Kassiber eines Friedenssoldaten

20.04.08
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Briefe und Lieder von Günther Weisenborn neu herausgegeben

Eine Buchbesprechung von Stefan Gleser

Sein Leben war so abenteuerlich, dass er Skrupel hatte, darüber zu berichten. „Es war wie ein schlechtes Romanende", schreibt er, als er nach Jahren der Gestapo-Haft seine Frau wiedersieht.

Der Regisseur Rainer Werner Fassbinder kannte solche Hemmungen nicht. In „Lili Marlene" taucht ein schwarzer Mercedes, der von der Geheimpolizei verfolgt wird, in die nächtliche Kühle ein. Die Frau, die im Wagen sitzt, ist jung, blond und schön. Lale Andersen, gespielt von Hanna Schygulla, sammelt Beweise über die Kriegsverbrechen in Polen für den Widerstand. Nach einem konspirativen Gespräch fragt sie ihren gegenüber: „Sagen sie mir bitte, wer sie sind." Rainer Werner Fassbinder im langen Mantel und Hut, nimmt seine dunkle Sonnenbrille ab : „Ich heisse Günther Weisenborn."

„Wenn wir endlich frei sind" vereint, Briefe, Lieder und Kassiber, die sich Günther ( 1902 – 1969) und seine Frau Joy Weisenborn (1914 – 2004) zwischen 1942-1943 zuschicken und zuschmuggeln konnten. Hermann Vinke informiert über Leben und Werk des Schriftstellers und tapferen Friedenssoldaten Weisenborn. Einschübe aus seinem „Memorial", eine Zeittafel und ein Nachwort von Elisabeth Raabe ergänzen den Band.

Weisenborns Leben war der Krieg gegen den Krieg. Mitten in der Weimarer Republik, das kalte Fieber der Wahlen, es ist 1928, die Sozialdemokratie verspricht „Kinderspeisung statt Panzerkreuzer", um nachher in der grossen Koalition umzufallen. Erwin Piscator, der Regisseur der Volksbühne, führt Weisenborns Drama „U-Boot S4" über den qualvollen Tod junger Seeleute auf. Weisenborn schreibt an gegen die Zeit und bricht plötzlich alles ab. Er geht für ein Jahr als Farmer und Postreiter nach Argentinien. Zurück nach Deutschland randaliert die SA gegen sein Stück „Arbeiter von Jersey". Lotte Lenya und Valeska Gert singen seine Lieder. Dann geschieht, wo vor er stets warnte. Die Nazis kommen an die Macht. Sein Studentenroman „Die Barbaren" landet auf dem Scheiterhaufen. Für den Lebensunterhalt schreibt Weisenborn unter Pseudonym weiter. Der Gegensatz zwischen beruflichem Erfolg, so wird seine Komödie „Die Neuberin" über 250 mal gespielt, und politischen Desaster droht ihn zu zerreissen. Er emigriert nach New York, schreibt sofort als Lokalreporter in einer fremden Sprache.

In den USA holt ihn Nazi-Deutschland ein:

„Ich war Deutscher, aber die Untaten meiner `Volksgenossen` verfolgen mich bis hierher. Wir alle waren einfache Leute, die nichts wollten als Frieden, jene aber wollten schießen. Und sie schossen so lange, bis auf sie geschossen wurde. Ich war ein, Deutscher , und ich schämte mich meines Vaterlandes, das ich trotzdem liebte."

Weisenborn kehrt nach Berlin zurück und wird literarischer Vertreter bei der Filmfirma Metro-Goldwin-Meyer. In deren Presseabteilung arbeitet eine gewisse Libertas Schulze-Boysen. Sie will von Weisenborn das Handwerk des Schreibens lernen. Und ab jetzt führt der Weg in eine fremde Welt. Libertas ist Enkelin des Fürsten Eulenburg, eines der wichtigsten Berater Kaiser Wilhelm II. Ihr Mann Harro stammt aus der Familie des Grafen Tirpitz und arbeitet als Oberleutnant im Luftfahrtministerium. Das Ehepaar führt ein Doppelleben. Konsequente Anpassung nach aussen, um unauffällig eine Widerstandsgruppe aufzubauen. Zusammen mit Arvid Harnack bilden sie den Kern dessen, was als „Rote Kapelle" in die Geschichtsbücher eingehen wird. Die Nazis schützen ihre Vorrechte und diese, wie Fremdsprachen und Auslandskontakte, ermöglichen es, die Nazi-Propaganda zu durchschauen. Harro Schulze-Boysen kippte langsam vom nationalliberalen Jungdeutschen Orden nach links. Gegen Ende der Weimarer Republik gab er die Zeitschrift „Der Gegner" heraus. Bekannte Mitarbeiter waren der Volkswirtschaftler Karl Korsch und der ehemalige Dadaist Raoul Hausmann.

Nach 1933 verprügelt ihn erst mal die SA; er muss ansehen wie ein Mithäftling unter der Tortur verstirbt.

Es ist der Nachmittag des 31. Augusts 1939. Weisenborn und Harro Schulze-Boysen sind seit langem miteinander vertraut. Aus Schulze-Boysen bricht es unvermutet heraus: „In dieser Nacht geht es los gegen Polen....Später wird er [ Hitler ] in Russland einfallen.....Jetzt wird wirklich Weltgeschichte gemacht, nur macht er sie nicht mehr allein...Wir werden uns alle ein wenig daran beteiligen, die ganze Welt um uns und ....wir! ....Es wird der grösste Krieg der Weltgeschichte werden....Jener aber wird ihn nicht überleben."

In Deutschland glaubte niemand seinen Klebezetteln; im Ausland glaubte niemand seinen Funksprüchen. Die Nazis können eine Nachricht mit Namen und Adressen einzelner Mitglieder der „Roten Kapelle" entschlüsseln. Weisenborn wird enthaftet. Dem Todesurteil entgeht er nur durch Zufall. Ein Mitangeklagter zieht seine Aussage zurück. Weisenborn wird wegen „Nichtanzeige einer Straftat" zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Rote Armee befreit ihn.

Die Zelle fordert tagaus und tagein immer nur eins: Disziplin. Bleistiftstummel und Papiertüten sind geklaut. Schreiben glättet die Gegenwart. Weisenborn sammelt Momente des Glücks aus der Vergangenheit und transportiert sie in die Zukunft. Ja, keinen Zusammenhang, der entmutigen könnte. Etwa: Die Weite der Pampa und die fünf Schritte in der Zelle; die Masse der Menschen in New York und die Einzelhaft. Weisenborn dressiert sein Denkverhalten. Als er nach dem Krieg zusammen mit seinem Freund Bertolt Brecht noch einmal das Gefängnis besucht, fällt die Anstrengung des ständigen Optimismus von ihm ab. Um zu überleben, war die Erinnerung an Brecht wahrscheinlich stets die Erinnerung an den Erfolg bei der Dramatisierung von Gorkis Mutter. Jetzt kann er wieder frei assoziieren, ohne Resignation zu befürchten. Brecht ist jetzt für ihn kalifornische Sonne und kalifornischer Strand, während er in Einzelhaft sass und ein paar Stockwerke drüber gefoltert wurde. Die Zeit der sorgfältig konstruierten Gedanken ist vorbei.

Brechts Lakonie auf Weisenborns Schilderung: „Unglaublich."

Weisenborns Können, eine Geschichte präzis und schnörkellos zu erzählen, blitzt im „Memorial" immer wieder auf. Das Herz des Franzosen, dem er das Todesurteil übersetzen muss, pocht und schlägt sichtbar unter der Haut; der angesoffene Wärter, der den Kassiber entdeckt hat, und der Weisenborn beinahe zu einer Schlägerei provoziert; sie erzeugen urplötzlich einen Rausch der Spannung.

Unerbittlich trotzt Weisenborn der Haft Lebensmut ab. Was nur nach künftigem Glück aussehen könnte, wird sofort gesammelt. Leicht, unbeschwert hingetupft soll das Gelegenheitsgedicht sein. Dann kann´s um so besser seine Joy aufmuntern.

Er verfolgt, wie vor dem Zellengitter zwei Sperlinge zanken:

Spatzengruß

..........

Dann stritten sie sich ganz gehörig

und schrien, bald sei wieder Mai

und das mit der Haft und so weiter,

das alles ging auch bald vorbei!

................

Weisenborn widerstand der Haft und blieb erschütterbar.

Über Gefängniszeit und Briefwechsel wurde danach nie gesprochen. „Wir wollten doch endlich leben", sagt Joy Weisenborn. Beide stürzten sich in die Arbeit. Weisenborn wird Chefdramaturg an den Hamburger Kammerspielen. Er hält im „Lautlose(n) Aufstand die Erinnerung an den Widerstand wach und warnt unermüdlich vor den Gefahren der Aufrüstung. Er war Friedensfreund und Weltbürger lange vor dem „globalen Dorf".

Nach langem Zögern gab Joy Weisenborn die Lieder und Briefe für die Veröffentlichung frei. Was ihnen zur Ermutigung diente, soll jetzt an andere erinnern. Sie, die illegal arbeitete und im Gefängnis sass, widmet sie „all jenen, die in ähnlicher Situation ähnliche Worte finden und gefunden haben, die jedoch verloren, verschollen sind." Wenn es so viele Kriegerdenkmäler gibt, dann wenigstens ein kleines Buch, dass die Briefe der Wiederstandskämpfer aufbewahrt.

 

Günther und Joy Weisenborn

Wenn wir endlich frei sind

Briefe, Lieder, Kassiber 1942-1945

Erweiterte Neuausgabe

Hg. von Elisabeth Raabe

Mit einer Einführung von Hermann Vinke

176 Seiten. Gebunden. 13 Fotos und 10 Faks.

€ 19,90 / sFr. 35.90

Arche-Verlag, Hamburg und Zürich

ISBN 978-3-7160-2378-5







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