Brief Wilhelm Liebknechts an den Jahreskongreß der französischen Arbeiterpartei


Bildmontage: HF

07.01.13
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von marxismus-online

Brief Wilhelm Liebknechts vom 10. August 1899 an den Jahreskongreß der franzö- sischen Arbeiterpartei (Le Parti Ouvrier francais) in Epernay über den Eintritt des Sozialisten A.-E. Millerands in die bürger- liche Regierung unter Waldeck-Rousseau und über die Einheit der Partei. Diese erstmalige Eintritt eines Sozialisten löste in der II. Internationale eine heftige Debatte aus.

Meine Freunde!

Sie wissen, daß ich es mir zur Pflicht gemacht habe, mich in die Angelegenheiten der Sozialisten anderer Länder nicht einzumischen. Aber da Sie meine Meinung über die brennenden Fragen, die Ihren Kongreß und das ganze arbeitende und sozialistische Frankreich beschäftigen, zu kennen wünschen und da diejenigen Ihrer sozialistischen Landsleute, die in bezug auf diese Fragen anderer Ansicht sind als Sie, sich ebenfalls an mich gewandt haben, so habe ich keinen Grund, mit meiner Meinung zurückzuhalten. Und es ist im Grunde doch auch keine uns Deutschen fremde Angelegenheit, die Sie jetzt in Frankreich beschäftigt.

Die Internationalität des Sozialismus ist eine Tatsache, die sich von Tag zu Tag mehr fühlbar und geltend macht. Wir Sozialisten sind eine Nation für uns - eine und dieselbe internationale Nation in allen Ländern der Erde. Und die Kapitalisten mit ihren Agenten, Werkzeugen und getäuschten Gläubigen (dupes) sind ebenfalls eine internationale Nation, so daß wir in Wahrheit sagen können: Es gibt heute nur noch zwei Nationen in allen Ländern, die eine die andere bekämpfend in dem großen Klassenkampf, welcher die neue Revolution ist - dem Klassenkampf, welcher gekämpft wird einerseits von dem Proletariat, vertretend den Sozialismus, andererseits von der Bourgeoisie, vertretend den Kapitalismus.

Und da der Kapitalismus die bürgerliche Welt (der Bourgeoisie) beherrscht, so sind, solange der Kapitalismus herrscht, mit Notwendigkeit alle Staaten Klassenstaaten und alle Regierungen Klassenregierungen, dienend den Zwecken und Interessen der herrschenden Klasse und bestimmt, den Klassenkampf für die Bourgeoisie gegen das Proletariat zu führen - für den Kapitalismus gegen den Sozialismus, für unsere Feinde gegen Euch, gegen uns. Vom Standpunkte des Klassenkampfes, dieser Grundlage des kämpfenden (militant) Sozialismus, ist das eine Wahrheit, welche durch die Logik des Gedankens und der Tatsachen über jeden Zweifel hinausgehoben ist.

Ein Sozialist, der in eine Bourgeoisregierung eintritt, geht entweder zum Feind über, oder er gibt sich in die Gewalt des Feindes. In jedem Fall trennt ein Sozialist, der Mitglied einer Bourgeoisregierung wird, sich von uns, den kämpfenden Sozialisten. Er mag sich noch für einen Sozialisten halten, ist es aber nicht mehr; er kann von seiner Ehrlichkeit überzeugt sein, aber dann hat er nicht das Wesen des Klassenkampes begriffen -nicht begriffen, daß der Sozialismus den Klassenkampf zur Grundlage hat.

Heutzutage, unter der Herrschaft des Kapitalismus, kann eine Regierung, selbst wenn sie voll Philanthropie und von den besten Absichten beseelt ist, nichts Ernsthaftes für unsere Sache tun. Man muß sich vor Illusionen (Selbsttäuschungen) hüten. Schon vor Jahrzehnten sagte ich: Wenn der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist, so der Weg zu Niederlagen mit Illusionen. In der heutigen Gesellsmaft ist eine nicht-kapitalistische Regierung eine Unmöglichkeit. Und der unglückliche Sozialist, den der Zufall in eine solche Regierung wirft, ist, wenn er seine Klasse nicht verraten will, zur Ohnmacht verurteilt. Die englische Bourgeoisie hat das Kunststück, die Opposition durch Teilnahme an der Regierung zu lähmen, seit einem Jahrhundert gelernt, und es ist in England traditionelle Praxis aller Regierungen, daß das radikalste Mitglied der Opposition, welches naiv genug ist, sich zu dem Spiel herzugeben, in die Regierung genommen wird. Der Mann dient den "Kollegen" als Deckung und entwaffnet seine Freunde, die nicht auf ihn schießen können - wie man in der Schlacht nicht auf die Geiseln schießen kann, die der Feind vor sich gestellt hat.

Das meine Antwort auf die Frage, betreffend den Eintritt eines Sozialisten in eine Bourgeoisregierung.

Jetzt zu der zweiten Frage: der Frage der Einheit und Einigung. Die Antwort wird mir diktiert durch die Prinzipien und die Interessen der Partei. Ich bin für die Einheit der Partei - für die nationale und internationale Einheit der Partei. Aber es muß die Einheit des Sozialismus und der Sozialisten sein. Die Einheit mit Gegnern, mit Leuten, die andere Ziele und andere Interessen haben, ist keine sozialistische Einheit. Wir müssen unsere Einheit um jeden Preis und mit allen Opfern erstreben. Aber damit wir uns einigen und organisieren können, haben wir aller fremden und feindlichen Elemente uns zu entledigen.

Was würde man von einem General sagen, der in Feindesland die Reihen seiner Armee mit Rekruten aus den Reihen der Feinde füllen wollte? Wäre das nicht der Gipfel der Torheit? Wohlan: In unsere Armee - das ist in unsere Partei, die eine Armee ist für den Klassenkampf und Klassenkrieg - in unsere Armee Gegner hereinziehen, Soldaten mit den unsrigen entgegengesetzten Zielen und Interessen -das wäre Wahnsinn, das wäre Selbstmord.

Auf dem Boden des Klassenkampfes sind wir unbesiegbar; verlassen wir ihn, so sind wir verloren, weil wir keine Sozialisten mehr sind. Die Kraft und Macht des Sozialismus besteht in der Tatsache, daß wir einen Klassenkampf führen, daß die arbeitende Klasse durch die Kapitalistenklasse ausgebeutet und unterdrückt wird und daß in der kapitalis- tischen Gesellschaft wirksame Reformen, welche der Klassenherrschaft und Klassenaus- beutung ein Ende machen, unmöglich sind.

www.marxismus-online.eu/archiv/klassiker/wliebknechtbrief.html

 

 


VON: MARXISMUS-ONLINE






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