150 Jahre sozialistische Theorie und Geschichte der Revolution und die Weltkrise heute

11.05.13
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von Gerd Elvers

Der Parteivorsitzende Gabriel tritt im Mai zu einer Wahlrede in Ingolstadt auf, um über 150 Jahre Sozialdemokratie zu sprechen. Darauf ist er stolz.
Wir Sozialisten können darauf stolz sein, auf 150 Jahre Revolutionsgeschichte zurückzu- blicken, zu der die SPD sich schon lange dis- tanziert hat.
Können wir das?

Der Kubaner Yoandris Lara behauptet, dass in der Revolutions-Theorie die Linken auf dem Stand stünden, den Lenin hinterlassen hat. Dies trifft zwar in dieser Apodiktik nicht zu, offenbart aber ein Unbehagen über Defizite in linker Theorie, die Lara mit seinem theoretisch-methodologisch gut begründeten Konzeptentwurf über die Auflösung des globalen Kapitalismus und des Übergangs zum Sozialismus beseitigen will (1).

Träfe dieses Manko auf die linken Theorien zu, wäre es ein Skandal. Was man vom linken Spektrum erwarten kann, ist die kapitalistische Weltkrise mit den wissenschaft- lichen Instrumenten aufzuarbeiten, die wir seit Marx seiner analytischen Weiterentwick- lung in der Hand haben. Nachdem das keynesianische Konzept sich als unwirksam und das neoliberale als krisenvertiefend erwiesen haben, müssen ihnen alternative Konzepte entgegengestellt werden. Wer außer Sozialisten können theoretische und praktische Antworten finden? Wir besitzen ein reiches Erbe an Kapitalismuskritik, auf deren Basis heutige Modelle entwickelt werden müssen.

Übersicht über antikapitalistische Transformationsmodelle

Der Begriff „antikapitalistische Transformationsmodelle“ umfasst sozialistische und nicht-sozialistische, militante und nicht-militante Varianten eines antikapitalistischen System- wandels und schließt zugleich alle „reformistische“, sozialdemokratische Lös- ungen aus, die innerhalb des kapitalistischen, liberalen Systems gesucht werden. In einem ersten Überblick über das „Angebot auf dem Markt der Theorien“ beschränken wir die Auswahl auf wichtige Modelle. Anschließend wird eine Würdigung von maßgeben- den Theorien im Hinblick auf ihre Eignung in der Anwendung auf heute versucht. Dabei fällt dem „historischen Subjekt“, dem „revolutionären Agenten in der Menge“ die Schlüsselrolle zu.

Theorien ranken sich um Personen, obwohl historisch gesehen die revolutionären Mas- sen als „anonymes Volk“ in der Praxis dominierten und oft auf die Theorie zurückwirkten (Pariser Kommune, Rätesysteme der Sowjets und des deutschen Reiches, 68-Beweg- ung). Sozialistische Staaten Lateinamerikas erfassen die Praxis ihrer Machteroberung und Bewahrung begrifflich in den „Sozialismus des XXI. Jahrhunderts Lateinamerikas“. Ihre Praxis wird zur Theorie (2).

Im Folgenden werden zwölf Modelle und ihre praktische Umsetzung näher untersucht: Marx, Lenin, Luxemburg, Mao, FARC-Kolumbien, Sozialismus des XXI. Jahrhunderts La- teinamerika, analytischer und offener Marxismus, Lara-Modell, Holloway-Modell, um ab- schließend ein mögliches Modell der antikapitalistischen sozialen Revolution in Europa darzustellen. In einer ersten kurzen Übersicht unterscheiden wir zwischen klassischen und neuen, zwischen militanten und nicht-militanten, zwischen sozialistischen und anti- kapitalistischen Modellen in den kapitalistischen Zentren und ihrer „Peripherie“, vor und nach dem Eintritt der Weltkrise.

Klassische, sozialistische, militante Revolutionsmodelle

„Militant“ sind Modelle, die davon ausgehen, dass die Eroberung von Machtpositionen nicht ohne Gewalt von statten geht, wobei bürgerkriegsähnliche Folgen einkalkuliert werden. Frühsozialisten und anarcho-syndikalistische Bewegungen werden hier nicht behandelt, ebenso wenig die „Ableger“ der Sowjetunion in Osteuropa als Ergebnis des II. Weltkrieges. Für Europa zu erwähnen sind Marx-Engels, Lenin, Luxemburg.

Karl Marx und Friedrich Engels

sind die Begründer der Revolutionstheorie. Stichworte: Geschichte als Klassenkampf, Kapitalismus ist einerseits hochproduktiv und führt die Moderne in die Gesellschaft ein, andererseits bedeutet er Ausbeutung und Krise; er gebiert aus sich heraus seine Toten- gräber: das Proletariat. Die sozialistische Gesellschaft entfesselt die Produktivkräfte und entwickelt sich zum Kommunismus: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Leistungen.

Lenin

verbindet wie kein anderer Theorie und Praxis. In Stichworten:

Imperialismus als letztes Stadium des Kapitalismus, Krieg als Zuspitzung der Widersprü- che innerhalb des Kapitalismus. Die disziplinierte revolutionäre Kaderpartei der Bolsche- wiki führt Soldaten, Proletariat und Bauern zur Eroberung des russischen Staates. Über den Staat wird der Sozialismus in die russische Gesellschaft eingeführt, in Erwartung der Weltrevolution durch die hochentwickelten kapitalistischen Staaten.

Rosa Luxemburg

erweist sich als prophetische Analytikerin von Weltkrise und Revolution. In ihrem Haupt- werk: Die Akkumulation des Kapitals 1912 und in ihrer konzentrierten Überarbeitung, die sie im Gefängnis im 1. Weltkrieg verfasste, schrieb sie, dass sich der Moment nähert, wo die ganze Menschheit aus Arbeitern und Kapitalisten bestehe, eine Situation, in der eine weitere Expansion nicht und damit die kapitalistische Akkumulation nicht mehr mög- lich sind (3). Dies ist der Moment für eine neue Richtung der Geschichte. Der Antagon- ismus zwischen Klassen sowie die ökonomische Anarchie und die internationale Politik treiben die Verzweifelten zu dem Punkt, der die Rebellion gegen das Weltkapital provo- ziert, weit bevor die ökonomische Evolution ihre letzten Konsequenzen erreicht hat, die absolute und ausschließlich Beherrschung durch den Kapitalismus weltweit.

Klassische und moderne militante Revolutionsmodelle der „III. Welt“.

Die Mörderbande des Pol Pot Regimes in Kambodscha aus der links-extremistischen Gar- küche der Pariser Sorbonne-Universität schließen wir als nicht-sozialistisch aus.

Mao tse Tung und Ho Tschi Minh zählen zur klassischen, FARC-Kolumbien, Régis Debray, Che Guevara zur modernen Kategorie.

Mao und Ho Tschi Minh

organisierten nach dem Vorbild Lenins die kommunistischen Parteien ihrer Länder. Die Partei war der Rückgrat für lang andauernde bäuerliche Guerillakriege gegen einen technologisch überlegenen Gegner (Kuomintang, Japan, Frankreich, USA). Mao war wie Lenin Theoretiker und Praktiker zugleich, modifizierte aber entsprechend den bäuerlichen Verhältnissen seines Landes erheblich dessen Theorie, unter anderem indem er die dialektischen Grundsätze zum Maßstab seiner Ideen und seines Handelns macht (Maoismus). Er führt die Dialektik als Kriegskunst der Land-Guerilla ein: Zurückweichen wo der Gegner stark ist, Zuschlagen wo er schwach ist. Während der langen militärischen Auseinandersetzungen sollen die Kämpfer die Zustimmung des Volkes über die strikte Beachtung der sozialistischen Moral gewinnen, um im Volk wie ein Fisch im Wasser zu schwimmen.

Mao wandte die Dialektik selbstkritisch auf den historischen Prozess im Sozialismus an. Er hielt ein Scheitern des Projekts Sozialismus (in der Form einer rekursiven Wende) für möglich. Seine Kritik an den bürokratischen Entartungen des realen Sozialismus der Sowjetunion und aus Furcht vor einer Infektion im eigenen Land entfesselte er die „Kulturrevolution“. Mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu den USA (Nixon, Kissinger) und den „Scharmützeln“ an der chinesisch-sowjetischen Grenze macht er das Schisma innerhalb des „sozialistischen Lagers“ endgültig. Nach seinem Tod wird mit der Entmachtung der vier Vertreter der Mao-Ideen im Politbüro („Vierer-Bande“) das Mao-Experiment beendet und der kapitalistische Weg unter der Führung der kommunistischen Partei eingeschlagen.

(An dieser Stelle sei angemerkt, dass ein Transformationsmodell auch rückläufig angewendet werden kann – vom Sozialismus zurück zum Kapitalismus – was aber den Rahmen des Themas hier sprengen würde). Debray sowie Teile der 68-iger Bewegung sind Theoretiker der modernen Guerilla-Bewegung (Stadt-Land-Guerilla), die in Lateinamerika in Uruguay, San Salvador, Nicaragua seit den 60iger Jahren zeitweise die Form von Bürgerkriegen annahmen. Der bekannteste ihrer Praktiker ist Che Guevara.

Die FARC-EP, die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia-Ejército del Pueblo

ist heute die größte linke Guerilla-Bewegung weltweit (neben der kurdischen) und die einzige heute in Lateinamerika. Sie verbindet Theorie und Praxis, wie sich in den laufenden Friedensverhandlungen zwischen FARC und der kolumbianischen Regierung in Havanna (Stand Frühjahr 2013) anschaulich erweist. Die FARC, die nicht zufällig sich an das Kürzel der FAR, der kubanischen Revolutionsarmee, anlehnt, führt einen Guerilla-Krieg auf dem Lande, nachdem es der kolumbianischen Regierung weitgehend gelang, die FARC aus den Städten zu verdrängen. Sie will durch nachhaltigen Widerstand vor allem in dem riesigen Dschungelgebiet von der Größe Frankreichs die Regierung zu Verhandlungen zu zwingen, um die Landbevölkerung aus ihre Armut zu bringen und in den Städten eine echte Opposition aufzubauen.

Als Guerilla-Bewegung in einem kapitalistischen Schwellenland ist Kuba das „natürliche“ Vorbild der revolutionären Armee Kolumbiens. Angesichts des militärischen Verlaufs der jahrzehntelangen Auseinandersetzung ist allerdings die militärische Eroberung der Macht inzwischen aus dem Zielkatalog ausgeschlossen worden. Auch sonst sind Unterschiede zum alten kubanischen Revolutionsmodell erkennbar. Die FARC gibt sich traditionell einen „offiziellen“ Anstrich, indem sie mit Uniformen, Ranganzeichen, militärischen Aufmärschen in den von ihnen beherrschten Gebieten quasi als Parallelarmee und Parallelregierung zu den Regierungstruppen auftritt. Die deshalb erforderliche aufwendige Infrastruktur zur Versorgung der Zehntausenden revolutionären Soldaten hat Fidel Castro kritisiert, weil sie ein empfindliches Ziel für die Konterattacken der Regierung bieten. Auch zwingt der hohe Finanzierungsbedarf der Truppe zu zweifelhaften Rauschgifthandel und Geiselnahmen, die internationale Kritik nicht nur aus den USA an sich ziehen.

Neue nicht-militante sozialistische Transformationsmodelle vor der Weltkrise

Die säkularen Ereignisse der Weltkrise seit 2007 wirken als Zäsur. Mit dieser Teilung vor – danach soll den zeitlich vorangegangenen Modellen nicht ihre Bedeutung genommen werden:

Sozialismus des XXI. Jahrhunderts Lateinamerikas, 68iger Bewegung, Holloway-Modell, Lara-Modell.

