O Wiedeking, o Wiedeking, du hast am Hals ein tolles Ding

11.01.08
TopNewsTopNews, Wirtschaft, Debatte 

 

Von Rainer Thiel

Zeitungen meldeten: Der Chef von Porsche, Wendelin Wiedeking, bezieht ein Einkommen von 60 (sechzig) Millionen Euro pro Jahr. Das sind pro Monat 5 Millionen. Nehmen wir an, eine Million braucht er für Villa und Urlaubsreisen. Dann blieben 4 Millionen für einen Solidarbeitrag, der den Ärmsten oder gar den Kindern gut tun würde. Du sollst ja Gutes tun. Da kommen 4 000 x 1000 Euro oder 40 000 x 100 Euro zusammen oder für 400 000 der Ärmsten je 10 Euro.

Ich würde Herrn Wiedekind pro Monat 20 000 Euro zugestehen. Das sind vergleichsweise peanuts, also können wir die 20 Tausend als Rundungsfehler akzeptieren. Dann könnte Herrn Wiedekings Solidarbeitrag im Monatsdurchschnitt auf 5 Millionen Euro steigen. Das würde reichen, um einer halben Million ALG-II-Empfängern 10 Euro Zuschuss zu einer Monatsfahrkarte zu gewähren oder einer halben Million Kindern armer Familien für fünf Tage im Monat ein Mittagessen in der Schule ermöglichen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat von unverhältnismäßigen Manager-Einnahmen Wind bekommen. Darüber wurde in Zeitungen berichtet. Und weil die Unverhältnismäßigkeit sittenwidrig ist, lauteten Überschriften in den Zeitungen: "Merkel hofft auf Moral der Manager" (ND 12. 12. 07) oder auch "Kanzlerin mahnt Manager" (MOZ 12. 12. 07). Denn du sollst ja Gutes tun und die Sitten achten. Deshalb warnte die Bundeskanzlerin die Wirtschaftsführer davor, den Streit über hohe Manager-Gehälter als Neiddebatte abzutun und unter den Tisch zu kehren. Wie sollte man da auch von Neid sprechen, wenn es um Kinder-Mittagessen geht? Oder um die Fahrkarte zum Besuch von Familien-Mitgliedern in der Nachbarstadt? Heißt es doch in unsrer Verfassung, "Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung." (Artikel 6)

Die Wirtschaftsführer wurden also abgemahnt. Doch Wirtschaftsführer haben sofort kundgetan, dass sie die Abmahnung nicht akzeptieren. Was ist denn da zu tun? Wie sehen das die  Behörden, wenn ein eiliger Kraftfahrer das Gaspedal unverhältnismäßig gedrückt hat? Sittenwidrig das Tempo hochgedrückt hat? Hat er es toll gemacht, dann wird er gleich bestraft. Respektiert er die Abmahnung nicht, dann wird es ernst für ihn. Und das ist gut so. Da tut der Staat, was die Verfassung ihm gebietet.

Aber die obersten Wirtschaftsführer sagten der Bundeskanzlerin, wenn es um Wirtschaftsführer geht, dann ginge so etwas nicht. Und die Bundeskanzlerin gehorchte: "Es geht hier nicht um gesetzliche Obergrenzen". (Zitat aus ND) "Auch sie sei gegen gesetzliche Obergrenzen". (Merkel im Zitat aus MOZ) Aber mit ihrem Herzen hat sie den Befehl der Wirtschaftsführer doch nicht gutgeheißen. Sie wies nämlich darauf hin, dass nur noch 15 Prozent der Bürger glauben, es gehe gerecht zu in Deutschland. (MOZ und ND) Also glauben 85 Prozent der Bundesbürger, es gehe nicht gerecht zu in der Bundesrepublik. Wenn ich hochrechne, was ich von meinen Mitbürgern vernehme, müssten das sogar 99 Prozent sein. Aber lassen wir die Bundeskanzlerin bei ihren 85 Prozent, die mehr oder weniger nicht glauben, dass es in Deutschland gerecht zugeht. Und diese 85 Prozent betreffend fügte laut ND die Bundeskanzlerin wörtlich hinzu: "Daran kann die Politik nicht vorübergehen."

Ja aber, wenn das so ist, kann man nicht bis zur nächsten Bundestagswahl warten. Da muss sofort etwas geschehen. Da ist Eile geboten. Sonst nehmen die Kinder Schaden für ihr ganzes Leben. ND meldete am 10. 12. 07: Eine TNS-Emnid-Umfrage habe ergeben, dass 65 Prozent der Deutschen für staatliche Obergrenzen der Managergehälter sind. Ich füge hinzu: Mindestens 65 Prozent, denn als ich gerade auch mal von Emnid befragt wurde, durfte ich erleben, wie Emnid Fragen formuliert, nämlich so, dass Antworten nicht allzu kritisch ausfallen. Aber lassen wir das.

