Offener Brief an die Leitung der Gruppe Arbeitermacht

03.08.11
FeminismusFeminismus, Sozialismusdebatte, Debatte, TopNews 

 

von Tatjana Stein

„Macht die Laberbude einfach zu....“

Nach zehn Jahren Mitgliedschaft in der Gruppe Arbeitermacht bin ich vor gut einem Jahr aus mehr oder minder persönlichen Gründen ausgetreten. Das Persönliche ließ sich aber in diesem Fall nicht ganz vom Politischen trennen.

In der darauf folgenden Debatte musste ich erkennen, dass ich als Frau in einer revolutionären Organisation zwar viel über emanzipatorische Themen debattieren durfte. Aber als es darum ging, praxisnah genau das einzufordern, wurde ich mit Haltungen konfrontiert, die mich haben zweifeln lassen. Zehn Jahre revolutionäre Organisationszugehörigkeit an deren Ende ich mit Haltungen konfrontiert wurde die meine Entscheidung die Organisation zu verlassen nur noch bestätigten.

Der Frauenmangel ist ein jahrelang viel diskutiertes und analysiertes Problem in der Organisation. Ich denke mit meiner Erklärung zu eurem Umgang mit meinem Konflikt, kann ich dazu beitragen und aufzeigen, warum eure Organisation diesbezüglich mehr als nur Schwächen aufweist. Eure Resolution zum Umgang von Männern und Frauen innerhalb der Organisation beschreibt theoretisch sehr verantwortungsvoll die gesellschaftliche Situation und die Grenzen von möglichen Konfliktlösungen.

Aber letztendlich wird auch der Revolutionär immer wieder in die Ecke bürgerlicher Verhaltensprägung verortet und somit diskriminierendes Verhalten erklärbar gemacht. Man könnte auch interpretieren entschuldbar.

Als ich darauf hinwies, ich bezog mich auf eure Resolution, in der ihr die ungleiche Verteilung von Hausarbeit und Kindererziehung ablehnt, Genossen genau das ist gerade der Fall, und an der Stelle schien ich das Kleingedruckte übersehen zu haben, erhielt ich als Antwort, eine nicht in der Resolution erhaltene Fußnote von Martin Mitterhauser: „....dass die objektiven Bedingungen, eine Diskriminierung oftmals leider erzwingen.

Ein Satz der ergänzend unbedingt in dieses Papier gehört, Genossen. Eure Resolution hätte dann mehr Bezug zur Realität und Frauen könnten vorab entscheiden, ob sie sich so einer Organisation wirklich anschließen wollen. Dass es in diesem Fall von Diskriminierung, konkret um das Leitungsmitglied Frederik Haber ging, der seine politische Arbeit auf meine Kosten und die seines fünfjährigen Kindes, im Interesse der GAM leisten kann, ist nicht unerheblich.

Denn wie dieser mir zu verstehen gab, hält sich keine Organisation Mitglieder die gegen die eigene Leitung schießen. Ich war also mitten in einem Krieg, und demzufolge wurde mein Antrag auf Wiedereintritt abgelehnt. Meine politische Ernsthaftigkeit wurde in Abrede gestellt, es ginge mir nur darum, gegen die Leitung zu agieren.

Ja natürlich Genossen, der Genosse der Frauen respektlos behandelt ist zufällig ein Leitungsmitglied. Es wurde mir auch vorgeworfen, öffentlich über einen sexuellen Missbrauchsfall eines ehemaligen Leitungsmitgliedes einer anderen Sektion gesprochen zu haben. Das ginge die Mitglieder nichts an, das ist Sache der Leitung.

Das sehe ich leider anders Genossen. Transparenz auch in diesen Fragen, ansonsten verkommen die ganzen Emanzipationsdebatten zu scheinheiligen Laberbuden. Frauenfragen können dann wie bei euch in gesonderten Frauenkollektiven diskutiert werden, aber auch da schien was meine Debatte anbelangte Parteidisziplin zu herrschen.

Soviel zu eurem demokratischen und verantwortungsvollen Selbstverständnis. Aber es geht noch um mehr. Meine Vorwürfe gingen soweit, dass ich dem Leitungsmitglied einen respektlosen Umgang mit Frauen vorwerfen musste, inklusive meiner eigenen Person. Schriftliche Erklärungen von Frauen die eindeutig sexistisches Verhalten des Genossen beschreiben, wurden als nicht relevant eingestuft.

Die GAM, nicht die Frauen, beurteilt was sexistisch ist und was nicht. In dem Zusammenhang sei erwähnt, dass das Verhalten dieses Genossen gegenüber einer Frau, der Ausschlag gebende Anlass war, endlich eine Resolution über den Umgang von Männern und Frauen innerhalb der Organisation zu verfassen. Ein trauriger Anlass, denn der politische Schaden bestand darin, dass die zu rekrutierende Frau wegen besagtem Verhalten der Organisation fern blieb. Über den menschlichen Schaden erfuhr man nichts.

Sexualität ist Allgemeingut! so tönt es vom besagten Leitungsmitglied und die GAM wiegelt ab in guter Männerkumpanei, etwas das sie eigentlich ebenfalls ablehnt, und deklariert das als pubertären Scheiß. Dass der die Pubertät seit langen überschritten hat und einen verantwortungsvollen Leitungsposten bezieht, scheint aber bisher noch niemandem aufgefallen zu sein.

Ein Hoch auf Engels und die durch die Arbeiterklasse erkämpfte Exogamie teilt man mir schriftlich mit und stellt sich erwartungsgemäß hinter den Genossen. Wenn also Sexualität Allgemeingut ist, wie vergesellschafte ich aber nun im gleichem Zuge die Erziehung meines Kindes?

Zufällig habe ich eins und versuche trotzdem politisch aktiv zu sein. Das geht aber nur, wenn eine gleichmäßige Verteilung in der Frage der Kindererziehung existiert. Ich bin davon ausgegangen, in einer revolutionären Organisation diese Frage aufwerfen zu können. Nicht so in der GAM.

Meine Bitte, um ein persönliches Gespräch mit der Leitung, wurde abgelehnt.  Man sieht keine Notwendigkeit teilte mir Martin Mitterhauser mit. Keine Notwendigkeit. Trotz dieser Mitteilung sollte es aber noch eine Beratung in der NL geben, ob nicht doch ein Gespräch stattfinden könnte. Nach innerbetrieblicher Demokratie sieht das nicht aus.

Es entstand für mich der Eindruck, hier entscheidet eigentlich Martin Mitterhauser, nicht eine demokratisch gewählte Leitung. Aus den Kongresspapieren erfährt man weder etwas über die Gründe meines Austritts (aus diversen Gründen steht da) noch, dass ich einen Antrag auf Wiedereintritt gestellt hatte. Nach zehn Jahren Mitgliedschaft muss ich mich fragen, was war ich als Frau eigentlich wert in dieser Organisation?

Im Schatten eines verlogenen Objektivismus wende ich mich ab und stelle fest, dass nach wie vor auch in der GAM moralisch ist, was der Sache dient. Bei Lenin war es die Revolution. Der muss damals die Laberbude, sprich den Taurischen Palast in dem die Konstituante scheiterte, auch einfach zu gemacht haben. Jemand hatte Feierabend und musste abschließen.
So geht’s natürlich auch Genossen. Man entzieht sich einfach jeglicher direkter Auseinandersetzung und macht die Laberbude einfach zu.


VON: TATJANA STEIN






<< Zurck
Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz