Ach, die liebe Biologie!


Bildmontage: HF

08.03.15
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von Detlef Georgia Schulze

Eine Antwort an den Genossen 'systemcrash'

Genosse systemcrash hat in seinem Blog (1) auf meinen Artikel vom Donnerstag bei scharf-links (2) und meine dreiteilige Artikel-Serie vom Mitt- woch, Freitag und Samstag (3) bei 'linksunten.- indymedia.de' geantwortet.

Ich würde mich freuen, wenn scharf-links seine Replik ebenfalls veröffentlichen würde, denn sicherlich artikuliert der Text von systemcrash – abgesehen wahrscheinlich von seinem ‚Spezial-Bezug’ auf Ken Wilber (4) – Einwände, die viele MarxistInnen gegen meine Thesen in Sachen ‚Historischer oder biologischer Materialismus’ haben.

Der ‚Einsatz’, um den es bei der De-Konstruktion geht!

Ich möchte in meiner hiesigen Rück-Antwort gleich mal mit der Überschrift von systemcrashs Replik beginnen:
„‚Historischer Materialismus’ heisst nicht, dass es keine Biologie in menschlichen Gesellschaften gäbe“.

Auch wenn es systemcrash und Andere vielleicht überraschen wird:
Ich stimme vollständig zu!

Und zwar

  • sowohl gegen den – unter Ökologie-Gesichtspunkten verheerenden – voluntaristischen Produktivismus des mainstream-Marxismus, der meint, natürliche Bedingungen und naturwissenschaftliche Zusammenhänge beliebig überspringen zu können,
  • als auch gegen mein weiteres (!) queeres Berliner Umfeld, das meint, rein iterativ(5)-resiginifizierend(6) einen Penis in eine Klitoris verwandeln zu können.

Aber – um den marxistischen Stier systemcrash sogleich bei den Hörner zu packen –:
Es sind – auch wenn das die meisten Leute denken – gerade NICHT Penis und Klitoris, die Männer und Frauen in dieser Gesellschaft ausmachen! Ich z.B. habe den mutmaßlichen Penis in der Hose des Genossen systemcrash noch nie gesehen; und auch Genosse systemcrash kann sich nicht sicher sein, ob ich Klitoris oder Penis in meiner Leggins habe – oder, um das Ganze etwas gelehrter auszudrücken:

„Klassifikationskriterien“ für die Geschlechtszugehörigkeit „können […] die Genitalien zum Zeitpunkt der Geburt oder die Chromosomen sein, die im Zuge vorgeburtlicher Analyseverfahren festgestellt werden; beide müssen nicht notwendigerweise übereinstimmen. […]. Im Alltag jedoch erfolgt die Zuordnung – und wird aufrechterhalten – aufgrund der sozial geforderten Darstellung einer erkennbaren Zugehörigkeit zur einen oder anderen Kategorie. In diesem Sinne kann man sagen, daß die soziale Zuordnung zu einem Geschlecht das entsprechende biologische Geschlecht unterstellt und in vielen Situationen ersetzt.“ (7).

Oder, um schließlich auf die populäre Ebene zuzukehren:
Daß Genosse systemcrash Hosen trägt und noch ein paar andere „sozial geforderte Darstellung[en]“ im Alltag vollzieht, ERSPART ihm, sein Genital vorzeigen zu müssen, um zu beweisen, daß er ein Mann „ist“.

Aber mit dem „Mann“ verhält es sich genauso, wie es Marx über die ‚Baumwollfabrik’ sagte:

  • In bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen ist eine Baumwollfabrik KAPITAL. Und in anderen gesellschaftlichen Verhältnissen ist eine Baumwollfabrik schlicht eine Ansammlung von Produktionsmittel und – wenn mit der Rohstoff- und Arbeitskraft-Zufuhr alles klappt – auch eine Ansammlung von Rohstoffen und Arbeitskräften. (8)

Entsprechend ist ein Mensch mit einer Hosen, der UNTERSTELLT wird, einen Penis zu verdecken, im BIOLOGISTISCHEN Patriarchat ein Mann – und in anderen gesellschaftlichen Verhältnisse eine Person mit Penis – oder vielleicht auch eine Person mit Klitoris…

Also, worum es dem De-Konstruktivismus – jedenfalls in seiner materialistischen Lesart –, NICHT geht, ist, die Existenz EINZELNER biologischer FAKTEN zu bestreiten.

Der materialistische De-Konstruktivimus bestreitet vielmehr

  • – angesichts inter- und transsexueller Individuen –, daß sich die Vielfalt geschlechtlicher biologischer Fakten auf NUR ZWEI Geschlechter reduzieren läßt.
  • Und er bestreitet, daß es im Alltag für die Geschlechtszuordnung tatsächlich auf die Biologie ankomme – auch wenn sich das der Alltagsverstand einbildet. –

Letzterer Gedankengang sollte für MarxistInnen – und der Gen. systemcrash gehört zu ihnen (zu uns!) – nicht verstören. Denn auch der alltagsverständige Käufer eines Brötchens meint damit nur ein Brötchen zu kaufen und nicht etwa, das Kapital einer Backerei zu reproduzieren und an der Realisierung von Mehrwert (Ausbeutung) mitzuwirken. Und das Alltagsbewußtsein von Brötchen-KäuferINNEN ist auch nicht elaborierter…

Daß Menschen NICHT wissen, was sie tun, ist für MarxistInnen also kein unbekannter Umstand. Trotzdem wissen MARXISTiNNEN – so einigermaßen –, wie die kapitalistische Produktionsweise funktioniert.

Und das Anliegen (die Bitte) des de-konstruktivistischen Feminismus an den Marxismus ist, doch bitte einzusehen, daß das Patriarchat nicht deshalb existiert, weil es Menschen gibt, die eine Vagina haben, und andere, die keine haben. Dem de-konstruktivistischen Feminismus geht also nicht um den Kampf gegen die Biologie, sondern um den Kampf gegen den Biologismus – also um den Kampf gegen den Fehlschluß vom Biologischen auf das Gesellschaftliche!

Und außerdem geht es ihm um den Kampf gegen den Irrtum des Alltagsverstandes, wir würden bei der alltäglichen – vielfach unbewußten – Reproduktion des Patriarchats auf der Grundlage der Kenntnis dessen, was unsere Mit-Menschen in ihrer Hose, unter ihrem T-Shirt (oder was sie auch immer tragen) und in ihren Genen habe, handeln. Die Genitalien und die Chromosomen sind nicht der Grund des Patriarchats, sondern sie werden von dessen ApologetInnen zur ideologischen Rechtfertigung des Patriarchats herangezogen.

Das Beispiel Trotzki

Um – neben Ken Wilber – einen anderen Lieblingsautoren des Genossen  systemcrash zu nehmen… – Leo Trotzki schrieb:
„selbst die kühnste Revolution könnte ebensowenig wie das ‚allmächtige’ britische Parlament die Frau in einen Mann umwandeln oder, besser gesagt, die Last der Schwangerschaft, des Gebärens, des Stillens und der Kindererziehung zu gleichen Teilen zwischen beiden aufteilen“ (9).
Dem Genossen Trotzki sollte nicht negativ angerechnet werden, daß er die medizinisch-operativen Innovationen in Sachen Transsexualität, die John Money (10) rund 30 Jahre nach Trotzkis Tod entwickelte, nicht voraussah (denn der Marxismus ist kein Blick in Ken Wilbers Glaskugel).

Aber dem Genossen Trotzki SOLLTE negativ angerechnet werden – denn ebendies ist NICHT Biologie, sondern Biologismus! –, daß er vom Gebären auf die Kindererziehung schloß.

Und dem Genosse systemcrash wäre, was das Stillen anbelangt, negativ anzurechnen, falls er im Jahr 2015 immer noch nicht die kapitalistische Firma Nestlé und die Milchflasche zur Kenntnis genommen hat…

(1) https://systemcrash.wordpress.com/2015/03/06/historischer-materialismus-heisst-nicht-dass-es-keine-biologie-in-menschlichen-gesellschaften-gabe

(2) http://www.scharf-links.de/51.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=50317&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=509229915c

(3) Teil I: https://linksunten.indymedia.org/de/node/136552
Teil II: https://linksunten.indymedia.org/de/node/136641
Teil III: https://linksunten.indymedia.org/de/node/13675

(4) http://de.wikipedia.org/wiki/Ken_Wilber

(5) http://de.wikipedia.org/wiki/Iteration#Philosophie

(6) http://en.wikipedia.org/wiki/Gender_Trouble#Chapter_1._Subjects_of_Sex.2FGender.2FDesire

(7) Candace West / Don H. Zimmermann, Doing gender, in: Judith Lorber / Susan A. Farell (Hg.), The Social Construction of Gender, Sage: Newbury Park / London / New Dehli, 1991, 13 - 37 (14) zitiert nach: Regine Gildemeister / Angelika Wetter, Wie Geschlechter gemacht werden. Die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und ihre Reifizierung in der Frauenforschung, in: Gudrun-Axeli Knapp / Angelika Wetterer (Hg.), Traditionen. Brüche. Entwicklungen feministischer Theorie, Kore: Freiburg i. Br., 1992, 201 - 254 (236).

(8) „Eine Baumwollspinnmaschine ist eine Maschine zum Baumwollspinnen. Nur in bestimmten Verhältnissen wird sie zu Kapital. Aus diesen Verhältnissen herausgerissen, ist sie so wenig Kapital, wie Gold an und für sich Geld oder der Zucker der Zuckerpreis ist.“ (MEW 6, 407)

(9) Leo Trotzki, Verratene Revolution. Was ist die UdSSR und wohin treibt sie?, in: ders., Schriften. Band 1.2 Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur 1936 – 1940, Hamburg 1988, 687 - 1011 (837).

(10) http://de.wikipedia.org/wiki/John_Money 

www.theeuropean-magazine.com/joerg-friedrich--2/7125-gender-studies-and-the-natural-sciences


VON: DETLEF GEORGIA SCHULZE






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