Markt, Konkurrenz und Plan


Bildmontage: HF

11.01.17
SozialismusdebatteSozialismusdebatte, Wirtschaft, Debatte 

 

Von Karl Wild

Überlegungen zum Verhältnis von staatlicher Lenkung und gesellschaftlicher Konkurrenz

Seit die VR China, zu nennen wäre auch Vietnam, den „kapitalistischen Weg“ der „Marktöffnung“ eingeschlagen haben, explodierten im Land die Zuwachsraten des Sozialprodukts und wachsender Wohlstand für wachsende Bevölkerungsschichten stellt sich, ungeachtet vieler, auch ökologischer Probleme, ein. Ist China das positive Beispiel für das „Wirken des freien Marktes“, so bildete der Zustand der Ökonomie der europäischen sozialistischen Staaten zum Zeitpunkt ihrer Implosion das negative Beispiel für das „Versagen“ der staatlichen Planwirtschaft.

Der seither virulente Marktradikalismus des Politik und Ökonomie beherrschenden Neoliberalismus kann sich auf wirkungsmächtige historische Praxen berufen. Auch in den „freien“ Gesellschaften des Westens steht die staatliche Tätigkeit in der „Wirtschaft“ und weiter gefasst im sozialen Raum ideologisch und praktisch in der vernichtenden Kritik. In ökonomischen Zukunftsentwürfen, wenn diese überhaupt noch gedacht werden, kommt der „Staat“ kaum oder nur mehr als Feindbild vor. (Der Staatskapitalismus, das aktive Handeln der Politik auf dem Feld der Ökonomie, ist dennoch, dies gilt verstärkt in der Finanzkrise, trotz aller Bekundungen immer aktuell!)

Karl Marx erwies sich wiederum als Prophet, als er sein „Kapital“ mit dem Satz eröffnete, dass „der Reichtum der Gesellschaften“, die „ungeheure Warensammlung“, auf die Herrschaft der „kapitalistischen Produktionsweise“ (KI, S. 49) zurückzuführen ist. Historisch ist nun überreichlich belegt, dass eine überbordende und dynamisch sich entfaltende Warenfülle zur Befriedigung der beliebigen und wachsenden Bedürfnisse der Gesellschaft auf eben dem Wirken der kapitalistischen Produktionsweise fußt. Was bewirkt nun letztendlich, dass im Kapitalismus die „Gebrauchswerte“, zwar gebunden an der Warenform, sich unendlich vermehren? Dies begründet sich in der stetigen „Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit…, wodurch die zur Produktion einer Ware gesellschaftlich erheischte Arbeitszeit verkürzt wird, ein kleineres Quantum Arbeit also die Kraft erwirbt, ein größeres Quantum Gebrauchswert zu produzieren.“ (KI, S.333) Und was veranlasst nun wiederum die am ökonomischen Prozess Beteiligten, die „Produktivkraft“ zu steigern? „Die freie Konkurrenz macht die immanenten Gesetze der kapitalistischen Konkurrenz dem einzelnen Kapitalisten gegenüber als äußerliches Zwangsgesetz geltend.“ (KI, S. 286) Auf Gedeih und Verderben sind die Marktteilnehmer gezwungen, rationeller zu produzieren, oder sie werden gnadenlos vom Markt verdrängt. Dieses „Wolfsgesetz“ des Kapitalismus ist seine Stärke und Schwäche.
Im „real existierenden Sozialismus“ übernahm der Staat die Aufgabe der Entfaltung der Produktivkräfte und statt der „Konkurrenz“ sollte der gesamtstaatliche Plan die Steuerung der Wirtschaft übernehmen und Arbeitsquanten gesellschaftlichen Bedürfnissen zuordnen. Auf allen Ebenen wurden die Preise und die Mengen der jeweilig gewünschten Gebrauchsgüter ohne Zuhilfenahme von Marktmechanismen willkürlich festgelegt. In den kapitalistischen Staaten wird die Wirkungsweise der „Marktgesetze“ durch staatliche Aktivitäten primär auf der „Macroebene“ der Volkswirtschaften (Währung, Zins, Steuern, Abgaben, Arbeitsrecht, Umweltauflagen etc.) und durch die Bestimmung sog. öffentlicher Aufgaben (Infrastruktur, Bildung, Forschung, Sozialsysteme etc.) begrenzt (vgl. VR China!). Wurden vor 100 Jahren zwischen 4 und 10 Prozent des Sozialprodukts so staatlich umgeschichtet und bestimmt, so liegt dieser Wert in den heutigen kapitalistischen Gesellschaften zwischen 30 und etwa 60 Prozent, d.h. um ein Vielfaches höher als zu Zeiten eines unbegrenzten „Manchesterkapitalismus“.

Welche Folgerungen ergeben sich aus den historischen Erfahrungen für einen zukünftigen Sozialismus?

Der Markt, sprich die freie Konkurrenz von Produzenten um Marktanteile, ist unabdingbar für die Entfaltung der schöpferischen Potenzen einer Gesellschaft. Ihm muss Raum in einer zukünftigen Gesellschaft auf unabsehbare Zeit zugestanden werden, um die Bedürfnisbefriedigung „privat“ zu konsumierender Güter möglichst rational (größtmöglicher Output bei zu minimierenden Arbeitszeit-Input) zu ermöglichen. Der Staat muss neben der Steuerung über die Macroebene (wie Währung oder Zinsniveau) nationale Aufgaben/Ziele und „öffentliche Güter“ bestimmen, bei denen der Rationalitätsgesichtspunkt hinter dem der umfassenden Bedürfnisbefriedigung zurücktritt (wie z.B. Gesundheit, Bildung, öffentlicher Verkehr etc). Über die Staatshaushalte, über die ein wesentlicher Anteil des Sozialprodukts verteilt wird, steuert und lenkt die vom Staat und der Politik vertretene Gesellschaft ihre Geschicke. Dabei ist zu betonen, dass es sich beim „Staat“ um ein gegliedertes System von Instanzen handelt, die über eigene Mittel und Kompetenzen verfügen. Jede Zentralisierung ist, das lehrt die Vergangenheit, Gift sowohl für den demokratischen Prozess wie für die Güterbereitstellung!
Welche privatrechtliche Form die am Marktprozess Beteiligten in dieser zukünftigen Gesellschaft haben, erscheint aus dem bisher Gesagten zweitrangig. Ziel sozialistischer wie kommunistischer Politik muss naturgemäß die Förderung partizipativer Eigentumsformen sein, wozu nicht nur Genossenschaften und dergleichen gehören, sondern vor allem Aktien- und Fondsgesellschaften, bei denen nach Marx bereits im Kapitalismus „die Aufhebung des Kapitals als Privateigentum“ (KIII, S. 452) gegeben ist. Umso mehr werden in einer zukünftigen Gesellschaft Möglichkeiten zu schaffen sein, über die direkte Beteiligung von Gewerkschaften, Pensionsfonds etc. Einfluss auf den produktivsten Sektor der Gesellschaft zu nehmen.
Im Sozialismus, so vielleicht das Fazit, sollte soviel gesellschaftliche Planung und staatliche Lenkung wie möglich und soviel freie Konkurrenz wie nötig angestrebt werden, um den „Reichtum“ der Gesellschaft sowohl an öffentlichen wie privaten Gütern kontinuierlich zu steigern.

KI/KIII: Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1 und 3, MEW 23 und 25

2004, überarbeitet Januar 2017

 







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