Diesmal "besuchte" Johannes Heesters das Konzentrationslager nicht

17.02.08
TopNewsTopNews, Antifaschismus, Düsseldorf 

 

Warum er, ein Operettensänger, der von den Nazis eine "arisierte" Wohnung bekommt, am 21. Mai 1941 in SS-Begleitung das Konzentrationslager Dachau "besuchen" sollte, gibt Johannes Heesters hartnäckig vor, nicht zu verstehen. Warum er jetzt nach mehr als 60 Jahren - am 16. Februar 2008  - anlässlich eines Auftritts in seiner Geburtsstadt Amersfoort das dortige Konzentrationslager als Akt historischen Nachhilfeunterrichts besuchen sollte - das weiß er vermutlich auch nicht.

Das Theater De Flint, am nördlichen Stadtgraben in der Innenstadt gelegen, ist für den singenden Besucher aus Deutschland mit einem weitläufigen Metallzaun abgesperrt worden. Polizei ist angerückt. Im Foyer gibt es bereits Sicherheitsschleusen wie auf einem Flughafen. Eintrittskarten gibt es aber mehrere Stunden vor Konzertbeginn nicht mehr. Auch "Rückläufer" gibt es nicht. Heesters-Besucher werden nicht plötzlich krank und geben ihre Karte zurück. Jedenfalls wird kein freier Platz neu besetzt durch "falsche" Besucher, die vielleicht stören könnten wie vor vielen Jahren im Carré-Theater in Amsterdam, als der Sänger mit "Sieg Heil!" von Antifaschisten begrüßt wurde. Unterstützung wollen ihm andere geben: Eine Gruppe junger Neonazis heißt ihn auf der Straße willkommen. Die Polizei unterbindet schnell ihren Auftritt.

Zehn Minuten sind mit dem Auto bis zum südwestlichen Stadtrand zu fahren. Dort liegt das "Polizeiliche Durchgangslager Amersfoort", eine Stätte des Terrors. Der Name "Durchgangslager" trügt. Hier wurden NS-Opfer nicht nur für den Weitertransport in die Konzentrationslager "gesammelt", zum Beispiel der 1942 - im KZ Dachau - ermordete Pater und Philosophie-Professor Titus Brandsma. Hier wurde auch gemordet.

In der Gedenkstätte liegt ein Gästebuch aus. An den Eintragungen lässt sich nicht erkennen, dass Johannes Heesters am 16. Februar 2008 hier war. Er hätte dort erkennen könne, wie die Nazis, die ihn feierten und feiern, hier seine Landsleute ermordeten - Landsleute, die gegen Hitler waren und sich aus Karrieregründen nicht einspannen ließen in die NS-Propagandamaschinerie. Heesters hätte sich den "Rosengarten" ansehen können, einen Stacheldrahtverhau, in den die Häftlinge zusammengepfercht wurden. Er hätte etwas erfahren können über die ersten Verhaftungen von Kommunisten, von den jüdischen Häftlingen, über die 101 sowjetischen Gefangenen, die ermordet wurden, aber auch über inhaftierte Amerikaner oder über Edith Stein.

An diese und andere Opfer wurde von verschiedenen antifaschistischen Gruppen wie "Aktionskomitee Heesters raus", "Antifaschistische Initiative", einer Gruppe junger niederländischer Kommunisten und älteren Nazi-Gegnern erinnert. Sie dokumentierten einen Brief an Propagandaminister Josef Goebbels, den "Jopie" Heesters mit  "Heil Hitler! Ihr sehr ergebener Johannes Heesters" unterschrieben hatte. Unter den Protestierenden war Celine van der Hoek de Vries (88), die Auschwitz überlebte. Hein van Kaasbergen vom Anti-Heesters-Komitee erinnerte daran, dass Hesters mit seinen Auftritten den Nazi geholfen habe, den Krieg zu verlängern.

Lächerlich wirkte vor diesem Hintergrund die Aussage Heesters vor ausgesuchten Zuhörern, er sei ein "unpolitischer Mensch, Künstler und sonst nichts". Auch Theaterdirektor Pieter Erkelens, der offensichtlich stolz war, den ältesten Sänger der Welt auf seine Bühne geholt zu haben, wusste wohl nicht genau, wie er den deutschen Niederländer ansprechen sollte. In deutscher Sprache formuliert er: "Herzlich willkommen zu Hause!" Heesters, der seit 44 Jahren in den Niederlanden unerwünscht ist, erinnerte sich wohl an einen früheren Auftritt: "Oh, das ist ja ganz neu!" So passt es zu diesem "unpolitischen" Sänger, dass er sein Konzert mit "O, mijn mooie Westertoren" beginnt. Das Lied verweist auf die Amsterdamer Westerkerk. Sie steht in ganz unmittelbarer Nähe des weltberühmten Hauses Prinsengracht 263, wo Anne Frank sich mit ihrer Familie vor den Nazis verstecken musste - und doch den Tod fand.

Begleitet wurde der Protest der niederländischen Antifaschisten von einer Delegation der VVN-BdA Nordrhein-Westfalen aus Düsseldorf. Bettina Ohnesorge und Uwe Koopmann erinnerten daran, dass Heesters seinen musikalischen Marsch durch das Dritte Reich antrat, als dort jüdische und humanistische Künstler und Wissenschaftler, Gegner des Hitler-Regimes fliehen mussten oder längst verhaftet worden waren. Diese Welt des nationalsozialistischen Terrors habe Heesters mit seiner Musik im Interesse der Herrschenden glatt gebügelt.

Dass Heesters an diesem Abend länger durchgehalten habe als die Demonstranten auf dem eiskalten Theatervorplatz, meinen einige bundesdeutsche Tageszeitungen betonen zu müssen. Die Beobachtung ist allerdings nur richtig, was den Platz angeht. Die Demonstranten zogen es vor, ein Konzert der jüdischen Musik-Stiftung Leo Smit in der St. Aegtenkapel zu besuchen. Dort wurden Werke von Komponisten aufgeführt, die wie Heesters im KZ waren - allerdings als Opfer. Piet Schouten, einer der Initiatoren des Protestes gegen Heesters: "Wir sind nicht nur gegen Heesters. Wir wissen auch zu schätzen, wie eine Musik ohne Heesters vorgetragen wird."
Gerry Kuss

 

Grußwort der VVN NRW/Düsseldorf

"Liebe Freunde,

unser Gruß gilt allen Menschen, die hier in Amersfoort versammelt sind, weil sie ihren Protest gegen die Anwesenheit eines Nazi-Kollaborateurs zum Ausdruck bringen.

Unser besonderer Gruß gilt den Menschen, die aktiv teilgenommen haben am Widerstand gegen das faschistische Deutschland, die geholfen haben, auch unser Land von der größten Barbarei der Geschichte zu befreien.

Unser stiller Gruß gilt hier in Amersfoort den niederländischen Opfern der Nazi-Diktatur.

Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich in einer historischen Situation zu entscheiden: Er kann für den Humanismus streiten - oder er kann - wie Johannes Heesters – sich zur bezahlten Marionette der Nazis degradieren.

Niemand hat Heesters 1936 gezwungen, ins Nazi-Reich, nach Deutschland, zu gehen und mit den Nazis zu kooperieren. Es war eine Zeit, in der andere Künstler Deutschland bereits verlassen mussten. Hat Johannes Heesters nie den Namen des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann gehört? Thomas Mann erklärte am 17. März 1933 seinen Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste, weil er sich weigerte, der Aufforderung nachzukommen, eine Treueerklärung gegenüber der nationalsozialistischen Regierung abzugeben. Schon drei Jahre vorher, am 17. Oktober 1930, hatte Thomas Mann in der „Deutschen Ansprache“ vor den Nazis gewarnt: Die hätten „das Wunschbild einer primitiven, blutreinen, herzens- und verstandesschlichten, Hacken zusammenschlagenden, blauäugig gehorsamen und strammen Biederkeit, diese vollkommen nationale Simplizität“. In dieses Bild passt Johannes Heesters in seiner schärfsten Konsequenz: als karriere-orientierter Unterhaltungsclown der Massenmörder.

Am 21. März 1933 begann die Errichtung des KZ Dachau. Las Heesters nur Notenblätter – oder auch Zeitungen? 1941 „besuchte“ er als Unterhaltungsstar dieses KZ. Hatte er sich keine Gedanken gemacht, warum man ihn in den Vorhof einer Mörderfabrik eingeladen hatte? Er war des Teufels Chansonnier und des Propagandaministers Liebling.

Am 10. Mai 1933 brannten in Deutschland die Bücher. Hatte Johannes Heesters das nie gehört, obwohl es überall zu lesen war? Wie konnte Deutschland seine Sehnsucht werden?

1937, Heesters war im zweiten Jahr in Nazi-Deutschland, durfte der Physik-Nobelpreisträger Albert Einstein nicht mehr in Deutschland arbeiten. Er wurde ausgebürgert. Heesters aber fand großen Gefallen daran, in genau jenem Deutschland zu arbeiten.

Die Niederlande werden von den Nazi-Truppen im Mai 1940 überfallen und  besetzt. Tausende von Niederländern und auch deutsche Flüchtlingen werden deportiert. Zur selben Zeit spielt Heesters  für die Nazis in acht „Unterhaltungsfilmen“ mit. Er singt vor dem „Führer“. Auf seiner eigenen Homepage findet man dazu geradezu operettenhafte Entschuldigungen: „ Was immer ich in der Zeit zwischen 1933 und 1945 gemacht habe, ich habe mir tief in meinem Inneren – so sehr ich mein Gewissen auch prüfe – keinen Vorwurf zu machen, daß ich mein Volk oder meine Heimat verraten habe – so wahr mir Gott helfe.“

Die alliierte Militärregierung stellte nach dem Krieg fest, dass seine Filme dem NS-Regime zur Ablenkung und Ruhigstellung der Bevölkerung dienten. Millionen Menschen starben auf den Schlachtfeldern überfallener Länder, Millionen Menschen wurden vergast. Und „Jopie“ lenkt ab und stellt ruhig und wirft sich nichts vor.

Wir wissen nicht, ob sein Gott ihm hilft.

Aber wir wissen, dass Operettensänger, die aus freien Stücken unter den Nazis dienten und ihnen Freude bereiteten,  kein Vorbild für die Zukunft sind.

Wie sollen wir in den Schulen in Zukunft über „Anne Frank“ sprechen, wenn die Operettenhelden der Nazis heute immer noch und immer wieder gefeiert werden – jetzt sogar in den Niederlanden? Wie passen die Todesschreie aus den Konzentrationslagern, die Todesfugen der Krematorien zeitgleich zusammen mit dem Couplet „Heut’ gehen wir ins Maxim“?

Johannes Heesters ist ein Paradebeispiel für  Nazi-Claqueure, die auch nach 1945 noch Beifall fanden. Er ist ein Beispiel dafür, wie historische Verantwortung, der er sich nie gestellt hat, im Rahmen des Geschichtsrevisionismus heute von vielen Seiten relativiert wird.

Wir sind zu Euch gekommen, um Euch als deutsche Nachkriegsgeneration zu sagen: Das wollen wir nie wieder!

Wir sind aber auch zu Euch gekommen, um Euch um Eure Solidarität zu bitten: In Düsseldorf soll es noch in diesem Jahr im Theater-Museum eine Ausstellung zu der „Theater-Legende Johannes Heesters“ geben. Wir fordern: Diese Ausstellung soll eine antifaschistische Ausstellung sein – oder gar keine! Bitte, helft uns, diese Forderung durchzusetzen.

Vielen Dank!"

VVN Düsseldorf
VVN NRW

Bettina Ohnesorge
Uwe Koopmann

Düsseldorf/Amersfoort 16. Februar 2008
 







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz