Gerrard Winstanley zum 400. Geburtstag:


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19.10.09
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Gerrard Winstanley, ein Utopist als erster wissenschaftlicher Sozialist?       
 
Utopischer Kommunismus im England des 17. Jahrhunderts

Von Dieter Reinprecht-Hinsch

Der Engländer Gerrard Winstanley war Führer und Theoretiker der Diggers, des radikalen, kommunistischen Flügels der Levellers. Mitte des 17. Jahrhunderts, während der Englischen Revolution, begann er seine Theorien zu entwickeln. Eine Lektüre seiner Schriften zeigt einen Theoretiker und Praktiker, der kein "normaler" Utopist war. 200 Jahre vor Marx und Engels läutete er den modernen Sozialismus ein. Mit ihm sollte der Sozialismus beginnen, sich von der Utopie zur Wissenschaft zu erheben...

Die Vorstellung einer besseren Welt existiert wohl seitdem es Menschen gibt. Der Begriff des Kommunismus ist keine Erfindung des späten 19. Jahrhunderts. Der Wandel, der Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzte, war - nicht mehr und nicht weniger - die Verwissenschaftlichung des Begriffs Sozialismus oder Kommunismus durch Karl Marx und Friedrich Engels.

Doch bereits lange vor dem wissenschaftlichen Sozialismus gab es Menschen, die von einer gemeinschaftlich organisierten, egalitären Welt träumten - von einem idealistischen, träumerischen Kommunismus, einer Utopie.

Wir können derartige Elemente im Urchristentum, im Alten Testament und teilweise auch noch im Neuen Testament finden, weiters Thomas Münzer, Francis Bacon oder die berühmte Schrift von Thomas Morus Utopia.

Der deutsche Ökonom Karl Knies räumt diesen kommunistischen UtopistInnen gar eine derart wichtige Stellung ein, dass er sie dazu verwendet, zu zeigen, dass es Versuche gab, die Ökonomik in der Zeit zwischen dem Untergang der Antike und der Entstehung der modernen Politischen Ökonomie im 16. und 17. Jahrhundert weiterzuentwickeln.[1]

Mitte des 17. Jahrhunderts, im Zuge der englischen Revolution, entwickelte der Engländer Gerrard Winstanley seine kommunistische Gesellschaft, deren Basis Dorfkommunen seien. Diese waren für die damalige Zeit nichts außergewöhnliches, schon gar keine neue Idee. So existierten etwa im Jahr 1548 sechsundzwanzig derartiger Dorfkommunen in Mähren.

Gerrard Winstanley gilt als utopischer Kommunist. Er war theoretischer und praktischer Führer einer radikalen, kommunistischen und militanten Abspaltung der Levellers, der „wahren" Levellers oder Diggers (Graber).

Was charakterisiert aber den utopischen Kommunismus? In seinem Essay „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" fasst Friedrich Engels unter anderem folgende Punkte zusammen:

-        Sie wollten „nicht zunächst eine bestimmte Klasse, sondern sogleich die ganze Menschheit befreien".

-        Es galt mittels der reinen menschlichen Vernunft ein System zu erfinden und dies den Menschen von außen her aufzuoktroyieren.

-        Die bisherigen UtopistInnen kritisierten zwar die Gesellschaftszustände, konnten diese aber nicht erklären und so nicht mit ihnen „fertig werden".

Doch all diese Punkte sind nicht auf Gerrard Winstanley zutreffend. Er war kein „klassischer" utopischer Kommunist, wenn man dies so ausdrücken darf. Er war Kommunist, politischer Aktivist, Mitglied der Levellers, Führer der Diggers. Seine MitstreitrerInnen waren UtopistInnen. Er war anders - und musste trotzdem Utopist bleiben.

Utopische Ideen in der englischen Revolution

Eduard Bernstein zieht in seiner Schrift über die englische Revolution immer wieder Vergleiche mit der französischen Revolution. Zu den Parteien in der englischen Revolution schreibt er: „Sie hat in den Presbyterianern ihre Girondisten, in den Independenten ihre Jakobiner, beziehungsweise Bergpartei, und in den Levellers ihre Hébertisten (...). Cromwell war ihr Robespierre und Bonaparte in einer Person, und ihr Marat und Hébert in einer Person war John Lilburne, der Leveller."

Es gab mehrere radikal-demokratische, sozialistische und atheistische Ansätze in und um die Levellers, die der Bolschewik Leo Trotzki als „den extremen linken Flügel der Revolution" bezeichnete. Doch er machte auch klar: „(...) die Levellers, die unterste Schicht des Kleinbürgertums, hatten noch nicht ihren eigenen historischen Weg eingeschlagen, noch hätten sie das jemals können."

Einige Beispiel für derartige Aktivisten in England waren:

Richard Overton:

Er war der erste konsequente Rationalist Englands und versuchte seine materialistische Darstellung mit sozialem und politischem Radikalismus zu verbinden. Dies war sehr fortschrittlich, denn ansonst, vor allem nach der Niederschlagung der Revolution, manifestierte sich der politische und soziale Radikalismus fast ausschließlich in der religiösen Bewegung.

B. Chamerten:

Er war Arzt und kein Levellers-Mitglied, stand ihnen - wie viele Radikale aus oberen Schichten - aber politisch nahe. Er befürwortete die Nationalisierung alles Kron-, Kirchen- und verfallenen Landes. Es sollten alle öffentlichen Eigentümer und diese Ländereien zusammengefasst werden und mittels einer demokratischen, jedermann zugänglichen Organisation kommunistisch verwaltet werden. Ansonst bleibt in seiner Theorie die Gesellschaft aber wie sie damals (im England des 17. Jahrhunderts) war. Er war radikaler Merkantilist und stellte diese Losung „Sorgt für die Armen und sie werden für euch sorgen, zertretet die Armen und sie werden euch zertreten!" auf.

Samuel Hartlieb oder Hartlib:

Zu den Vorbildern des Deutschpolen Hartlieb zählten Thomas Morus und Francis Bacon. Seine Idee war, dass am Eigentum auch Pflichten für die Herrscher gebunden seien. Wenn der Herrscher diese nicht einhält, entzieht ihm das Volk das Eigentum.

Die Regierung sollte sich aus fünf Departments zusammensetzen, die sich aus den kompetentesten Bürgern bilden sollten: Landwirtschaft, Fischerei, Handel und Gewerbe auf dem Land, Seehandel, Kolonien.

Der kommunistische Flügel - die Diggers

Am 8. April 1649 begann eine Gruppe von Menschen vierzig Meilen südwestlich von London mit der Bearbeitung von öffentlichem Land. Diese vierzig Personen wollten auf diesem Land eine Kommune errichten. Ihre Führer waren William Everard und Gerrard Winstanley.

Sie waren streng religiös, sahen sich, wie nahezu alle utopischen KommunistInnen im England Mitte des 17. Jahrhunderts, als Nachfolger des Volkes Gottes und bezeichneten sich dementsprechend als Israeliten. So zogen sie immer wieder Vergleiche mit der Bibel, etwa wären das englische Volk, das englische Proletariat und die Bauern- und Bäuerinnenschaft ähnlich unterdrückt, wie die Israeliten in Ägypten. Sie waren PazifistInnen und ihr Ziel war eine Rückkehr zum „Naturzustand" der Erde, wie sie Gott erschaffen hatte.[2] Mit der Kommune wollten sie unbebautes Land wieder fruchtbar machen.

Anfangs verfolgten sie noch die Utopie, dass damalige Landbesitzer zur Einsicht kommen und sich ihnen anschließen hätten können, was Winstanley in seinen späteren Schriften aber verwirft.

Die Diggers waren der radikalste Flügel der englischen Revolution und bezeichneten sich selbst als die „wahren Leveller".

Das Programm der Diggers lässt sich am besten mittels ihrer eigenen propagandistischen Pamphlete darlegen: „1. Ein gerechter Anteil für jeden zum Leben, so daß niemand wegen Mangel zu stehlen oder zu betteln brauche. 2. Ein gerechtes Gesetz, und das sei in der Bibel zu finden. 3. Gleiches Recht für alle. 4. Regierung durch vom Volk gewählte Vorsteher. 5. Eine Republik nach dem Muster der Bibel: Nun, in Israel wurden, wenn einer arm war, öffentliche Vorräte und Unterhaltsmittel benutzt, um ihn wieder aufzurichten. Das könnte auch bei uns mit dem Kirchenland, dem Forstland und Kronland geschehen, welche des abtrünnigen Dinges, genannt König, verwendet. Und alle sieben Jahre gehört in Israel das ganze Land den Armen, den Vaterlosen, den Witwen und den Fremden, und von jeder Ernte wurde ihnen ein Anteil zugewiesen. Merk' dir, armes Volk, was die Leveller für dich tun würden."

Die Diggers begannen mit der Bearbeitung von brach liegendem Boden, da es „Geburtsrecht" (heute würden wir es wohl „angeborenes Menschrecht" nennen) sei, in einer Zeit, als in der Armee die Säuberung und Ausmusterung von radikalen Elementen von statten gingen. Dadurch gewannen sie rasch an großer Unterstützung vor allem bei militärischen Agitatoren.

Wie oberhalb bereits erwähnt, veränderten sich, radikalisierten sich die Positionen der Diggers. Vom reinen Pazifismus wandelte sich etwa ihre Position dazu, dass sie zwar immer ihre absolut friedlichen Absichten betonten, aber klar stellten, dass sie es aber auf gewaltsamen Widerstand ankommen lassen würden, wenn dieser notwendig werde.[3]

Nicht nur deshalb waren die Diggers hoffnungslose Träumer, deren Kommune völlig ungeschützt war. Gleichzeitig war ihr Einfluss aber äußerst gering, vor allem unter der einfachen Landbevölkerung, die sie umgab; sie waren dem Staatsapart fast schutzlos ausgeliefert. Die Repressalien waren enorm, was schlussendlich auch Erfolg hatte: Gleichzeitig mit dem Ende der Levellers kam es Ende des Jahres 1650 auch zum Ende der Diggers. Ihre Mitglieder, vor allem Winstanley, blieben aber aktiv und er entwickelte seine Theorien entscheidend weiter.

Was unterschied die Diggers von den Levellers und anderen UtopistInnen und Radikalen?

Das Ziel der Diggers war die soziale und nicht die politische Gleichheit, daher forderten sie (wie schon zuvor Morus) das „Gemeineigentum an Grund und Boden". Außerdem, so erklärten sie, sei die vollständige Beseitigung der Monarchie die historische Voraussetzung für die friedliche Errichtung des Kommunismus. Winstanley rief daher dem Volk zu: „Könige sind Feinde Christi!"

Das entscheidende war aber, wer ihr revolutionäres Subjekt war. Für utopische KommunistInnen war dies zumeist das ganze Volk, für die Levellers die ArbeiterInnen, Bauern, Bäuerinnen und das Bürgertum, die Diggers hingegen gingen klar von einem proletarischen Klassenstandpunkt aus.

Die Person Gerrard Winstanley

Führer, Haupttheoretiker und wichtigster Schreiber der Diggers war Gerrard Winstanley. Über seine Biographie selbst ist wenig bekannt. Manche Quellen geben seine Geburt 1609 an, 1676 sein Sterbejahr. Andere schreiben 1606-1660.

Er wurde in Wigan als Sohn eines Händlers geboren. In seiner Jugend zog er nach London, wo er Mitglied der Schneidergilde wurde. Der Bürgerkrieg trieb ihn jedoch in den Ruin. 1649 begann er mit der Etablierung von Kommunen und der Kultivierung des Landes. Es entstanden Diggers-Kommunen in Surrey, Buckinghamshire, Kent und Northamptonshire zur Kultivierung des Landes, insgesamt zehn an der Zahl. Die Saat wurde dann an alle Kommunenmitglieder gleichmäßig verteilt. Ende des Jahres wurden aber alle Kommunen von den Landbesitzern zerschlagen.

Wie oben erwähnt, blieb Winstanley auch nach seiner Zeit als Digger politisch aktiv. Sein wichtigstes Werk erschien 1652. Für das Jahr 1654 ist bekannt, dass Winstanley mit Edward Burrough zusammenarbeitet, einem frühen Führer der Quäker[4]. 1660 soll er sogar Mitglied dieser Vereinigung geworden sein.

Christopher Hill erklärt in einem Vortrag über das Leben von Winstanley nach den Diggers und sein Wirken auf englische HistorikerInnen und LiteratInnen: „Wir wissen wenig über Winstanleys späteres Leben. Er wohnte bis 1676 in Cobham. Ein Mann namens Gerard Winstanley starb 1676 in London als Quäker. Er wurde als Kornhändler beschrieben. Es ist unklar, ob dieser Mann unser Gerard Winstanley war oder nicht. Aber wohin hätte er sonst nach der Restauration der Kirche von England, dem House of Lords und der Monarchie gehen sollen, als zu den Quäkern? Aber er war nicht gänzlich vergessen. Er scheint in historischen Werken bis vor kurzer Zeit kaum auf; aber im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert besaßen Radikale, wie Benjamin Furley, Anthony Collins. Thomas Hollis und der Novellist Henry Fielding Winstanleys Schriften oder kannten sie zumindest. In den 1790ern diskutierte eine Gruppe in einem waliser Dorf Winstanleys Ideen, es war ein interessanter Ort und eine interessante Zeit. Er wurde wieder entdeckt am Ende des letzten und im derzeitigen Jahrhundert (im 20. Jahrhundert, Anm. DRH). Er ist besonders berühmt, und das ist auch richtig so, nicht nur für seine Ideen, so interessant wie sie sind, sondern für seinen Prosa-Stil, der als etwas besonderes heraus sticht, was bemerkenswert ist in der großen zeit der englischen Prosa."

Gleichheit im Reich der Freiheit

Winstanley widmet sich in seinen Schriften vor allem der Frage, was Freiheit ist und wie sie erreichbar, aber vor allem wie diese - nach ihrer Erlangung - zu sichern sei.

In seinem Hauptwerk Gleichheit im Reich der Freiheit, veröffentlicht im Jahr 1652, versucht er eine konkrete, in England im 17. Jahrhundert umsetzbare kommunistische Gesellschaft zu beschreiben. Gleich zu Beginn seines Hauptwerkes schreibt er: „Die wahre Freiheit in einem Gemeinwesens beruht auf der freien Verfügung über die Erde." Das Übel der Menschheit liege im Privateigentum. Die Freiheit die vorherrsche sei somit keine wahre Freiheit. Es sei die „Freiheit des Handels" und diese ist nur die Freiheit des/der Eroberers/Erobererin. Diese „Freiheit" führe schließlich in die Knechtschaft. Doch „wahre republikanische Freiheit liegt im freien Genuss der Erde".

Winstanleys Kommunismus basiert auf der Vergesellschaftung und gemeinsamer Kultivierung des Landes. Industrie gab es zu seiner Zeit noch wenig, sie hat daher in seiner Theorie noch nicht den Stellenwert, wie im wissenschaftlichen Sozialismus. Aufgrund der Entwicklung der Produktivkräfte zur Zeit Winstanleys musste sein Sozialismus auch ein „Agrarsozialismus" oder „Bauernsozialismus" sein bzw. bleiben.

Die Gesellschaft wird in Kommunen aufgeteilt, die unter anderem nach folgenden Regeln funktionieren sollten:

-        Jährliche Wahl von Beamten (vgl. die Forderungen nach jederzeitiger Absetzbarkeit, jährlicher Wahl und Gehalt nicht über dem Durchschnitt von FacharbeiterInnen bei Rosa Luxemburg und Lenin)

-        Die Produktion basiert auf Kleinproduktion, Subsistenzwirtschaft und öffentlichen Werkstätten.

-        Der Austausch der Produkte wird gesellschaftlich geregelt.

-        Es gibt ausschließlich öffentliche Schulen.

-        Es herrscht Arbeitspflicht (!) bis zum vierzigsten Lebensjahr.

-        Männer über sechzig Jahren sind „Aufseher über das allgemeine Wesen".

-        Priester verlieren alle Privilegien. Ihre einzige gesellschaftliche Aufgabe ist es, die Einhaltung des wöchentlichen Ruhetages zu kontrollieren. An diesem werden Versammlungen einberufen. (über deren Ablauf siehe Bernstein, 168)[5]

-        Wahlberechtigt ist jedeR über zwanzig Jahren, außer er oder sie hat eine Strafe verbüßt.

-        Passives Wahlrecht hat jedeR über vierzig, bei außerordentlichen Leistungen für die Gemeinschaft kann es aber auch zu Ausnahmen kommen.

-        Es herrscht völlige Ehefreiheit. Die Ehe ist ein reiner Zivilakt.

-        Der Mann ist verpflichtet, sich um seine Kinder zu kümmern, auch wenn er sie verlässt.

-        Bei Gewalt gegen Frauen kommt es zu Todesstrafe.

-        Geld wird mit sofortiger Wirkung abgeschafft.

-        Kauf und Verkauf sind verboten und werden mit der Todesstrafe geahndet.

-        Geld existiert lediglich für den Handel mit anderen Staaten. Dieselbe Ausnahme gilt auch in der Frage von Kauf und Verkauf. Es besteht ein, vom Volk kontrolliertes, Außenhandelsmonopol.

Das Grundübel der Menschheit, der Grund, warum der Großteil der Menschheit als SklavInnen einer Minderheit lebt, ist das Privateigentum. Das englische Volk leidet aber noch zusätzlich an einem weiteren Übel, der normannischen Herrschaft. Seiner Theorie nach gelang es einer fremden Aristokratie die herrschende Schicht („gentry") des Landes zu werden.

Winstanley ein utopischer Kommunist?

Es ist wenig verwunderlich, dass gerade Mitte des 17. Jahrhunderts in England, vor allem während der Revolution, derartige Theorien aufkamen. Christopher Hill beschreibt die Zeit als „große ökonomische Härteperiode für die unteren Klassen". Im Jahrhundert vor 1640 halbierte sich der Reallohn, und die Jahre 1620-50 gehörten laut Hill zu den schlimmsten, die die unteren Klassen Englands je erleben mussten. Zusätzlich begann der Bürgerkrieg und es kam zu Steuererhöhungen zu dessen Finanzierung. Auf den Straßen Londons lagen hungernde Menschen.

Anhand der Diggers und der Theorien Winstanleys zeigt sich, dass die soziale Frage ein wichtiger Punkt in der englischen Revolution war. Hermann Klenner schreibt: „In der Frage, ob den Armen, da sie wie die Reichen ein Leben zu leben haben, daraus ein Wahl- oder gar ein Eigentumsrecht erwachsen solle, schürte sich ein, zugegeben, Nebenknoten des Bürgerkriegs."

Ihr Einfluss war beschränkt, nach heutigem Wissen waren es insgesamt zweihundert Personen (achtundsiebzig Männernamen sind bekannt). Die wichtigste Kommune südlich von London hatte eine Größe von achtzehn Morgen Acker. Klenner schreibt aber weiter: „Solange man jedoch die kommunistischen Utopien des 17. Jahrhunderts nur an ihrer damaligen praktischen Bedeutung misst und sie nicht auch als eine relativ selbstständige Erscheinung begreift, bleiben Fehlurteile der Art, daß [die] Diggers bloß ein linker Flügel der Leveller, daß Winstanley ein Agrar- (und nicht ein Sozial-)philosoph gewesen sei, nahezu unvermeidlich." Es handelte sich aber um eine „eigenständige und konsistente sozialphilosophische Konzeption" mit „plebejisch-proletarischen Interessen".

Der zentrale Unterschied zwischen Gerrard Winstanley und den utopischen KommunistInnen vor, aber auch noch nach ihm, war, dass er keine fremde Utopie zeichnen wollte. Seine Utopie sollte keine Utopie sein, es sollte keine Traumphantasie sein, er wollte nicht irgendwo außerhalb der realen Erde eine kommunistische Gesellschaft erfinden, denn die kommunistische Gesellschaft des Gerrard Winstanley sollte aus der Welt, aus den gegebenen Umständen selbst entstehen und vor allem hier und jetzt (also im England des 17. Jahrhunderts) umsetzbar sein.

Er versuchte mit nicht-utopischen Methoden an die ungelösten Fragen seiner Zeit heranzugehen. Doch die Welt war für seine Ideen noch nicht reif, daher mussten sie auch utopische Ideen bleiben. Er war weder Dialektiker, noch Materialist. Dies sind aber die zwei essentiellen Bausteine des wissenschaftlichen Sozialismus. Auch waren weder die Produktivkräfte, noch das revolutionäre Subjekt entwickelt. Im Gegensatz zu anderen utopischen KommunistInnen hatte er aber in der ArbeiterInnenklasse und nicht in „Volk" oder „ArbeiterInnenklasse, Bauern/Bäuerinnen und Bürgertum", etc. das revolutionäre Subjekt gefunden. Er ging von einem klaren proletarischen Standpunkt aus und sah sich als Sprachrohr einer Klasse, die noch kaum existierte. Klenner fasst zusammen, dass seine Schriften, Songs, etc. zwar dem „Inhalt, nicht aber der Form und der Absicht nach Utopien waren".

Winstanley versuchte, die Gesellschaftszustände zu beurteilen, Ursachen für Elend und Unterdrückung zu finden und stellte konkrete Forderungen nach Vergesellschaftung des Eigentums und für den Kampf um die politische Macht auf. Winstanley agierte also bereits zweihundert Jahre vor Karl Marx und Friedrich Engels nach dem Grundsatz: „Die Befreiung der ArbeiterInnenklasse kann nur das Werk der ArbeiterInnenklasse selbst sein."

Ein weiterer Punkt, der bereits in Ansätzen und stark vereinfachter Form bei Winstanley vorkommt, sind Elemente aus Leo Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution. Mitte des 17. Jahrhunderts erlebte England seine bürgerliche, demokratische Revolution. Winstanley argumentiere in seiner Propaganda in die Richtung, dass eine Verbindung von der derzeitigen Revolution und der sozialistischen notwendig sei. Die Diggers sahen die Revolution lediglich als Beginn einer Gesellschaftsumwälzung, an deren Ende der endgültige Sieg der „poorer oppressed people" stehe. Weiter ausgeführt und verallgemeinert bedeutete das bei Leo Trotzki in den Jahren 1906 und 1929, dass bürgerliche Forderungen nur durch die sozialistische Revolution erkämpft und erhalten werden können, eine demokratische Revolution müsse daher notwendigerweise in eine sozialistische übergehen - das Phänomen, das wir in Russland 1917 erkennen konnten.

Man sieht nun, es war eigentlich nicht die englische Revolution des 17. Jahrhunderts, die Winstanley meinte, für die Winstanley agitierte. Doch Winstanley hat in keinster Weise die bürgerliche Revolution negiert, denn es gab wohl keine fortschrittliche Forderung gegen die Monarchie, die die Diggers nicht bedingungslos unterstützten. Sie wollten jedoch weiter gehen, traten daher auch für den Sturz Cromwells ein. Die Diktaturen Cromwells und Charles' Stuart wurden verglichen. Beide seien gleichermaßen Nachfolger der normannischen Eroberer.

Winstanley, Marx, Engels, Plechanow, Lenin, Trotzki?

Gerrard Winstanley war nicht einfach ein utopischer Kommunist wie Münzer, Morus, Bacon oder Owen. Seine Theorie ist, bei allen Schwächen und Vereinfachungen, wohl am besten als vorwissenschaftlicher, aber nicht utopischer Kommunismus zu bezeichnen. Klenner erklärt dies folgend: „Wie man es auch dreht: eine plebejisch-proletarische durchkonstruierte Kommunismus-Utopie ist erst von Gerrard Winstanley geschaffen worden." Dass reiht ihn ein in die Reihe der „großen originären Denker der sozial-wissenschaftlichen Weltliteratur". Es handelt sich nicht um die utopischen Schilderungen fremder, idealer Gesellschaftszustände, sondern um die Schilderung einer „noch unfertigen Klasse, um direkt kommunistische Theorie". Dies musste aber aus einem Mangel an den materiellen Bedingungen und der Unterentwicklung des Proletariats scheitern.

Friedrich Engels schreibt in Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft: „Die Besitzergreifung der sämtlichen Produktionsmittel durch die Gesellschaft hat, seit dem geschichtlichen Auftreten der kapitalistischen Produktionsweise, einzelnen wie ganzen Sekten öfters mehr oder weniger unklar als Zukunftsideal vorgeschwebt. Aber sie konnte erst möglich, erst geschichtliche Notwendigkeit werden, als die tatsächlichen Bedingungen ihrer Durchführung vorhanden waren." Wenn dieser Satz auch auf Gerrard Winstanley zutrifft, so war er, wie gezeigt, kein „gewöhnlicher" utopischer Kommunist. Mit nicht-utopischen, aber auch nicht-wissenschaftlichen Methoden versuchte er eine kommunistische Gesellschaftstheorie zu entwickeln. So wurde er, wie Bernstein schrieb, der „Inspirator einer kleinen Sekte und Anwalt einer unentwickelten Klasse". Sein Traum war „daß die Erde zur gemeinsamen Schatzkammer aller Menschen ohne Unterschied der Person gemacht werden soll".

Es war ein Traum, weil es Mitte des 17.Jahrhunderts ein Traum bleiben musste. Das Proletariat war noch nicht das revolutionäre Subjekt. Winstanley war aber das fortschrittlichste und beste, das der Sozialismus, der radikale Republikanismus und Utopismus hervorbringen konnten. Die zeit war noch nicht reif für Gerrard Winstanley- Die notwendigen Werkzeuge noch nicht entwickelt. 200 Jahre später sollten zwei Deutsche mit den Bausteinen der englischen Nationalökonomie, dem französischen Sozialismus und der deutschen Philosophie den Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft erheben. Ihre wichtigsten Werkzeuge: die Dialektik und der Materialismus. Es war keine erfundene Methode, sondern wissenschaftliche Weiterentwicklung, die sie direkt zur materialistischen Geschichtsauffassung führen sollte. Denn wie der italienische Philosoph Antonio Labriola Ende des 19. Jahrhunderts feststellte: „Ideen fallen nicht vom Himmel."  

Dieter Reinprecht-Hinsch

Anfang Oktober 2007

www.grafraktion.net.tf

Literatur:

Eduard Bernstein, Sozialismus und Demokratie in der grossen englischen Revolution, Hannover 1964.

Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft; in: MEAW 5, 401-477.

Christopher Hill, Gerrard Winstanley: 17th Century Communist at Kingston; www.kingston.ac.uk, 24. April 2007, 15:14.

ders., The English Revolution 1640; www.marxists.org, 8. Oktober 2007, 23:27.

ders., The Religion of Gerrard Winstanley, Past & Present. Supplement 5, Oxford 1978.

ders., The World Turned Upside Down. Radical Ideas during the English Revolution, London 1972.

C.L.R. James, II. Tercentenary of the English Revolution: 1649-1949. Ancestores of the Proletariat; in: Fourth International, Vol. 10 No. 8, September 1949, 252-255; www.marxists.org, 23. April 2007, 16:18.

Hermann Klenner (Hg.), Gerrard Winstanley. Gleichheit im Reiche der Freiheit. Sozialphilosophische Pamphlete und Traktate, Leipzig 1983.

ders., Revolutionsbegriff als Reformationstheorie. Der Revolutionsbegriff utopischer Kommunisten in England Mitte des 17. Jahrhunderts; in: ders. (Hg.), Das wohlverstandene Interesse. Rechts- und Staatsphilosophie in der englischen Aufklärung, Köln 1998, 71-96.

Karl Marx/Friedrich Engels, Guizot, „Pourquoi la révolution d'Angleterre a-t-elle réussi? Discours sur l'histoire de la révolution d'Angleterre"; in: MEW 7, 207-212.

Leon Trotsky, The seventeenth-century revolution; in: R. Chappel, Alan Clinton (ed.), Leon Trotsky. Collected writings and speeches on Britain, Volume One, London 1974, 3-7.

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[1] Karl Knies, Die Politische Ökonomie vom geschichtlichen Standpuncte, Braunschweig ²1882, 1-43.

[2] Hier springt ein Vergleich mit Marxens Vorstellung von der Rückkehr der Menschheit zum Kommunismus auf höherem Niveau ins Auge. Der Vergleich ist sicherlich zulässig, von einer dialektischen Geschichtsauffassung kann aber noch nicht gesprochen werden.

[3] vgl. Karl Radeks Aussage über die Frage der Gewalt bei den Bolschewiki aus dem Jahr 1920: „Wir gehen friedlich zu unseren Zielen wenn möglich, mit Gewalt wenn notwendig. Die historische Erfahrung des Proletariats sagen ihm, dass die Gewalt notwendig sein wird; es hängt von der Bourgeoisie ab, die Erfahrungen zu korrigieren."; siehe Karl Radek, Proletarische Diktatur und Terrorismus; in: Kommunistische Internationale (Hg.), Die Internationale. Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus, Band 1, Hamburg 1920.

[4] Quäker (engl. „Zitterer"), von George Fox (1624-91) gegründete englische radikale Sekte (Gesellschaft der Freunde, deren Glauben auf der mystischen Erfahrung Gottes beruht. Die daraus resultierende Ablehnung der anglikanischen Staatskirche und ihr Bekenntnis zu Gleichheit und Gewaltlosigkeit setzten die Quäker Verfolgungen aus (1681 Auswanderung nach Nordamerika, Gründung Pennsylvanias).

[5] Die Diggers waren zwar eine religiöse Sekte, im Gegensatz zu anderen utopischen KommunistInnen und vor allem den Levellers propagierte Winstanley aber nicht eine andere Kirche, sondern gar keine. Seine Rückgriffe auf das Alte oder Neue Testament dienten sich Autorität zu verschaffen. Winstanley machte das Christentum zu einer Waffe gegen die Monarchie und gegen Cromwell.

 







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