Biologischer oder historischer Materialismus?

05.03.15
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15 Thesen zum Scheitern des Marxismus, eine gesellschaftliche Analyse
des Geschlechterverhältnisses zu liefern

von Detlef Georgia Schulze

Appetithäppchen zur Vorbereitung einer Veranstaltung am 10. März in Berlin


Die folgenden Thesen fassen ein längeres Fragment aus einer umfangreicheren, 1995 entstandenen – unveröffentlichten – Arbeit zum „Geschlechterverhältnis in der Politik der KPD“ der Weimarer Zeit zusammen. Sie sollen als Appetithäppchen für einen Vortrag dienen, den zu halten mir am Dienstag, den 10. März die Gruppe Revolutionäre Perspektive Berlin bei einer Veranstaltung im BANDITO ROSSO Gelegenheit gibt. Das Thema wird dann das Verhältnis von Feminismus und Marxismus sein.
Da die klassischen und prägenden Texte des Marxismus zu dem, was er die „Frauenfrage“ zu nennen pflegt, entstanden waren, bevor es Feminismus (jedenfalls Feminismus im heutigen Sinne) gab, und jene klassischen marxistischen Texte daher nicht so richtig unter mein Vortragsthema am Dienstagabend fallen, weil es zu der Zeit, als jene Texte entstanden waren, also noch kein ‚Verhältnis ZUM FEMINISMUS’ geben konnte, gibt es hier also eine kleine Vorspeise, bevor am Dienstag dann der Hauptgang serviert wird.
Das vollständige Fragment – incl. Beweisführung, Argumentation, Zitaten und Literaturangaben –, das hier thesen-förmig zusammengefaßt wird, ist bei linksunten.indymedia.de veröffentlicht:

https://linksunten.indymedia.org/de/node/136552 (Teil II und III folgen) –

Das BANDITO ROSSO, wo die Veranstaltung am 10. März stattfinden wird, befindet sich in der Lottumstraße 10a in 10119 Berlin und ist mit der U-Bahnlinie U 2 (Station: Rosa-Luxemburg-Platz) sowie der U 8, der Tram M 1, M 8 sowie 12 und dem Bus 142 (jeweils Station: Rosenthaler Platz) erreichbar. Diejenigen, die gut zu Fuß sind, können auch von den S-Bahnhöfen Hackescher Markt oder Nordbahnhof einen kleinen Spaziergang zum Veranstaltungsort machen. Die Veranstaltung wird um 19 h beginnen.


These 1

‚DIE marxistische Frauenemanzipationstheorie’ gibt es nur insofern, als die VERSCHIEDENEN marxistischen Theorieansätze zum Geschlechterverhältnis – anders als der Feminismus – allesamt daran SCHEITERN, eine eigenständige materielle, gesellschaftliche Basis für Herrschaft über und Ausbeutung von Frauen durch Männer zu benennen (bzw. auf alle Fälle daran scheitern, sie fundiert zu analysieren), und deshalb auch nicht in der Lage sind, eine adäquate Strategie zu deren Überwindung zu entwickeln.

These 2

DAS, was gemeinhin als ‚DIE marxistische Frauenemanzipationstheorie’ gilt, ist ein Theorie-Cocktail, das Clara Zetkin aus unterschiedlichen – und einander teilweise sogar WIDERSPRECHENDEN – Überlegungen von Marx und Engels zusammenmixte.

These 3

Dabei ließ Zetkin aber gerade die Theorie-Ansätze von Marx und Engels aus der „Deutschen Ideologie“ sowie von Bebel, die – gemessen am damaligen Stand der Diskussion – einer materialistischen, gesellschaftlichen Theorie des Geschlechterverhältnisses immerhin am DICHTESTEN kamen, weg und stützte sich statt dessen auf Ersatz-Ableitungen des patriarchalen Geschlechterverhältnisses aus dem Privateigentum und Ersatz-Ableitungen dessen Überwindung aus – wahlweise bürgerlichen (so die These aus dem „Kommunistischen Manifest“) oder proletarischen (so die These aus Engels’ „Der Ursprung…“) – Klassenpolitiken.

These 4

Es find fünf marxistische, theoretische Ansätze, die sich selbst allesamt nicht als feministisch verstanden (und es auch tatsächlich nicht waren), der Beschäftigung mit dem Geschlechterverhältnisse zu unterscheiden.

These 5

Der erste Ansatz bestand in der von Charles Fourier übernommen Auffassung der Lage von Frauen als bloßes SYMBOL für den gesellschaftlichen Fortschritt, als „Maß der allgemeinen Emanzipation“, als Maß für die Überwindung der „Brutalität“ des Naturzustandes durch ‚Menschlichkeit’. Das bekannt Zitat lautet: „Die Veränderung einer geschichtlichen Epoche läßt sich immer noch aus dem Verhältnis des Fortschritts der Frauen zur Freiheit bestimmen, weil hier im Verhältnis des Weibes zum Mann, des Schwachen zum Starken, der Sieg der menschlichen Natur“ – gemeint: Güte und Milde – „über die Brutalität am evidentsten erscheint. Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation.“ (s. MEW 4, 208 und 32, 583).
Diese philosophische Spekulation war weder einer analytischen Konkretisierung zugänglich noch ließ sich aus ihr eine Strategie entwickeln; vielmehr reproduzierte sie das Klischee von weiblicher Schwäche und männlicher Stärke und rief zu gönnerhafter Großzügigkeit/Gnade der starken Männer den schwachen Frauen gegenüber auf (‚Sieg der Menschlichkeit über die Brutalität’).

These 6

Der zweite Ansatz findet sich in der „Deutschen Ideologie“ und kam einer materialistischen, gesellschaftlichen Theorie des Geschlechterverhältnisses am dichtesten, wurde aber erst viel später in den 1970er und 80er Jahr von sozialistischen Feministinnen (*), die mit dem marxistischen Konzept der „Frauenfrage“ brachen, sowie in der zweiten Hälfte 1990er Jahre von Judith Butler (**) wieder aufgegriffen.
Marx und Engels erkannten in ihrer Schrift zur „Deutschen Ideologie“ den materiellen Charakter des Geschlechterverhältnisses bzw. der geschlechtlichen Arbeitsteilung. Dabei blieb aber fraglich, inwieweit sie das, was sie erkannten, als biologisch oder als gesellschaftlich wahrnahmen (s. dazu These 15).
Jedenfalls schrieben sie:
„Die erste Voraussetzung aller Menschengeschichte ist […] die Existenz lebendiger menschlicher Individuen.“ „Zum Leben aber gehört vor Allem Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges Andere. Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, […], und zwar ist dies […] eine Grundbedingung aller Geschichte, die noch heute, wie vor Jahrtausenden, täglich und stündlich erfüllt werden muß, um die Menschen nur am Leben zu erhalten.“ „Das […] Verhältnis, was hier gleich von vornherein in die geschichtliche Entwicklung eintritt, ist das, daß die Menschen, die ihr eignes Leben täglich neu machen, anfangen, andre Menschen zu machen, sich fortzupflanzen – das Verhältnis zwischen Mann und Weib, Eltern und Kindern, die Familie.“ „Mit der Teilung der Arbeit […] ist zu gleicher Zeit auch die Verteilung, und zwar die ungleiche, sowohl quantitative wie qualitative Verteilung der Arbeit und ihrer Produkte gegeben, also das Eigentum, das in der Familie, wo die Frau und die Kinder die Sklaven des Mannes sind, schon seinen Keim, seine erste Form hat. Die freilich noch sehr rohe, latente Sklaverei in der Familie ist das erste Eigentum, das übrigens hier schon vollkommen der Definition der modernen Ökonomen entspricht, nach der es die Verfügung über fremde Arbeitskraft ist.“ (MEW 3, 20, 28, 29, 32).

These 7

Zugleich waren Marx und Engels damals – wie wir gerade sahen – der Ansicht, daß das Eigentum seine „ERSTE Form“ in Form der „ungleiche […] Verteilung der Arbeit und ihrer Produkte“ innerhalb der Familie – also zwischen Männern, Frauen und Kindern hatte. Ansonsten herrschte damals noch Stammes-, also Kollektiveigentum vor (ebd., 22). Trotzdem waren „die Frau und die Kinder“ schon „die Sklaven des Mannes“, so Marx und Engels 1845/46.
Erst als ZWEITE Form sei das Privateigentum an Immobilien (Land/Grundstücken), später auch an weiteren Gütern aufgetreten. Das Kollektiveigentum (nunmehr: Staats- und Gemeindeeigentum) sei aber immer noch vorherrschend gewesen auf dieser zweiten Stufe, als das „Klassenverhältnis zwischen Bürgern und Sklaven“ bereits „vollständig ausgebildet“ gewesen sei.
Wir können also festhalten: Nach der von Marx und Engels 1845/46 vertretenen Auffassung war Quasi-Versklavung von Frauen (und Kindern) durch Männer die historisch ERSTE Herrschaftsform; Sklaverei im strengen Sinne (das heißt: Klassenherrschaft) und sich langsam entwickelndes Privateigentum erst die ZWEITE Form.

These 8

Während der materialistisch-gesellschaftliche Ansatz, der die „Deutschen Ideologie“ insgesamt prägte, von Marx und Engels in den folgenden Jahren in Bezug auf die Klassenverhältnisse intensiv weiterverfolgt wurde, spielte das Geschlechterverhältnisse danach für sie, mit der Ausnahme des „Kommunistischen Manifestes“, lange Zeit keine THEORETISCHE Rolle mehr. Zumal die Analyse der frühen geschlechtlichen Arbeitsteilung aus der „Deutschen Ideologie“ wurde danach von Marx und Engels für spätere Formen der geschlechtlichen Arbeitsteilung nicht fortgeführt.

These 9

POLITISCH spielte das Geschlechterverhältnis für Marx und Engels aber insofern weiterhin eine Rolle, als sie – im Gegensatz bspw. zur lassalle’schen Strömung in der deutschen sowie der proudhon’schen Strömung in der französischen ArbeiterInnenbewegung – das Recht der Frauen auf Erwerbstätigkeit verfochten.

These 10

Der dritte THEORETISCHE Ansatz von Marx und Engels in Sachen Geschlechterverhältnis findet sich im „Kommunistischen Manifest“. Dort schrieben die beiden der Bourgeoisie die Rolle zu, überall dort, „wo sie zur Herrschaft gekommen, […] alle feudalen, patriarchalen idyllischen Verhältnisse zerstört“ zu haben (MEW 4, 464). Aber nicht nur das alte Patriarchat habe die Bourgeoisie zerstört, darüber hinaus gelte: „Je weniger die Handarbeit Geschicklichkeit und Kraftäußerung erheischt, d.h. je mehr die moderne Industrie sich entwickelt, desto mehr wird die Arbeit der Männer durch die der Weiber verdrängt. Geschlechts- und Altersunterschiede haben keine gesellschaftliche Geltung mehr für die Arbeiterklasse.“ (MEW 4, 469)
Zum Zeitpunkt der ENTSTEHUNG des Patriarchats äußerten sich Marx und Engels im „Kommunistischen Manifest“ dagegen nicht.

These 11

Der vierte marxistische, theoretische Ansatz der Beschäftigung mit dem Geschlechterverhältnis findet sich dann bei August Bebel. Bebel hielt an der von Marx und Engels in der „Deutschen Ideologie“ vertreten Auffassung fest, daß Geschlechterherrschaft (Männerherrschaft über Frauen) VOR Klassenherrschaft entstanden sei. Bebel schrieb: „[...], die Frau hat gegenüber dem Arbeiter das eine voraus: Sie ist das erste menschliche Wesen, das in Knechtschaft kam. Die Frau wurde Sklavin, ehe der Sklave existierte“.
Allerdings teilte er – realistischerweise – nicht den Optimismus des „Kommunistisches Manifestes“, daß es bereits die Bourgeoisie bzw. die kapitalistische Industrialisierung seien, die die Geschlechtsunterschiede beseitigen. Vielmehr erkannte er: „Das weibliche Geschlecht in seiner Masse“ leide in der bestehenden (also: bürgerlichen) Gesellschaft – „in doppelter Beziehung: Einmal leidet es unter der sozialen und gesellschaftlichen Abhängigkeit von der Männerwelt – diese wird durch formale Gleichberechtigung vor den Gesetzen und in den Rechten zwar abgemildert, aber nicht beseitigt – und durch die ökonomische Abhängigkeit“, die die Lage von Männern UND Frauen im Kapitalismus kennzeichne.
Bebel erkannte des weiteren: Aufgrund jener doppelten „Abhängigkeit“ haben die „feindlichen Schwestern weit mehr als die im Klassenkampf gespaltene Männerwelt eine Reihe Berührungspunkt, in denen sie, getrennt marschierend, aber vereint schlagend, den Kampf führen können: Das ist auf allen Gebieten der Fall, auf welchen die Gleichberechtigung der Frauen mit den Männern, auf dem Boden der gegenwärtige Staats- und Gesellschaftsordnung, in Frage kommt: also der Betätigung des Weibes auf allen Gebieten, für die ihre Kräfte und Fähigkeiten reichen, und für die volle zivilrechtliche und politische Gleichberechtigung mit dem Manne. Das sind sehr wichtige und, wie sich zeigen wird, sehr umfangreiche Gebiete.“
Bebel war also der Ansicht, daß es zwar MÖGLICH sei, die „zivilrechtliche und politische Gleichberechtigung“ der Frauen „mit dem Manne“ „auf dem Boden der gegenwärtige Staats- und Gesellschaftsordnung“ durchsetzen, daß dieses aber keinesfalls der automatische Nebeneffekt der „höchst revolutionäre Rolle“ (Kommunistisches Manifest) der als geschlechtslos oder geschlechtsneutral gedachten Bourgeoisie ist. Und Bebel erkannte auch, daß dies wahrscheinlich nicht das großzügige Geschenk der Arbeiter an die Frauen sein würde: „Es gibt eine nicht unerhebliche Anzahl Sozialisten, die der Frauenemanzipation nicht weniger abgeneigt gegenüberstehen wie der Kapitalist dem Sozialismus. Die abhängige Stellung des Arbeiters vom Kapitalisten begreift jeder Sozialist, und er wundert sich das andere, namentlich der Kapitalist selbst, sie nicht begreifen wollen; aber die Abhängigkeit der Frau vom Mann begreift er häufig nicht, weil sein eigenes liebes Ich ein wenig dabei in Frage kommt.“
Demgemäß empfahl er realistisch: „Die Frauen dürfen so wenig auf die Hilfe der Männer warten, wie die Arbeiter auf die Hilfe der Bourgeoisie.“

These 12

All dies wurde dann – ohne daß es bisher groß aufgefallen ist – von Engels in seiner berühmten Schrift „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ revidiert.
++ Für Engels ging nun die Männerherrschaft dem Privateigentum und der Klassenherrschaft nicht mehr voraus, sondern sie wurde von ihr bedingt (MEW 21, 59 - 61).
++ Und folglich wurde Abhilfe gegen Männerherrschaft von ihm auch weder – wie noch im „Kommunistischen Manifest“ – von der Bourgeoise bzw. der kapitalistischen Produktionsweise noch – wie von Bebel – von sich nicht auf die Männer verlassenden, selbstbewußten und kämpferischen Frauen, sondern als Nebenprodukt des Kampfes der – als geschlechtslos oder geschlechtsneutral gedachten, aber de facto männer-dominierten – ArbeiterInnenklasse erwartet.

These 13

Immerhin hielt aber auch Engels an der Einsicht aus der „Deutschen Ideologie“ in den materiellen Charakter der „Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens“ sowie der Erzeugung (die Zubereitung ist allerdings nicht gesondert erwähnt!) von Lebensmitteln fest:
„Nach der materialistischen Auffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment der Geschichte: die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens. Diese ist selbst wieder doppelter Art. Einerseits die Erzeugung von Lebensmitteln, von Gegenständen der Nahrung, Kleidung, Wohnung und den dazu erforderlichen Werkzeugen; andererseits die Erzeugung von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Gattung“ (MEW 21, 27 f.).
Aber genauso wenig wie Marx und Engels 1845/46 gemeinsam, nimmt Engels allein diese Einsicht 1884 zum Anlaß, eine eigenständige, materielle Basis des patriarchalen Geschlechterverhältnisses in der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung zu erkennen und diese analytisch eingehend – in ihrem gesellschaftlichen Gewordensein und ihrer Veränderung im Laufe der Geschichte zu untersuchen –, wie es dem Anspruch des Marxismus, HISTORISCHER Materialismus zu sein, entsprechen würde. Statt dessen schwenkt er – wie in These 12 gezeigt – auf die Ableitung des Geschlechterverhältnisses aus den Eigentumsverhältnissen um.

These 14

Es war dann Clara Zetkin, die einige der vorgenannten unterschiedlichen Positionen in einem einzigen Absatz zu einer vermeintlich einheitlichen Position zusammenband, dabei allerdings auch – wie schon gesagt – einen Teil der zitierten Positionen unter den Tisch fallen ließ. Dieser Absatz findet sich in einem Text über die redaktionelle Linie der sozialdemokratischen Zeitschrift „Gleichheit“:
Die „Gleichheit“ trete „für die volle gesellschaftliche Befreiung der Frau ein, wie sie einzig und allein in einer im Sinne des Sozialismus umgestalteten Gesellschaft möglich ist. Sie geht von der Überzeugung aus, daß der letzte Grund der Jahrtausende alten niedrigeren Stellung des weiblichen Geschlechts nicht in der jeweiligen ‚von den Männern gemachten’ Gesetzgebung, sondern in den durch wirtschaftliche Zustände bedingten Eigentumsverhältnissen zu suchen ist. Dieser Auffassung gemäß erblickt die ‚Gleichheit’ den Feind der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts weder in dem Egoismus noch in den Vorurteilen der Männerwelt, sie predigt nicht den Krieg von Geschlecht zu Geschlecht.“

++ Der erste Satz ist eine leicht zu habende Konsensformel, der Marx, Engels, Bebel und überhaupt alle revolutionären, „radikalen“ und nicht ganz so „radikalen“ Linken – ganz unabhängig davon, was sie zum Geschlechterverhältnis denken – insofern leicht zustimmen können, als es ohne Befreiung vom Kapitalismus keine „volle […] Befreiung“ und ohne Sozialismus (respek. Kommunismus) keine Befreiung vom Kapitalismus geben kann – was denn auch immer die einzelnen revolutionären, „radikalen“ und nicht ganz so „radikalen“ Linken genau unter „Kapitalismus“, „Sozialismus“ und „Kommunismus“ verstehen mögen…

++ Nur suggerieren spätestens die nachfolgenden Sätze in dem angeführten Zitat und schon die Wörter „gesellschaftliche Befreiung der Frau“ in dem ersten Satz des Zitates, daß dessen erster Satz nicht nur etwas Zutreffendes zur Befreiung vom Kapitalismus aussagt, sondern auch etwas Zutreffendes zur Veränderung des Geschlechterverhältnisses sage.
Daß es Überwindung von Männerherrschaft erst im Sozialismus bzw. Kommunismus geben kann, ist zwar die logische Implikation von Engels Behauptung, daß die Männerherrschaft zusammen mit und bedingt von der Entstehung des Privateigentums entstanden sei. Aber weder die von Engels behauptete zeitliche Parallelität noch erst recht die von ihm behauptete Kausalität bzw. Bedingtheit ist unstrittig. Und auch die klassischen Schriften des Marxismus stimmen in diesem Punkt NICHT überein.
Wie vorstehend in These 7 gezeigt, wurde in der „Deutschen Ideologie“ die Entstehung von Männerherrschaft als der Entstehung von Privateigentum- und Klassenherrschaft gegenüber vorgängig angesehen.
Und im „Kommunistische Manifest“ wurde davon ausgegangen, daß Männerherrschaft bereits unter der Herrschaft der Bourgeoisie – wegen der relativ fortschrittlichen historischen Rolle der Bourgeoisie – verschwinde (s. These 10). Und Bebel schließlich hielt dies zwar für keinen Automatismus, aber für eine MÖGLICHKEIT, falls Frauenkämpfe dafür erfolgreich geführt werden (s. These 11).

++ Trotzdem fällt der Widerspruch in dem Zetkin-Zitates nicht so sehr auf, denn es rückt das in den Vordergrund, was das „Kommunistische Manifest“ und Engels’ „Der Ursprung“ TEILEN: Den Vorrang der Klassen- bzw. Eigentumsverhältnisse vor dem Geschlechterverhältnis. August Bebel vertrat demgegenüber – wie wir sahen – aber eher eine Gleichrangigkeits- und Additions- als eine Vorrangigkeits-These: Klassenübergreifender Kampf von Frauen gegen Männerherrschaft und geschlechterübergreifender Kampf von Lohnabhängigen gegen Klassenherrschaft im allgemeinen und den Kapitalismus insbesondere (einschl. Kampf für Arbeitsschutz und bestimmte sozialpolitische Einrichtungen). Und das ist auch in etwa die Position, die ich für richtig halte – nur, daß ich

--- einen Teil der von Bebel ins Auge gefaßten sozialpolitischen Einrichtungen, soweit sie die Kollektivierung von Haus- bzw. Reproduktionsarbeit betreffen, dem Geschlechter- statt dem Klassenkampf zuordnen würde

--- betonen würde, daß die Kollektivierung von Haus- bzw. Reproduktionsarbeit, wenn sie nicht auch mit einer Veränderung der geschlechtlichen Zuständigkeit für selbige einhergeht, allenfalls die halbe Miete ist.