Der Sozialismus des XXI. Jahrhunderts in Lateinamerika

ist in scharf-links schon ausführlich behandelt worden (4). In dem Abschnitt über das historische Subjekt werden wir darauf noch einmal zurückkommen. In dieser Übersicht beschränken wir uns auf wenige Sätze als Vermächtnis des verstorbenen Präsidenten Venezuelas, Hugo Chávez, auf dem globalen Sozialforum 2005 in Porto Alegre, Brasilien: „Unsere Zukunft kann nicht die Art des Sozialismus sein, wie wir sie in der Sowjetunion sahen. Wir werden unsere Energie in die Entwicklung neuer Systeme setzen, die sich in Kooperation, nicht in Konkurrenz auszeichnen. Wenn wir eines Tages die Armut im größten Teil der Welt beenden wollen, müssen wir den Kapitalismus hinter uns lassen. Aber wir können nicht für einen Staatskapitalismus optieren, dann wäre es dieselbe Verdrehung (des Sozialismus G.E.), wie wir sie in der Sowjetunion hatten. Wir müssen den Sozialismus als eine These, als ein Projekt und einen Weg proklamieren, dieses wird ein neuer Typ des Sozialismus sein, ein menschlicher Sozialismus, der seine Prioritäten in die Menschen setzt und nicht in Maschinen und in den Staat“. (5)

Das Holloway Modell

Spätestens seit seinem fulminant geschriebenen provokativen Buch: „Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen“ ist John Holloway zu einem der Repräsentanten der weltweit um sich greifenden revolutionären Wurzelbewegungen der lokalen Proteste, der Nicht-Regierungs-Organisationen, der ökologischen Bewegungen, kurzum der spontanen Erhebungen ohne Parteianbindung gegen den Kapitalismus geworden, ob in Argentinien (Milagro Sala), in Südafrika (Abahlali base Mjondolo), Mexiko (Zapatistas), Europa und Nordamerika (Occupy Wallstreet) (6). Es ist die radikalste Absage an Lenins Staatseroberungstheorie.

Frustriert durch das vergebliche Anrennen gegen den Neoliberalismus vor der Weltkrise schreit Holloway ein trotziges Nein! gegen alles, was bisher den in Parteien strukturierten traditionell staatsorientierten linken Bewegungen lieb geworden ist: Nein gegen den Staat als Organisation, nicht nur als Machtträger, weil der Staat korrumpiert. Nein gegen die Suche nach der Macht, um Ziele zu erreichen, weil die Akzeptanz der Logik der Macht auf die Kapitulation vor der Macht hinaus läuft. Nein gegen alte Parteien, weil sie Repräsentanten des kapitalistischen Systems sind – der italienische „Komiker“ Grille lässt grüßen. Nein zum Kampf um die Identität und nationale Befreiung, weil dieser Kampf nichts anderes gebracht hat, als die Unterdrückung des Aufschreis gegen die Unterdrückung.

Dem Nein setzt er das Ja in zwölf Thesen über die allgegenwärtige Gegenmacht zum Kapital aus den weltweit operierenden Wurzelbewegungen entgegen, die sich selbst organisieren, von den bolivianischen Minenarbeitern, über Berliner Politfolklore am 1. Mai, Robin Wood Aktivisten vom Münchener Josephsplatz und Netzpiraten mit ihrem Tablet- Computer einschließlich gnadenloser Expertise bis zur landlosen Arbeiterbewegung in Brasilien und der Namada Bachao Andolan in Indien (7). In diesen Bewegungen vermischen sich sozial orientierte „Wir-Bürger“ mit „Ich-Bürgern“ auf dem Ego-trip, oft zu einem unentwirrbaren Knäuel. Eine kritische Würdigung erfolgt bei der Behandlung der Rolle des historischen Subjekts im Holloways Modell.

Das Lara-Modell der „Abwicklung des Kapitals“

Der 33-jährige Kubaner Yoandris Lara hat einen interessanten theoretisch-methodischen Konzeptentwurf zur Auflösung und Rückentwicklung des Kapitalismus und des Übergangs zum Sozialismus vorgelegt, der im Sinne eines modernen ökonomischen Tableaus (Matrix) mit Statistiken, Tabellen, Variablen die Vielschichtigkeit des Kapitalismus aufzuzeigen versucht, was sich hier – auf das rein Textliche beschränkt – schwierig wiedergeben lässt. Mit seinem Modell will Lara offensichtlich – wenn auch ungesagt – das militante Guerilla-Modell Kubas mit der Strategie des Sozialismus des XXI. Jahrhunderts Ecuadors, Venezuela, Bolivien verbinden, die auf das Regime der armen Mehrheit über demokratische Wahlen setzt. Er bezieht sein Modell auf die „Peripherie“ der kapitalistischen Länder – ohne genau zu benennen, welche diese sind. Da diese aber vom globalen Kapitalismus bestimmt werden, ist seine Theorie überwiegend auf den globalen Kapitalismus abgestellt.

Seine analytische Grundlage ist das synthetische System der „langen Wellen“ im historisch Auf und Ab des Kapitalismus im sich gegenseitig bedingenden Wechsel von Wachstum und Krise, daher „synthetisch“. Er hält sich aber nicht strikt an die Analyse von Nikolai Kondratieff, sondern erarbeitet sich seine eigene Statistik. In der Zeit von 1870 bis 1999 unterscheidet er zwischen zwei langen produktiven Perioden des prosperierenden globalen Waren-Marktes und zwei negative, die durch den globalen Markt der spekulativen Finanzen bestimmt sind.

Das moderne Matrix- und Parametermodell von Joandris Lara

Sein Konzeptentwurf geht von drei Achsen aus: der historischen Form des privaten kapitalistischen Eigentums, der historischen Profitrate sowie der Achse von einer Gruppe von Variablen. Diese in sich verschränkten Variablen sind erstens die Entscheidungszentrale der Akkumulation des sozialen Kapitals, wobei er unter soziales Kapital die prozessuale Interaktion – daher „sozial“ - der Produktion in der Kombination von Kapital und Arbeit im Sinne von Marx versteht. Zweitens: der ökonomische Einfluss des Staates; drittens: das Wesen und die Rolle des internationalen Geld- und Finanzsystems sowie die soziale, politische und institutionelle Struktur. Die drei Achsen beeinflussen sich dialektisch in der Weise gegenseitig, dass sie im produktiven oder negativen (depressiven) Stadium mit sinkender globaler Profitrate auf die „wichtigen Prämissen“ (premisas materiales) einwirken, die in der unproduktiven Phase zum Sozialismus führen könnte.

Dynamisierung des Marxschen Modells durch Lara

Modern ist dieses Modell (gegenüber denen der Klassiker wie Marx und Luxemburg), weil es nicht nur auf Gleichungen von strukturellen schematisch-linear vermittelten Identitäten beruht, sondern variable Funktionen als Verknüpfungen im Matrixnetz einfügt, die zu einer „Dynamisierung“ des Marxschen Grundsystems führt, wie es schon Eduard März in dem Vorwort zur Neuausgabe von Rosas Werk Akkumulation des Kapitals in der Ausgabe des Verlages neue kritik gefordert hat. (8).

Zu den Prämissen zählt auch das historischen Subjekt – worauf noch einzugehen ist -, das die Möglichkeit erhält, in der langwelligen depressiven Phase – dominiert durch das spekulative Finanzkapital – den Kapitalismus „abzuwickeln“. Ein interessantes Bild: in seiner dysfunktionalen Phase erfährt das Kapital einen Rücklauf, die Geschichte wirkt als Konkursverwalter, die den Kapitalismus wie einen in die Pleite gehenden Konzern abwickelt, seine Filetstücke selektiert, den schlechten Teil (bad bank) in seine Teile zerlegt, das fixe Kapital zerschlägt und sich des variablen (Arbeitnehmer) entledigt. Aus den Trümmern entsteht das Versprechen, in einen neuen Wendepunkt der Prosperität einzumünden, wenn nicht die Massen die Geduld verlieren und revolutionierenden Einspruch erheben

Innerhalb der beiden Formen der langen Welle, in denen der Kapitalismus funktioniert oder nicht, unterscheidet er vier Phasen mit konträren Wirkungen. Für die dysfunktionale, zerstörerische Welle, die an das vorangegangene ansetzt, als das Kapitals noch funktionierte, gilt folgendes: Erste Phase: Globales kommerziell produktives Modell als Nachhall auf die vorangegangene produktive Zeit des Kapitalismus. Der Staat ist dem Keynesianismus verpflichtet. Zweite Phase: Übergang zur spekulativen Finanzdominanz löst strukturelle Krise aus. Die globale Profitrate beginnt zu sinken. Dritte Phase: Höhepunkt der dysfunktionalen Krise durch spekulative Finanzwelt und Neoliberalismus des Staates. Es eröffnet sich die Chance der Transformation zum Sozialismus. Vierte Phase: Falls die Transformation fehlschlägt, Übergang zu einer neuen langen Welle der Prosperität. Die Akkumulation steigt, und mit ihr und sie unterstützend steigt die globale Profitrate, die eine Achse des Modells darstellt, eine neue Generation von Produktivkräften beginnt zu wirken.

Kritisch ist zu sagen: Die statistische Erfassung sämtlicher Bilanzgewinne, die sich zu einer durchschnittlichen gesamtwirtschaftlichen Profitrate aufsummieren ließen, ist bisher fehlgeschlagen, was auch mit den Manipulationen des Kapitals zu tun hat, dem Staat Gewinnsteuern zu hinterziehen, zum Beispiel über willkürliche Annahmen des „Firmenwertes“ in den Bilanzen. Zieht man die Kapitalisierung börsennotierter Unternehmen heran – Aktienkurs x Zahl der Aktien, um den Substanzwert von Unternehmen zu erfassen – kann zu Beginn einer generellen Krise, die mit der Finanzkrise startet, durch die Flucht in Sachwerte – wozu auch Aktien zählen – der börsengängige Kapitalwert sogar steigen, was 2012/13 an den deutschen Börsen zu beobachten ist. Dieser kompensatorische Prozess ist beendet, wenn die Finanzkrise auch auf die Industrie überschlägt.

In der Akkumulation als der zweiten Achse des Lara-Modells wirken widersprüchliche Elemente innerhalb der produktiven Phase der Welle: Indem sich die soziale Produktion entfaltet, verbessert sich der Nährboden für das historische Subjekt. Zugleich festigt aber das Privatkapital seine ökonomische und soziale Dominanz.

Die Weltkrise setzt der Theorie der langen Wellen im globalen Kapitalismus ein Ende.

Die jüngere negative Wellenkurve im Lara-Model ist bis 1998 gezogen worden. Bei einer Prolongation würde sie ab 2007 auf das Phänomen der Weltkrise stoßen, das keine erneut aufsteigende Wende mehr erlaubt, weil diese Krise die merkantile und finanziellen Seiten des Kapitalismus erfasst und die die Zyklen betreffenden Aussagen des Lara-Modells erheblich einschränkt, wenn nicht außer Kraft setzt. Die Weltkrise zerstört alle Modelle, die auf kurz- oder lange Wellen aufgebaut sind. Es ist nicht schade um sie. Nichts wäre demotivierender für eine Transformation als die Aussicht auf einen Wiederaufstieg des Kapitalismus – wie es alle diese Theorien beinhalten. Was vermag eine Revolution, wenn die Erwartung existiert, dass sich das Kapital von seiner Krise erholt? Auf diesem wohltemperierten Klavier hämmern seit dem Beginn der Weltkrise alle Protagonisten des deutschen Zentrums des europäischen Kapitals, von der Regierung bis zu den Forschungsinstituten, statt die Akkorde zur Götterdämmerung zu intonieren.

Ähnlich kontraproduktiv auf das historische Subjekt wirken sozialistische ökonomische Modelle der kurzen und langen Wellen, wenn sie die Wendepunkte in der kapitalistischen Fieberkurve aus „Unterkonsumtions- oder Überinvestitionstheorien“ ableiten. Solches legt die Position der „Revolutionären Initiative Ruhrgebiet“ nahe (9). Das Umgekehrte ist der Fall: Die hochindustrialisierten Staaten weisen eine strukturell zu geringe Investitionsrate im Verhältnis zum Sparkapital auf. Das Merkel-Sparprogramm ruiniert die nationalen Ökonomien und die Kreditklemme würgt die Wirtschaft ab. Da hilft auch auf Dauer kein „quantitative easing“, keine Geldschwemme der Europäischen Zentralbank durch Aufkauf von Staatsanleihen, die an die Rückzahlung von Schuldnerländern gebunden sind, die dieses Versprechen nicht einlösen können.

Die permanente Revolution von Leo Trotzki?

Auch hier gilt: Mit dem „ewigen“ Auf und Ab des Kapitalismus müsste eine „permanente Revolution“ korrespondieren; ein ständiges – vergebliches - Anlaufen gegen das Kapital wäre die fatale Konsequenz. Es wäre eine Überforderung an die Geschichte. Diese permanente Revolution ist nicht mit der von Leo Trotzki zu verwechseln, die er in seinem Buch: „Die permanente Revolution“ von 1929 dargestellt hat: „Die sozialistische Revolution beginnt auf nationalem Boden, entwickelt sich international und wird vollendet in der Weltarena. Folglich wird die sozialistische Revolution in einem neuen, breiteren Sinne des Wortes zu einer permanenten Revolution: sie findet ihren Abschluss nicht vor dem endgültigen Siege der neuen Gesellschaft auf unserem ganzen Planeten“. Ähnliche Vorstellungen hatte auch Rosa.

Aber mit der Wellentheorie wird der Wissenschaft noch ein letzten Dienst geleistet. Aus der Erkenntnis der Beschränktheit alter Modelle lässt sich die Realität des absolut Neuen, das Singuläre, entnehmen, das Schwarze Loch, das sich mit der Weltkrise auftut und die lange Welle verschlingt. Trotz dieser Einschränkung lohnt es sich, näher auf Lara einzugehen, weil dieser – orientiert an Marx - aus einer genaueren historischen Analyse des Auf und AB des Kapitalismus modellmäßig die langen im Kapitalismus wirkenden Bausteine für sein Modell extrahiert hat, die vielleicht auch zukünftig eine – wenn auch partielle – Wirkung entfalten könnten. Und das Matrix-Modell mit seinen Variablen ist flexibel genug, um durch die Aufnahme von aktueller Empirie Bausteine zu ergänzen und die Variablen neu zu adjustieren.

Neue nicht-sozialistische, nicht-militante antikapitalistische Transformationstheorien vor und nach der Weltkrise

Angelsächsisches Modell des analytischen und offenen Marxismus, die Theologie der Befreiung Lateinamerikas, Frankfurter Schule,... haben das – unverschuldete - Manko, dass ihnen die Erfahrungen der fundamentalen Krise ab 2007 fehlen und somit die Einsicht in die aktuelle und profunde Krisenhaftigkeit des Kapitals. Ihre theoretischen Entwürfe sind aber nicht verloren, sondern münden ein in die neuen Fragestellungen, die sich zu einem Entwurf der zukünftigen Formation eines antikapitalistischen Widerstandes bündeln

Zukünftige Formation eines antikapitalistischen Wiederstandes.

Theoretische Beiträge über politische Protestbewegungen zur Euro-Krise, zur Finanzkrise, zu linken Welt-Foren.... sind Teilaspekte, die in einem Kontext zusammen gefasst werden müssen, wenn sie das Kriterium einer Theorie erfüllen wollen. Zur Euro- und Weltkrise liegen genug kritischen Beiträgen vor, und es werden immer mehr. Es wird Zeit, sie zu theoretischen Konzepten zu bündeln, wie es sie in der europäischen Tradition der Linken seit Marx gibt. Teilaspekte der Euro- und der Wallstreet-Welt, erste Erfahrungen zu Auflehnungen in Griechenland, Italien Spanien, Zypern oder auch Deutschland liefern Primär-Materialien ('materia prima') für theoretische Ansätze der Transformation.

Im Prozess des ökonomischen Abstiegs des europäischen Kapitalismus werden folgende Prämissen über den zukünftigen Weg des Kapitalismus gemäß der Philosophie von Marx über das Mögliche gesetzt: Der Spätkapitalismus ist am Ende. Eine zyklische Erholung aus der Krise gibt es nicht mehr, auch wenn das die Propheten des Kapitals (und viele Sozialisten) nicht akzeptieren wollen. Der kapitalistische Zyklus kann nicht immer währen. Eine neue Bewertung der Kapitalbewegungen findet statt. Seine Irrationalität wurde bisher zumeist auf sein System als Ganzes bezogen, nicht unbedingt auf seine einzelnen Parameter. Bisher galt: Innerhalb seines Regelmechanismus der betriebswirtschaftlichen Kalkulation und Finanzierung von Abschreibungen und Investitionen, der Profitmaximierung, der einzelwirtschaftlichen Beschaffungs- und Absatzpolitik folgten die Unternehmen logischen Gesetzen der temporären Systemerhaltung, sie folgten keiner Willkür, ansonsten hätte Marx nicht die „Gesetzmäßigkeit“ der Kapitalakkumulation entschlüsseln können. Aber wie die Finanzkrise als Teil des gesamten Systems beweist, kann sich das Irrationale auch in einzelnen Parametern wie der Geldwirtschaft und als Folge davon in der Kapitalakkumulation der Realwirtschaft durchsetzen. Das bisher partiell Rationale wird durch das Chaos-Total ersetzt, das die Schwelle zu einem Systemumbruch signalisiert.

Der ewige Zauderer Lafontaine als Prototyp von Sozialisten

Der Staat ist durch die Ideologie des Kapitals, den Neoliberalismus, in den letzten 15 Jahren vereinnahmt worden. Wenn über die Raffke-oder Raffzahn-Mentalität bayerischer Landtagsabgeordnete geklagt wird, die sich unverfroren den Staat als Beutestück vereinnahmt haben, wird übersehen, dass der Staat schon seit langem Beute des Kapitalismus ist. Wenn in jüngster Zeit der Staat gegen Steuersünder (Hoeneß), Off-shore-Paradiese und zyprisch-russische Geldwäscher seine Zähne zeigt, so ist es mehr ein symbolisches Fletschen. Keine Angst, er beißt nicht zu, das verhindert der Nicht-Beiß-Reflex innerhalb der Familie. Die Clanvorstände Frau Merkel und Herr Hollande zanken sich über Petitessen – mehr nachfrage- oder angebotsorientiert – aber die kapitalistische Grundstruktur, das private Eigentum an Produktionsmitteln, die Profitorientierung, die Markthegemonie setzt sich immer mehr durch. Krisenbekämpfung nennt sich dies. Griechenland verscherbelt seine Staatsbetriebe wie den hochprofitablen Wettanbieter OPAP an einen privaten tschechischen Oligarchen. Hollande wird genötigt, von einem „patriarchalisch-fürsorglichen Rundumversorgungsstaat“ (SZ 7. Mai 2013) Abschied zu nehmen. Die kapitalistische Logik führt dazu, die Lasten der Krisenbekämpfung einseitig der Bevölkerung aufzubürden, was die Krise weiter vertieft.

Ein Linker wie Lafontaine - und mit ihm seine Freundin Wagenknecht - stellt sich nicht den zentralen Fragen des Kapitalismus, sondern zerfranst sich in bürgerlichen Logiken über das Ausscheren aus dem Dollar-Raum. Er verkriecht sich resignierend in seinem kleinen Saarland, weil der ewige Zauderer sich selber im Wege steht (10). Der totale Umbruch des Systems, der Paradigmenwechsel, soziale Unruhen stehen vor der Tür, vor denen viele „warnen“ - als wenn das Ende der kapitalistischen Praktiken nicht ein Segen wäre. Was tut Oskar? Er will auf den großen historischen Bruch nicht mit dem seiner Biographie (SPD-Chef, Finanzminister, Hedonist der Postmoderne, Heilsbringer der Linken) antworten. Ist es Feigheit oder Klugheit? Der staatsorientierte Lafontaine weiß, dass dieser – sein - Staat durch hilflose Rettungsmaßnahmen finanziell ausgeblutet ist und nichts mehr in der Hand hat, um gegenzusteuern. Die Chancen einer breiten antikapitalistischen Formation sieht er nicht. Darin ähnelt er anderen Linken. Verzagt will er nicht aus dem kapitalistischen Gebäude heraus treten und noch einmal etwas riskieren, zum letzten Mal in seinem Leben. Er ist zu müde geworden, die Revolution zu wagen. Als Alternative zur Rettung innerhalb des kapitalistischen Systems setzt er auf flexible Wechselkurse und ist inhaltlich einig mit der rechten Bourgeoisie der Alternative für Deutschland. Aber indem er sich an Rezepte innerhalb der kapitalistischen Logik hält, verheddert er sich. Er übersieht, dass Großbritannien mit seinem flexiblen Pfund in der gleichen Malaise steckt wie einige Länder der Euro-Zone.

Systemimmanente Lösungen greifen zu kurz

Lafontaine springt zu kurz, angesichts der möglichen Option, dass sich das Chaos rasch ausbreitet und die Krise allumfassend zu schlägt. Sie erfasst nicht allein Griechenland, Spanien oder Italien sondern ist dabei, auch die industriellen und finanziellen Kernländer Frankreich und Großbritannien zu packen. Deutschland wird nachfolgen. Eine früher für unmöglich gehaltene Vision gewinnt Gestalt: Die innereuropäischen Exporte brechen zusammen, Deutschland holt die Entindustrialisierung Englands nach.

Das Flaggschiff der deutschen Industrie, die Automobilwirtschaft, ist in Turbulenzen geraten. Die Konzernkapitäne von Audi und VW rechnen mit einer „Durstzeit“ von fünf Jahren. Und es wird noch schlimmer. Der vom Keynesianismus beschriebene und von den Austerity-Programmen herbei geführte Absturz der Investitionen führt zu selbstverstärkenden Prozessen in der gesamten Wirtschaft. Wo endet der Absturz? Als eine mögliche Auffangstelle kann der „Basis-Konsum“ bezeichnet werden, die Versorgung der Bevölkerung mit lebenserhaltenden Gütern wie nach dem II. Weltkrieg in der Britischen Besatzungszone. Diese Grenze liegt bei geschätzten 30 Prozent des jetzigen Bruttonlandprodukts, darunter fängt der Hunger an. Griechenland hat „erst“ 50 Prozent des alten Standes auf dem Weg nach unten erreicht, da ist noch einiges Wasser unter dem Kiel des Staatsschiffes, bis die absolute „Sollbruchstelle“ des Kahns erreicht ist. Die antikapitalistische Gegenwehr aus der Zivilgesellschaft muss die Kommandobrücke besetzen, um den Kurs vor dem totalen Crash zu ändern.

Neue theoretische Ansätze für den Transformationsprozess

Wenn die Totalität des (möglichen) Transformationsprozesses in abstrahierender und möglichst erschöpfender Weise erfasst und in seiner dialektischen Verschränkung dargestellt wird, sollte zuvorderst offen gelegt werden, welche Plattformen und Methoden man sich bedient. In der hier vorliegenden Vorgehensweise wird auf Marx zurück gegriffen, ergänzt um einige wissenschaftlich-philosophische Angebote der heutigen Zeit (11). Z. B. kommt die Systemtheorie von Luhmann, der Paradigmenwechsel von Kuhn sowie der analytische und offene Marxismus zum Tragen. Das betrifft den Einbau von philosophisch oder soziologisch gewonnenen Teilbausteinen (Parameter) in eine Theorie, um aus den Interfunktionen dieser Parameter das System zu einem schlüssigen Ganzen zu machen, das sich selbst trägt (Systemtheorie), das aber auch „Anomalien“ in sich trägt, die auf Veränderungen drängen (Paradigmenwechsel). Dieses „Sich-selbst-Tragende“, das Grundelement dessen, was „Leben“ seit der ersten Amöbe ausmacht, gilt für die Praxis und das Theorie-Modell gleichermaßen.

Der Transformationsprozess selbst muss in seiner Bewegung als ein System gesehen werden. Der geschichtlich reale Transformationsprozess muss sich aus seiner inneren Dynamik heraus selber tragen, weil er ansonsten zusammenbricht, da er von „außen“ keine Unterstützung erfahren kann. Diese innere Dynamik konkretisiert sich im historischen Subjekt, das aus dem Alten kommt und Neues erstrebt. Der geschichtlich reale Transformationsprozess wird in dem Theoriemodell abgebildet, das von realen Elementen nur soweit abstrahiert wird, dass es aussagekräftig bleibt. Die Einheit von Theorie und Praxis muss immer wieder angesichts neuer Erfahrungen „nach-adjustiert“ werden. Die Theorie kann den Schlüssel dazu bieten, Systeme wie den Kapitalismus zu „entschlüsseln“, seine inneren Widersprüche, seine Dynamik, wie Marx es getan hat. Aber mehr als das. Mit dem entschlüsselten Code eines Systems in der Hand kann auch der Prozess des Umbruchs in einen anderen gesellschaftlichen Zustand (Paradigmenwechsel) erfasst werden, allerdings - im Gegensatz zur Naturwissenschaft - nur annäherungsweise.

Im Prozess der Transformation eröffnet sich ein neues Terrain, das zwar noch von dem Impuls des alten Systems getragen wird – dessen „Anomalie“ aber durch das Aufbrechen des alten Systems nach „außen“ neue Elemente aufnimmt, die in einem „Prozessmodell“ mit berücksichtigt werden müssen. Als Katalysator fällt dabei dem „geschichtlichen Subjekt“, den „Akteuren in der Masse“ eine entscheidende Rolle zu (12). Auch das geschichtliche Subjekt lässt sich modellmäßig noch erfassen, aber mit einer zunehmenden Unschärfe, je weiter es sich nach seiner Erfassung in die Zukunft hinein bewegt.

Die Analogie zu Heisenbergs Quantentheorie bietet sich hier an. Ein Elektron kann in der Bewegung an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit sein. Erst seine Messung legt seinen Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt fest. Nach dem Abschluss eines Transformationsprozesses wird die große historische Lehre gezogen. Aber aufgepasst! Dieser Zeitpunkt bietet die Gelegenheit für die „große, geschichtliche Lüge“: In der Nachbetrachtung einer erfolgreichen Transformation werden die Winkelzüge, Brüche, Anomalien, Wendungen zu einem Kranz der Gloriose zusammen gebunden und einem Cäsaren aufs Haupt gesetzt, der dank seiner Tatkraft und seiner Übersicht zum Steuermann der Geschichte mystifiziert wird.

Analytischer Marxismus als wissenschaftlicher Standard für Modelle der Transformation

Neben Marx, der Systemtheorie und dem Paradigmenwechsel benennen wir den „analytischen Marxismus" als eine weitere mögliche Basis für Wissenschaftlichkeit. Der in Kontinental-Europa lange unbeachtet gebliebene angelsächsische „analytische Marxismus“ hat noch vor dem Fall der Berliner Mauer sich bemüht, die „Wissenschaftlichkeit“ des Marxismus „wieder herzustellen“, in einer für orthodoxe Marxisten haarsträubenden Weise: Um das wissenschaftliche Werk von Marx von seinen Verfälscher, Epigonen, Scharlatanen im „Marxismus“ zu befreien, finden Aspekte der – bürgerlichen – Philosophie dort Berücksichtigung, wo interne Widersprüchlichkeiten den philosophischen Feinden wie Popper oder Hayek willkommene Nahrung boten, Marx als falschen und altbackenen Philosophen in die ungelesenen Ecke der Uni-Bibliotheken der westlichen Welt zu stellen. Das bezieht sich zum Beispiel auf die Begründung der Ausbeutung bei Marx im Rahmen des Wertgesetzes, eines der wichtigen Bausteine (Parameter) im Modell des Kapitalismus von Marx.

Die Kritiker waren nicht Gegner von Marx, es waren italienische Marxisten in der Gefolgschaft von Piero Sraffa, einem Ökonomen der Neo-Ricardo-Schule, die eine uferlose Debatte ausgelöst haben, inwieweit sich Marx Wertgesetz in relative Preise umsetzen ließe (13). Mit der Infragestellung des Wertgesetzes wird eine ganze marxistische Argumentationskette in Zweifel gezogen. Die pragmatische Lösung der Angelsachsen: Allein das Postulat der Hegemonie des Privateigentums reicht aus, um die Ausbeutung widerspruchsfrei zu begründen.

Ein anderes - extremes - Beispiel ist der Einsatz der Spieltheorie als theoretisches Vehikel für die rationale Umsetzung individuellen Verhaltens in ein homogenes Verhalten der Massen zum Nutzen aller durch den analytischen Marxisten John Roemer (14). Marx geht von einem grundsätzlich positiv solidarischen Verhalten der Individuen mit gemeinsamen Interesses (Proletariat) aus, eine bei Anthropologen, Soziologen und Historikern umstrittene These. Der theoretische Begründer des heutigen Liberalismus, Adam Smith und sein späterer neoliberaler Vertreter Hayek, betonen hingegen die unzweifelhaft egozentrische Natur der Individuen, die sich auf dem Markt treffen und den naturgegebenen Antagonismus zwischen Individuum und Menge in optimaler Weise auflösen, indem zu einem Gleichgewichtspreis die meisten Anbieter und Nachfrager zu ihrer Zufriedenheit zusammen kommen.

Marx und Spieltheorie zu vereinen, um die Widersprüche mit der modernen Anthropologie aufzulösen – das war vielen Vertretern des analytischen Marxismus wie Alex Callinicos nun doch zu viel. Obwohl logisch in sich konsistent, verträgt sich seiner Meinung nach dieser „Spielbaustein“ nicht mit anderen Kriterien der Theorie der Transformation, in diesem Fall die Erkenntnis, dass der Übergang zu einem neuen gesellschaftlichen Zustand das aktive Mitmachen vieler verlangt, also das historische Subjekt, was konträr zu einer spielerischen Abzockerei steht.

Das Prinzip der logischen Konsistenz und die kohärente Logik

Nach Meinung des analytischen Marxisten Alex Callinicos, Mitglied des Zentralkomitees der sozialistischen Arbeiterpartei Englands, reicht das rein formale Prinzip der logischen Konsistenz eines Bausteins einer Theorie allein nicht aus, wie es oft von der Erkenntnistheorie gefordert wird. Sie hat der kohärenten Logik zu folgen, anders formuliert, die logische Konsistenz darf nicht im konträren Widerspruch zu den (ethischen) Zielen der Theorie stehen (15). Transformation der Gesellschaft als Ziel und Spieltheorie als Mittel vertragen sich nun einmal nicht. Hier liegt die Grenze einer möglichen Anbiederung von marxistischen Harvard-Berkeley-Yale-Professoren wie Roemer an Popper und Hayek. Andererseits kann es der generellen Adaption einer Theorie hilfreich sein – wie im Fall der Ausbeutung - problematisierte Argumentationsketten von Marx zu verkürzen, um sich nicht in heillose textsemantische Verstrickungen zu begeben und sich gegenüber Gegnern des Marxismus vermeidbare Blößen zu geben. Es geht darum, den Begriff „Ausbeutung“ so verständlich zu definieren, dass auch nicht ausgefuchste Marxkenner ihn akzeptieren können. Breiteres Verständnis zu gewinnen, ist der Schritt von akademischer Besserwisserei zur politischen Überzeugungsarbeit.

Zu den bisher behandelten Kriterien einer wissenschaftlichen Theorie fügt Callinicos noch einige weitere hinzu: Nach ihm sollen die „Ansätze zur Theorielösung ihrer hermeneutischen Kraft folgen“. Ein schwieriges Thema. Darunter kann verstanden werden, dass wie bei Marx in dessen Ansätzen zur Analyse des Kapitalismus – also in dem neuen, von Marx erarbeiteten Begriffsapparat - schon die Kritik am Kapitalismus angelegt ist, was die bürgerliche Philosophie zu wütenden Reaktionen verleitet, weil sie das neutrale Postulat der Wissenschaft verletzt sehen, obwohl sie selber ideologisch belastete Begriffe wie „Markt, Gewinn, Eigentum“ aus dem Akkumulationsprozess des Kapitals heraus lösen und für wert- und somit machtfrei deklarieren. Für Callinicos ist die Autonomie der wissenschaftlichen Untersuchung bei der Auswahl des Themas sowie die Hinzuziehung der Materialien, kurz die Freiheit der Wissenschaft, Bestandteil von Wissenschaft. Gerät die Theorie in den Einfluss dezidierter Macht – was bei Revolutionsthemen oft gegeben war und ist - wird die Wahrheit verbogen (Foucault).

Empirie und Selbstkritik als Elemente linker Theoriemodelle

Ein weiteres wichtiges Element ist die empirische Bestätigung der Theorie, historisch, soziologisch, anthropologisch und endlich ihre Einbettung in vorherrschende kulturelle Strömungen, spezifisch oder global, um ihren Stellenwert in der Gesellschaft und in der „Weltgemeinschaft“ abzuschätzen.

Die Autoren sollten eine Vorstellung über die Wirkungskraft ihrer Theorie haben und welche Folgewirkungen sich aus ihr eventuell ableiten ließe. Sie sollten aus ihr heraustreten, um einen kritischen Blick auf ihr eigenes Werk zu werfen. Aus dem Blickwinkeln der Orthodoxie ist die eklektische Methode ein Graus, wie sie hier angewandt wird - das Hinzuziehen von „bürgerlichen“ Theoreme, die ihre Bürgerlichkeit in dem Augenblick verlieren, wo sie im Dienste der gesellschaftlichen Transition gestellt werden. Jede neue Theorie steht auf den Schultern von alten. Lenin und Mao nicht nur auf denen von Marx, sondern sie greifen in der Anwendung der Dialektik in ihren Revolutionsmodellen direkt auf den preußischen Professor Hegel zurück, der seinen vom romantischen Geist beseelten Landesherren in die Nähe des Weltgeistes rücken wollte.

Der verbürgerlichte Habermas

Anders als bei den Naturwissenschaften, wo es letztlich nur empirisch nachvollziehbare Experimente mit eindeutigem Ergebnis geben kann, hat es unser Modell mit der „komplexen Unschärfe“ des historischen Subjekts zu tun. Aus diesem Grund kann Gesellschaftstheorie nicht - und soll auch nicht - total sein. Der Mut zu Lücken ist gefordert. Die komplexen Zusammenhänge lassen viele Fragen offen, die eine Theorie erst dialogfähig macht. Der frühere Jürgen Habermas lässt grüßen, der aber mit seinen 83 Jahren zunehmend verbürgerlicht, wie seinem jüngsten Auftreten am 25. April in der belgischen Universität Löwen oder Leuven zu entnehmen ist, wo er am 25. April über die neue Hegemonie Deutschlands bramarbasierte, wenn man der Süddeutschen Zeitung glauben soll. Deutschland sei verpflichtet, seine Rolle von Verantwortung und Solidarität zu übernehmen, die ihm aus seiner Ökonomiemacht (und den Schwächen der anderen) zugewachsen sei. Das Schlimmste was passieren könnte, wäre ein Deutschland, das wie zu Bismarcks Zeiten einen fatalen halbhegemonischen Status einnimmt, zu schwach, um den Kontinent zu dominieren, zu stark, um sich einzuordnen. Da braucht es mehr Deutlichkeit im Auftreten, Frau Bundeskanzlerin! Es ist besser, dass am deutschen Wesen Europa mal wieder genesen soll, als sich durch ein unentschiedenes Auftreten zwischen die Stühle zu setzen.

Offener Marxismus hält den Dialog offen.

Die Beschäftigung mit dem historischen Subjekt hat es mit seiner „komplexen“ Unschärfe zu tun, wie Individuen sich zur revolutionären Masse vereinen. Wie die kompendienhafte Übersicht in diesem Artikel ergibt, ist sein Handeln in dem bunten Spektrum variierender Kulturen eingebettet, was ein einheitliches Handeln auf globaler Ebene erschwert. Aus diesem und anderen Gründen kann eine globale Gesellschaftstheorie nicht ein total in sich geschlossenes System sein. Nicht nur der frühe Habermas sondern auch Adorno lassen grüßen (16). Erst seine Offenheit ermöglicht den Dialog, aus der sich die Weiterentwicklung des Marxschen Systems des 19. Jahrhunderts zu heute ergibt. Allerdings darf das System nicht so offen sein, so dass es in die Beliebigkeit abdriftet.

Kierkegaards innere Verzweiflung gegen die Unbekümmertheit Lateinamerikas

Allen hier behandelten Modellen ist gemeinsam, dass das historische Subjekt über Ausmaß und Richtung der Transformation entscheidet. Das historische Subjekt - die geschichtsformenden Akteure in der Masse - ist historisch aus der „Überwindung des unterdrückten Subjekts“ als Sklave oder Leibeigner entstanden (Hinkelammert). Sozialisten Lateinamerikas halten sich nicht lange mit der „stillen Verzweiflung“ und mit den „existentiellen Zumutungen“ auf, mit denen sich Europäer in der Schule des Dänen Kierkegaard konfrontiert sehen, dessen 200. Geburtstag 2013 als ein Begründer der Moderne gefeiert wird. Nach Lara gibt es naturwüchsig ein „revolutionären Potential“ in Lateinamerika, wobei der Kubaner in dem klassischen marxistischen Modell von Marx und Lenin seine eigenen dynamische Elemente einbaut. Der Sozialismus des XXI. Jahrhunderts setzt erfolgreich auf die Armen in präsidialen demokratischen Systemen. Aber wie steht es mit dem alten Kontinent mit seinen „empfindsamen“ Individuen (Kierkegaard)? Nach Kierkegaard müssen alle Impulse von außen – und dazu zählen auch die revolutionären –ins Innerliche in die eigene Verantwortung überführt werden, um etwas zu bedeuten. Sie müssen vom Ich angeeignet werden, um sich ein Bild zu machen. In der Sprache der heutigen Zeit der gebrochenen Reflektion, der Ungewissheit, der irisierenden, irritierenden und ironisierenden Realität, was die Postmoderne ausmacht, kommt man vom Bild zum Spiegelbild, das man vom Ich macht. Ein langer Weg vom Ich, dem Bild, dem Spiegelbild zum Menschenbild. Ob die Moderne bei Kierkegaard, ob die Postmoderne heute, entscheidend für das Potenzial des historischen Subjekts ist das Menschenbild, das dem historischen Subjekt unterlegt wird.

Ohne auf den irritierenden Kierkegaard zu achten, der zur gleichen Zeit wie Marx lebte, aber in verschiedenen Welten, der eine in Armut, der andere als reicher Dandy, haben die klassischen Marxisten im Erbe der Frühsozialisten ein solides positives Menschenbild. Befreit von Not und Ausbeutung durch den Kapitalismus entfesselt der Sozialismus die Produktivkräfte, womit das kommunistische Zeitalter anbricht. Im Überfluss des Gebotenen befreit sich der Mensch von Missgunst und Neid. Der „neue Mensch“ (El Che) kennt keinen Egoismus, keine Gewalt. Derartige paradiesische Zustände stoßen auf wachsenden Widerspruch. Für die Evolutionstheoretiker schleppt der heutige Mensch das Erbe seiner Menschwerdung mit sich. Auch Psychologen wie Neurologen weisen auf angeborene Instinkte hin. Während Adorno meint, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, setzt Ernst Bloch auf das Prinzip Hoffnung, sein Hauptwerk, das er im amerikanischen Exil geschrieben hat, fern der Heimat. Für das Christentum hingeben ist der Mensch sündig geboren. Im Folgenden halten wir uns an eine Auswahl von 6 Modellen und ihre Sichtweise vom historischen Subjekt.

Marxistischer Humanismus contra liberale Egozentrik

Die Grundüberzeugung von klassischen aber auch bei modernen Marxisten ist - wie bei Marx oder Lara in ihren Modellen - dass der Mensch von Natur aus mit einer „reichen Individualität“ ausgestattet ist. Ziel des marxistischen Transformationsmodells ist es, gesellschaftliche Zustände zu unterstützen und herzustellen, die es dem Menschen ermöglichen, sein Potential der reichen Individualität zur Wirkung zu bringen und voll auszuschöpfen. Der Liberalismus widerspricht dem humanistischen Menschenbild. Für ihn ist der Mensch egoistisch und braucht die Zuchtrute der Konkurrenz. Aus dem Marktradikalismus entwickelt sich die Produktivkraft, die den materiellen und kulturellen Fortschritt garantiert. Es braucht keinen Sozialstaat, da die Marktkräfte aus sich heraus das Soziale schaffen.

Für Marx sind im Kapitalismus die Widersprüche zu seinem eigenen System angelegt. Diese Widersprüche stürzen das System und machen für eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte den Weg frei. In Kurzform: Über die Industrialisierung schafft der Kapitalismus das Proletariat als historisches Subjekt. Der technologische Fortschritt ermöglicht dem Proletariat einige Freiräume von der notwendigen Arbeit, die er hart in Klassenkämpfen gewinnen muss. Die notwendige Disziplin, die erforderliche Solidarität und Organisationskraft – kurzum seine Politisierung - gewinnt das Proletariat aus den Produktionsbedingungen der Arbeit, die insoweit „soziale Arbeit“ (Lara) innerhalb des Kapitalismus ist und nicht nur notwendiger Bestandteil seiner Reproduktion. Diese Politisierung durch den Klassenkampf befähigt das Proletariat zum politischen Aufstand gegen das Kapital.

Karl Marx als Philosoph des Möglichen: Seine Zweifel am proletarischen Subjekt

Aber Karl Marx wäre nicht Marx, wenn ihn nicht sein Intellekt und seine sozialen Recherchen zum Widerspruch zu seiner eigenen Theorie führte. Drei Gegenargumente über die historisch gestaltende Funktion des Subjekts wendet er gegen sein eigenes Theorem von der Geschichte als Klassenkampf ein: Das „Lumpenproletariat“ verweigert sich seiner revolutionären Sozialisierung durch Arbeit im Kapitalismus; durch die „industrielle Reservearmee“ schafft sich das Kapital Arbeitslose, die es gegen die Arbeiter ausspielen kann, und in Kapital I spricht er nach 799 Seiten davon, dass die kapitalistische Produktion den Arbeiter zu einem Fragment des Menschen machen kann, degradiert und entfremdet von den intellektuellen Potenzialen des Arbeitsprozesses. Bei all dieser Widersprüchlichkeit – was nun? Genervt könnte man meinen, dass auch bei einem großen Denker-Genie ein bisschen mehr „aufgeräumtes“ Denken und Arbeiten wünschenswert gewesen wäre. Darin liegt die Unterstellung, Marx hätte das Widersprüchliche nicht erkannt.

Die „orthodoxen Marxisten“ sind für Eindeutigkeiten. Sie setzen auf das Proletariat, und werden sich nicht bewusst, dass sie Marx in einem wesentlichen Punkt seines Denkens nicht gerecht werden: in dem „Philosophen des Möglichen“. Die Vielschichtigkeit seines Denkens entspricht der Vieldeutigkeit der Geschichte. Er kann zwar Möglichkeiten aufzeigen und Bedingungen benennen, die es wahrscheinlich machen, dass die Geschichte seinen Weg geht, was ihn aber als den wahren Philosophen auszeichnet, der die Wahrheit über alles stellt, ist dass er zugleich die existierenden Hindernisse dagegen stellt, die andere Möglichkeiten im Gang der Geschichte aufzeigen. Marx Denken entzieht sich einem Determinismus in der Geschichte. Andererseits wäre es als Sozialist kontraproduktiv im 19. Jahrhundert gewesen, vor lauter Zweifel und Bedenkenträgerei nicht auf das revolutionäre Proletariat zu setzen. Diese historische Möglichkeit musste real erprobt werden. Die Geschichte sollte auf politischem , d.h. praktischem Wege entscheiden. Redlicher Weise sollte man aber im Kopf behalten, dass Marx ein Scheitern seines „marxistischen Modells“ für möglich hielt. Wenn Marxisten aus seinem Revolutionsmodell determinierte Geschichte extrahierten, gingen sie von einem Modell von Marx aus, das nicht existierte.

Fraktionierung, Marginalisierung, Fordismus und Konsumismus des Proletariats

Ob authentischer Marx oder nicht. Die Attraktivität – ja säkulare Faszination - des marxistischen Modells liegt in seinem Humanismus, unterlegt mit seiner Dialektik: Das alte System geriert aus sich heraus in seinen Widersprüchen den Paradigmenwechsel. Aber das Modell scheitert zumindest in Europa an den Gegenkräften, die Marx als Möglichkeit selber im Auge hatte: der Spätkapitalismus fraktioniert und marginalisiert das Proletariat, und der kulturelle Überbau in der Postmoderne zerschlägt solidarische, revolutionäre Werte mitsamt dem sozialen Milieu, in dem sie eingebettet waren.

In den USA ist das Proletariermodell und mit ihm sozialistische Traditionen, die die Einwanderer aus Europa mit brachten, schon in den Jahren nach dem I. Weltkrieg durch den Fordismus erledigt worden, wie der amerikanische Marxist Frederic Jameson feststellt (17) . Die moderne Technologie der Massenproduktion am Fließband schafft nicht das revolutionäre Proletariat, sondern integrierte in Verbindung mit dem „Konsumismus“, einem in der Geschichte noch nie erreichten Lebensstandard, die Arbeitnehmer und ihre Familien (Hausfrauen) in das USA-Kapitalismus-Modell, das allerdings heute zunehmend hinterfragt wird. Zum ersten Mal kann die Elterngeneration ihren Kindern kein besseres Leben versprechen.

Mit seiner Industriepolitik zur (vorübergehenden) Rettung der Automobilindustrie zu Beginn der Weltkrise gelang es Obama, die „Weißen-Männer-Clique“ der radikalen republikanischen antisozialen und Anti-Staats-Partei soweit in den Industrie-Staaten der Großen Seen aufzuspalten, dass ein kleinerer Teil der weißen Industriearbeiter des mittleren Westens zusammen mit anderen Gruppen wie den Jugendlichen, den Frauen, den Ethnien ihm die Mehrheit zur Wiederwahl verschaffte. Obama erweist sich als „maßvoller“ Modernisierer, der das USA-Kapitalismus-Modell offen für die Zukunft hält. Auf diese Weise zementiert er besser den Kapitalismus als es die ideologischen Eiferer des Neoliberalismus könnten.

Lenin verbindet Theorie und Praxis wie kein anderer

Lenin hat Theorie und Praxis miteinander verbunden wie kein anderer Revolutionär, mit der Ausnahme von Mao. Was ist geschehen? Den möglichen geschichtlich realen Transformationsprozess hat Lenin in seinem Theoriemodell lange vor der Oktoberrevolution abgebildet, das von realen Elementen nur soweit abstrahiert wurde, dass es aussagekräftig blieb. Die Bausteine hat er aus der marxistischen Logik, gewonnen aus der Lektüre vieler Autoren, aber vor allem aus den konkreten Auseinandersetzungen im Aufstand 1905, in den Konflikten mit den Menschewiken usw. Mit seiner Theorie des Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus konnte er den I. Weltkrieg als Auseinandersetzung innerhalb der imperialistischen Mächte prognostizieren und die deutschen Sozialdemokraten mit deren Billigung der Kriegskredite der Barbarei überführen.

Zwiespältiger Stellenwert des historischen Subjekts bei Lenin.

Das historische Subjekt hat bei Lenin einen zwiespältigen Stellenwert. Die Theorie der Narodniki über den russischen Bauern, die auf die Tolstoi-Mystik setzte, lehnte er ab und verwies auf deren Gespaltenheit in quasi-Leibeigene und Kulaken, mit niedrigem Bildungsniveau. Seiner Skepsis entsprang die Idee einer Kaderpartei mit „Berufsrevolutionären“, die die Massen anzuleiten hatte. Zugleich konnte er mit seiner Parole „Frieden und Land“ deren Herzen gewinnen. Den Arbeiter- Bauern- und Soldaten-Sowjets stand er misstrauisch gegenüber, hatten sie sich doch spontan gebildet. Zudem enthielten die Räte soziale Gruppen bis ins Kleinbürgertum hinein. Nach dem Sieg im Bürgerkrieg schaffte er sie ab und mit ihnen das russische Parlament, die Duma. Die Einheit von Theorie und Praxis musste er immer wieder pragmatisch „nachadjustieren“, so auch über das historische Subjekt während des revolutionären Prozesses. Mehrmals hob er den überraschend revolutionären Elan der Massen hervor, die ein rascheres Tempo der Revolution vorgaben, was manchmal nicht in seinem Konzept stand.

Zufälliges und Gesetzmäßiges bei Lenin

Mit seinen marxistisch erarbeiteten Positionen konnte Lenin das zaristische Reich wie die sozialdemokratische Kerenski-Regierung „entschlüsseln“, ihre inneren Widersprüche, ihre Schwächen. Mehr als das. Mit dem entschlüsselten Code seines Systems in der Hand konnte er auch den Prozess des Umbruchs in einen anderen gesellschaftlichen Zustand (Paradigmenwechsel) erfassen. Der Träger dieser Transformation, das historische Subjekt, erlaubte die Entzifferung aber nur in Umrissen. Als er nach dem langjährigen Schweizer Asyl in Sankt Petersburg aus dem Zug stieg, konnte er sofort mit seiner Arbeit beginnen, mit dem theoretischen Konzept in der Hand, den Lauf Russlands zu bestimmen, als wäre er nie im Exil tausende Kilometer von seiner Heimat fort gewesen.

Hans Heinz Holz hat in der kubanischen Zeitschrift Marx Ahora, das 2008 Lenin zum Schwerpunkt hat, dargestellt, wie Lenin zu Beginn des I. Weltkriegs 1914 im schweizerischen Exil am Studium über Hegels logische Wissenschaften und 1915 über dessen Lektionen über die Geschichte der Philosophie sein Urteilsvermögen über das zeitlich richtige Losschlagen eines bewaffneten Aufstandes schärfte. Es muss sich wohl um eine hübsche Anekdote handeln von ähnlichem Kaliber, wie die, die unter Stalin den sowjetischen Schülern beigebracht wurde, dass Lenin nicht im plombierten Salonwagen sondern als Heizer des Sonderzuges von der Schweiz nach Russland gefahren sei. Wie konnte Lenin bei seinem Studium von Hegel wissen, dass ein Jahr später der faktische Diktator der letzten Jahre des kaiserlichen Reiches, Ludendorff, ihn in den Zug nach Sankt Petersburg setzen würde, um über seinen „politischen Agenten“ Russland aus dem Krieg heraus zu lösen? Und wie – um dem Zufall weiter nachzugehen – konnte der erzkonservative Oberbefehlshaber über die deutsche Kriegswirtschaft wissen, dass Lenin das revolutionäre Zeug dazu hatte, die kriegstüchtige Kerenski-Regierung aus dem Amt zu jagen? Zufall über Zufall, die Geschichte machen, und doch nicht nur Zufall sind. Denn hätte Lenin nicht sein revolutionäres Modell der Welt präsentiert, so dass es auf dem großen Kartentisch des Oberkommandos des kaiserlichen Heeres landete, wäre gar nichts geschehen, und Lenin hätte weiterhin von der beschaulichen Schweiz sich auf seine Beobachterrolle des Welttheaters beschränken müssen. Marx wird als Philosoph des Möglichen auch hier bestätigt.

Rosa vertraut dem historischen Subjekt

Im Gegensatz zu Lenin hatte Rosa Luxemburg ein Grundvertrauen zu den Massen. Sie haben das Potenzial, aus der Erfahrung zu lernen und sich weiter zu entwickeln. An Stelle von Lenins bolschewistischer Avantgarde setzt sie die demokratische Selbstorganisation der Massen, deshalb kritisiert sie die Auflösung der Duma und der Räte durch Lenin. Anders als Lenin setzt sie nicht auf die Eroberung des Staates, um von dieser Machtbastion aus sozialistische Ideale in die Köpfe der Massen zu tragen. Über demokratische Freiheiten, über den Kampf von Assoziationen, Gewerkschaften und betrieblichen Räten bilden sich die Massen selbst. Es sind Ziele, die heute aktueller denn je im antikapitalistischen Kampf sind. Nach ihrer Überzeugung lässt sich das üble Erbe des Kapitalismus, die servile Disziplinierung, nur durch eine demokratische Emanzipation während des Kampfes überwinden.

Vom Guerilla-Kampf zur politischen Bewegung: die FARC in Kolumbien

Das historische Subjekt spielt für die FARC eine zweifache Rolle. Zum einen sorgt das brutale Vorgehen von Armee und rechter Miliz als Rückendeckung der Landvertreibung von Millionen von Bauern im Auftrage der Latifundienbesitzer für einen ständigen Zustrom von neuen Kämpfern, um die Verluste aus den Kämpfen auszugleichen, zum anderen versucht die FARC mit ihrem linken Sozial- Programm die städtische Zivilgesellschaft zu erreichen. Der ländliche Kampfraum ist für die FARC von essentieller Bedeutung für ihre Selbstbehauptung. Es gelten die von Mao und El Che aufgestellten Prinzipien, dass während der Kampfauseinandersetzungen die Rechte der Bauern auszubauen sind, soweit die Repression der Militärs dies erlaubt. Die politische Agenda der Rückgabe des geraubten Landes an die ursprünglichen Besitzer steht ganz oben. Dies setzt die Aufstellung von Eigentumstiteln, Feldmarkierungen, ..voraus, die eine bisher korrupte Justiz zu respektieren hat.

Innere Kolonisation Kolumbiens im Austausch zur Befriedigung des Landes

In der Praxis ergeben sich erhebliche Probleme im Kontakt mit den rund 200 indigenen Stämmen im Dschungel aber auch in den Kordilleren. Was tun, wenn die Regierung mit Gewalt oder Versprechen wie Geschenken die indigene Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen versucht? Diese Probleme verstärken die Bestrebungen in der der FARC, die städtische Zivilgesellschaft zu erreichen. Der militärische Kampf kann heute als Druck-Mittel auf die Regierung verstanden werden, in „fairen“ Friedensverhandlungen einzutreten. Käme ein solcher Friedensvertrag zum Tragen, könnte die Regierung gemäß dem brasilianischen kapitalistischen Projekt das riesige Dschungelgebiet in „Bauerwartungsland“ für die Hazienda-Besitzer umwidmen. In einem „politischen Tausch“ könnte die Regierung den Latifundienbesitzern die Kultivierung des Dschungels für Holz- und Nahrungsmittelgewinnung wie Bioenergie anbieten und dafür deren Verzicht auf das geraubte Land wie auf deren Mörder-Milizen abhandeln, die bisher jeden inneren Frieden blockiert haben. Schon einmal ist dieser Weg von einer Guerilla-Bewegung zu einer politischen gescheitert. Ab 1988 wurden über 3000 Mitglieder der Politischen Union von den Paramilizen mit Unterstützung der Armee ermordet, und der politische Arm der FARC in den Städten ausgerottet.

Während die Regierungsvertreter an den Kameras der Welt in Havanna bei den Verhandlungen vorbeihuschen, als scheuten sie das Licht, benutzen die Vertreter der FARC ausgiebig die internationale (und kolumbianische) Öffentlichkeit, um ihr soziales Programm auszubreiten: Totale Elimination der Milizen, Bekämpfung der Drogentrafikanten, Rückgabe des geraubten Landes, Rückkehr von Millionen Flüchtlingen, soziale Gerechtigkeit, unabhängige Justiz. Die Kämpfer: junge Frauen und der bärtige Kommandant Iván Márquez, der zweitwichtigste in der FARC, treten aus dem Dschungel und bekommen ein Gesicht. Ihr Adressat ist neben der Regierung die städtische Zivilgesellschaft. Und ein erster Erfolg lässt nicht auf sich warten. Unter dem Eindruck ihres Auftretens fordern tausend Gruppen aus der Zivilgesellschaft von Bogota, Medellín, Calí die zukünftige Teilnahme der FARC als politische Organisation im kolumbianischen System. Diesmal mit einem größeren Versprechen auf einen Erfolg als das letzte Mal, winkt doch der Regierung und dem kolumbianischen Kapital die weitere Kolonialisierung der anderen Hälfte des Landes nach der ersten in den Kordilleren. Wenn die Kämpfer aus dem größten Teil des Dschungels abziehen, können die Bulldozer kommen, die ihre Schneisen in das bisher noch größte ungestörte Naturreservat in der Welt ziehen.

Das unbestimmte historische Subjekt nach dem Lara-Modell

Das historische Subjekt nimmt im Lara-Modell eine unbestimmte Position zwischen dem alten Guerilla-Modell Kubas und dem neuen sozialistischen Modell des XXI. Jahrhunderts Lateinamerika ein, das auf die Mehrheit der Armen im demokratischen System mit Opposition setzt. Beides ist möglich. Im ersten Fall spricht er davon, dass es im Gefolge von Lenin und Fidel Castro eine politische Avantgarde bräuchte, um die Unzufriedenheit und die Desillusion über das kapitalistische System in eine revolutionäre Kraft zu verwandeln (18). Im anderen Fall ist es der Widerstand auf der Straße, die Arbeit in emanzipatorischen Gruppen und in Streiks, um die Kapitalmacht zurück zu drängen. Lara versucht, beide politische Realitäten in seinem Modell unterzubringen.

In dem „sozialen Prozess der Produktion“ werden die „begünstigenden materiellen Bedingungen“ (premisas materiales) geschaffen, die die Transformation zum Sozialismus vorantreiben. Gemäß dem gängigen marxistischen Transformationsmodell (ohne die Gegenargumente von Marx), werden die Menschen in die abhängige Arbeit nach kapitalistischen Regeln hinein gezogen. In der „ausbeuterischen Schule der kapitalistischen Produktion“, über Gewerkschaften und dem Sozialismus des XXI. Jahrhunderts erlernen sie dessen Überwindung - autonom vom kapitalistischen Staat – ein schwieriges Unterfangen, solange das Kapital nicht nur die Ökonomie sondern auch den staatlichen und kulturellen Überbau beherrscht. Für die Armen Lateinamerikas sieht er Chancen, die kapitalistische Hegemonie zu durchbrechen, obwohl – oder weil - sie noch nicht in das kapitalistische Produktionssystem eingeordnet sind. Darin mag er für viele Staaten Lateinamerikas Recht haben, wie Bolivien, Ecuador, Venezuela, zeigen. Im Fall des „sozialdemokratischen“ Brasilien, das ähnlich China aus der kapitalistischen Produktivität die Mittel für eine staatliche Umverteilung zugunsten der Armen gewinnt, kann Laras „marxistische Bildungsmodell für Lateinamerika“ nur unvollkommen arbeiten, solange der Staat ein Interesse hat, seinen kapitalistischen Unterbau zu bewahren und die „Tentakel-Kapitalisten“, die brasilianischen Ableger der internationalen Konzerne zu pflegen.

Der fließende Übergang vom militanten Kampf zum zivilen Widerstand in Lateinamerika

In den Traditionen der Geschichte Lateinamerikas ist die Transformation vom linken Guerilla-Kämpfer und rechten Putschisten (Golpisten) zum demokratischen Staatsmann und umgekehrt nicht unüblich wie Beispiele belegen: Der rechtsradikale General Hugo Banzer gewinnt in Bolivien einmal als Putschist, das andere Mal als „Demokrat“ die Macht, umgekehrt ist es mit dem Kubaner Batista, der als „Demokrat“ begann und als Tyrann schmählich endete. Einige linksgerichtete Personen mit Partisanenvergangenheit werden zu ehrbaren Staatsführern wie in Uruguay, in Brasilien (die jetzige Präsidentin), in Paraguay (von einem „Parlamentsputsch“ inzwischen gestürzt), die Grenzen scheinen fließend zu sein. Aus international per Strafbefehl gesuchten FARC-Terroristen werden offizielle Verhandlungs-“Partner“ der kolumbianischen Regierung.

Derartige „fließende Übergänge“ wären in Europa unmöglich, weil hier die ideologischen Fronten hoch gehalten werden, was auf Gegenseitigkeit beruht. Der westdeutsche Staat bekämpfte aufs Unerbittlichste die Stadtguerilla der Bader-Meinhof-Gruppe, was ihnen als „Terroristen“ einen Weg in das politisch-gesellschaftliche System verbaute. Bundeskanzler Helmut Schmidt „opferte“ das Leben des obersten Kapitalisten Schleyer aus Staatsraison – was die Familie inzwischen wohl akzeptiert hat - wie andererseits diese Gruppe sich selber jede Rückkehr in die Zivilgesellschaft versperrte, aus der sie selbst kam.

Das rationale Modell des historischen Subjekts im analytischen Marxismus

Im Erbe des angelsächsischen Behaviorismus setzt der analytische Marxismus, der aus den Elite-Universitäten von Oxford, Cambridge und Yale stammt, auf die Vernunft der Menschen, mit der sie ihre Interessen vertreten Durch seine „Theorie der rationalen Entscheidung“ (racional choice theory) wird der amerikanische Philosoph Jon Elster zum geistigen Mentor des analytischen Marxismus. In seinem Buch „Making Sense of Marx“ setzt er auf folgende Thesen: erstens auf den „methodologischen Individualismus“. Darunter versteht er, dass man die sozialen Strukturen als eine Konsequenz der Geschichte interpretieren muss, die nicht unmittelbar aus Überlegungen von Individuen kommt. Weiterhin vertritt er die These, dass die menschlichen Agenten sich als instrumental - rational verstehen müssen, in dem Sinne, dass sie die effizientesten Mittel auswählen, um ihre Ziele zu erreichen. Es gilt das Phänomen der freiwilligen Selbstbindung: Eine Selbstbindung kann von rationalen Akteuren eingesetzt werden, um damit voraussehbare Irrationalitäten zu verhindern. Durch eine freiwillige Selbstbindung kann der Mensch seinen faktischen Handlungsspielraum erweitern, er erzeugt „Freiheit durch Bindung“ (19). Die Analogie mit den Philosophen der Aufklärung von Hume, Hobbes, Spinoza drängt sich auf, wo das Individuum über den gesellschaftlichen Vertrag einen Teil seiner Freiheiten freiwillig auf den Staat überträgt, um insgesamt seinen Freiheitsbereich auszuweiten.

Die Entscheidung für oder gegen die Transformation von Gesellschaftssystemen wird aus der menschlichen Vernunft gewonnen. Wie sähe eine solche aus? Eine Möglichkeit wäre mit kühlem Kalkül zwei Systeme zu vergleichen und das bessere auszuwählen: Das erste wäre das unbefriedigende, das seine Produktivkräfte ausgeschöpft und erschöpft hat, in dem man es sich aber eingerichtet hat, und das zweite die Alternative, das mehr Gerechtigkeit und mehr Freiheit verspricht. Alles spräche für die zweite Lösung, aber so läuft Geschichte nicht ab, wenn man genauer hinschaut.

Mit rationalen Aktionen des historischen Subjekts zu einer harmonischen Gesellschaft?

Was passiert mit dem historischen Subjekt in einer Zivilgesellschaft in der Weltkrise nach dem rationalen Modell? Eine Kaskade von Sequenzen werden in Gang gesetzt, die zum Schluss in einer besseren Gesellschaft enden: Menschen lernen Demonstrationen als symbolische Gesten einzuschätzen, die den noch Abseitsstehenden zeigen, dass sie legitimiert sind, ihren Willen zu artikulieren. Sie zeigen auf, dass niemand ihnen das Recht bestreiten kann, gegenüber den bisher-Mächtigen eine Änderung der Politik einzufordern. Sie lernen bisherige Machtpositionen des Kapitals zu beanspruchen und mit dem Erfolg ziehen sie Organe der Staatsmacht wie Staatsbedienstete, Polizisten bis zum Militär auf ihre Seite. Auf diese Weise unterwandern sie subversiv die Staatsmacht, wo sie noch stark ist. Zugleich lernen sie die Koordination, die Solidarität, die Disziplin zum friedvollen Auftritt, der sich nicht provozieren lässt. Für viele, vor kurzem noch verzweifelt in ihren vier Wänden hockend, ist die revolutionäre Teilnahme ein Abenteuer. Sie haben nicht viel zu verlieren, nur zu gewinnen, und jeder Erfolg erzeugt Enthusiasmus, der zu mehr Aktivitäten anspornt. Das Belohnungsschema des angelsächsischen Behaviorismus lässt grüßen.

Dieses hier beschriebene Bild einer harmonischen Transformation, wie sie auch der offene Marxismus von Holloway und Dienerstein aufzeigen, wird durch das Modell der „rationalen Aktion“ gestützt, das auf das „Interesse“ als Agens, Movens setzt, wie Ana Dienerstein darstellt (20). Drei Verhaltensweisen kommen zusammen: fähig zu sein für die instrumentale Aktion, die zielgerichtet auf die eigenen Möglichkeiten abgestellt ist; über seinen eigenen Körper die Kontrolle zu haben - eine Metapher von Dienerstein in Anlehnung an Marx, die sie für die selbstkontrollierte Handlungsfähigkeit benutzt - und autonom zu sein, auch im Hinblick auf seinesgleichen.

In neueren Theorien wie in der Philosophie der Praxis von Antonio Gramsci wird das praktisch-Reale vor harmonisierenden Theorien gestellt. Unter Bezugnahme auf Michel Foucault stellt Ana Dienerstein die revolutionäre Aktion in das Spannungsfeld zwischen Leidenschaft und Bedürfnis, im Extremen treibt die existentiellen Not zum revoltierenden Handeln an, wie ich im Internet in verschiedenen Artikeln dargestellt habe. Revolten unterliegen keinem rationalen Diktat. Dokumentationen von Revolten in Griechenland, Spanien, Portugal zeigen Massen, aufgewühlt von Leidenschaft. Das „große Schweigen“ der Mehrheit der Bevölkerung zeigen die Bilder nicht. Deren Lethargie spricht einem rationalen Verhalten der Elterngeneration bei 30 Prozent Arbeitslosigkeit und 50 Prozent ihrer Kinder Hohn. Dem Aufstand der Massen stehen die schweigenden Massen gegenüber. Das Aktivste, wozu sie sich als Protest aufraffen können, ist „ein schweigender Furz“. Sie können mit den Zuständen nicht zufrieden sein und tun wenig. Auf die Gründe werden wir noch im letzten Abschnitt eingehen.

Das historische Subjekt im offenen Marxismus von John Holloway

Holloways Modell des historischen Subjekts entspricht der harmonisch ablaufenden Transformation (21). Schon der Titel seines Buches, wie die Welt verändert werden kann, ohne die Macht zu erobern, ist für orthodoxe Marxisten eine Provokation. Für Michael Lebowitz ist Holloway ein „Poet der Negation“ (22). Leider können auch wir seinem furiosen anarchistischen Traum nicht folgen, wenn er in der 3. These seiner 12 postuliert, der einzige Weg zum radikalen Wandel sei nicht die Machtergreifung, sondern die Auflösung von Macht. Dem ist entgegenzuhalten: Es gibt kaum machtfreie Räume ohne die Präsenz des global agierenden Kapitals, die von sozialen Wurzelbewegungen machtfrei weiter ausgedehnt werden könnten (Zapatistas, autonome Kommunen, nichtstaatliche Organisationen, Bauernbewegungen der III. Welt, friedliche Formen der Theologie der Befreiung, indigene Kräfte, …).

Vielmehr sind alle Räume mit Macht zugestellt. Falls Machtträger Räume verlassen, werden sie durch andere Machtträger ausgefüllt. Für den Rückzug des Kapitalismus mag seine neue Debilität im Spiel sein. Kapitalistische Macht basiert auf Zustimmung der Beherrschten, die durch die Weltkrise zunehmend schwindet. Es reicht aber nicht – wie Holloway meint –, dass seine Schwäche das Material für viele autonome soziale Vulkane sei. Es braucht ein Mindestmaß an koordinierten Praktiken und Zielen für eine aktive Gegenwehr. Das Kapital gibt kein Terrain freiwillig her, es muss erkämpft werden. Dennoch sei ihm konzediert, dass die tausendfachen Provokationen, die der Kapitalismus weltweit hervorruft, auf vielfältige Ablehnung und Protest stößt, die den Nährboden für den antikapitalistischen Widerstand schaffen.

Das Modell „Sozialismus des XXI. Jahrhunderts Lateinamerika“ und sein historisches Subjekt

Der erfolgreiche Sozialismus des XXI. Jahrhunderts ist aus einer Praxis hervor gegangen, der den Mantel einer Theorie nachträglich umgehängt wurde. Seitdem entwickelt auch die Theorie ein eigenständiges Leben, aber immer im Rekurs auf die Praxis. Sein historisches Subjekt ist schnell ausgemacht, es sind die Armen Lateinamerikas. Sie bilden in Lateinamerika die Mehrheit der Gesellschaft. Das Schlüsselwort für eine Änderung lautet Mehrheit durch Wahlen, und das politische System, das der Mehrheit zur Macht verhilft, ist die Demokratie, falls ihre Bedingungen eingehalten werden. Dazu zählt auch das Prinzip: „one person – one vote“, ein wirksames parlamentarisches System, dessen Spielregeln von allen eingehalten werden, rechtliche und politische Gewaltenteilung, wozu eine Opposition gehört und die Anerkennung von Wahlergebnissen durch den Unterlegenen, was in Venezuela zunehmend zum Problem wird.

Putsch der kapitalistischen Wahlverlierer in Venezuela?

Das Besondere Amerikas ist sein präsidiales System der Exekutive – in den USA wie in Lateinamerika. Damit ist eines der wichtigen Ingredienzen benannt, mit denen ein gärender Teig angerührt und ein nahrhafter Kuchen gebacken werden kann: Ein Präsidentschaftskandidat setzt sich für die Belange der Armen ein und wird von ihnen mit Mehrheit gewählt – mit einem sozialistischen Programm, das ihren Bedürfnissen entspricht. Das historische Subjekt hat gesprochen. Onkel Sam im Norden darf zuschauen, was für prächtige Pflanzen sein demokratisches System gesät hat. Es muss ihm schon viel einfallen, um einen vom Volk gewählten Präsidenten zu stürzen. Mit Ausnahme von Honduras ist der ewige Kreislauf von Putsch und Gegenputsch gestoppt worden. Da in Venezuela das Militär auf der revolutionären Seite steht, ist nicht damit zu rechnen, dass die Kapitalvertreter erneut einen Putsch wagen werden, falls sie mit ihrer Klage gegen angebliche Wahlfälschungen durch den Nachfolger von Chávez, Maduro, nicht zum Zuge kommen sollten.

Das präsidiale System kreiert mächtige Präsidenten, die in einen intensiven Dialog mit dem Volk und dieses mit „ihrem“ Präsidenten eintreten können. Chávez ist der erste Präsident, den das Volk Venezuela lieben gelernt hat, hieß es bei der Rückkehr des Todkranken aus dem Krankenhaus von Havanna. Der geradezu schwärmerische Artikel von Willi Übelherr über das Vermächtnis des Kommandanten in scharf-links ist ein beredtes Zeugnis. Das historische Subjekt hat seinen Adressaten, aber die Liebe der Armen hat einen Preis: Ihre soziale Situation muss sich spürbar innerhalb einer Wahlperiode verbessern. Von enthusiastischen Parolen, linken Programmen und sozialistischen Verheißungen wird das Volk nicht satt. Sonst könnte die Opposition, die in jeden Korruptionsfall, in jedes leere Versprechen der Regierung ihre Finger legt, zum Zuge kommen, wie es echte Demokratien so an sich haben. Wie die Wiederwahl von Chávez in Venezuela im Oktober 2012, von Corea im Februar 2013 in Ecuador, und die Nachwahl durch Maduro in Venezuela gezeigt hat, klappte es. Bisher.

Absicherung der bolivarianischen Revolution durch sozialistische, produktive Unternehmen

Der Staat kann sich nicht auf Dauer damit begnügen, seine Einnahmen aus Steuern und Exportüberschüssen auf die Armen in Form von Subventionen umzuverteilen, die auch den Nicht-Arbeitenden ein Mindesteinkommen sichert. Er kann sich nicht damit begnügen, Straßen zu bauen, sauberes Wasser bereitzustellen, drei Millionen neue Wohnungen zu errichten. Auf Dauer muss eine effektive Wirtschaft entstehen, die sich selbst trägt und nicht mehr am exportorientierten Erz- und Öltropf hängt. Millionen Menschen brauchen eine sinnvolle Arbeit in sozialen, nicht-privatwirtschaftlichen Eigentumsformen. Das sozialistische Modell ist erst dann abgesichert, wenn den USA-hörigen Kapital-Kraken ihre Tentakeln gestutzt werden und das private Unternehmertum seine Monopolstellung verliert.

In Venezuela will die Regierung mit dem „Neuen produktiven Modell“ (Nuevo Modelo Produktivo, NMP) eine solche sozialistische Wirtschaftsstruktur aufbauen, folgt man dem Autoren Victor Álvarez (23). Es wird Zeit, denn nach der regierungsamtlichen Statistik in seinem Buch ist in dem Dezennium von 1998 – 2008, also während der Regierungszeit von Chávez der öffentliche Sektor unter 30 Prozent gesunken und die sogenannte „soziale Ökonomie“ hat gerade mal einen Anteil von 2 Prozent 2008 eingenommen.

Das historische Subjekt im nichtsozialistischen antikapitalistischen Modell der europäischen Industriegesellschaften zu Beginn der Weltkrise. Schlussfolgerungen für Europa heute

Aus der weltweiten Übersicht über Revolutionen gestern und heute, können einige Lehren gezogen werden. Weltweit bewegt sich vieles. Dies steht im Kontrast zur Einschätzung des aktuellen Widerstandes in Europa und Deutschland. Hier fällt der Tenor vieler revolutionärer Initiativen wie zum Beispiel die des Ruhrgebiets nach wie vor gedämpft aus. In der Benennung der deutschen Ursachen ist man schnell bei der Hand: Die linken sozialistischen Bewegungen sind von der Gewerkschaftsbewegung getrennt. Die „Bewegung der ArbeiterInnen bewegt sich nicht“. Wir stehen auf einem Tiefstand der offenen Klassenkämpfe. Die Streiktätigkeit ist äußerst niedrig. Europäische Regierungschefs beklagen sich über das deutsche Lohndumping, so dass Deutschland auf ihre Kosten seine globalen Wettbewerbsvorteile ausspielt. Die Klagen lassen sich ausweiten. Frust, Frust und Frust, wie gehabt seit 50 Jahren unter linken Gruppierungen.

Es ist ein statisches Klagen des Status quo. Es berücksichtigt nicht das Neue in der Weltkrise, das den bisherigen sozialen und politischen Immobilismus hinwegfegt. Es wird Zeit, folgendes ins Auge zu fassen: Die Subordination unter der kapitalistischen Logik hat in Europa ihre Grenze im Fall der ökonomisch-sozialen existenziellen Not des historischen Subjekts. Dies ist der zentrale Satz des letzten Modells, das hier vorgestellt wird. Weiterhin: Das historische Subjekt fächert sich auf in verschiedene Gruppen der Zivilgesellschaften Europas, die sich gegen ihre ökonomische und soziale Verelendung wehren. Und endlich: Da die Gegenwehr aus heterogenen Gruppen erfolgt, in denen die Sozialisten in der Minderheit sind, dominieren nicht sozialistische Ziele, sondern ein Verständnis über soziale Ziele, auf die sich alle Beteiligten einigen können. Ob es bei einem solchen Minimalkonsens bleibt oder im Prozess des Widerstands gegen den neoliberalen Kapitalismus revolutionärere Bewegungen ausgelöst werden, bleibt offen. Aber: Wenn das historische Subjekts in unerträglicher Weise leidet, kommt es zu Einschmelzungen der bisherigen sozialen und politischen Strukturen und die neu entstehende Welt ist nicht wieder zu erkennen, hoffentlich eine andere als die Brave New World von Aldous Huxley.

Erst am Anfang sozialer Umwälzungen

Die unfreiwilligen Laboratorien Griechenland, Portugal, Italien, Spanien und Zypern liefern bisher eher negative Erfahrungen für eine revolutionäre Grundstimmung. Dieses bisher Negative muss relativiert werden, wenn für Regierungen und Bevölkerung die „Schlupflöcher der Illusionen“ verstopft werden, die bisher Scheinauswege boten: Das Hegen von Erwartungen, Versprechungen und Beschwichtigungen der Regierungen für ihre leidenden Völker mit Hinweisen auf weitere Unterstützung durch die noch stabilen Länder. Der dynamische Teils der Jugend flüchtet in die Länder des kalten Nordens, anstatt die Verantwortlichen zu Hause zur Rechenschaft zu ziehen. Aus den bisherigen Erfahrungen mit der Krise lässt sich schlussfolgern, dass maßgebliche Veränderungen nicht von den Ländern des Südens sondern von den industriellen Zentren Deutschland, Frankreich und Großbritannien kommen werden. Was wäre in Deutschland los, wenn wir 30 Prozent Arbeitslosigkeit wie in Spanien hätten, und ein Drittel der Arbeitslosen unter das Existenzminimum gedrückt worden sind? Aber selbst dort wo es noch Auflehnung gibt, ist diese durch kurzsichtiges Spartendenken gespalten: Kleinunternehmer fordern Steuersenkungen, der öffentliche Dienst Bewahrung seiner Sonderrechte, die ihn aus der Masse gehoben hat, Gewerkschaften setzen sich für den Schutz ihrer Noch-Arbeitsplätze ein, während Arbeitslose und Studenten im neoliberalen Sinn die „Öffnung des Arbeitsmarktes“ fordern. Die bisher schweigende Mehrheit beeindruckt ein Argument: „Wir haben alle über unsere Verhältnisse gelebt“. Die scheinbar logische Konsequenz: Sozialabbau und Schrumpfung der Wirtschaft als Rückkehr zum „Normalen“. Dieses Argument kann in Deutschland nicht wirken. Wir leben seit Jahren nicht über sondern unter unseren Verhältnissen.

Die Krise des Euros, hinter der die kapitalistische Krise steckt, verbreitet Verdruss bei vielen Bürgern, die das Versagen des alten Politik-Establishment in den Mainstream-Parteien registrieren und neue linke und rechte Parteien mit einem neuen Politik-Angebot kreieren. In jüngster Zeit hat sich die europäische Parteienlandschaft beschleunigt verändert – nach links und rechts. Zu nennen sind die jüngsten Wahlerfolge der „Wahren Finnen“ eines Timo Solni, der italienischen „Bewegung 5 Sterne“ von Beppe Grillo und des von Alexis Tsipras geführten griechischen Parteienbündnis „Syriza“. Das ist erst der Beginn zukünftiger Veränderungen.

Und einige etablierte sozialistische Parteien wenden sich nach links. „Wie viel Leiden ist nötig, bis man merkt, dass diese Politik falsch ist?“, fragen die sozialistischen Parteichefs aus Frankreich, Spanien und Portugal ihre Klientel (24). Ratlosigkeit klingt aus ihrer Frage. Verständlich, weil sie ahnen, dass ihre neu gebildete Front gegen die Sparpolitik der Europäischen Union zu kurz greift. Kein keynesianisches Krisenmanagement im Rahmen des kapitalistischen Systems wird ihnen helfen. Die Senkung des Leitzins der Europäischen Zentralnotenbank geht ins Leere. Die spanischen und italienischen Banken reichen das billige Geld nicht an die kleineren und mittleren Unternehmen weiter. Ein wachsender Teil der Franzosen ahnt die Ausweglosigkeit der bisherigen Politik. Die wenigsten Franzosen trauen Francois Hollande noch zu, die Probleme zu lösen, auch wenn er von der neoliberalen Ordnungspolitik Merkels abrückt. Aus den Zivilgesellschaften Europa bewegen sich Menschen Schritt für Schritt in die Richtung einer antikapitalistischen sozialen Bewegung. Mit den Erfahrungen gescheiterter kapitalorienter Rettungsversuche wächst die Einsicht in eine antikapitalistische Front.

Literatur

1. Yoandris Lara, Desenvolvimiento global capitalista y transición al socialismo en la periferia, in: pensar a contra-corriente, ciencias sociales, La Habana, 2010, S. 245 ff

2. Gerd Elvers, scharf-links

3. Rosa Luxemburg: Frankfurt 1966, Faksimiledruck der Originale von 1913 und 1921, S. 445 ff. und S. 117 ff

4. Gerd Elvers, Sozialismus des XXI. Jahrhundert Lateinamerika, in scharf-links

5. Cit: Michael Lebowitz, in Marx Ahora, La Habana, 2011

6. John Holloway, Change the World without taking Power: The Meaning of Revolution, Pluto Press, 2002

7. libcom.org/library/

8. Eduard März in seiner Einleitung zu Rosa Luxemburg: Akkumulation des Kapitals, S. VII

9. scharf-links, 19. März 2013

10. Kommentar von Gerd Elvers auf der Lafontaine-Rubrik der Linkspartei-Homepage, Saarland

11. Gerd Elvers, Was hat uns Marx heute zu sagen, scharf-links

12. Franz Hinkelammert, El sujeto y la ley, El retorno del sujeto reprimido, La Habana, Editorial Caminos, 2006

13. Luigi Cavallaro, Napoleoni y la transformación de los valores en precios, in: Marx Ahora, La Habana, 2003, S. 130 ff.

14. John Roemer, A General Theory of Exploitation and Class, Harvard University Press, Cambridge, MA, 1982

15. Alex Callinicos, Marxismo Angelsajon, in Marx Ahora, La Habana, 2003, S. 44

16. Open Marxism, Wikipedia the free encyclopedia, en wikipedia.org/

17. Frederic Jameson: Ensayos sobre el Postmodernismo, Buenes Aires 1991

18. Joandres Lara, S 254

19. Jon Elster, Making Sense of Marx, Cambridge, 1985

20. Subjetividad: Capital y la Materialidad abstracta del Poder, in: Teoría y Filosofía Política, La Habana, 2008, p.291

21. John Holloway, Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen., Münster 2010

22. Michael Lebowitz, Construyendo para el siglo XXI: La lógica del Estado, Marx Ahora, La Habana, 2011, S. 48 pp

23. Victor Álvarez, Hacia dónde va el modelo productivo?, Caracas, Centro Internacional Miranda, 2009

24.Süddeutsche Zeitung 27/28. April 2013

Gerd Elvers
Oberhausen, den 10. Mai 2013

[1] Sondermarke April 2013 - 150 Jahre Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein  (Ausgabetag: 04.04.2013)
(Ausgabetag: 04.04.2013) Entwurf Thomas Serres


VON: GERD ELVERS






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