Sie kämpften für mehr als das Frauenwahlrecht


16.01.09
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Frauen in der bayrischen Revolution und Räterepublik 1918 / 19 beschrieben in "Brotmarken und rote Fahnen" von Christiane Sternsdorf-Hauck

Ein Buchtipp von Edith Bartelmus-Scholich

Kurt Eisner, Erich Mühsam, Gustav Landauer, Ernst Toller, Eugen Levine - die bayerische Revolution und die Räterepublik 1918 / 19 wird mit den Leistungen von Männern verbunden. Frauen kommen nicht vor. Sind sie passiv geblieben? Weit gefehlt, viele Frauen haben für die Revolution gekämpft, oft waren ihre Ziele radikaler, als es so manchem Genossen lieb war. Überliefert wurden ihre Anteile uns jedoch nicht. Christiane Sternsdorf-Hauck hat sich auf die Spurensuche gemacht.

München, 7. November 1918: Demonstration gegen Hunger und Krieg auf der Theresienwiese. Davon gibt es ein Foto. Es zeigt erstaunlich viele Frauen unter den Demonstranten. Irritiert von diesem Bild und dem fast vollständigen Fehlen von Überlieferungen über die Rolle von Frauen in Revolution und Räterepublik hat die Autorin geforscht.  Fündig wurde sie dabei vor allem in Polizei-, Geheimdienst- und Gerichtsakten. Ein Glücksfall war die Entdeckung des fast kompletten Briefwechsels eines Kreises bislang unbekannter Revolutionärinnen um Gabriele Kaetzler.

In ihrem 1989 erstmals erschienene und nun in zweiter Auflage erweiterten Buch schildert Sternsdorf-Hauck die Erinnerungen der beiden Frauenrechtlerinnen Lida Gustava Heimann und Anita Augspurg an Revolution und Räterepublik um diese dann aus der Sicht der revolutionären Frauen um Gabriele Kaetzler zu konkretisieren. Neben dem sehr kleinen Kreis von Frauen, die in den Räten vertreten waren, wird dadurch ein Licht auf die zahlreichen Frauen geworfen, die die Revolution tätig unterstützten. Der Briefwechsel belegt, dass sie keinesfalls minder politisch waren als die männlichen Revolutionäre und sich auch nicht mit der Rolle der praktisch Helfenden begnügten. Sie beanspruchten gleichberechtigte Teilhabe an den politischen Prozessen, positionierten sich in den Debatten oft links von den Genossen.

Die LeserInnen erfahren, dass die Frauen in den Räten meist die Anträge der Linksradikalen unterstützten und auf einen Fortbestand des Rätesystems orientierten. So stimmten die Frauen gemeinsam mit den Linken gegen den mit Mehrheit  beschlossenen Antrag ein vom Landtag zu bestätigendes Ministerium zu schaffen, welches die Räte faktisch entmachten sollte. Kein Wunder, dass die Sozialdemokraten wenig Interesse zeigten, die Frauen politisch zu stärken.

Die revolutionären Frauen  kämpften an zwei Fronten: Gegen die Konterrevolution und gegen die patriarchalische Tradition. Letztere stellte sich dabei als ein Hindernis auf dem Weg in eine neue Gesellschaft dar. Bezeichnend ist, dass es den Frauen z.B. nicht gelang, die Bildung von Frauenräten durchzusetzen. Nur die Anarchisten unterstützten dieses Anliegen. Alle anderen fanden Gründe, den Frauen die selbständige Organisierung in Räten nicht zu gestatten. Die Politisierung der Masse der Frauen wurde dadurch beeinträchtigt. Und es blieb bei der Handvoll Frauen, die in die "gemischtgeschlechtlichen" Räten gewählt worden waren.

Die breite Masse der Frauen hatte so auch in der Revolution keine eigenständige politische Vertretung. Dennoch haben viele von ihnen bis zum Schluss ihr Leben für die Revolution eingesetzt. Dem Sieg der Konterrevolution folgte das Ermorden nicht nur von Männern, sondern auch von zahlreichen Frauen, und die Überlebenden wurden oft auf Jahre ins Gefängnis geschickt.

Christiane Sternsdorf-Hauck hat die Geschichte der bayerischen Revolution und der wenigen Monate der Räterepublik objektiviert, indem sie der männlich tradierten Überlieferung die weiblichen Anteile hinzugefügt hat. An die verschüttete Tradition kann nun wieder angeknüpft werden.

Christiane Sternsdorf-Hauck
Brotmarken und rote Fahnen
Frauen in der bayrischen Revolution und Räterepublik 1918/19
Erweiterte und aktualisierte Neu-Ausgabe Französische Broschur
160 S., € 16,80
2008, ISBN 978-3-89900-130-3







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