Leserbrief von Reinhold Schramm

27.10.16
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Nur eine unvollständige Antwort zum Beitrag „Nation und Nationalismus in der DDR“ von Michael Lausberg. Dabei erspare ich mir die Beurteilung seiner kapitalgeneigten Quellen.

Was machen Sie nach Kriegsende mit einer Erwachsenen-Bevölkerung die sich bereits in der Weimarer Republik zu mehr als 90 Prozent an keinen antikapitalistischen Aktionen beteiligte? Was machen sie beim Versuch der Neugestaltung mit einer Bevölkerung, einschließlich der Arbeiterklasse, die sich nach 1933 zu 99 Prozent nicht am antifaschistischen Widerstand beteiligte? Wie verfahren Sie mit einer Bevölkerungsmehrheit, bei der Beteiligung für die Zukunftsgestaltung nach 1945, die sich in ihrer absoluten Mehrheit passiv bzw. aktiv, ohne nennenswerte Anzeichen der Verweigerung am Faschismus, an den Kriegsvorbereitungen, an den allgemein bekannten rassistischen und antisemitischen Verbrechen, spätestens seit dem Pogrom 1938 und den Überfall auf Polen 1939 und die (historische) UdSSR 1941 beteiligte?

Auch die große Mehrheit der zuvor knapp 6 Millionen Wählerstimmen für  Ernst Thälmann, sie beteiligten sich in den Jahren nach 1933 nicht an verdeckten Widerstandsformen.

Im Gegenteil, die deutsche Arbeiterklasse in der Schwer- und Rüstungsindustrie leistete - zusammen mit europäischen Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen - im ansteigenden Umfang - bis in die ersten Monate 1944 - ihren Anteil an der Rüstungsproduktion in hoher Qualität und Quantität. Erst mit dem Ausbleiben der dringend für die Rüstungsindustrie benötigten Rohstoffe 1944 kam diese mörderische Produktion zur Vernichtung von Menschenleben zum erliegen.

Was machen Sie mit dem überlebenden ostdeutschen Anteil von vormals 7,6 Millionen Parteimitgliedern der NSDAP, wobei die NSDAP einen höheren Anteil aus der Arbeiterklasse in ihren Reihen hatte, als vor 1933 die SPD in ihrer Mitgliedschaft.

Nicht erst seit 1914, seit der offiziellen Zustimmung der Mehrheit der SPD-Führer für das Rüstungs- und Kriegsprogramm, wurde die deutsche Bevölkerung auf Kirche und Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus und imperialistischen Krieg getrimmt. Die organisierte Arbeiterbewegung war, – trotz ihrer vergeblichen Revolutionsversuche im Bürgerkrieg der Weimarer Republik –, eine Minderheit. Die revolutionäre Arbeiterschaft war eine Minderheit, auch in der Weimarer Republik. Die Antifaschisten, aus antifaschistischen Gruppen, Parteien und Organisationen, wurden nach 1933 inhaftiert, getötet und außer Landes vertrieben.

Wie sollten die wenigen Zehntausend, aus dem vormals antifaschistischen europäischen und internationalen Widerstand, nach 1945, insbesondere vor und nach der Gründung der antiimperialistischen DDR (1949), mit einer bürgerlich-faschistisch geprägten Bevölkerungsmehrheit fortfahren, beim ökonomischen und sozialen Wiederaufbau einer gesellschaftlichen Lebensexistenz, zusammen mit dieser älteren Bevölkerungsmehrheit? Zumal auch die große Mehrheit – aus allen Schichten und Klassen, einschließlich der Arbeiterklasse, ihre passive Duldung oder aktive Beteiligung am Faschismus immer noch verdrängte oder leugnete. // Analoges so auch in Westdeutschland, allerdings unter aktiver Förderung des materiellen Wideraufbaus durch die westlichen Alliierten, insbesondere der dabei auch erfolgten Steigerung der Konsumgüterproduktion zur Erhöhung des qualitativen und quantitativen Versorgungsniveaus der Bevölkerung. [Erst kommt das Fressen, dann die Moral? - oder auch nicht.]

[- unvollständig. Und noch immer keine Antwort darauf, wie wir zukünftig die primär auf Konsum und Eigennutz getrimmte große europäische Bevölkerungsmehrheit, einschließlich der differenzierten europäischen Arbeiterklasse, für eine zukünftige solidarische und sozial-ökonomisch-ökologische Gesellschaftsformation — auf der Grundlage des demokratischen Gemeineigentums an den gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsmitteln — auf freiwilliger Basis gewinnen können.]

27.10.2016, Reinhold Schramm

[R.S.: vormaliger westlicher antifaschistischer Mitarbeiter des antifaschistischen MfS der antiimperialistischen DDR; seit November 1995 politisches Berufsverbot, wegen antifaschistischer Zusammenarbeit mit dem MfS der DDR, über die BStU-“Gauck-Kommission“ beim Landesschulamt Berlin.]



Nation und Nationalismus in der DDR - 26-10-16 20:55




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