Jetzt sind wir ein bisschen klarer

03.04.08
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André Müller veröffentlicht seine Gespräche mit Peter Hacks

Eine Buchbesprechung von Stefan Gleser

Zwei Herren gesetzten Alters wollen durch Erörterungen über das Versmass die „Konterrevolution" aufhalten. Diese erscheint ihnen in Gestalt eines Dresdner „Delikat-Ladens" im Herbst 1980 der „ausländische Waren protzig ausstellte und es zu schier unerschwinglichen Preisen anbot." Einer fragt: „Wollen sie nun die Konterrevolution oder nicht?" und gibt die Antwort selbst: „Wer den Zorn des Volkes derart herausfordert, will ihn. Wahrscheinlich arbeitet eine starke Pressure Group wirklich am Umsturz."

Selten brach die Wirklichkeit so brachial in die Diskussionen ein, die die Schriftsteller, Freunde und Genossen André Müller sen. ( geb.1925) und Peter Hacks (1928- 2003 ) miteinander führten. Müller hat jetzt die Unterhaltungen und Telefonate mit Hacks, die er seit 1963 sofort protokollierte, herausgegeben. Die Leute vom Eulenspiegelverlag haben dem Buch ein Verzeichnis der Personen und Werke beigegeben. Unten prangt groß und fett die Jahreszahl auf der jeweiligen Seite.

Das Theater bestimmt das Leben des André Müllers. Er ist ein Verehrer Shakespeares, über den er mehrere Bücher, die gegenüber akademischer Auslegung wenig Chancen hatten, schrieb, lehrte über Jahrzehnte als Dozent an der Otto-Falckenberg-Schule für darstellende Künste in München und beriet die Regisseure Hansgünther Heyme und Benno Besson. Ost und West verband eine herzliche Zuneigung in der Abneigung gegenüber Müllers literarischem Werk. Hacks und Müller fanden sich in der Liebe zu den Klassiker und der Kritik gegenüber den Zeitläufen. Dabei ist Müller um eine Tugend reicher als Hacks. Er hält sich gerne in der Küche auf.

Erst einmal die gröbsten Vorurteile wegräumen: Da hocke einer auf seinem Landgut rum und würde im parfümierten Stil und mit aufdringlicher Bildung Goethe-Verse einwickeln. So sehr ihm Regietheater missfiel und Hamlet als drogenabhängigen Punk für ihn ein Gräuel war, so neugierig war er ausserhalb des Theaters. Formvollendetes, mochte es sich noch so unter dem scheinbar flüchtig, schlampig Hingesuddeltem tarnen, hat er sofort entdeckt. Bei Arno Schmidt lange bevor dieser zum Kult gezähmt wurde oder bei Horst Tomayer. Ein fingiertes Telefongespräch, im Dialekt rauhbatzig geführt, enthielt für ihn mehr erhellenden Geist als der hunderste linksbürgerliche Ehebruch in der Toskana.

Über Hacks Privatleben schwebt ein diskreter Schleier. Hacks hatte bis zur Wende ein Landhaus von einer LPG gepachtet. Sein Luxus waren Möbel und ein Hausmeisterehepaar, das ihn von den Myriaden des Alltags freistellte. Auf Autos, weite Reisen und Kleidung legte er nur geringen Wert. Und Essen war für ihn „Ernährung" Kurz: Das Werk zählt alles, der Mann nichts.

Ausflug zu den Weissen

In der „Frankfurter Allgemeinen" hat jemand eine Frage:

„Warum kennen wir, fünf Jahre nach seinem Tod, Peter Hacks' Werk immer noch nicht?"

Ja, Herr Schirrmacher, manch einer kennt halt nur marktkonforme Ware von der Stange.

Bei einem Teil der Bürgerlichen ist spürbar, wie sie Hacks liebend gern als volksfremden, blutleeren Artisten bezeichnen möchten, im letzten Augenblick innehalten und merken, dass dies nicht genehm sei und sich zu dandyhaft, hochgestochen, selbstgefälliges Posieren, unerträgliches Salongeschwätz, Hofpoet und Finessen hinretten

Die empfindsame Leserin aus gutem Hause seufzt und klappt das Buch zu: Ach, wie kann jemand so sanfte Liebesgedichte schreiben und dann die Mauer als „Erdenwunder schönstes" bezeichnen?. Das ist so: Hacks wartet auf den „staunenden Schimmer in ihrem zärtlichen Auge." Und die Liebste kann schlecht auf Engelsfüßen über Arbeitslosigkeit, Skinheads und Wohnungsnot zum Stelldichein schreiten. Sie verstehen: Die Sowjetmacht schützt banges, sehnsüchtiges Warten.

Rückkehr zum Dichter

Irgend wo bei Gorki steht, man soll für Kinder wie für Erwachsene schreiben, nur besser und so entstand „Der Bär auf dem Försterball" . Der Bär verkleidet sich zu Fasching als Förster und trifft unterwegs im Wald einen Förster, der ihn für den Oberförster hält und zum Försterball einlädt. Enorme Mengen Bier schüttet der Bär in sich hinein und verfällt dann der Idee auf Bärenjagd zu gehen..... Es ist ein Hohn auf jede Autorität, die der Leser sich vorstellen möchte. Hacks hat seinen Sprengsatz gleich in ein Kinderbuch versteckt. Es mit Unterhaltsamste und Giftigste, was je zwischen zwei Buchdeckeln gepresst wurde. So kann es mit Flecken und Eselsohren geehrt seine zersetzende Wirkung unbemerkt zwischen Teddy und Lego entfalten.

Hacks nahm 1955 die Aufforderung „Geh doch nach drüben" beim Wort. Er wurde nie Mitglied der SED. Sein Stück „Die Sorgen und die Macht" brachte selbst Wolfgang Langhoff, den legendären Mitschöpfer der „Moorsoldaten", in Schwierigkeiten. Den „Moritz Tassow" holten sie wegen „obszöner Rüpelhaftigkeit" von der Bühne. Hacks verzichtete danach auf aktuelle Themen und verlagerte in einem Anflug von Sklavensprache seine Stücke in ferne Vergangenheiten. Chruschtschow lehnte er ab, weil er Stalin wegen seines Personenkultes moralisch verurteile. Die Frage, wann die Repressionen historisch notwendig gewesen und wann Selbstläufer, sei nicht gestellt worden. In einem Gedicht, das weder in Ost noch West ahnte er nach Ulbrichts Sturz wirtschaftlichen Untergang voraus Er sah sich in beiden deutschen Staaten zensiert. Seine Stellungnahme zu Biermann habe ihn nach eigner Aussage eine Million Mark gekostet. So viel war es ihm wert, dass Biermann wenigstens als Fußnote Eingang in künftige Literaturgeschichten finden wird. Seine Stücke wurden danach gesamtdeutsch boykottiert.

„Es gibt keine Kulturpolitik gegen die Dissis, die man immer verprochen und nie durchgeführt hat, sondern eine Kulturpolitik gegen jegliche Sorte von Talent."

Hacks hatte die Begabung von Heiner Müller und Hartmut Lange früh erkannt. Konkurrenzneid gegenüber Kollegen war ihm fremd. Heiner Müller unterstützte er finanziell; für Lange hatte er sich für eine Jugoslawien-Reise, bei der Lange in den Westen ging, verbürgt.

Auf die Butzbacher Autorenbefragung Mitte der sechziger Jahre, antwortete Hacks, er sei für eine „nichtengagierte Literatur von engagierten Literaten". In einem seiner Aufsätze hält er die Behauptung, Literatur könne etwas bewirken für die unmarxistischste aller Behauptungen. Die DDR hat manche Schriftsteller, nur weil sie oppositionell waren, unfreiwillig in den Parnass erhoben. Sie verschwanden zusammen mit dem Dissidentenbonus. Für Schriftsteller gab´s, um mit einen hässlichen Westwort zu reden, in der DDR Vollkaskoversicherung. 5 Zeilen hätten für den Job als Dramaturg bei der Defa gereicht. Müller sah die Ostberliner Buchläden voll mit den Werken von Jurek Becker und Christa Wolf.

