Marxistinnen und Marxisten im Dialog

22.10.12
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von Robert Steigerwald via dkp-online

Vor dem vierten 'Leverkusener Treffen'


Der marxistische Historiker Prof. Dr. Hans- Joachim Krusch (1935-2004), damals Leiter des Marxistischen Arbeitskreises zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bei der histori- schen Kommission der PDS bzw. bei der PDS, hatte vor vielen Jahren die Idee, sich an Genossen und Organisationen zu wenden, die sich als marxistisch, als kommunistisch definieren und sich - trotz der schweren Niederlage von 1989/90 - in ihrer antikapital- istischen Orientierung und Aktivität nicht beirren lassen.

Hans Krusch ist viel zu früh schon nach dem ersten Leverkusener Dialog - den gab es vor knapp zehn Jahren - gestorben. Man solle - schlug Hans Krusch vor - versuchen, sie an einen Tisch zu bekommen, ohne etwa "Unliebsame" auszugrenzen, und mit ihnen über gegenwärtige Aufgaben, auch über theoretische und politische Schlussfolgerungen aus unserer Niederlage zu diskutieren. Dabei sei zu vermeiden, die Schlachten von ehedem erneut schlagen zu wollen, sich die "Wurfgeschosse" von einst erneut an die Köpfe zu schleudern.

Es gebe genug brennende aktuelle Aufgaben, denen wir uns nicht entziehen dürfen, indem wir uns in Schuldzuweisungen ergehen. Die Probleme und Widersprüche dürfe man deswegen aber nicht einfach unter den Teppich kehren.

Dieser Vorschlag stieß auf große Zustimmung bei Kräften, die sich einst mit Schimpf- worten wie "Stalinisten", "Trotzkisten", "Brandlerianer" usw. belegten.
Es kam es zum ersten Dialog, abgehalten in der DKP-Parteischule Karl Liebknecht in Leverkusen. Dort diskutierten die Vertreter dieser erwähnten kommunistischen Richt- ungen gleichberechtigt. Es gab sogar eine Wortmeldung, die das baldige Zusammen- gehen und die baldige Vereinigung des Potenzials prophezeite - was natürlich überhaupt nicht der Situation entsprach.

Die bisherigen "Dialoge" hatten das Parteithema, die Staatsfrage, den Revisionismus, natürlich auch Probleme der Geschichte des Kommunismus zum Thema. Es ging dabei nie um einen bloß politisch-agitatorischen Meinungsaustausch.

Der vierte Leverkusener Dialog findet nun vom 26. bis zum 28. Oktober in Leverkusen an der Karl-Liebknecht-Schule der DKP statt.
(Beginn am 26. Oktober, 18:00 Uhr, Ende am 28. Oktober gegen 16:00 Uhr - um Anmeldung wird gebeten)

Als Hauptthemen sind vorgesehen:

  • Reform und Revolution, die Überwindung des Kapitalismus und revolutionäre Brüche;
  • Klassentheorie als Struktur- und Handlungstheorie.
  • Das gesellschaftliche Subjekt revolutionärer Gesellschaftsveränderungen;
  • Herausforderungen für den Sozialismus im 21. Jahrhundert.

Impuls-Referate halten:

  • Karl Hermann Tjaden:
    Probleme einer Kritik kapitalistischer Gesellschaftsformation im 21. Jahrhundert
  • Ekkehard Lieberam:
    Klassenverhältnisse, Klassenmacht und Klassenmobilisierung
  • Edeltraut Felfe:
    Erfahrungen und Probleme der Bündelung und Durchsetzung von Mehrheitsinteressen gegen die Herrschenden in Skandinavien
  • Angela Klein:
    Herausforderungen für einen Sozialismus im 21. Jahrhundert
  • Manfred Sohn: ...;
  • Manuel Kellner:
    Räte, Partei, Revolution. Aktualität und Probleme der Revolutionstheorie von Ernest Mandel
  • Robert Steigerwald:
    Einige revolutionstheoretische Probleme
  • Hans Peter Brenner: ...

Einberufer sind:
Ekkehard Lieberam, Robert Steigerwald und Manuel Kellner.

Neugierig auf konkretes Vorankommen
Von Hans-Peter Brenner, Mitglied des Parteivorstands der DKP
Als Teilnehmer aller bisherigen drei "Leverkusener Konferenzen" sehe ich der nach langer Unterbrechung anstehenden vierten Begegnung mit Neugier entgegen.
Die bisherigen drei Konferenzen hatten zwar in erster Linie vor allem positive atmosphärische Folgen zwischen den beteiligten Organisationen und Personen und waren weitgehend ohne sichtbare praktische Relevanz geblieben, aber darauf lässt sich ja durchaus auch politisch aufbauen. Und das ist allein schon aus einem generellen Grunde notwendig. Es ist der eklatante Widerspruch zwischen zunehmender "antikapitalistischer" Rhetorik in allen möglichen Medien, aber auch in den weiterhin unter der Dominanz der Sozialpartnerschaft und des "Co-Managements" stehenden DGB-Gewerkschaften und dem weiter schwindenden Einfluss ausgerechnet derjenigen Organisationen, die sich in ihrem Selbstverständnis auf Marx berufen.
Während es fast "normal" erscheint, den "Philosophen und Ökonomen" Karl Marx zustimmend zu zitieren, ist die gesellschaftliche Relevanz der politischen Parteien und Organisationen, die den nach dem neuen Jubiläumsmagazin der Deutschen Nationalbibliothek "drittwichtigsten Deutschen" (nach Johann Wolfgang Goethe und Jacob Grimm) als ihren "Patron" ansehen, marginal.
Meine mit Skepsis gespeiste Neugier, was denn diese neue Leverkusener Konferenz mit ihrem so bedeutsam klingenden Thema "Revolutionstheorie im 21. Jahrhundert" bringen kann und wird, wird auch noch aus einer anderen Quelle gespeist: es ist die Differenziertheit und auch - wer will es bestreiten - die Gegensätzlichkeit in nicht unbedeutenden Fragen unter den Teilnehmern. Wird daraus ein fruchtbarer, auf die Suche nach Gemeinsamkeiten ausgerichteter - notfalls auch strittiger - Dialog, oder überwiegt die Neigung zum wechselseitigen Belehren aus der Position der zweifellos vorhandenen Gelehrsam- und Beredbarkeit?
Georg Fülberth sprach nach 1990 vom "Trümmerhaufen als Aussichtsturm" von dem die Marxisten und Kommunisten damals auf den scheinbar unaufhaltsamen Durchmarsch des Kapitalismus blickten. Mittlerweile ist mehr in Trümmer gegangen als nur "die Mauer". Die DKP spricht in ihrem Programm und in dem Antrag des Parteivorstandes "Antworten der DKP auf die Krise", der im kommenden März auf ihrem 20.Parteiutag beraten und verabschiedet werden soll, von einer "Großen Krise" bzw. einer "Übergangskrise", deren historischer Ausgang noch nicht entschieden ist. Gelingt es der nichtreformistischen und antirevisionistischen Linken darauf eine Art gemeinsamer Antwort zu finden? Eine Antwort, die längt nicht in allen Facetten übereinstimmen muss, die aber zumindest für die so oft beschworene "Aktionseinheit der revolutionären Sozialisten und Kommunisten" ein Mehr an praktisch-politischer Übereinkunft darstellt?
Die deutsche revolutionäre Arbeiterbewegung stand einst in dem Ruf einer besonderen "theoretischen Bildung". Nach meinem Eindruck gibt es durchaus so etwas noch heute. Darin steckt aber mehr als nur ein kleines Risiko. Wenn "viele Häuptlinge aber wenige Indianer" zusammenkommen, ist die Gefahr des abgehobenen Palavers nicht gering. Über "Revolutionsmodelle" zu theoretisieren, birgt die Gefahr des Schwadronierens in sich, wenn die Beteiligten sich - was subjektiv nachvollziehbar wäre - mehr an der "Perspektive" ergötzten als an den "Mühen der Ebene". Besitzen "wir" bzw. brauchen wir nicht grade dafür ein annähernd gemeinsames Bild von den Gründen und Folgewirkungen der "Konterrevolution" von 1989/90? Müssten wir uns nicht auch ein Mindestmaß gemeinsamer Positionen zur Bewertung des realen Sozialismus erarbeiten, bevor wir über "Revolution" sprechen. War es denn etwa ein Zufall, dass Friedrich Engels seine berühmte Artikelserie nach dem Scheitern der bürgerlichen Revolution von 1848 "Revolution und Konterrevolution in Deutschland" nannte? Ich meine nicht. Wenn dies gelänge, und wenn es in der Analyse des derzeitigen Zustands des globalen und des BRDImperialismus zu mehr Übereinstimmung käme, wäre das sehr viel.
Wie heißt es doch im "Manifest der Kommunistischen Partei" so schön: "Sie (die Kommunisten) stellen keine besonderen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen. Die Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen politischen Parteien nur dadurch, dass sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen von der Nationalität unabhängigen Interesssen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, andererseits dadurch, dass sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten." Also, auf welcher "Entwicklungsstufe stehen wir heute, was heißt heute "Interesse der Gesamtbewegung"? Und last but not least: Welche organisatorischen Strukturen brauchen wir dafür in dieser Etappe?
Auf Diskussionen dazu und Antworten darauf bin ich sehr gespannt.

Ernest Mandel zur Revolutionstheorie

Von Manuel Kellner
Der belgische Marxist aus jüdischem Elternhaus, geboren 1923, verstorben 1995, war früh politisch aktiv und entkam den Nazis dreimal aus Zuchthaus und Konzentrationslagern. 1972, unter dem "Mehr Demokratie wagen"-SPD-Kanzler Brandt, als er an die FU Berlin berufen werden sollte, wurde Ernest Mandel Opfer eines Berufs- und Einreiseverbots, das bis 1979 galt.
Als bekannteste Führungsfigur der Vierten Internationale, die sich in der Tradition der Linken Opposition um Leo Trotzki sieht, war er für die offizielle kommunistische Bewegung ebenfalls persona non grata, obwohl einige seiner Schriften, wie seine Marxistische Wirtschaftstheorie, durchaus rezipiert wurden.
Mandel selbst hatte auf seine Marx- und Leninorthodoxie immer großen Wert gelegt. Mir gegenüber nannte er sich 1972 einmal scherzhaft einen "orthodoxen Leninisten mit leichten luxemburgistischen Abweichungen". Ausgangspunkte seiner Ansichten zur Revolutionstheorie waren die Verarbeitung der Erfahrung der Pariser Kommune von Marx und Engels und Lenins Positionen zur Rolle revolutionärer Parteien.
Die Pariser Kommune 1871 - wie später die sozialistische Oktoberrevolution 1917 - hatte gezeigt, dass die Eroberung der politischen Macht durch die arbeitende Klasse zur Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparats führt und zur Herausbildung eines neuen Staats (der "Diktatur des Proletariats" oder der "sozialistischen Demokratie" - Mandel verwendete beide Begriffe wie Rosa Luxemburg synonym), der von Anfang an den Keim des Absterbens in sich trägt. Aus ihm soll sich eine klassenlose sozialistische Gesellschaft entwickeln, die keines Staates mehr bedarf, und schließlich eine kommunistische Gesellschaft ohne jegliche Ausbeutung und Unterdrückung.
Für Mandel waren umfassende Mobilisierungen und Streikbewegungen in Industrieländern die unabdingbare Voraussetzung für sozialistische Revolutionen. Was anfangs Streikkomitees und Aktionsausschüsse sind, entwickelt sich zu Räten, die von unten her zu einer zur bürgerlichen Staatsmacht alternativen Staatsmacht heranreifen.
In einer solchen Situation der "Doppelherrschaft" entscheiden die politischen Kräfteverhältnisse in der Klasse über den Erfolg. Erobern revolutionäre Kräfte die Hegemonie, siegt die Revolution, bleiben die Kräfte der Klassenversöhnung am Ruder, scheitert sie. Für die Entwicklung des Klassenbewusstseins von elementaren nur-gewerkschaftlichen über politische zu sozialistischen/kommunistischen Überzeugungen ist eine Strategie der Übergangsforderungen wichtig. 1974/1975 gab es in Portugal Räte, aber die Hegemonie der Sozialdemokratie wurde nicht gebrochen.
Mandels Überlegungen zur Revolutionstheorie bleiben aktuell auch im 21. Jahrhundert, obwohl sie anhand neuer Gegebenheiten - Rückgang der Bedeutung des industriellen Proletariats und zunehmende Fragmentierung der Klasse - und neuer Erfahrungen auch kritisch diskutiert und weiterentwickelt werden sollten.

http://www.dkp-online.de/uz/4441/s1301.htm

 


VON: ROBERT STEIGERWALD VIA DKP-ONLINE






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