Rund zwei Drittel der Deutschen, der geliebten Deutschen, denen die Medien schmeicheln, sind für Obergrenzen der Managergehälter. Zwei Drittel! Trotz des Frohsinns, den ihnen die Medien bieten!

Ich meine, schon wenn ein Drittel der Deutschen auf die Straße gehen würde, um der Bundeskanzlerin zu sagen: "Geh nicht vorbei an uns. Obergrenzen für Manager-Einkommen jetzt!", also wenn daran ein Drittel der Deutschen erinnern würde, woran Frau Merkel nicht vorbeigehen möchte, dann würde der Bundeskanzlerin ein Stein vom Herzen fallen.

Wäre das nicht lieb von uns, wenn wir auf die Straße gehen würden? Schon ein Prozent der Deutschen auf der Straße würde unsrer Bundeskanzlerin gut tun. Dann kommen die Obergrenzen, und das Volk ist einen Schritt weiter. Dann schaffen wir auch, dass für internationale Geldverschiebungen der Banken die Tobinsteuer eingeführt wird. Dann wären die Regierungen vorsichtiger, wenn sie meinen möchten, das Geld wäre zu knapp für die Kinder und ihre Schulen.

Der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie, Jürgen Thumann, sagte dem "Handelsblatt": "Ich rate der Politik: Vergesst nicht, welcher Gaul den Karren zieht." (Info in ND 10. 12. 07) Gaul ist natürlich der Manager. Aber was für ein Karren ist es, den der Gaul zieht? Ein riesengroßer Karren, ein Riesen-Riesen-Karren. Darin sitzen 9 Millionen Arbeitslose und andere Prekäre, zu Karnickeln verkleinert, zu Hasen gemacht, und 15 Millionen sitzen auch mit drin, die Angst haben, auch zu Hasen gemacht zu werden, sozusagen verhast zu werden. Doch auch die Hasen möchten Menschen sein. Da besinnen sie sich auf ihr Grundgesetz, das auch Verfassung genannt wird, und fangen an, laut zu rufen: "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt." Als sie das gerufen hatten, springen sie heraus aus dem Riesen-Riesen-Karren, und spannen den Gaul aus. Sie brauchen keinen Gaul. Sie können arbeiten. Sie sind Rosse und haben auch Reiter. Der Karren wird viel leichter, wenn er nicht voller Hasen ist. Mindestlohn wird garantiert. Je vier Arbeitsplätze werden durch fünf Menschen besetzt, so bekommt jeder Arbeit.

Artikel 14 (1) GG: "Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt." Also Frau Merkel: Sorgen Sie für Gesetze, um die Schranken der Managergehälter festzulegen. Dazu werden wir Ihnen den Rücken stärken.

Artikel 2 (1) GG: "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt." Zur freien Entfaltung der Persönlichkeit gehört die schöpferische Arbeit. Manager verstoßen gegen das Sittengesetz. Zwei Gründe, Frau Merkel, dem Grundgesetz Geltung zu verschaffen.

Artikel 14 (2) GG: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Also Frau Bundeskanzlerin, sorgen Sie für Gesetze, mit denen das Eigentum in die Pflicht genommen wird. Dann erwerben Sie Ihrer Partei das Recht, ein C in ihrem Namen zu führen.

Artikel 19 (2) GG: "In keinem Falle darf ein Grundrecht in seinem Wesensgehalt angetastet werden."

Von wegen Neid:
".... ich sage euch: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen. Und weiter sage ich euch: Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme."

Jesus Christus, nach Matthäus-Evangelium Kapitel 19 Verse 23/24


Wenn ein initiativreicher Mensch Produktion organisiert, solange das andere noch nicht wollen, und wenn er persönlich die Risiken trägt, die Herr Wiedeking nicht trägt, dann gebührt ihm Respekt. Den soll er nutzen, um mit seinen Mitarbeitern zu besprechen: Was machen wir mit dem Gewinn? Neue Maschinen anschaffen? Junge Leute ausbilden? Mitarbeitern gesetzlich verbrieften Bildungsurlaub gewähren? Eine Kita einrichten? Der Stadtbibliothek etwas zukommen lassen? Ein solcher Initiativreicher braucht gar nicht mehr als 10 000 Euro im Monat. Er wäre auf neue Art ein reicher Mann.

Erstveröffentlicht am 1. Januar 08 in der unkommerziellen Klein-Zeitung "Artikel Eins",  www.artikel-eins.com


VON: RAINER THIEL






<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz