Zur Spaltung des NLO und der GAM

23.12.07
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Die Haltung der Gruppe Arbeitermacht und ihrer Verbündeten, die Spaltung des NLO als notwendig hinzustellen, kommt für mich leider nicht überraschend. Was viele nicht wissen dürften: Die GAM mit ihrer "Liga für die Fünfte Internationale" hat erst im Sommer 2006 selbst eine Spaltung erlebt, die sie ein Drittel ihrer internationalen Gesamtmitgliedschaft gekostet hat. Die Minderheit, die damals mit großem Tamtam aus der L5I ausgeschlossen wurde, hatte sich aus Gründen gebildet, die den Aktiven des scharf-links-Netzwerks seltsam bekannt vorkommen dürften. Unter anderem ärgerten sich diese Genossen über den aufgeregten Katastrophismus in den ökonomischen und sozialen Perspektiven - die Revolution kommt! morgen früh! - und einen im Allgemeinen laschen Umgang mit der Wahrheit, wenn sie nicht ins vorgefertigte Schema paßt. Wie die Minderheit im Juli 2006 schrieb: "Die Fehler in diesen Perspektiven wurden eklatant deutlich in den Jahren, die dem Kongreß [von 2003] folgten. Aber die Mehrheit klammerte sich an sie, als ob sie Glaubensgrundsätze waren. Perspektiven wurden in Doktrin verwandelt, und wirkliche Entwicklungen in Klassenkampf und Wirtschaft wurden ignoriert, wann auch immer sie den "Perspektiven" der Mehrheit widersprachen."

Die Minderheit hat sich übrigens unter dem Namen Permanent Revolution neu formiert (www.permanentrevolution.net , dort auf Englisch auch oben zitiertes Dokument über die Spaltung). Ohne diese Organisation näher zu kennen, urteile ich mal nach den Inhalten der Webseite, daß die L5I da nicht nur ihre bei weitem fähigsten, sondern auch ihre sympathischsten Leute ausgeschlossen hat.

Ich verrate keine Geheimnisse, wenn ich sage, daß sich die Gesamtmitgliedschaft der L5I weltweit nach der Spaltung deutlich unter 100 bewegt. Nach zwanzig Jahren Aufbau, der zudem teilweise in einer "vorrevolutionären Periode" stattfand, ein wirklich beeindruckendes Ergebnis. Bei solchen Fähigkeiten wirkt eine Behauptung, man alleine wüßte, was gut ist für die Arbeiterklasse, nicht nur lächerlich, sondern unverschämt. Aber wahrscheinlich hat die GAM auch diese Spaltung achselzuckend als "notwendigen Klärungsprozeß" abgetan. Kein Grund, die eigene Handlungsweise zu überdenken, denn man hat ja beschlossen, daß diese richtig ist.

Der Zerfall des NLO hat mir auch persönlich wehgetan. Ich war fünf Jahre lang Mitglied der SAV und habe sie ziemlich zum selben Zeitpunkt verlassen wie Peter Weinfurth, der damals meine Ortsgruppe besucht hat. Welche Götter Peter anbetet, interessiert mich nicht die Bohne und hat mich schon damals nicht interessiert. Aber ich erinnere mich noch allzu gut, wie Peter und ich am Abend nach der ersten Kölner NLO-Sitzung in der Kneipe zusammengesessen und uns über genau dieselben Verhaltensweisen der SAV aufgeregt haben, die er jetzt von der GAM anscheinend kritiklos hinzunehmen bereit ist. Ich hielt damals, auch deswegen, große Stücke auf Peter. Nun ja.

Im Gegensatz zu manchen Kommentaren im scharf-links-Netzwerk bin ich nicht der Ansicht, daß der Grund für dieses Verhalten im Selbstverständnis von SAV/GAM/IS etc. als trotzkistische Kaderorganisationen liegt. Ich bin nach wie vor überzeugt, daß auch solche Organisationen eine überaus positive Rolle in der Linken spielen können, trotz und wegen eines wie auch immer gearteten internen "demokratischen Zentralismus". Allerdings müssen diese Gruppen noch eine weitere Eigenschaft besitzen, die nicht viele der selbsternannten Erben Trotzkis zu haben scheinen - nämlich ein Mindestmaß an menschlichem Anstand, auch und gerade im Umgang mit denen, die ihre eigene Linie nicht zu hundertzehn Prozent teilen.

Angesichts des jetzigen Geschreibsels auf LinkeZeitung scheint mir, als sei bei der NLO-Spaltung der menschliche Anstand ziemlich geschlossen auf eure Seite übergegangen, und deshalb wünsche ich dem scharf-links-Netzwerk alles Gute und viel Erfolg.

Stefan Hammelstein, 23.12.2007


VON: STEFAN HAMMELSTEIN






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