Die neue Radikalität der AbtreibungsgegnerInnen

15.01.13
FeminismusFeminismus, Soziales, Berlin, TopNews 

 

von Jutta Ditfurth

Das Thema rumort wieder oder immer noch, was mensch auch daran merkt, dass allein die Ankündigung einer Veranstaltung zum Thema Abtreibung etliche Hassmails beschert. Da schreibt mir einer:

»Abtreibung ist Faschismus der feigsten Art. […] Ich weiss was Sie wollen, nämlich ungehindert und ungestraft Kinder töten. Sie werden das nicht mehr lange machen können …«.

Das Buch Die neue Radikalität der AbtreibungsgegnerInnen im (inter)nationalen Raum, herausgegeben vom Berliner Familienplanungszentrum - BALANCE wird am Mittwoch, 16. Januar 2013 in Berlin vorgestellt.

Mit freundlichen Grüßen
Jutta Ditfurth

I. Die Veranstaltung:

Das Berliner Familienplanungszentrum - BALANCE (FPZ) lädt in Kooperation mit dem Netzwerk Sexuelle Selbstbestimmung (Mitglieder: FPZ, Humanistischer Verband Deutschland/Landesverband Berlin-Brandenburg und Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft) ein zum Salongespräch mit Diskussion:

Mi. 16.1.2012, 19:00–ca. 22:00 Uhr, BERLIN»Die neue Radikalität der AbtreibungsgegnerInnen im (inter)nationalen Raum«,

Moderation: Sybill Schulz (Geschäftsführung und Fachliche Leitung FPZ)

Podiumsgäste:

  • Jutta Ditfurth (Soziologin, Autorin, Frankfurt/Main)
  • Dr. Gisela Notz (Sozialwissenschaftlerin, Historikerin, AKF, Berlin)
  • Eike Sanders (apabiz / antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e.V.)


Diskussion

Ort: Familienplanungszentrum - BALANCE, Mauritiuskirchstr. 3, 10365 Berlin-Lichtenberg. Eintritt: 5 Euro, 3 Euro (ermäßigt). Weg: S- und U-Bahnhof Frankfurter Allee, Tram M 16 und M 13.

II. Das Buch:

Berliner Familienplanungszentrum - BALANCE (Hrsg.): Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter)nationalen Raum. Ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen heute in Gefahr?, AG SPAK, Neu-Ulm: Digitaldruck leibi.de 2012, ISBN 978-3-930865-32-8, 95 S., 14,00 €  

Mehr über Themen und AutorInnen:

http://www.agspak-buecher.de/Familienplanungszentrum-BALANCE-Hg-Die-neue-Radikalitaet-der-Abtreibungsgegnerinnen-im-inter

III. Das Vorwort:

Jutta Ditfurth

Endlich gibt es dieses Buch

Viel zu lange wurden sie geschont. Dieses Buch belegt, wie aggressiv und lebensgefährlich organisierte AbtreibungsgegnerInnen in Deutschland, Europa und der Welt inzwischen vorgehen. Mit ideologischer, juristischer und körperlicher Gewalt greifen sie ÄrztInnen und Beratungseinrichtungen an. Wie fast alle rechtspopulistischen, rechtsradikalen und faschistischen Organisationen nutzen sie das Internet, um diejenigen, die das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Frauen verteidigen, einzuschüchtern.

Erschreckend eng verbunden sind sie einigen PolitikerInnen und längst, ähnlich dem Rassismus, in der Mitte der Gesellschaft angekommen. In diesem Buch erfahren wir neben vielem anderen, auf welche Institutionen und Berufsgruppen AbtreibungsgegnerInnen abzielen und welche Interessen sich hinter ihnen verbergen. – Endlich gibt es ein Buch wie dieses.

1988 tobte die Auseinandersetzung um das Recht auf Abtreibung anlässlich des Memminger Prozesses gegen einen Arzt, der Abtreibungen vorgenommen hatte. Ich fand die defensive, moralische, mitleidheischende Verteidigungstaktik, die etliche wählten gefährlich. Statt die beschuldigten Frauen selbstbewusst zu verteidigen, bettelten manche um Mitleid: 'Versteht sie doch, Frau arm, Mann arbeitslos, Wohnung zu klein…' usw. Im Umkehrschluss bestritt das aber jeder Frau ohne soziale Notlage das Recht, über's Kinderkriegen selbst zu entscheiden. Aber dieses Recht von Frauen auf sexuelle Selbstbestimmung und auf reproduktive Freiheit, welche die Wahlfreiheit unauflöslich beinhalten, ist ihr Menschenrecht.

So sagte ich 1988 in einem Interview: »Ich bin sechsunddreißig, da finde ich zwei Abtreibungen auf ein lustvolles, knapp zwanzigjähriges Geschlechtsleben relativ wenig«. Ich ließ das feige Wörtchen 'leider' weg. Eine schlichte, sachliche Feststellung. Die Provokation gelang und beförderte eine offenene, härtere aber eben auch aufklärerische Diskussion.

Jeder Feministin schlägt heute an allen Fronten das Rollback ins Gesicht. Beispiel: Seit rund 40 Jahren bin ich politisch und seit rund 30 Jahren publizistisch aktiv. Hinter den Kulissen der »Bearbeitung« und Fälschung meiner Biografie bei Wikipedia brandete zeitweilig eine aberwitzige Diskussion über »meine Abtreibungen« auf, offensichtlich viel wichtiger als jede meiner politischen Analysen. Irgendwelche rechten, dummen Männer wollten noch nachträglich gern über mein Leben entscheiden.

Bei Wikiquote gibt es läppische zwei Zitate von mir, eines ist das oben genannte. Die rechtspopulistische ZDF-Kabarettistin Monika Gruber griff sich 2010 das 22 Jahre alte Zitat, verfälschte den Text, gab es als aktuell aus und sagte: Da »… kam auch noch Jutta Ditfurth aus der Versenkung aufgetaucht … wenn ich schon so Sätze höre wie: 'Ich bin stolz darauf, abgetrieben zu haben'. … Mensch Mädel, was soll das sein, ein Euphemismus für: Ich war zu blöd regelmässig die Pille zu nehmen? Frau Ditfurth! Tun Sie uns uns der ganzen Welt einen Gefallen und … machen Sie einen Trommelkurs gegen vaginale Trockenheit«. Im Frühjahr 2012 fragte mich Jan Grossarth, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in einem Gespräch über anderes unvermittelt, ob ich abgetrieben habe. »Wie oft haben Sie in Ihrem Leben onaniert und damit mögliches menschliches Leben vergeudet?« fragte ich zurück. Mit roten Ohren wechselte er das Thema.

Gruber und Grossarth zeigen nur zwei der unzähligen Gesichter des anti-emanzipatorischen Rollbacks. Noch gibt es keine neue selbstbewusste feministische Bewegung, die sich öffentlich und in bestem Sinne schamlos wehrt. Aber dieses Buch mit seinen wertvollen Erfahrungen und Einschätzungen, mit den seltenen historischen Einblicken, die es gewährt, kann dabei helfen, bessere Zeiten vorzubereiten.

Vorwort zu: Berliner Familienplanungszentrum - BALANCE (Hrsg.): Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter)nationalen Raum. Ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen heute in Gefahr?, AG SPAK, Neu-Ulm: Digitaldruck leibi.de 2012, ISBN 978-3-930865-32-8, 95 S., 14,00 €  

 

 


VON: JUTTA DITFURTH






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