglosen Ausbeutung von Kinder- und Frauenarbeit und die maßlose Ausdehnung des Arbeitstages riefen nach gesellschaftlicher Regulierung der Beziehung von Lohnarbeit und Kapital. Mit der Fabrikgesetzgebung in England wurden erstmals Schritte der Arbeitsschutzgesetzgebung beschritten. Sie stellt die „erste bewußte und planmäßige Rückwirkung der Gesellschaft auf die naturwüchsige Gestalt ihres Produktionsprozesses“(504) dar. „Die Gewalt der Tatsachen“ führte zur Erkenntnis, „daß die große Industrie … die alten Familienverhältnisse selbst auflöst. Das Recht der Kinder mußte proklamiert werden.“(513) So wird „die Verallgemeinerung der Fabrikgesetzgebung“ zum unvermeidlichen „physischen und geistigen Schutzmittel der Arbeiterklasse“.(525) Diese „zerstört alle altertümlichen und Übergangsformen, wohinter sich die Herrschaft des Kapitals … versteckt und ersetzt sie durch seine direkte, unverhüllte Herrschaft. Sie verallgemeinert damit auch den direkten Kampf gegen diese Herrschaft. Die „Bildungselemente einer neuen und die Umwälzungsmomente der alten Gesellschaft“(526) werden im Klassenkampf erkennbar!

Und bei aller Kritik hält Marx auch fest: „ Die große Industrie zerriß den Schleier, der den Menschen ihren eignen gesellschaftlichen Produktionsprozeß versteckte und die verschiednen naturwüchsig besonderten Produktionszweige gegeneinander und sogar dem in jedem Zweig Eingeweihten zu Rätseln machte. … Die buntscheckigen, scheinbar zusammenhangslosen und verknöcherten Gestalten des gesellschaftlichen Produktionsprozesses lösten sich auf in bewußt planmäßige und je nach dem bezweckten Nutzeffekt systematisch besonderte Anwendungen der Naturwissenschaft.“(510) Die große Industrie „revolutioniert … beständig die Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft und schleudert unaufhörlich Kapitalmassen und Arbeitermassen aus einem Produktionszweig in den andern.“(511)

In der Landwirtschaft „wirkt die große Industrie am revolutionärsten“ und vernichtet dort den „gewohnheitsfaulsten und irrationellsten“ patriarchalischen Familienbetrieb. Die große Industrie „schafft … die materiellen Voraussetzungen einer neuen, höheren Synthese“(528) von Landwirtschaft und gewerblicher Wirtschaft.

Dennoch bleibt das Marxsche Urteil und seine Kritik der Wirkungen der Fabrik und der großen Industrie vernichtend:

Die kapitalistische Produktion entwickelt … die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“ (529f)

 







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