Müllers Buch plätschert ein bisschen zwischen Alltagstrott, Zeitungskommentar und Theaterbesprechung so dahin und schlägt dann unvermittelt um. Man ist bei der Geburt eines Einfalls live dabei. Müller hat plötzlich die Idee, die DDR-Dissidenten als „Fronde" nach der französischen Adelsopposition zu benennen. Hacks stimmt sofort zu. Gespür für geschichtliche Vergleiche, Suche nach dem richtigen Ausdruck oder wollen sich die beiden von der herrschenden Sprache distanzieren, dass sie anfangen eigne, nur für sie verständliche Definitionen zu entwickeln?

Es war Hacks Gewohnheit, sich sofort einen Vorschlag Müllers, wenn dieser ihm gefiel, aufzuschreiben und von seinen Arbeitsplänen zu berichten. „Ich arbeite zur Zeit an einem Kinderbuch, habe noch vier Seiten zu schreiben und dafür zwei Wochen Zeit. Was viel erscheint, aber nicht viel ist, wenn du bedenkst, dass diese vier Seiten leider sehr gut sein müssen." Das Buch ist ein ständiger Gedankenaustausch mit den Werken Hacks. In „Jules Ratte" sind dann die letzten vier Seiten nachzulesen.

Eine Zeit, in der Gesinnung alles und Handwerk nichts galt, zerfraß einen Arbeiter wie Hacks. Für ihn war die Wende die „Konterrevolution": „Sie haben uns erobert." Seine Frau, die Dramatikerin Anne Wiede überlegte , am Brot zu sparen. Der Verfasser des weltgerühmten „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe" musste sich berichten lassen, wie zu seiner Uraufführung „Fafner, die Bisam-Maus" in Krefeld sechzig Unentwegte kamen. Die Freundschaft überstand den Sturz; veränderte aber die Kräfteverhältnisse. Vor 1990 erzählte Hacks, welche seiner Stücke gespielt wurden und Müller berichtete, welche seiner Bücher abgelehnt wurden. Müller fand sich mit den neuen Verhältnissen besser zurecht. Der gelernter Schreiner lenkte sich in der Werkstatt ab und tröstete sich mit einem guten Essen Hacks konnte nur „Denken und Schreiben". Der Dichter kippte in Richtung Zeitgenosse. Geschichte in Personen zu darzustellen, war für ihn Berufspflicht, dazu hatte Hacks eine Schwäche für grosse Gestalten. Sahra Wagenknecht war für ihn zeitweilig fähig, dem „Opportunismus" der PDS Einhalt zu gebieten. Früher hätte er sie wahrscheinlich zu einer Bühnenfigur geformt. Früher waren die grossen westdeutschen Zeitungen gezwungen auf der ersten Seite über seine Biermann-Kritik zu reagieren; nun schrieb er für kommunistische Zeitungen, die wider Willen höchst exclusiv waren.

Müller ist lakonisch und leicht spöttisch, wenn er vom Innenleben des DDR-Literaturbetriebs berichtet. Um so mehr rührt es, wenn er anführt, wie Hacks den Arm um ihn legt. Müller ist verwundert. Soll er über den Freundschaftsbeweis erfreut sein oder es soll es ihn dauern, wenn die Zeiten schon so sind, dass selbst ein Hacks, der aus der Kälte der „preussischen Kiefernwälder" kommt, Vertrauen sucht? Anne Wiede sah in Müller zuletzt den einzigen Freund, den Hacks noch hatte.

Müller erweist Hacks mit diesem Buch einen letzten Dienst. Er schütz ihn vor dem Lobesrotz und Huldigungsschleim, der auf den sonst Wehrlosen niedertröpfelt.

Dieses Frühjahr trägt man Hacks. Ihn trotzdem lesen? Ja! Schiebt man die Lorbeerkränze, die die Wichtigtuer dem toten Kommunisten flechten, beiseite, sieht die Lage so aus: Hacks Musen, die ungeheuer niedlich trippeln, wurden jahrelang buchstäblich links liegen gelassen und werden nun mit plumpen Ungetümen wie „goetheanischer Hochkommunismus" behelligt. So was verzeihen die Schönen nicht. Sie sind auf der Flucht vor dem Feuilleton und kochen gerade Kaffee für die nächste Demo gegen Hartz IV.

André Müller sen.  

Gespräche mit Hacks

1963 – 2003

Eulenspiegel-Verlag, Berlin

464 Seiten,

ISBN 978-3-359-01687-8

24.80 EUR

Mehr Informationen unter:

www.peter-hacks.de/







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