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18.11.07
LeserbriefeLeserbriefe 

 

Mit Bedauern muss ich erneut feststellen, dass emanzipatorische Ansätze bei vielen Linken ein Tabu darstellen. Einige greifen lieber auf etwas zurück, was mit unserem gesellschaftlichem status quo nichts mehr oder nur sehr wenig gemein hat. Dieses reaktionäre oder traditionell-konservative Denken entspricht dem typisch dichotomen Denken von „Rechts-Links“, „Schwarz-Weiß“, „Himmel-Hölle“, „Gut-Schlecht“. Und wenn es der Dogmatik des Absenders so beliebt, so gehören dann alle diejenigen der „bösen Seite“ an, die nicht explizit die Vorstellungen einiger weniger vertreten, die meinen auserwählt zu sein, die einzig mögliche Wahrheit zu kennen. Das kennen wir auch von den Zeugen Jehova. Da gibt es laut Dogma 144.000 Auserwählte, dummerweise haben sie aber in Deutschland bereits 165.000 Mitglieder. Ärgerlich für die 21.000 Überflüssigen, die dann, aus welchen Gründen auch immer, ausselektiert werden müssen…
Und wie sieht es mit den Überflüssigen in unserer Gesellschaft aus? Sind das „schlechte Überflüssige“, nur weil die meisten Hartz IV Empfänger keiner explizit elitären linken Bewegung angehören? Oder, wie ist es mit den fast 3 Millionen in Armut lebender Kinder in unserem Land. Helfen wir ihnen mit klassenkämpferischen Dogmen?
Da lobe ich mir dann diejenigen, die konkrete Projekte, wie z.B. die Arche in Berlin, realisieren, auch wenn sie laut Definitionem des „klassenkämpferischen Linken“ zu den „Kleinbürgern“ zu rechnen sind. Aber sie arbeiten wenigstens mit Herz!
Die Ausgrenzung kritischer Gedanken der eigenen Sache gegenüber ist auch gleichzeitig der Ausdruck unseres preußisch-patriarchalischen Denkens, nämlich alles was anders ist als man selber, „in Quarantäne zu stellen“ oder auszuselektieren. Das zeigt sich auch überraschenderweise immer wieder bei denjenigen Linken die meinen, den „wahren Weg“ zu kennen. Reicht es nicht, dass wir in unser Gesellschaft schon genug Ausgrenzung erfahren müssen. Müssen da auch noch einige wenige „Selbstauserwählte“darüber entscheiden, ob die Ausgegrenzten nun gute oder schlechte Linke sind und ihrerseits nochmals ausgegrenzt werden müssen?

Bisher habe ich die „Linke Zeitung“ als ein alternatives Sprachrohr zu den gängigen Medien angesehen. Das sie das explizit nicht mehr sein will, vielmehr als ein Sprachrohr einer bestimmten dogmatischen Richtung, ist engstirnig und soziozentristisch. Und, wenn sich alle StreiterInnen für soziale Gerechtigkeit, ob es sich nun um christliche SozialistInnen, attacies, undogmatische oder emanzipatorische Linke oder Mitglieder der Partei DIE LINKE in die Kategorie „Kleinbürger“ einteilen lassen müssen, so wird sich die „Linke Zeitung“ bald überholt haben und der Geschichte angehören.
Im Übrigen ist das Absondern oder Aussondern auch wieder so eine typisch maskuline machtzentristische Tendenz, die einer femininen-emanzipatorischen Ganzheitlichkeit im Denken gegenübersteht.

Das die neue links-soziale Bewegung Sprachrohre braucht ist unabdingbar. Sollte sie aber nur Spachrohre einiger weniger Linksegozentriker sein, erübrigen sich dieses Arten von Sprachrohren zur Gänze.

Umso erfreulicher, dass sich einige von Euch nicht beirren lassen und weiterhin eine undogmatische, emanzipatorische Richtung einschlagen wollen. Eine, die mit den Betroffenen in unserer Gesellschaft in Kommunikation bleiben und nicht nur von ihnen oder über sie berichten, ohne überhaupt noch zu realisieren, über wen sie eigentlich sprechen. Eine Richtung, die auch neue Gedanken zulässt und sich offen und pluralistisch gestaltet.

Michael Seeland, Bonn







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