Es gibt Dinge, die einem die Sprache verschlagen - Im Wortlaut: Bernd Ziesemer, Handelsblatt

25.01.08
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"Nokia und Betroffenheits-TV"
ARD und ZDF langweilen uns zu Tode mit ihren Gutmenschen-Reportagen aus Bochum. Wer will das eigentlich sehen?

Von Kai aus der Kiste

Rote Fahnen und Glockengeläute, Trillerpfeifen und kämpferisches Getöse - seit Tagen langweilen uns die Fernsehnachrichten mit den immer gleichen Bildern aus Bochum. ARD-Reporter faseln von "Solidaritätsaktionen anderer Betriebe", wo doch nur die gut geölte Mobilisierungsmaschinerie der IG Metall abschnurrt. ZDF-Moderatoren reden über die "große Betroffenheit" in der Bevölkerung, wo Deutschlands vereinigte Linke vom Rüttgers-Flügel der CDU bis zur marxistisch-lenistischen MLPD gerade mal 15.000 Leute zusammenkarren. Vom Frühstücksfernsehen bis zur Abendschau immer die gleichen oberflächlichen Protest-Berichte im Betroffenheits-TV.

Wer erinnert sich noch an die Streiks der Opel-Arbeiter in Bochum vor ein paar Jahren? Die ganze Inszenierung sah exakt genau so aus wie heute. Keine Spur von Phantasie und Wortmacht. Seit der Schriftsteller Peter Weiss Ende der siebziger Jahre seinen Roman über die "Ästhetik des Widerstands" schrieb, sind den Linksaktivisten keine neuen Ideen mehr eingefallen. Stattdessen immer der gleiche Mummenschanz: Ein paar Gewerkschaftsaktivisten tragen einen Sarg zum Werkstor, ein paar Trommler machen Radau. Die einzigen, die solche Aktionen noch ernst nehmen, sind offenbar die TV-Redaktionen. Dabei könnten sie die Bilder auch aus dem Archiv holen.

Verstehen wir uns nicht falsch: Es gibt viele substanzielle Fragen, die man am Beispiel der Nokia-Entscheidung diskutieren kann. Ich habe auch viel Verständnis für die Nokia-Angestellten, die sich vor dem Sturz in die Arbeitslosigkeit fürchten. Ihre Emotionen sind verständlich. Nicht verständlich aber sind emotionale Betroffenheits-TV-Sendungen. ZDF and ARD informieren nicht über die Lage in Bochum, sie agitieren. Kritischer Journalismus muss gegenüber allen gelten - nicht nur gegenüber dem Nokia-Management, sondern auch gegenüber den hohlen Parolen der Bochumer Demonstranten. Warum kommen nicht mal andere Stimmen zu Wort? Hier zum Beispiel ein interessanter Beitrag des finnischen Botschafters aus dem morgigen Handelsblatt."

Quelle: http://blog.handelsblatt.de/ziesemer/eintrag.php?id=99

Es gibt Stellungnahmen, in der Presse, die mir die Sprache verschlagen. Diese gehört dazu.

Man muß wissen: Der Autor war in den frühen siebziger Jahren als "kommunistischer Oberschüler" Kader des Jugendverbandes der "KPD / AO" Er war es, der die jungen Lehrlinge und Arbeiter "anleitete" mit Roten Fahnen "Mummenschanz" zu  veranstalten. Er selbst hat die Bürde der Schichtarbeit wahrscheinlich nie auf sich genommen. Aber aus einigen dieser jungen Wilden von damals in den Betrieben sind heute bedächtige Betriebsräte und Gewerkschafter geworden. Die fragen sich heute sehr ernsthaft, wie den zerstörerischen Potentialen des enthemmten Kapitalismus Einhalt geboten werden kann. Sie kommen zu Schlußfolgerungen, die jenseits des Mummenschanzes liegen, die Nokia und auch Herrn Ziesemer sehr, sehr weh tun werden. Ihm fehlt offensichtlich jedes Gespür, welche letzte rote Linie das Management von Nokia mit diesem brutalen Vorgehen überschritten hat.







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