Replik von Dirk Weber zum Beitrag von Peter Alexa (Ursprungsbeitrag: "Ich schwimme gegen den Strom")

03.04.10
LeserbriefeLeserbriefe 

 

Lieber Peter,
ich kann nicht sagen, ob ich nun ein Kleinbürger bin oder auch nicht, aber was soll's. Nach Deinem Verständnis (bitte korrigiere mich, wenn ich falsch liege) führten U. Meinhof und Kollegen einen revolutionären Kampf. Ich verstehe Dich weiterhin so, dass ich ihre Fehler benutze, um diesen Teil des Klassenkampfes zu diffamieren, und distanziere mich bequem davon.

Meiner Meinung nach war die Situation in der BRD der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts zu keinem Moment derart, dass sie auch nur den Gedanken an den bewaffneten Kampf zugelassen hätte. Ohne jetzt eine komplette Analyse der Situation damals anzugehen glaube ich doch, dass man sagen kann: Der Klassenkampf verschärfte sich mit den Folgen der ersten gravierenden Wirtschaftskrise, ausserdem gab es (endlich) eine breite Bewegung, die sich eine ernsthafte Aufarbeitung des Faschismus und der Restauration in der Nachkriegsära auf die Fahnen geschrieben hatte. Man kann wohl mit Fug und Recht von einer Umbruchssituation sprechen, keinesfalls aber von einer revolutionären Situation in der BRD zu diesem Zeitpunkt.

Dies ist nicht nur im Nachhinein erkennbar, sondern das war auch damals schon recht einfach zu erkennen. Wer zu diesem Zeitpunkt zur Gewalt gegen Menschen griff, der musste sich klar darüber sein, dass er objektiv den Herrschenden in der BRD in die Hände arbeitete. er lieferte den Vorwand für einen Ausbau des Repressionsapparates, so beispielsweise die Verschärfung des Überwachungsstaates oder die Einführung der Isolationshaft. Das war als Reaktion vorhersehbar, insbesondere für Menschen, die wie U. Meinhof ja über eine gute Ausbildung verfügten. Ich unterstelle, sie wussten, was sie taten. wie denn auch anders?

Der theoretische Ansatz, dass entschiedene Aktionen, will sagen, bewaffneter Kampf, die bis dahin lethargischen Massen in der BRD in den revolutionären Kampf führen würden, das ist doch, mit Verlaub gesagt, Kinderkacke. Die Massen haben sich da eher hinter den Ausbau des Repressionsapparates gestellt, RAF etc., das war in den Augen der Menschen in der BRD ein Haufen von gefährlichen Spinnern.

Dass diese dann letztlich Opfer der Repression wurden, zu deren Ausbau sie die Argumente geliefert hatten, kann man als tragisch bezeichnen, aber was war denn anderes zu erwarten.

Wir haben damals unter Linken verschiedenster Couleur durchaus die Frage diskutiert, was tun, wenn einer von der RAF vor der Tür stünde und um Hilfe bäte. Nach meiner damaligen Einschätzung standen diese Leute "auf der anderen Seite der Barrikade", ich war nicht bereit, ihnen Unterstützung zu gewähren. Das ungeachtet dessen, dass wir uns alle darin einig waren, dass selbstverständlich RAF-Leuten eine Behandlung zustand, wie sie einem Rechtsstaat entspricht, aber das war ja nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend war viemehr, diese Leute arbeiteten sehenden Auges dem Klassenfeind in die Hand.

Ich weiss heute, dass Leute, denen ich politisch nahe stand, das anders gesehen haben, nicht zuletzt haben ja diverse RAFler oder Anhänger einer ihrer diversen Nachfolgeorganisationen Zuflucht in der DDR gefunden, ich halte diese Entscheidung der DDR-Behörden weiterhin für falsch.

Nicht jeder, der eine Knarre in die Hand nimmt, ist ein Klassenkämpfer Wer einen bekennenden Ex-Waffen-SSler ermordet, ist noch lange kein Revolutionär.

Klassenkampf hat viel mit dem Bohren dicker Bretter zu tun, ohne die gesellschaftliche Utopie aus den Augen zu verlieren. Kurzfristiger Aktionismus, das Posieren als bewaffneter Kämpfer, das mag ja ganz nett sein, hat aber nichts mit revolutionärer Politik zu tun.

Dirk Weber



Replik von Peter Alexa zum Beitrag von Dirk Weber (Ursprungsbeitrag: "Ich schwimme gegen den Strom") - 04-04-10 14:56
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