Antwort auf den Leserbrief von Volker Ritter

31.01.21
LeserbriefeLeserbriefe 

 

Lieber Herr Volker Ritter,

(vorab ein Sorry, dass ich mit dem Begriff „Genosse“ vorsichtig hantiere)

Wenn sich jetzt jemand, der aus Solidarität und zum Schutz von Schwächeren in der Gesellschaft dafür einsetzt, dass Solidarität nicht vor den Pfründen der Großindustrie halt machen darf, dass es möglich sein muss, den kapitalistischen Zinseszinsmotor für einige Zeit anzuhalten, dass es einen unbedingten Kündigungsschutz in einem solchen Zeitraum für alle Lohnarbeitenden geben muss, dass mindestens in solch einem Zeitraum eine bedingungslose Grundsicherung für jeden Kopf der Bevölkerung sicher gestellt sein muss, dass zur Finanzierung die wenigen Supervermögen angezapft werden müssen… - wenn sich so jemand mit Spezialdemokraten vergleichen lassen muss, die dem Kaiser seine Kriegsgelder bewilligt haben, dann … . Ja, was dann? Dann fällt mir eigentlich nichts mehr dazu ein.

Meine konsequente Ablehnung jeglicher Facette des Sozialdarwinismus werde ich mir nicht nehmen lassen, weil jede Facette des Sozialdarwinismus ein Schritt nach rechts ist, ein Schritt in Richtung Faschismus und Militarismus. Punkt.

Ja, ich neide auch schwerst Kranken und über 80-Jährigen ihre Restlebenserwartung nicht und halte diese für genauso schützenswert wie jedes andere menschliche Leben – und zwar vorrangig vor anderen, wenn auch wichtigen, (materiellen und nicht materiellen) Interessen. Punkt.

Den Blick für den „Klassenkampf“ habe ich nicht verloren – dafür aber blind über Leichen zu gehen, lehne ich ab (namentlich wenn es sich bei den Leichen um die von Menschen handelt, die in besonderer Weise des Schutzes und der Solidarität bedürften). Punkt.

Ich sehe nicht, worin der Sinn bestehen soll, nebst den vielen Opfern von Kapitalismus und Imperialismus, den Opfern von vielen anderen vermeidbaren oder heilbaren Krankheiten, nun auch noch die vermeidbaren Opfer von SARS CoV2 zu akzeptieren. Punkt.

Wer mir vorhält, wie irrational mein Standpunkt doch sei, angesichts der (jeweils angeblich oder tatsächlich) viel größeren Anzahl der oben genannten Opfer, den frage ich, was er denn bisher erfolgreiches bewegt hat, um ebendiese zu verhindern. Ich akzeptiere weder die einen noch die anderen Opfer als in Kauf zu nehmen. Punkt.

Ich betrachte nicht jeden, der nicht meiner Meinung ist, als meinen Feind oder als „Feind der Arbeiterklasse“. Ich kann noch zwischen politischen Gegnern und „Feinden“ unterscheiden. Ich nehme mir in meinem Privatleben sogar die Freiheit, mit politischen Gegnern befreundet zu sein, sogar mit solchen, deren Weltbild ich als selbst reaktionär einstufe. Punkt.

Nein, ich unterstelle nicht jedem, der zum „Establishment“ gehört, dass jede seiner Entscheidungen und Sichtweisen böswillig, verschwörerisch und nur von dem Ziel getragen ist, „die Arbeiterklasse zu unterjochen“. Punkt.

Nein, ich bin aber auch nicht so naiv, zu übersehen, dass von besagtem „Establishment“ durchaus auch solche Entscheidungen getroffen werden, die so böswillig, verschwörerisch und nur von besagtem Ziel getragen sind. Ich gebe mir noch die Mühe, zu versuchen das eine vom anderen zu unterscheiden und auch auf „dual use“ zu achten. Punkt.

Ist denn jeder, der nicht für euch ist, gleich gegen euch? (Mit „euch“ meine ich all diejenigen, die Alles und Jeden in die Ecke „Klassenfeind“, „kriminell“, „Verräter“ u.ä. stellen, was nicht auf die gleiche verquere Tour selig werden möchte. Möge sich jeder bei Bedarf selber den Schuh anziehen, oder auch nicht.)

Der Feind meines Feindes ist noch lange nicht mein Freund. Mit Querfronten habe ich nichts am Hut. Wo ich sie aufziehen sehe, wittere ich Gefahr, aber so richtig. Punkt.

Nix für ungut!

Matthias Nomayo



Die Sichtweise eines bekennenden „Lockdown-Linken“ - 28-01-21 20:40




<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz