Leserbrief von A. Holberg

03.07.18
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Überaus nachvollziehbare und begrüßenswerte Überlegungen. Ich möchte noch hinzufügen, dass z.B. auch der DKP-Professor Georg Fülberth im vom PapyRossa-Verlag 2014/15 herausgegebenen Buch "Explorationen" darauf verwiesen hat, dass kommiunistische Parteien nur dann Massenparteien (z.B. PCF, PCI) geworden sind, wenn sie mit nicht-authentisch kommunistischen Agenden aufgetreten sind (hier vorallem: Antifaschismus, nationale Befreiung). Die einzige kommunistische Partei, die je eine im Kern proletarische Revolution angeführt hat, waren die Bolschewiki in Russland, wo das Industrieproletariat aber maximal 5% der Bevölkerung ausmachte, und auch die Bolschewiki, die siegen konnten, weil die sich überwiegend aus der Bauernschaft rekrutierende zaristische Armee geschlagen und kriegsüberdrüssig war, hat die Parole "Brot und Frieden" ins Zentrum ihrer Agitation gestellt und nicht "Sozialismus". Den hielt sie - zumindest mehrheitlich - ohnehin erst für ansteuerbar auf der Grundlage der durch die Oktoberrevolution zunächst verwirklichten Herrschaft des Proletariats (im Bündnis mit dem armen Teil der Bauernschaft) und der Unterstürtzung dieser Diktatur des Proletariats durch die westlichen Industrienationen nach entsprechenden Umwälzungen dort.

Was uns heute hier anbelangt, so scheint es mir unverkennbar zu sein, dass im Zentrum (des unbedingt notwendigen!) revolutionären Strebens die Hinführung der "proletarischen Massen" (und ihrer potentiellen Verbündeten aus dem "Kleinbürgertum") zu - zunächst - durchaus reformistischen Kämpfen ist. Erst durch die eigene Erfahrung in solchen Kämpfen können die ihnen innewohnenden Grenzen des Erreichbaren deutlich werden und damit die Bereitschaft, diese zu durchbrechen, entstehen. Die Frage etwa, ob Sahra Wagenknecht in Wahrheit eine revolutionöäre Sozialisten oder nur eine Repräsentanten des "trade unionistischen" Reformismus ist, ist so gesehen aktuell ziemlich irrelevant. Wesentlich wichtiger ist es zu sehen, dass diejenigen, die mit "revolutionärem" Pathos laut erklären, dass reformistische Kämpfe oder gar die Anerkennung der aktuellen Realitäten (wie z.B. der, dass riesige Migrantenzahlen ungeachtet aller moralischen Berechtigung eine Belastung gerade der proletarischen und eher traditionell kleinbürgerlichen Massen in Europa darstellen) sinnlos seien, weil sie die Internationalität des Kapitalismus und die sozialistische Moral ignorierten, diesen unverzichtbaren Prozess von eigener Kamperfahrung für Reformen hin zu revolutionären Zielen verbauen.



Migrationsdebatte und 'linke' Politik(versuche) - 01-07-18 20:54




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