-- ich es, glaube ich, auch gar nicht so schick fände, wenn eine kommunistische Putzkolonne meinen Schreibtisch durchstöbern sowie meinen Dreck in Küche und Klo beseitigen würde, sondern ich dort lieber selber ab und an für Ordnung, Staubefreiung und Hygiene sorge.

-- und schließlich nichts von Arbeitsschutz-Forderungen halte, die sich des Stereotyps von besonderer Schwäche von Frauen, die daher besonderen Schutzes bedürften, halte. Eine solche Auffassung findet sich aber in der oben in These 11 bereits zitierten Formulierung von Bebel, „Betätigung des Weibes auf allen Gebieten, für die ihre Kräfte und Fähigkeiten reichen,“ angedeutet. Und an anderer Stelle spricht er vom Kampf für „Maßregeln und Einrichtungen […], welche“ – anscheinend: spezifisch – „die arbeitende Frau vor physischer und moralischer Degeneration schützen und ihr die Fähigkeit als Mutter und Erzieherin sichern“ sollen.

These 15

Damit kommen wir zum letzten Punkt – der Schwäche, die auch den einer historisch-materialistischen Analyse des Geschlechterverhältnisses am dichtesten kommenden Ansatz von Marx und Engels in der „Deutschen Ideologie“ kennzeichnet:
Sie charakterisieren dort die „Teilung der Arbeit in der Familie“ als „naturwüchsig“ (Marx/Engels 1845/46, 32). Sie scheinen dort „naturwüchsig“ vorderhand nicht im Sinne von ‚naturgegeben-unveränderbar’, sondern im Sinne von ‚spontan entstanden, gesellschaftlich veränderbar’ zu verstehen. (***) Aber sie sagen es NICHT ausdrücklich und schließen daran auch keine Untersuchung der historischen Variabilität der geschlechtlichen Arbeitsteilung und keine Perspektive der Aufhebung der geschlechtlichen Arbeitsteilung an – und in späteren Schriften, so z.B. im „Kapital“ kippt die Argumentation dann explizit in Richtung Naturalisierung weg:
„Innerhalb einer Familie, weiter entwickelt eines Stammes, entspringt eine naturwüchsige Teilung der Arbeit aus den Geschlechts- und Altersverschiedenenheiten, also auf rein physiologischer Grundlage“ (MEW 23, 372). „Naturwüchsig“ wird hier mit „rein physiologisch“ gleichgesetzt.
Auch im oben bereits zitierten Satz aus dem „Kommunistischen Manifest“, „Je weniger die Handarbeit Geschicklichkeit und Kraftäußerung erheischt, d.h. je mehr die moderne Industrie sich entwickelt, desto mehr wird die Arbeit der Männer durch die der Weiber verdrängt. Geschlechts- und Altersunterschiede haben keine gesellschaftliche Geltung mehr für die Arbeiterklasse.“, werden augenscheinlich geschlechtliche Unterschiede hinsichtlich Geschicklichkeit und Körperkraft vorausgesetzt, die allein durch die Entwicklung der „moderne Industrie“ irrelevant werden können, aber als gegeben hingenommen werden.
In diesem Sinne dürfte auch Friedrich Engels in seiner Schrift „Der Ursprung…“ zu verstehen sein: „Die Teilung der Arbeit ist rein naturwüchsig; sie besteht nur zwischen den Geschlechtern.“ (MEW 21, 155) – Der Zusatz „besteht nur zwischen den Geschlechtern“ grenzt DIESE naturwüchsige (i.S.v.: natürliche oder physiologische) Arbeitsteilung von der SONSTIGEN naturwüchsigen (i.S.v.: spontan entstanden, gesellschaftlich veränderbar) Arbeitsteilung ab. Diese beiden unterschiedlichen Verwendungsweisen des Wortes „naturwüchsig“ werden in Engels’ Konspekt über ‚Das Kapital’ in ein und demselben Satz deutlich: „Der Austausch mit fremden Gemeinwesen ist dann eines der Hauptmittel zur Sprengung des naturwüchsigen Zusammenhangs des eignen Gemeinwesens durch Weiterbildung der naturwüchsigen Teilung der Arbeit.“ (MEW 16, 277)
+++ „naturwüchsige[r] Zusammenhang des eignen Gemeinwesens“ = „naturwüchsige Teilung [der Arbeit] nach Geschlecht und Alter“ innerhalb „der Familie oder des Stammes“ (ebd.). Hier dürfte „naturwüchsig“ im Sinne von „natürlich“ gemeint sein.
+++ Die Sprengung dieses Zusammenhangs durch Austausch mit anderen Gemeinwesen ist zwar noch eine Form / Weiterbildung der „naturwüchsigen Teilung der Arbeit“, aber dann nicht mehr natürlich bzw. physiologisch, wie wohl für Engels im ersten Falle – und wahrscheinlich u.a. deshalb der starke Ausdruck „Sprengung“: gesellschaftlicher Austausch als Sprengung der als natürlich unterstellten Ordnung innerhalb von Familie und Stamm.
So ist denn für Engels die geschlechtliche Arbeitsteilung nicht weiter hinterfragenswert oder erklärungsbedürftig: „Die Teilung der Arbeit ist rein naturwüchsig; sie besteht nur zwischen den Geschlechtern. Der Mann führt den Krieg, geht jagen und fischen, beschafft den Rohstoff der Nahrung und die dazu nötigen Werkzeuge. Die Frau besorgt das Haus und die Zubereitung der Nahrung und Kleidung, kocht, näht, webt.“ (MEW 21, 155).
So erweist sich die Naturalisierung der geschlechtlichen Arbeitsteilung als Sperre dagegen, daß der Marxismus in Bezug auf das Geschlechterverhältnis seinem Anspruch, historischer und nicht biologischer Materialismus zu sein, gerecht wird.

(*) Siehe z.B.:
Gabriele Dietrich, Die unvollendete Aufgabe einer marxistischen Fassung der Frauenfrage, in: Projekt Sozialistischer Feminismus (Hg.), Geschlechterverhältnisse und Frauenpolitik (Argument-Sonderband AS 110), Argument: [West]berlin, 1984, 24 - 41 (35 f.).
Frigga Haug, Stichwort „Geschlechterverhältnisse“, in: Wolfgang Fritz Haug (Hg.), Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Bd. 5, Argument: Hamburg, 2001, Sp. 493 - 531 (499 f.).
Dies., Feminismus - Marxismus, in: Perspektiven, Nr. 4, Nov. 1988, 15 - 24 (22 bei FN 12).
Juliet Mitchell, Frauenbefreiung – Frauenbewegung [1966-1971], Verlag Frauenpolitik: Münster, 1978, 82.

(**) Judith Butler, Merely Cultural, in: New Left Review Iss. 227 1998, 33 - 44 (39 f.).

(***) Denn auf folgenden Seite sprechen sie ebenfalls von „naturwüchsig“: „Und endlich bietet uns die Teilung der Arbeit gleich das erste Beispiel davon dar, daß solange Menschen sich in der naturwüchsigen Gesellschaft befinden, [...], die Tätigkeit also nicht freiwillig, sondern naturwüchsig geteilt ist, die eigne Tat des Menschen ihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die ihn unterjocht, statt daß er sie beherrscht.“ Und es folgt dann das bekannte Zitat, wo Marx und Engels ihre damalige Perspektive der Aufhebung der Arbeitsteilung durch Arbeitsplatz-Rotation skizzieren und das Bild der „kommunistischen Gesellschaft“ entwerfen, „wo nicht Jeder einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweig ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir dadurch möglich macht, heute dies, und morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“
Wir müssen hier weder klären, wie unvollständig bei diesem Entfremdungsmodell („fremde, gegenüberstehende Macht“) die Abrechnung mit dem „philosophischen Gewissen“ (MEW 13, 10) – die im übrigen in der „Deutschen Ideologie“ stattfand – geblieben ist, noch wie (un)realistisch folglich(?) das Modell der ständigen Arbeitsplatzrotation ist. Aber wir können feststellen, daß Marx und Engels hier im Rahmen DIESER Formulierungen davon ausgehen, daß die „naturwüchsige“ Arbeitsteilung gesellschaftlich veränderbar ist – nur ist die geschlechtliche Arbeitsteilung in diesen Zitaten bezeichnender nicht erwähnt…







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