Leserbrief von Thomas Bertram

16.05.21
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Guten Tag,
zunächst einmal Danke für die insgesamt recht positive Rezension meines Buches "Ernst Kuzorra. Der Größte aller Schalker".
Auf den vermeintlich negativen Punkt, auf den der Rezensent Michael Lausberg hinweist und der meine Behandlung des Verhältnisses der Schalker Fußballer und ihres Vereins zum Nationalsozialismus betrifft (oberflächlich, nicht kritisch genug), möchte ich allerdings Folgendes erwidern:
Das NS-Kapitel in der Kuzorra-Biografie (Kap. 8 "Braune Schatten") ist mit 54 Druckseiten das umfangreiches Kapitel des ganzen Buches. Dort wird anhand von Quellen (u.a. die Entnazifizierungsakten von Kuzorra und Szepan, "Das Buch vom deutschen Fußballmeister", Tagespresse usw.) und Sekundärliteratur, wie etwa der bahnbrechenden Studie "Zwischen Blau und Weiß liegt Grau" von Stefan Goch und Norbert Silberbach, das Verhältnis des Vereins und seiner Spieler zum NS-Regime und seinen Repräsentanten detailliert analysiert. Dabei wird u.a. der Mythos widerlegt, der Verein habe eine besondere Nähe zu Hitler gehabt, bzw. umgekehrt Hitler sei ein besonderer Fan der Königsblauen gewesen. Minutiös nachgezeichnet wird, wir der Verein von Meisterfeier zu Meisterfeier immer stärker in die Selbstdarstellung des Regimes eingebunden wurde, wie aus sportlichen Meisterfeiern NS-Propagandaveranstaltungen wurden (S. 261 ff. – "Kumulative Politisierung"). Ebenso ausführlich wird das Verhältnis der Spieler zum Regime dargestellt, die Mitgliedschaften in der NSDAP werden thematisiert und auch die pauschale Aufnahme ehrenhalber der gesamten Meistermannschaft in die SA. Dass einzelne Spieler sich, ob wissentlich oder aus politischer Unbedarftheit heraus, vor den propagandistischen Karren des NS-Regimes spannen ließen, wird kritisch aufgearbeitet. Einzelnen Spielern wie Szepan und Koriath, die von den sogenannten "Arisierungen" persönlich profitierten, ist ein eigenes Unterkapitel gewidmet, ebenso dem Verhältnis von Kuzorra zu den Nationalsozialisten und der fragwürdigen Art seiner Instrumentalisierung durch das Regime ("Also lassen wir einmal Kuzorra sprechen"). Mir vorzuwerfen, ich hätte das Verhältnis des FC Schalke 04 zum NS-Staat auf die "ein wenig oberflächlich klingende Faustformel" gebracht: "Die Schalker Fußballer wurden benutzt und ließen sich benutzen" und schlussendlich anzumerken, die "Auseinandersetzung mit der NS-Zeit könnte kritischer ausfallen", lässt nur den Schluss zu, dass der Rezensent das entsprechende Kapitel offenbar nur flüchtig überflogen hat, sonst wären ihm weder die detaillierte Darstellung der einzelnen Aspekte des Verhältnisses zwischen Fußballverein/Fußballsport und NS-Regime entgangen noch das ausführliche abschließende Fazit (S. 292 ff. und vor allem S. 300 f. – "Wo ziehe ich meine Grenzen?").
Es ging mir in diesem Kapitel, dessen Stellenwert für das Buch allein schon seine Länge anzeigt, darum, zu einem ausgewogenen Urteil über die Schalker NS-Zeit zu gelangen und dabei Pauschalurteile aus heutiger Sicht, die historische Rahmenbedingungen und individuelle Faktoren konkreten Handelns und Verhaltens außer Acht lassen, möglichst zu vermeiden.
Sollten diese Zeilen Sie zu einer nochmaligen Lektüre der entsprechenden Passagen des Kuzorra-Buches anregen, würde mich das freuen.
Mit freundlichen Grüßen
Thomas Bertram







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