Info-Serie Atomenergie, Folge 2: Der deutsche "Atom-Ausstieg"

19.08.08
TopNewsTopNews, Umwelt 

 

Von Netzwerk Regenbogen

Etwas stimmt nicht mit der Demokratie, wenn eine Industrie Leben und Gesundheit von Millionen bedroht - gegen deren mehrheitlich bekundeten Willen zu einem Atom-Ausstieg.

In anderen europäischen Ländern wurden die Regierungen von der Bevölkerung gezwungen, sich - wie es in einer Demokratie zu erwarten wäre - nach dem Willen der Mehrheit zu richten: Norwegen, Dänemark und Portugal stiegen nicht in die kommerzielle Nutzung der Atomenergie ein. In Dänemark gab es in den 70er Jahren eine der stärksten europäischen Anti-Atom-Bewegungen. 1978 konnte die österreichische Bevölkerung noch während des Baus des ersten österreichischen Atomkraftwerks in Zwentendorf mit einer Volksabstimmung den Atom-Ausstieg erzwingen - gegen den Willen des damaligen SPÖ-Kanzlers Bruno Kreisky. In Italien sprachen sich bei einer Volksabstimmung 1987 72 Prozent der ItalienerInnen für den
Atom-Ausstieg aus. Drei Atomkraftwerke wurden noch 1987 stillgelegt und ein nahezu fertiggestelltes Atomkraftwerk wurde auf Gas-Öl-Betrieb umgerüstet.

Anders hingegen in Schweden: Dort wurde zwar bereits 1980 bei einer Volksabstimmung der Atom-Ausstieg beschlossen. Der schwedische Reichstag weichte diesen Beschluß alsbald jedoch wieder auf. Als bis 1997 immer noch keine Konsequenzen gezogen wurden, beschloß der schwedische Reichstag, einen der beiden Reaktoren des Atomkraftwerks Barsebäck bis zum 1. Juli 1998, den zweiten bis zum 1. Juli 2001 stillzulegen, hielt sich dabei jedoch ein Hintertürchen offen. Von 12 Reaktoren an 4 Standorten wurden bisher lediglich Basebäck 1 am
29.11.99 und Barsebäck 2 im Jahr 2005 abgeschaltet. Auch ein früherer Beschluß über die Stillegung aller schwedischen Atomkraftwerke bis spätestens zum Jahr 2010 wurde aufgehoben.

Hat die deutsche Bundesregierung im Jahr 2000 tatsächlich den Atom-Ausstieg beschlossen?

Mit der als Atom-Ausstieg bezeichneten Vereinbarung zwischen "Rot-Grün" und den Energie-Konzernen wurden für jedes der 19 in Betrieb befindlichen deutschen Atomkraftwerke und für das wegen nachgewiesen unzureichendem Erdbebenschutz per Gerichtsentscheid stillgelegten AKW Mühlheim-Kärlich - nicht etwa Restlaufzeiten, sondern - Reststrommengen festgelegt. Der zentrale Satz der Vereinbarung lautet: "Die Bundesregierung gewährleistet den ungestörten Betrieb der Kernkraftwerke wie auch deren Entsorgung."

Die Betreiber von Atomkraftwerken dürfen vereinbarungsgemäß noch 2.623.300 Gigawattstunden Strom in Atomkraftwerken erzeugen. Dies ist ungefähr die Strommenge, die seit Inbetriebnahme des ersten Reaktors 1968 bis 2000 in deutschen Atomkraftwerken erzeugt wurde. Die politischen Diskussionen orientierten sich während der Verhandlungen jedoch an den "Restlaufzeiten". Im Vertrag selbst wurde kein Termin für die Abschaltung des letzten Atomkraftwerks festgeschrieben.

