Der soziologische Doppelaspekt


Bildmontage: HF

06.03.18
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Methodischer Hinweis zum Verständnis gesellschaftlicher Prozesse

von Richard Albrecht

Der Schlußabschnitt von Theodor Geigers ausgreifendem, 1955 posthum veröffentlichten, Beitrag zur „gesellschaftlichen Fluktuation“ stand unter der Überschrift „Der soziologische Doppelaspekt“ und präsentierte vor allem das bipolare Begriffspaar der Antonyme oder Gegenbegriffe Anaskopie und Kataskopie. Damit gemeint sind, für sich gesehen, antagonistische soziologische Sichten auf und Erfahrungen von Gesellschaft: die anaskopische „Froschperspektive“ von unten nach oben einerseits und die kataskopische „Vogelspektive“ von oben nach unten andererseits. Um soziale Wirklichkeit(en) angemessen zu erfassen – so Geiger – sollten sich „beide Sichtweisen der Kastaskopie und Anaskopie einander pari passu ergänzen, sofern ein einigermaßen wirklichkeit-adäquates Bild beabsichtigt ist.“ Und Geiger betonte ausblickend, daß diese Sichtweisen – wie bei ihm selbst zum soziologischen Fluktuationsbegriff die kataskopische – schon zur Begriffsbildung entscheidend sind.[1]

Geigers methodologischer Hinweis mag aktuell an einem politiksoziologischen Beispiel veranschaulicht werden. Ohne oben-unten-Perspektive wäre es nicht möglich, Schlichthypothesen wie etwa diese zu formulieren: die wirkungsvollste und nachhaltigste Vollstreckung des Graf-Lambsdorff-Papiers (September 1982)[2]  mit seinen neo-„liberalen“ Optionen für fundamentale „markbezogene“ Wirtschaftspolitik, schlanken Staat durch Haus halts“konsolidierung“, staatliche Aufgabenrücknahme und öffentliche Mittelkürzungen, Privatisierung öffentlichen Eigentums, Stärkung des Wirtschaftsstandorts Deutschland durch Verbilligung des Kosten-„Faktors Arbeit“ als anbieterorientierte Austeritätspolitik, Arbeitsmarktderegulierung mit der Folge zunehmender gesellschaftlicher Ungleichheiten erfolgte nicht durch die CSU-CDU-F.D.P. bestimmte, von 1982/83 bis 1998 regierende „schwarzgelbe“ deutsche Bundesregierung (1982/83-1998), sondern durch die von 1998/99-2005 regierende „rotgrüne“ deutsche Bundesregierung im allgemeinen und durch das zweite „rotgrüne“ Bundeskabinett Schröder-Fischer 2002-2005 im besonderen.

Das zeitgeschichtliche Beispiel mag verdeutlichen: Geigers Ansatz taugt auch zur Überwindung des Denkverbote-Status der Morgenstern-Logik, derzufolge in Palmströms „Unmöglicher Tatsache“ von Christian Morgenstern (1871-1914) nicht sein kann, was nicht sein darf …

Theodor Geigers Unterscheidung beider skizzierter „Sichtweisen“ ist in der Tat noch keineswegs irgendeine dialektische Sicht auf gesellschaftliche Lagen, soziale Differenzierungen, Strukturen, Prozesse und Entwicklungen … jedoch eine analytische Grundvoraussetzung zur Entwicklung dieser: seit Aristoteles erfolgt jede gedankliche Aneignung von Welt und Gesellschaft bipolar und in gedanklichen Gegensätzen: arm und reich, Herr und Knecht, Ausgebeutete und Ausbeutende wurden gedanklich zusammengebracht. Dieses kontradiktorische Verständnis war und ist (wie am Beispiel von Pauper(ismus) ausgeführt[3], sicherlich keine dialektische Sicht, aber eine ihrer Entwicklungsvoraussetzungen und vom Verständnis her unabdingbar zur dialektischen Aufhebung der Gegensätze wie etwa auch des gesellschaftlichen Arm-Reich-Verhältnisses. Das Bertolt Brecht in einem Vierzeiler als widersprüchliche Einheit oder Dialektik so kennzeichnete[4]:

 

Reicher Mann und armer Mann /

Standen da und sahn sich an. /

Und der Arme sagte bleich: /

Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich.“[6]

 

 

[1] Theodor Geiger, Typologie und Mechanik der gesellschaftlichen Fluktuation; in: ders., Arbeiten zur Soziologie. Methode – Moderne Großgesellschaft – Rechtssoziologie – Ideologiekritik. Ausgewählt und eingeleitet von Paul Trappe. Neuwied am Rhein; Berlin Spandau: Luchterhand, 1962 [= Soziologische Texte 7]: 114-150, hier 147-150.

[2] Dr. Otto Graf Lamsdorff [F.D.P.], Bundesminister für Wirtschaft, Konzept für eine Politik zur Überwindung der Wachstumsschwäche und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit [9. 9. 1982]: http://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0079_lam&object=translation&st=&l=de

[3] Richard Albrecht, Alte Armut – Neue Armut. Theorie und Empirie des Pauperismus, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 42 (2006) 2/3: 145-161; ders., Pauper(ismus): Geschichte und Aktualität von ´Neuer Armut´ und ´Arbeitenden Armen´, in: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 7 (2007) II: 19-32; ders., Über Armut. Und über Armut hinaus; in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 13 (2014) II: 153-161.

[4] Bertolt Brecht, Gedichte [1933-1938]; in: Gesammelte Werke 9. Frankfurt/Main: Suhrkamp, ²1968: 513.

 

 

Dr. Richard Albrecht, Sozialwissenschaftler. Leitkonzept The Utopian Paradigm (1991). Lebt als Wissenschaftsjournalist für Kultur – Bildung – Cineastik in Bad Münstereifel. Kolumnist des Linzer Fachmagazin soziologie heute sowie Mitarbeit bei den Zeitschriften Auskunft und Forum Wissenschaft.







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