Die Farbe Rot.


12.04.18
SozialismusdebatteSozialismusdebatte, Kultur, Theorie 

 

Rezension von Michael Lausberg

Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus, C.H. Beck, München 2017, 38 EURO (D)

Der freie Publizist und Sachbuchautor legt eine groß angelegte ideengeschichtliche über die Ursprünge des Kommunismus von Platons „Staat“ bis zum Vorabend der Russischen Revolution 1917 und der Versuch der Umsetzung der revolutionären Gedanken in die Praxis bis in die Gegenwart. Seine eigene Stellung zum Kommunismus und Sozialismus ist ambivalent. Koenen war Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) sowie Redakteur des alternativen Magazins „PflasterStrand“. Danach kam es zum Bruch mit der sozialistischen Bewegung, heute steht er Marxismus, Kommunismus und Sozialismus distanziert gegenüber.

 

Das opulente Buch Koenens ist „ein Versuch, ein scheinbar historisch und politisch ‚abgeschlossenes‘ Thema, das mit dem Sammelbegriff oder Bannwort des ‚Kommunismus‘ belegt ist, für eine breitere zeit- und welthistorisch interessierte Leserschaft noch einmal neu aufzuschließen. Es geht dabei inzwischen weniger darum zu werten, zu urteilen oder zu verurteilen, diese Geschichte ‚aufzuarbeiten‘ (…), eine Bilanz zu ziehen, Begriffe und Vorstellungswelten des Kommunismus zu reaktualisieren oder umgekehrt, sie noch einmal zu beerdigen. Sondern es geht um ein nachvollziehbares historischen Verstehen im Sinne ‚eines making sense‘. (S. 1033)

 

Das Buch lässt sich in vier Teile teilen. Im ersten Teil geht es um die ideengeschichtlichen Vorstellungen von kommunistischen Elementen in allen möglichen Lehren und Theorien bis zum Vorabend der Moderne. Dann geht es um den Linkshegelianismus und die sozialistische Gründerzeit mit Karl Marx und seiner Lehre im Mittelpunkt. Im dritten Teil geht es um die Russische Revolution 1917 und die frühe Sowjetunion. Im letzten Teil geht es um die Ausbreitung des Kommunismus nach dem 2. Weltkrieg, den Kalten Krieg und den Zusammenbruch der Warschauer Pakt-Staaten 1989. Dabei steht auch China von Mao bis zum heutigen Staatskapitalismus im Mittelpunkt. Das Buch bietet auch 42 schwarz-weiße Abbildungen zur besseren Visualisierung.

 

Das Buch bietet eine hervorragende Analyse der Vorgeschichte des Kommunismus von der Antike bis zur Moderne. Die Wirkung Campanellas und Bacons wird etwas unterschätzt. Eines irritiert jedoch: Eine ausreichende Auseinandersetzung mit den Sklavenaufständen im römischen Reich findet nicht statt. Der erste Sklavenkrieg fand zwischen 136 und 132 v. Chr. auf Sizilien statt, 200.000 erhoben sich gegen ihre römischen Herren, der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. Der zweite große Sklavenaufstand in Sizilien. ähnelte sehr dem ersten: Auch dieser Aufstand ging von zwei Gruppen aus, der des Athenion und der des Salvius (teilweise auch Tryphon genannt). Nachdem die Zahl ihrer Anhänger auf 30.000 angestiegen war, musste erneut das römische Heer eingreifen und konnte sie erst 101 v. Chr. unter der Führung des Konsuls Manius Aquillius stoppen.

Am bekanntesten ist der dritte Aufstand Spartacus entfloh nach einer Rebellion mit ca. 70 anderen Gladiatoren im Jahr 73 v. Chr. aus der Gladiatorenschule des Gnaeus Cornelius Lentulus Batiatus in Capua und vermochte zahlreiche weitere Sklaven, vor allem aus den landwirtschaftlichen Großbetrieben, den Latifundien, um sich zu sammeln. Zudem erhielt er auch aus den Reihen der verarmten, landlosen Freien erheblichen Zulauf. Als Anführer der aufständischen Sklaven erzielte er mit seinem (befreiten) Sklavenheer zahlreiche militärische Erfolge gegen die römischen Legionen auf seinem Zug von Süd- nach Oberitalien. In den folgenden Schlachten wurde die Rebellenarmee komplett aufgerieben, und Spartacus selbst fiel. 6.000 Rebellen wurden gefangengenommen und von Crassus entlang der Via Appia von Rom nach Capua gekreuzigt. Etwa 5.000 Rebellen gelang nach der Schlacht die Flucht, sie trafen auf dem Weg nach Norden jedoch auf die Legionen des Pompeius und wurden alle getötet.

 

Nicht nur aufgrund sich nähernden 200ten Geburtsdatum wird über die Person Karl Marx und seine Lehre wieder in der Öffentlichkeit debattiert, gestritten und polemisiert, manchmal auch mit antisemitischem Unterton. Die fortschreitenden Ungerechtigkeiten der globalisierten Welt führen auch zu der Frage nach der aktuellen Gültigkeit seiner Lehre.

Koenen warnt vor einer Renaissance der kommunistischen oder sozialistischen Ideen: „Wer freilich nach der Morgenröte irgendeines neuen ‚herrlichen Sonnenaufgangs‘ Ausschau hält, begibt sich zum x-ten Mal in das Gravitationsfeld jener retrograden und regressiven Utopien und Visionen, an denen der Sozialismus und Kommunismus des 19. und 20. Jahrhundert schon viel zu sehr gekrankt hat.“ (S. 1034)

Eine Auseinandersetzung mit dem Postmarxismus fehlt in Koenens Darstellung. Der seit den 1980er Jahren verwendete Begriff Postmarxismus in einem weiteren Sinne bezeichnet eine Tendenz in der weitergeführten gesellschaftskritischen, in vielen Fällen auch innerhalb des Poststrukturalismus entstandene, Theorieentwicklung nach Marx, der sich u.a. Philosophen und Sozialwissenschaftler wie Hannah Arendt, Judith Butler, Cornelius Castoraidis, Ernesto Laclau, Chantel Mouffe und Jacques Ranciere zuordnen lassen.

In einem engeren Sinn bezeichnet Postmarxismus eine Position, die den traditionellen Marxismus hinter sich gelassen hat und dennoch dem Marx'schen Werk in bestimmten Punkten verbunden bleibt. Postmarxisten üben Kritik am marxistischen Reduktionismus und seinen Spielformen: ökonomischer Determinismus und Klassenkampf, dem hegel-marxistischen Totalitätskonzept wie auch dessen Revolutionstheorie. Die teleologische Vorstellung eines radikalen Bruchs und nicht einer prozesshaften Transformation, die Annahme eines (vorbestimmten) revolutionären Subjekts und die Ideen einer proletarischen Revolution zur Machtübernahme werden auf ihre Gefahren und Probleme hin hinterfragt, von manchen sogar ganz aufgegeben.

Dass der Kommunismus sowjetischer Prägung scheiterte, hat auch mit dem Dirigismus und der Bürokratisierung der Staatssozialismus zu tun. Wer die autonome Persönlichkeit negiert und durch Autorität die Unmündigkeit der Gesellschaftsmitglieder forciert, kann keine dauerhafte Systemstabilität erwarten.

Das Buch ist eine intensive Aufarbeitung der Geschichte des Kommunismus und Sozialismus, die ihresgleichen sucht. Auch aufgrund seiner roten Vergangenheit hat Koenen einen umfassenden Überblick über die Lehre des Kommunismus, die wenige Wünsche offen lässt. Das Buch ist keine Abrechnung, sondern eine eher nüchterne Historisierung, die sich Gegenwartsfragen entzieht. Da der globale Kapitalismus keine Lösung für den ewigen Menschheitstraum einer gerechten Welt bietet, ist eine Renaissance von sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaftstheorien und Utopien wahrscheinlich.







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