<big>Atom-Konsens:
Die Reststrommengen der Atomkraftwerke in Deutschland
   </big>

 

Legende: 
(1) bisherige Laufzeit in Jahren (gerundet)
(2) produzierte Strommenge in Terawattstunden* seit Betriebsbeginn bis  31.12.1999
(3) Reststrommenge (gezählt ab 1.1.2000). Jeweils auf andere Kraftwerke übertragbar
* 1 Terawattstunde (TWh) = 1 Milliarde Kilowattstunden (KWh)
 

Inbetriebnahme

Name

(1)

(2) 

(3)

10/1968

Obrigheim

32 

76,0

8,70

1/1972

Stade

29

134,0

23,18

8/1974

Biblis A

26

179,5

62,00

4/1976

Biblis B

24

177,5

81,46

6/1976

Neckar-1

24

137,5

57,35

6/1976

Brunsbüttel

24

87,6

47,67

12/1977

Isar-1

23

127,2

78,35

10/1978

Unterweser-1

22

193,3

117,98

5/1979

Philippsburg-1

21

119,3

87,14

12/1981

Grafenrheinfeld

18

174,4

150,03

9/1983

Krümmel

17

137,8

158,22

3/1984

Gundremmingen B

16

142,9

160,92

11/1984

Gundremmingen C

16

134,1

168,35

9/1984

Grohnde

16

169,4

200,90

12/1984

Philippsburg-2

16

159,7

198,61

10/1986

Brokdorf

14

137,3

217,88

1/1988

Isar-2

13

125,7

231,21

4/1988

Emsland

12

128,3

230,07

1/1989

Neckar-2

12

118,5

236,04

3/1986

Mülheim-Kärlich

2*

11,3

107,25

* davon 13 Monate Stromlieferung;
    seit 1988 aus juristischen Gründen außer Betrieb

2670,3
bisher insgesamt produziert

2623,30
vereinbarte Reststrom-
menge

Tabellen-Daten gemäß dpa-Grafik 3329

Um eines von 19 Atomkraftwerken beispielhaft herauszugreifen: Das AKW Brunsbüttel ging im Juni 1976 in Betrieb, war also im Jahr 2000 bereits 24 Jahre am Netz. Insgesamt hatte es in diesen 24 Jahren 87,6 Terawattstunden - das sind 87,6 Milliarden Kilowattstunden  - Strom produziert. Für dieses AKW wurde vertraglich eine Reststrommenge von 47,7 Terawattstunden vereinbart. Unter der hypothetischen Voraussetzung, daß dieses AKW auch ab dem Jahr 2000 im Durchschnitt ebensoviel Strom pro Jahr produziert, ergäbe sich hieraus eine "Restlaufzeit" von knapp 13 Jahren. Nun steht dieses AKW - ebenso wie das AKW Krümmel - seit mehr als 12 Monaten still und der Betreiber sieht sich bis heute nicht in der Lage, einen Termin für ein Wiederhochfahren zu nennen. Ohne diese Stillstandszeiten und ohne Berücksichtigung der Pannen, hätte im Jahr 2000 optimistisch noch angenommen werden können, das AKW Brunsbüttel werde nach knapp 13 Jahren - also im Dezember 2012 - stillgelegt. Merkwürdigerweise wurde vor wenigen Jahren vom Bundes-"Umwelt"-Ministerium gar ein Abschalt-Termin für das AKW Brunsbüttel, der 9. Februar 2009, verbreitet. Auf welcher super-optimistischen berechnungsgrundlage dieses Datum zustande kam, wurde allerdings nie bekannt.

Auch nach der einfachen Dreisatzrechnung - laut der sich ein Abschalt-Termin Ende 2012 ergäbe - würde dies für das AKW Brunsbüttel eine Gesamtlaufzeit von 36 Jahren ergeben. Für andere Atomkraftwerke ergeben sich Gesamtlaufzeiten von 34 bis 37 - im Durchschnitt von 35 Jahren. Technisch sind die deutschen Atomkraftwerke jedoch nur für eine Betriebsdauer von 25 Jahren konzipiert.

Diese eben angestellten Berechnungen lassen die Alterung der Reaktoren und damit deren sinkende Verfügbarkeit außer acht. Infolge immer häufigerer Abschaltungen streckt sich die "Rest"-Laufzeit in unbekannte Länge. Dieser Irrsinn bedeutet faktisch, daß die Reaktoren um so länger betrieben werden dürfen, je maroder sie werden, da die Stillstandszeiten den Zeitpunkt des Abschaltens entsprechend hinauszögern. Den Betreiberfirmen bleibt es zudem freigestellt, die Strommengen von alten auf neue Meiler zu übertragen. Im Falle des AKW Obrigheim (Baujahr 1968), das entsprechend der veröffentlichten Vereinbarung im Oktober 2002 stillgelegt hätte werden sollen, kam es unter Berufung auf angebliche Geheimabsprachen zu einer Übertragung von neu auf alt und damit zu einer Laufzeitverlängerungbis 2005. Es wurde am 11. Mai 2005 nach knapp 37 Jahren Betriebszeit stillgelegt.

Die wirtschaftliche Lebensdauer von Atomkraftwerken war bisher wesentlich geringer als im Konsens vereinbart. So wurde das AKW Würgassen 1995 nach 20 Jahren Laufzeit abgeschaltet, weil sich der Weiterbetrieb nicht mehr rechnete. Auch der neu vereinbarte "Verzicht" auf den Neubau von Atomkraftwerken ist kein Erfolg der im Jahr 2000 geschlossenen Vereinbarung. Seit der Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl 1986 sind keine neuen Atomkraftwerke in Deutschland beantragt worden. (Und 1989 ging mit Block 2 des AKW Neckarwestheim der letzte vor 1986
beantragte Reaktor ans Netz.)

Die in Japan versammelten Oberhäupter der G-8-Nationen machten Mitte Juli 2008 wieder einmal PR für eine "Renaissance der Atomenergie". Dies obwohl beispielsweise in den USA seit 1973 kein einziger AKW-Neubau mehr in Auftrag gegeben wurde. Und bei der gegenwärtig von den Mainstream-Medien in Deutschland gepushten Diskussion geht es um die vermeintliche Alternative, entweder am "Atom-Ausstieg" festzuhalten oder "Laufzeitverlängerungen" zuzustimmen.

Im November 2003 feierte Atom-Minister Trittin mit viel Medien-Getöse und Sekt-Empfang die Stilllegung der AKW Stade als Realisierung des Atom-Ausstiegs. Tatsächlich hatte die Betreiber-Firma HEW - inzwischen im Energie-Konzern Vattenfall aufgegangen - bereits vor der Regierungsübernahme von "Rot-Grün" 1998 das AKW Stade in internen Beurteilungen als unwirtschaftlich bezeichnet. Eine Stilllegung und der Ersatz durch ein modernes Gaskraftwerk hätte HEW einen Kostenvorteil eingebracht. Daß diese Stilllegung dennoch nicht erfolgte, hatte allein den Grund, daß die Energie-Konzerne damit eine defensive Position vermieden.

Suggestiv wurde die Stilllegung des AKW Stade mit Hinweis auf das AKW Mühlheim-Kärlich gar als "zweiter Schritt" des phänomenalen Atom-Ausstiegs dargestellt. Doch auch die Stilllegung des 13 Monate Strom liefernden und per Gerichtsbeschluß 1988 - zehn Jahre vor dem Start der "rot-grünen" Bundesregierung - gestoppten AKW Mühlheim-Kärlich kann nicht ernstlich als
Erfolg des "rot-grünen" Atomkonsenses bezeichnet werden.

Diese Vereinbarung wird uns seit 8 Jahren mit nahezu uneingeschränkter medialer Unterstützung als "Atom-Ausstieg" präsentiert. Der Atom-Kritiker und Besteller-Autor Holger Strohm kommentierte dies so: "(...) Dabei waren Atomkraftwerke anfangs nur für 25 Jahre Betrieb ausgelegt. Seit über einem Jahrzehnt ist kein neues Atomkraftwerk mehr ans Netz gegangen. Das heißt, die Atomkraftwerke laufen länger als ursprünglich geplant, und das wird uns als Ausstieg verkauft. Wir werden arglistig getäuscht!"

Als bemerkenswerte Ausnahme im Einheits-Konzert der deutschen Mainstream-Medien, die den "Atom-Ausstieg" als Erfolg der Regierung feierten, kommentierte die Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, am 16.06.2000 unter der Überschrift "Falsches Etikett":

"Außer verbalen Zugeständnissen, die sie außerdem noch mit einem Vorbehalt versehen haben, mußten sie - gemeint sind die Atom-Konzerne - auf so gut wie gar nichts verzichten, dürfen sogar ihre immensen Geldrücklagen behalten. Dafür, daß sie ihre Unterschrift unter ein Papier mit der Überschrift 'Ausstieg' gesetzt haben, bekommen sie von der Regierung ein umfassendes Leistungspaket, das Roten und Grünen noch viel Ärger mit ihren eigenen Anhängern einbringen wird. Denn die werden sich von dem merkwürdigen Produkt nicht täuschen lassen, bei dem außen auf der Packung 'Ausstieg' steht und innen ein ungestörter Weiterbetrieb der
Atomenergie enthalten ist."

Die reale Bilanz des Konsens-Vertrages ist noch weitaus umfassender:

1. Er erlaubt eine Verdoppelung des Atommüllberges, ohne daß bisher eine sichere Lagerung der radioaktiven abgebrannten Brennelemente und der stahlenverseuchten Reaktorteile und Baumaterialien auch nur in Sicht wäre.

2. Mit den zugeteilten "Reststrommengen" wird die durchschnittliche Laufzeit der AKWs um mindestens zehn Jahre über die anlagenbedingte Betriebsdauer von 25 Jahren verlängert.

3. Es soll ein von Einsprüchen und Protesten ungestörter Weiterbetrieb der Atomkraftwerke gewährleistet werden.

4. Die Haftungssumme wurde zwar pro Reaktor auf 2,5 Mrd. Euro erhöht. Dies ist jedoch nach wie vor völlig unzureichend. Laut Auskunft von Michail Gorbatschow belief sich allein der volkswirtschaftliche Schaden der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl auf rund 250 Mrd. Euro. ExpertInnen schätzen des Gesamtschaden auf rund 5.000 Mrd. Euro.

Ist ein sofortiger Atom-Ausstieg möglich?

Nach wie vor sind die Stromerzeugungs-Kapazitäten in Deutschland weit höher als der tatsächliche Verbrauch. Insgesamt stehen rund 110 Gigawatt an Kraftwerksleistung zur Verfügung. Selbst bei Spitzenlast wurden kaum je mehr als 75 Gigawatt in Anspruch genommen. Diese nur im Winter erreichte Spitzenlast könnte durch ein Verbot der energetisch völlig unsinnigen Stromheizungen zudem drastisch reduziert werden. Die Gesamtleistung aller deutschen Atomkraftwerke betrug rechnerisch maximal 23 Gigawatt. Selbst wenn also eine gewisse Sicherheits-Reserve von 10 Gigawatt als nötig erachtet würde, könnten sämtliche deutschen Atomkraftwerke ohne Verlust an Versorgungssicherheit abgeschaltet werden. Daß die Energie-Konzerne dennoch mit Zähnen und Klauen an einem Weiterbetrieb festhalten, liegt einzig darin begründet, daß nahezu alle Atomkraftwerke bereits vollständig abgeschrieben sind und daß Dank reichlich auch unter "Rot-Grün" fließender Subventionen von mehr als 7 Milliarden Euro jährlich die Produktionskosten von Atom-Strom erheblich unter denen von Strom aus anderen Energieträgern liegen.
Kurz: Die Profite sind höher.



Info-Serie Atomenergie - Folge 7: Die Geschichte der Atom-Unfälle - 23-09-08 20:16




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